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    illustration of birds flying in city sky at night

    Hundert Jahre Tratsch

    Die älteste Bruderhof Regel.

    von Chris Zimmerman

    Samstag, 27. Dezember 2025

    Verfügbare Sprachen: English

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    • Achim Buckenmaier

      Achim Buckenmaier 10. Januar 2026 Eine kleine Rückmeldung, kein Leserbrief... Lieber Herr Zimmerman, vielen Dank für Ihren Artikel im letzten Plough. Er war sehr interessant, nicht nur wegen der lustigen Überschrift „Hundert Jahre Tratsch“. Sie haben alles sehr kenntnisreich und feinsinnig beschrieben. Ich erinnere mich noch, als unsere Gemeinschaft, die Integrierte Gemeinde, mit dem Bruderhof in Kontakt kam, erregte diese Regel bei uns Aufmerksamkeit. Es wurde ausgehend von den Leitern ziemlich einhellig festgestellt, dass diese Regel nicht praktikabel sei. Sie würde verhindern, dass Nachrichten über Gemeindemitglieder, über Verhalten und Probleme in die Versammlung kämen und man so nicht helfen könne. Die Versammlung galt als einziger Ort zur Lösung, nicht – wie in Mt 18 beschrieben – die Stufung der correctio faterna: Unter vier Augen; mit Zeugen und erst dann in der Versammlung. Unser Usus war durchgehend ein anderer. Aus unseren Häusern wurde regelmäßig über andere Personen erzählt, an den Personen vorbei an die Leitung. Erlauben Sie mir, weil Sie sich ja mit der Sache so eingehend beschäftigt haben, zwei Beobachtungen: Das eine ist, dass diese – heute würde ich sagen – Unsitte mit dem Aufkommen der Mobiltelefone stark zunahm. Jetzt war es möglich, immer und überall etwas zu erzählen, auch wenn man unterwegs war, im Auto oder mit etwas anderem beschäftigt, nicht wie bisher nur im Haus, an dem einen gemeinsamen Telefon im hellhörigen Flur. Das hat auch zu einer Art von zwei Klassen in der Gemeinde geführt, nämlich die Gruppe derer, die Zeit hatten, um ständig diese Kommunikation wahrnehmen zu können und diejenigen auf der anderen Seite, die irgendwo außerhalb der Gemeinde arbeiteten, studierten oder sonst tätig waren und einfach nicht die Möglichkeit und die Zeit hatten, an dieser fast ununterbrochenen Kommunikation untertags teilzuhaben. Sie sind dann in der Versammlung oft auf schon festgelegte Urteile gestoßen, gebildet auf Grund von Meinungen, die über jemand weitergegeben worden waren. Das hat in der Gemeinde auf Dauer zu oft verborgenem Unfrieden geführt. Und die zweite Beobachtung hängt damit zusammen: Die Neigung zu Klatsch und Tratsch ist nicht nur eine menschliche Schwäche. Sie ist oft auch eine Antwort auf mangelnde Mitwirkungsmöglichkeiten. Wenn sich offiziell oder inoffiziell eine kleine geschlossene Gruppe wichtiger Leute herausbildet, dann bleibt für die nicht oder weniger Wichtigen oft nur der Tratsch über andere, das heißt unter der Hand etwas „Wichtiges“ zu sagen, um vermeintlich zu helfen. Tratsch und Klatsch sind also eine Neigung des Menschen, die aber auch gefördert wird durch mangelnde Beteiligungs- und Entscheidungsmöglichkeiten über den Weg einer Gemeinschaft. Für unsere Gemeinschaft ist diese Erkenntnis zu spät gekommen. Sie bleibt noch immer eine Herausforderung, ist noch immer unter uns offen. Deswegen ist mein Fazit: Die Sache mit dem Mobiltelefon kann man nicht zurückdrehen. Es ist eine Angelegenheit der Selbstdisziplin. Das andere ist die Erkenntnis, dass es klare und transparente Strukturen der Mitverantwortung aller und der Leitung braucht, und dass Ihre 100jährige Regel und das Festhalten an ihr, obwohl sie oft verletzt und gebrochen wird, immer noch das Sinnvollste ist, was eine Gemeinschaft beherzigen kann. Vielen Dank. Herzliche Grüße Achim Buckenmaier

    Eberhard Arnold verfasste „Das Erste Gesetz von Sannerz“ im August 1925. Es ist die älteste schriftliche Regel der Bruderhof-Gemeinschaft, die heute als Bruderhof bekannt ist. Seit 100 Jahren bemühen sich die Mitglieder, diese Regel zu befolgen. Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass die Gemeinschaft ohne diese Regel wahrscheinlich bereits einer der vielen Krisen zum Opfer gefallen wäre, die sie in den vergangenen 100 Jahren durchlebt hat. Hier ist sie:

    Es gibt kein Gesetz als das der Liebe. Die Liebe ist die Freude an den Anderen. Was ist also der Ärger über sie? Das Weitergeben der Freude, die das Hiersein der Anderen bringt, bedeutet Worte der Liebe. Deshalb sind Worte des Ärgers und der Sorge über Glieder der Gemeinschaft  ausgeschlossen. Es darf niemals deutlich oder versteckt gegen einen Bruder oder eine Schwester – gegen ihre Charaktereigenschaften – geredet werden, unter keinen Umständen hinter ihrem Rücken. Auch das Reden in der eigenen Familie bildet hierfür keine Ausnahme.

    Ohne das Gebot des Schweigens gibt es keine Treue, also keine Gemeinschaft. Die einzige Möglichkeit ist die direkte Anrede, der unmittelbare Liebesdienst an dem, gegen dessen Schwächen etwas in uns aufsteigt.

    Das offene Wort direkter Anrede bringt Vertiefung der Freundschaft und wird nicht übel genommen. Die gemeinsame Aussprache beider mit einem Dritten, dem man vertrauen kann, dass er zur Lösung und Einigung im Höchsten und Tiefsten führt, wird nur dann notwendig, wenn man sich auf direktem Wege unmittelbar nicht gefunden hat. 

    Diese Ermahnung hänge sich jeder der Hausgemeinschaft an seinem Arbeitsplatz auf, wo er sie stets vor Augen hat.

    Bei der Formulierung des „Ersten Gesetzes“ ließ sich Arnold, einer der Gründer des Bruderhofs, von einer Passage aus dem Matthäus-Evangelium inspirieren, in der Jesus seinen Anhängern rät, Streitigkeiten „unter euch“ zu lösen (vgl. Mt 18,15) und jemandem, der euch verärgert, nicht nur einmal oder siebenmal, sondern „siebzigmal siebenmal“ zu vergeben (vgl. Mt 18,21).

    illustration of two birds in branches of a tree

    Janis Goodman, Ring Ouzels, Radierung, 2023. Bilder von Janis Goodman. Verwendet mit Genehmigung.

    Darüber hinaus sah Arnold „das Erste Gesetz“ als logische Fortsetzung dessen, was er 1922 in Sannerz' Vierteljahreszeitschrift „Das Neue Werk“ geschrieben hatte. Dort beschrieb er die Gemeinschaft als eine Gemeinschaft, in der „ein paar Menschen es wagen, kein Gesetz über sich anzuerkennen als das, was ihnen Gehorsam gegen den lebendigen Christus auferlegt“.

    Bis 1929 hatte die Realität des gemeinschaftlichen Lebens Arnolds anfänglichen Idealismus so weit gemildert, dass er zusätzliche Leitlinien für notwendig hielt, und so erschien die erste Sammlung von Regeln des Bruderhofs, „Grundlagen und Ordnungen“. Darin enthalten war auch „Das erste Gesetz von Sannerz“. Nach dem Zitat schrieb Arnold: „Dieses Wort Jesu aus Matthäus 18 ist die Grundlage aller unserer Ordnungen.“

    Heute, ein ganzes jahrhundert später, würden nur wenige im Bruderhof die Bedeutung dieses Dokuments bestreiten. Die Zeiten mögen sich geändert haben, ebenso wie die Kommunikationsmethoden (selbst im Bruderhof schreiben sich die Mitglieder genauso oft SMS wie sie miteinander sprechen), aber zumindest zwei Dinge sind gleich geblieben: das Bewusstsein, dass Klatsch und Tratsch selbst die beste Gemeinschaft über Nacht in eine Hölle verwandeln können, und die Entschlossenheit, dagegen anzukämpfen.

    Funktioniert das „erste Gesetz“ also? Nicht immer. Erstens läuft jede Regel gegen Klatsch und Tratsch der menschlichen Natur zuwider. Zweitens ist es allzu leicht, die gewählte Alternative – „offenes Reden in Liebe“ – wie eine Waffe einzusetzen: Man vergisst den kleinen mildernden Zusatz „in Liebe“ und geht direkt zum Angriff über. (Arnold war sich dieser Tendenz sehr bewusst und warnte seine Herde, dass „Wahrheit ohne Liebe tötet, wie die Liebe ohne die Wahrheit lügt“).

    illustration of birds flying in city sky at night

    Janis Goodman, Night Flying, Radierung. 

    Drittens gibt es, selbst wenn die Mitglieder der Gemeinschaft sich bemühen, nach dem „ersten Gesetz“ zu leben, zahlreiche Möglichkeiten, es zu umgehen. Mittels Körpersprache kann man wunderbar seine Gefühle gegenüber einer dritten Person vermitteln, sei es durch ein „Ich hab's dir doch gesagt“-Achselzucken, ein wissendes Stirnrunzeln oder ein hochmütiges Augenrollen. Und dann gibt es noch die scheinbar harmlose, aber kalkulierte Bemerkung: „Das hat er gesagt? Das klingt ganz nach ihm!“

    Auch passives Aufnehmen von Klatsch und Tratsch ist schädlich. Das wirft die Frage auf, wie man handeln soll, wenn man es nicht vermeiden kann, etwas Negatives über jemand anderen zu hören oder zu lesen. Viele Menschen tun einfach nichts. Wer möchte schon der Oberlehrer sein? Dennoch gibt es immer wieder mutige Seelen, die versuchen, das Gespräch in eine positive Richtung zu lenken, oder unverblümt vorschlagen: „Es klingt, als solltet ihr euch hinsetzen und darüber reden.“

    Dass eine Regel wiederholt gebrochen wird, bedeutet nicht, dass sie nicht funktioniert. Tatsächlich wird das „erste Gesetz“ gerade dadurch am Leben erhalten, dass es immer wieder nicht eingehalten wird: Jedes Mal, wenn wir es brechen, werden wir erneut daran erinnert. Vor dem Hintergrund des täglichen Geplauders – ob digital oder mündlich, bösartig, kritisch oder nur oberflächlich – sticht sie immer deutlich hervor. Und wenn es darum geht, gesunde Freundschaften zu pflegen oder zerbrochene wiederherzustellen, weist sie mit der Zuverlässigkeit eines Kompasses immer darauf hin, dass ein direktes Gespräch der beste Ausgangspunkt ist.

    Wenn sie nun denken, dass das „erste Gesetz“ wie eine mühsame Übung erscheint, bei der aus einer Mücke ein Elefant gemacht wird, sind Sie wahrscheinlich nicht allein. Tatsächlich hat Klatsch und Tratsch viele Befürworter. Nach landläufiger Meinung ist das Ablassen von Dampf ein wirksamer Stresskiller – insbesondere nach dem x-ten Zusammenstoß mit dem schlampigen (oder pingeligen) Mitbewohner, dem Kollegen, der allein durch sein Erscheinen alle nervös macht, dem Verwandten, der zu viel trinkt (oder redet), der Hypochonderin, die ständig über ihre Wehwehchen klagt oder dem unsensiblen, überschwänglichen Freund, der grundsätzlich nicht in der Lage ist, die Stimmung im Raum zu lesen.

    Psychologen bezeichnen Klatsch als nützlichen sozialen Ausgleichsfaktor. Einige weisen darauf hin, dass er als wichtiges Sicherheitsventil fungieren kann, insbesondere in Situationen, in denen ein Machtungleichgewicht einer Person eine übergroße Stimme verleiht, während andere zum Schweigen gebracht werden. Das ist zweifellos richtig. Denn welche Möglichkeiten gibt es, wenn eine Autoritätsperson dafür bekannt ist, dass sie leicht wütend wird, wenn man sie zur Rede stellt – wenn ein Vorgesetzter ehrliche Fragen falsch interpretiert und sie als Kritik abtut? Und wer hat sich noch nie an einen Freund gewandt, um Dampf abzulassen oder um Rat zu fragen, wie man mit einem heiklen Beziehungsproblem oder einer berufsbedingten Spannung umgehen soll? (Vor Jahren wurde ein Pastor der Bruderhof-Gemeinde, der ein Mitglied seiner Gemeinde dafür ermahnte, „Negativität zu verbreiten“, sanft in seine Schranken verwiesen, indem man ihn daran erinnerte, dass er von dem angeblichen Vergehen nur deshalb erfahren konnte, weil jemand mit ihm darüber getratscht hatte!).

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    Letztendlich ist der entscheidende Faktor sicherlich die Motivation, mit der man über jemanden spricht. Es ist eine Sache, nach einer Lösung für einen Konflikt zu suchen, weil mir die Person, mit der ich im Streit liege, und meine Beziehung zu ihr am Herzen liegen, aber eine ganz andere, über sie zu lästern, um Sympathie zu erlangen oder mir selbst Recht zu geben.

    Transparenz ist jedoch immer ein erstrebenswertes Ziel, schon allein deshalb, weil niemand gerne Gegenstand der Gespräche anderer ist. Die meisten von uns haben wahrscheinlich schon einmal den unangenehmen Verdacht gehegt, dass dieselben Menschen, die mit uns über andere sprechen, wahrscheinlich auch hinter unserem Rücken über uns sprechen. Und jeder, der schon einmal in einer Gemeinschaft gelebt oder gearbeitet hat, weiß, dass harmloses Geschwätz schnell in Verleumdung ausarten kann und die Folgen von Verleumdung niemals schön sind: Ängste, Misstrauen, emotionale Instabilität, schwelende Ressentiments und schließlich Hass. 

    Kein Wunder, dass in der Bibel so viele Warnungen über die Macht der Rede zu finden sind, wie zum Beispiel diese: „Tod und Leben stehen in der Macht der Zunge“ (Spr 18,21) – und so viele Ermahnungen gegen Klatsch und Tratsch, wie zum Beispiel diese: „Ist kein Holz mehr da, erlischt das Feuer; wo kein Verleumder ist, legt sich der Streit“ (Spr 26,20). Selbst König David erkannte den Wert des Schweigens als spirituelle Disziplin und schrieb: „Herr, stelle eine Wache vor meinen Mund, behüte das Tor meiner Lippen“ (Ps 141,3).

    Jahrhunderte später verglich der Apostel Jakobus die Zunge eindrucksvoll mit einem kleinen Funken, der einen „großen Wald“ und „das ganze Leben eines Menschen“ in Brand setzen kann (Jakobus 3,5–6). Jesus selbst sagt: „Nichts was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskommt, das macht ihn unrein“ (Matthäus 15,11). Und Franz von Assisi (wie Arnold, Gründer eines religiösen Ordens) schreibt: „Wenn du deinen Nächsten wirklich liebst, macht es keinen Unterschied, ob er neben dir sitzt oder weit weg ist. Selig bist du, wenn du es unterlassen kannst, hinter seinem Rücken etwas zu sagen, was du ihm nicht auch liebevoll ins Gesicht sagen könntest.“

    Eine in der chassidischen Tradition überlieferte Volkserzählung handelt von zwei Männern, von denen einer eine schwere Sünde begangen hat. Er beichtet diese dem Rabbi des Dorfes und seufzt erleichtert, dass er nun mit einer sauberen Weste neu beginnen kann. Der zweite Mann, der dafür bekannt ist, überall, wo er hinkommt, Zwietracht zu säen, kommt ebenfalls zum Rabbi, beichtet seine Missetaten, bittet um Vergebung und sagt, er werde alles tun, um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Der Rabbiner antwortet: „Geh nach Hause, suche ein Kissen, schneide es auf und verstreue die Federn.“

    Der Mann tut, wie ihm geheißen, und kehrt zum Rabbiner zurück. „Ist mir vergeben?“, fragt er. „Fast“, antwortet der Rabbiner. „Nimm einen leeren Kissenbezug und sammeln alle Federn wieder ein.“ „Das ist unmöglich“, protestiert der Mann. „Der Wind hat sie bereits weit verstreut.“ „Genau“, antwortet der Rabbi. „Aber ist es nicht dasselbe mit den bösen Gerüchten, die du verbreitet hast?“

    Bei Klatsch geht es nicht immer darum, Gerüchte zu verbreiten, seien sie nun bösartig oder harmlos. Vieles, was wir täglich über andere sagen, könnte als sachlich und neutral eingestuft werden. Es gibt Fälle, in denen es sinnvoll erscheint, sich zunächst an einen Vertrauten zu wenden. Wenn solche Gespräche jedoch von einem selbsternannten moralischen Wächter geführt werden, der sich um jemand anderen sorgt (der nicht anwesend ist, um sich zu erklären oder zu verteidigen), können sie destruktiv sein, selbst wenn sie aus echter, berechtigter Sorge entstehen.

    Zum einen sind unsere Motive nie so rein, wie wir meinen, insbesondere wenn es darum geht, dem inneren Wichtigtuer nachzugeben, den die meisten von uns in sich zu haben scheinen. Hand in Hand mit dieser Neigung geht das allzu menschliche Verlangen, der Erste zu sein, der die neuesten Nachrichten weitergibt, und nicht unsere Liebe zum Thema unserer Enthüllung. Heimliche Gespräche zwischen Arbeitgebern, Beratern, Lehrern, Pastoren und anderen Personen in Führungspositionen – egal wie man diese zu rechtfertigen versucht und egal wie professionell sie auch gehandhabt werden – stärken niemals den Gemeinschaftsgeist, den jede Organisation benötigt, um zu gedeihen. Sie untergraben und schwächen ihn stets.

    Zurück zu der frage: funktioniert das „erste Gesetz“ tatsächlich? Es ist sicher in ..einer eng verbundenen Gemeinschaft wie dem Bruderhof leichter anzuwenden, wo ein grundlegendes Maß an Vertrauen besteht, als in der normalen Arbeitswelt. Dort kann das offene Ansprechen eines Problems dazu führen, dass man seine soziale Stellung, seinen Arbeitsplatz oder beides verliert, selbst wenn man im Nachhinein als Whistleblower gelobt wird.

    Doch auch über die Grenzen einer religiösen Gemeinschaft hinaus ist das „erste Gesetz“ wertvoll. Anstatt nur ein weiteres „Du sollst nicht“ zu sein, das Verleumdung, Verdrängung, Ghosting und die Ausgrenzung von vermeintlichen oder erklärten Feinden verbietet – allesamt universelle Probleme –, fördert es aktiv die Pflege eines offenen Dialogs, dessen Ziel es ist, einem Gegner in die Augen zu schauen und ihm oder ihr zu vergeben.

    Im Sinne des oben genannten Ratschlags Jesu, zuerst den Balken aus unserem eigenen Auge zu ziehen, bevor wir versuchen, den Splitter aus dem Auge unseres Bruders zu entfernen (vgl. Lukas 6,41-42), legt es klugerweise die Verantwortung darauf, zuerst uns selbst zu ändern – unsere Taschen von den Steinen zu befreien, die wir sammeln, falls wir uns einmal verteidigen müssten – und das zu vermitteln, was Arnold unsere „Freude an anderen“ nennt, bevor wir versuchen, sie zu ändern. Der Schriftsteller Yuval Lapide fasst den Kern dieses Lebensansatzes treffend zusammen:

    Solange man das Gute in einem Menschen nicht sieht, ist man nicht in der Lage, ihm zu helfen. Wenn man schlecht über jemanden spricht, offenbart man ein gewisses Maß an Unschönheit – in dieser Person, in sich selbst und in jedem, der zufällig zuhört. Diese Unschönheit wird wie eine Wunde eitern, und alle Beteiligten werden darunter leiden. Spricht man gut über diese Person, wird die innere Güte in ihr, in einem selbst und in allen Beteiligten zu leuchten beginnen, sodass alles erhellt wird.

    So einleuchtend diese Weisheit auch erscheinen mag, es kann schwierig sein, sie tatsächlich in die Praxis umzusetzen. Auch wenn die meisten von uns Jahr für Jahr darum ringen, sich selbst zu verbessern, halten wir immer noch an der seltsamen Vorstellung fest, dass wir andere Menschen verbessern und verändern können. Jesus erinnert uns jedoch daran, dass in zwischenmenschlichen Beziehungen der einzige sichere Weg jener der Demut und Liebe ist.

    Das schöne an einer anhaltenden Herausforderung ist, dass man jedes Mal neue Erkenntnisse gewinnt, wenn man sich ihr wieder stellt. Hier deshalb ein Versuch, „Das erste Gesetz“ in ein neues Jahrhundert zu übertragen. Es hängt an der Küchenwand des Bruderhof-Hauses in Harlem. Und wenn es auch in Raum, Zeit und Ton weit vom Original entfernt sein mag, scheint es dennoch bei allen Anklang zu finden, die innehalten, um es zu lesen und darüber nachzudenken:

    Wenn es um Gesetze geht, ist das einzige, das wirklich zählt, das Gesetz der Liebe. Liebe ist Freude an anderen. Es macht dich glücklich, sie zu sehen und mit ihnen zusammen zu sein. (Wenn du dich über sie ärgerst, ist das Gegenteil der Fall.) Wenn du mit jemandem im Reinen bist, zeigt sich das in deinem Verhalten: Du wirst nicht herumlaufen und über ihn reden. Deshalb erlauben wir in unserem Haus kein Geschwätz und keine Verleumdungen. Wenn sich nicht alle daran halten, werden wir niemals eine echte Gemeinschaft sein, weil wir einander nicht vertrauen werden.

    Beziehungen sind niemals perfekt, aber egal, um welches Problem es sich handelt, es direkt anzusprechen ist immer der beste Weg, eine Lösung zu finden und zu verhindern, dass sich Negativität aufbaut. Versuche es: Wenn dir das nächste Mal jemand auf die Nerven geht, sei ehrlich zu ihm. Das ist das Freundlichste, was du tun kannst.

    Es ist selten einfach, eine Situation offen und ehrlich anzusprechen, aber es ist immer einen Versuch wert. Tatsächlich kann es eine Freundschaft stärken und vertiefen. Wenn du damit nicht weiterkommst, bitte einen gemeinsamen Freund (oder jemanden, dem ihr beide vertraut) um Rat. Auf diese Weise kannst du Frieden schließen und eine Lösung finden, mit der ihr beide zufrieden seid – eine Lösung, die euch tatsächlich näher zusammenbringt.

    Von ChrisZimmerman Chris Zimmerman

    Chris Zimmerman und seine Frau Bea leben im Harlem House, dem Gemeinschaftshaus des Bruderhofs in New York City.

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