Jeder wird irgendwannzur Last
Wie lernen wir, den eigenen Verfall zu akzeptieren, anstatt uns das Leben zu nehmen, angesichts fortschreitender Gesetze zur medizinischen Sterbehilfe?
Try 3 months of unlimited access. Start your FREE TRIAL today. Cancel anytime.
START FREE TRIAL NOWJeder wird irgendwannzur Last
Wie lernen wir, den eigenen Verfall zu akzeptieren, anstatt uns das Leben zu nehmen, angesichts fortschreitender Gesetze zur medizinischen Sterbehilfe?
[.article__paragraph--cap][.small-caps]Ich lernte den Theologen[.small-caps] Robert W. Jenson in den letzten Jahren seines Lebens kennen. Wie so viele begegnete ich ihm zuerst als Leser, und zwar über seine Systematic Theology. Aber ich entdeckte bald, dass wir beide in dieselbe Kirche gingen und beide bevorzugt im südlichen Seitenschiff Platz nahmen. Eines Sonntags beugte ich mich über die Kirchenbank hinweg zu ihm hin, wo er in seinem Rollstuhl saß, und fragte: „Sind Sie Robert Jenson?“ Er sah mich verblüfft an und sagte nach einer langen Pause: „Nun, das ist mein Name.“ Kurz darauf bat er mich, ihn „Jens“ zu nennen, und schon bald besuchte ich ihn zweimal wöchentlich in seinem Haus. Unsere Freundschaft vertiefte sich und so leistete ich ihm manchmal Gesellschaft, damit er nicht alleine war, wenn seine Frau, Blanche, das Haus verließ. Zu dieser Zeit konnte er sich nicht mehr selbst etwas zu essen oder trinken holen oder ohne Hilfe zur Toilette gehen.[.article__paragraph--cap]
Einmal, nachdem ich ihm auf die Toilette und zurück geholfen hatte, murmelte Jens frustriert etwas davon, eine Last zu sein. „Du bist keine Last“, widersprach ich. Daraufhin sah er mich an und sagte mit großer Klarheit: „Doch, das bin ich. Jeder wird irgendwann zur Last.“
Seine Überraschung über meine seelsorgerisch unbeholfene Reaktion und meine Überraschung über seine Offenheit drehten sich um dasselbe Problem: meine Höflichkeit.
Viele Höflichkeitsformen in unserer Kultur bedingen, dass wir ein Stück weit unehrlich sind, und manchmal wirkt Aufrichtigkeit sogar ausgesprochen unhöflich. Wenn uns ein Freund Umstände bereitet hat, wird erwartet, dass wir beteuern: „Kein Problem!“ Wenn jemand uns zu einem Geschäftsessen einlädt, wird vom Eingeladenen erwartet, dass er anbietet, seine Rechnung zu zahlen, obwohl es üblich ist, dass derjenige, der eingeladen hat, bezahlt, und obwohl beide wissen, dass dieses Angebot nur eine Geste ist.
Die kleinen Unwahrheiten höflichen Verhaltens dienen als soziales Schmiermittel, das unsere Beziehungen vor Verschleiß schützt. Höflichkeit mindert die Reibung, die im alltäglichen Zusammenleben entsteht. Und genau dieses Abfedern ist der Grund, warum wirksame Seelsorge oft Unhöflichkeit erfordert: Der Seelsorger muss sich mit dem tatsächlichen Leben auseinandersetzen, in vollständiger Wahrhaftigkeit und genauer Aufmerksamkeit für jene Aspekte des Lebens, bei denen nicht alles glatt läuft und Reibung entsteht. Nur so lässt sich die Seele berühren. Das höfliche Glätten von Reibung ist das Gegenteil von Seelsorge.
Auch wenn ich in keiner seelsorgerlichen Beziehung zu Jens stand, versagte ich in dieser Situation, wo er in gewissem Sinne sein Herz öffnete und ich durch meine Höflichkeit seine implizite Bitte um Fürsorge zurückwies.
Angesichts des langsamen Vormarsches von Gesetzen, die den medizinisch assistierten Tod erlauben, frage ich mich, wie ich meine Kinder so erziehen kann, dass sie zu Menschen heranwachsen, die lieber den schmerzhaften, entwürdigenden Verlust von Gesundheit und Körperfunktionen ertragen, als durch Suizid zu sterben. Ich glaube, dass wir über diese höfliche Unehrlichkeit nachdenken müssen, um zumindest eine teilweise Antwort auf diese elterliche Herausforderung zu finden. Es darum geht, wie wir für andere oder sie für uns zur Last werden. Eine Last zu sein und belastet zu werden: Diese beiden Erfahrungen sind nicht dasselbe, doch wer der Verführung des Suizids widerstehen will, dieser Flucht vor der Tatsache, dass menschliches Leben zwangsläufig mit Lasten verbunden ist, der muss lernen, eine Last zu sein und Lasten zu tragen. Und ich glaube, der erste Schritt besteht darin, die höfliche Unehrlichkeit zu überwinden, die leugnet, dass Menschen überhaupt eine Last sein können.
[.article__paragraph--cap][.small-caps]Die Frage,[.small-caps] die im Allgemeinen nicht gestellt und daher auch nicht beantwortet wird, lautet: Was geschieht mit Menschen, die tatsächlich eine Last sind, wenn man sie vollständig von dieser Tatsache abschirmt?[.article__paragraph--cap]
Meiner Meinung nach werden solche Menschen oft alles in ihrer Macht Stehende tun, um diese höfliche Leugnung wahr zu machen: Sie werden versuchen, keine Last zu sein. Jemandem höflich abzusprechen, dass er eine Last ist, verweigert dieser Person in Wirklichkeit die Freiheit, eine Last zu sein, selbst wenn das Lastsein unfreiwillig ist, und die Person unter ihrer Abhängigkeit leidet. Ich möchte klarstellen, dass diese Dynamik nicht in jeder Erfahrung des Belastetseins vorhanden ist: Zum Beispiel liebe ich meine Kinder sehr, und es stört mich wirklich nicht, wenn meine Tochter oder mein Sohn mich nachts aufweckt. Liebe neigt dazu, uns blind zu machen für den Preis, den es kostet, andere Menschen zu tragen. Gleichzeitig wäre weder meinen Kindern noch meiner Liebe zu ihnen gedient, wenn ich so täte, als wäre ich nach einer Reihe unterbrochener Nächte nicht erschöpft. Liebe mag das Gefühl des Belastetseins lindern und uns die Kraft geben, uns zu verausgaben, aber sie ändert nichts an der grundlegenden Tatsache, dass wir einander tragen müssen und dass irgendwann die Erschöpfung einsetzt. Wenn wir so tun, als ob wir durch die Anforderungen an uns nicht erschöpft würden, wird genau die Liebe, die uns mit denen verbindet, deren Last wir tragen, zu etwas verformt, das uns voneinander trennt und sowohl uns wie auch jene, die von uns abhängen, isoliert.
Vor vielen Jahren, während meiner Klinischen Seelsorgeausbildung, saß ich im Krankenzimmer bei einer alten Frau, die einen Herzinfarkt erlitten und überlebt hatte. Anstatt dankbar zu sein, dass sie noch am Leben war, war sie bedrückt und ängstlich. Sie gestand, dass sie lieber gestorben wäre, weil sie das Gefühl hatte, ihrer erwachsenen Nichte zur Last zu fallen, der einzigen Verwandten, die sich um sie kümmern konnte. Als ich mit ihrer Nichte sprach, war diese höflich, ging aber über vage Floskeln nicht hinaus, als ich versuchte, sie nach den Herausforderungen bei der Pflege ihrer Tante zu fragen. Sie wollte nicht offen darüber sprechen, wie anspruchsvoll die Pflege einer älteren Angehörigen ist.

Zu jener Zeit war ich aus moralischen Prinzipienbereits vehement gegen jeglichen ärztlich assistierten Suizid, doch an jenem Tag bekam ich eine Ahnung des vernichtenden Drucks, den Menschen spüren würden,wenn ihnen der medizinische Suizid zur Verfügung stünde: Man würde ihneneindringlich versichern, dass sie keine Last seien, und dennoch würden siewissen, dass man von ihnen erwartet, ihrerseits unwahrhaftig zu sein und zusagen, dass sie des Lebens müde seien und bereit wären, in Würde zu sterben. Hätteman der älteren Frau, die ich besuchte, die Wahl gegeben, ihr Leben zu beenden,so hätte sie vermutlich pflichtschuldig eingewilligt und noch eigens betont,dass sie mit dem Leben abgeschlossen habe. Zum assistierten Suizid kommt es,wenn wir die Regeln der Höflichkeit auf das Töten anwenden.
Obwohl ich glaube, dass medizinische Sterbehilfe moralisch falsch ist und nicht legalisiert werden sollte, muss ich eingestehen,dass ich kaum Hoffnung habe, diesen Kampf rechtlich und kulturell zu gewinnen.Ich erwarte eher, dass ein progressives Verständnis körperlicherSelbstbestimmung die Oberhand gewinnen wird, ganz im Einklang mit derbisherigen Rechtsentwicklung bei Abtreibung, Transgender-Identifikation und der Legalisierung von Drogen. Hinzu kommt die ernüchternde Tatsache, dass dieniedrige Geburtenrate in einigen Jahrzehnten zu einem Arbeitskräftemangel führen wird, insbesondere in Berufen wie der Altenpflege. Dann könntemedizinische Sterbehilfe eingesetzt werden, um ein überfordertes Gesundheitssystem zu entlasten. Ich vermute, dass wir immer mehr vonassistiertem Sterben hören werden, nicht nur als Akt des Mitgefühls für Leidende, sondern als mutiger Akt sozialer und ökologischer Verantwortung eineralternden Generation, die sich um die nachfolgende sorgt.
[.article__paragraph--cap][.small-caps]Angesichts dieser düsteren[.small-caps] Zukunft frage ich mich, wie ich meine Kinder soerziehen kann, dass sie dem subtilen und dennoch massiven Druck standhalten,sich das Leben zu nehmen, wenn sie alt oder schwer krank werden. Mir scheint,als könnte dies der Prüfstein der Glaubenserziehung sein: ob die Christen, diewir aufziehen, der verführerischen Macht des höflichen Suizids widerstehenkönnen.[.article__paragraph--cap]
Als ich mir diese Frage zum ersten Mal stellte, warmein Bauchgefühl, dass dies eine Frage der Tugend ist – dass es in unserer Kultur nicht genug Standhaftigkeit, Mutoder Geduld gibt, und dass Christen, die diese Tugenden entwickelt haben, weniger dazu neigen würden, sich das Leben zu nehmen. Ich bin mir jedochbewusst, dass Christen die Tradition der Tugendethik mit den antiken Stoikernteilen, für die es Ausdruck vollendeter Tugend war, sich das Leben zu nehmen: ein Zeichen der Loslösung von den vergänglichen Dingen dieser Welt. Tatsächlichgenügt ein flüchtiger Blick in die Weltgeschichte, um zu sehen, dass Tugendenwie Mut oder Geduld oft gerade in den Kulturen hochgehalten wurden, in denenSuizid als normal galt.
Es gehört zum Wesen der biblischen Religion und des Christentums im Besonderen, dass jedes menschliche Leben von unendlichem Wertist. Wenn eine Kultur die Vorstellung annimmt, dass manches Leben nicht mehrwürdevoll oder lebenswert ist, fehlt es ihr nicht unbedingt an Tugend, sondernsie ist nachchristlich geworden. Zudem ist das, was dem Christentum verlorengegangen ist, nicht unbedingt Freundlichkeit oder Mitgefühl, sondern diebiblische Erkenntnis, dass Menschsein bedeutet, Last zu sein, und dass das menschlicheWohlergehen darauf angewiesen ist, dass wir lernen, Last zu sein und Lasten zutragen.
[.article__paragraph--cap][.small-caps]Ein merkwürdiges Detail[.small-caps] in den Evangelienberichten über die Aussendung der Jünger ist, dass Jesus sie anweist, sich auf die Menschen zu verlassen, zu denen sie gesandt werden:[.article__paragraph--cap]
Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe! Grüßt niemanden auf dem Weg! Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als Erstes: Friede diesem Haus! Und wenn dort ein Sohn des Friedens wohnt, wird euer Friede auf ihm ruhen; andernfalls wird er zu euch zurückkehren. Bleibt in diesem Haus, esst und trinkt, was man euch anbietet; denn wer arbeitet, ist seines Lohnes wert. Zieht nicht von einem Haus in ein anderes! Wenn ihr in eine Stadt kommt und man euch aufnimmt, so esst, was man euch vorsetzt. Heilt die Kranken, die dort sind, und sagt ihnen: Das Reich Gottes ist euch nahe! Wenn ihr aber in eine Stadt kommt, in der man euch nicht aufnimmt, dann geht auf die Straße hinaus und ruft: Selbst den Staub eurer Stadt, der an unseren Füßen klebt, lassen wir euch zurück; doch das sollt ihr wissen: Das Reich Gottes ist nahe. Ich sage euch: Sodom wird es an jenem Tag erträglicher ergehen als dieser Stadt. (Lk 10,4–12)
Im Gegensatz zu dem, was Christen heute unter Missionsarbeit verstehen mögen, etwa Wohlhabende, die den Armen ihre Ressourcen bringen, sendet Jesus seine Jünger als Last in die Welt, auf die Gastfreundschaft anderer angewiesen. Es ist leicht, sich die Alternative vorzustellen: dass derselbe Herr, der Tausende gespeist hat, seine Boten mit materiellen Gütern als Zeichen des kommenden Reiches Gottes ausstatten würde, oder dass er seine Jünger anweisen würde, den Menschen, denen sie dienten, nicht zur Last zu fallen. Tatsächlich verfolgt der Apostel Paulus genau diesen Ansatz: Er wird zum ersten „nebenberuflichen“ Verkündiger des Evangeliums und erinnert die Menschen immer wieder daran, dass er sich eigens bemüht hat, ihnen nicht zur Last zu fallen. Aber Paulus’ Ansatz ist die Ausnahme, nicht die Regel. Jesus gibt die Norm vor und sendet seine Jünger aus, im Matthäusevangelium die Zwölf, im Lukasevangelium die Zweiundsiebzig, „denn wer arbeitet, ist seines Lohnes wert“.
Wir müssen bedenken, dass diese Arbeiter nicht eingeladen wurden, sondern einfach auftauchten. Diese unerwartete Zumutung ist ein zentrales Merkmal der Gabe, die Jesu Jünger auf ihrer Mission mitbringen. Jesus sendet die Jünger aus, um als Zeichen des Reiches Gottes Wunder zu tun. Durch ihre Anwesenheit ist es „nahe gekommen“. Diese Zeichen, von denen die Krankenheilung am sichtbarsten ist, legen die Unordnung der gegenwärtigen Welt offen und verweisen auf die kommende Wiederherstellung der Schöpfung. Doch im Gegensatz zu körperlichen Krankheiten ist die Krankheit, die die Seele in Unordnung bringt, die Nicht-Gastfreundlichkeit gegenüber Gott und dem Nächsten. Wer es schaffte, diese Fremden des Herrn bei sich aufzunehmen, empfing Heilung für die Seele:„ … wird euer Friede auf ihm ruhen“. Jene Städte hingegen, die sich weigerten, die Boten des Herrn aufzunehmen, machten sich der Sünde Sodoms schuldig: nicht nur der sexuellen Gewalt, sondern auch des „Hochmuts, Überflusses an Brot und sorgloser Ruhe“, „ohne die Hand des Elenden und Armen zu stärken“ (Ez 16,49).
Das Reich Gottes zu empfangen bedeutete, sich darauf einzulassen, die Last anderer zu tragen. Dieses Prinzip überdauerte Jesu irdisches Wirken und fand Eingang in die neutestamentliche Lehre. Der Apostel Paulus fordert: „Der Dieb soll nicht mehr stehlen, vielmehr soll er sich abmühen und mit seinen Händen etwas verdienen, damit er den Notleidenden davon geben kann“ (Eph 4,28). Ihnen wird nicht aufgetragen zu arbeiten, um für sich selbst zu sorgen, sondern um die Last der Bedürftigen zu tragen. Was die Gemeinde betrifft: „Gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich. Denen, die wir für weniger edel ansehen, erweisen wir umso mehr Ehre und unseren weniger anständigen Gliedern begegnen wir mit umso mehr Anstand, während die anständigen das nicht nötig haben“ (1 Kor 12,22b–24a). Das christliche Leben verlangt, „einer trage des anderen Last“, um „das Gesetz Christi zu erfüllen“ (Gal 6,2), und so wie das Gebot der Nächstenliebe das ganze Gesetz zusammenfasst (Gal 5,14), können wir sagen: Seinen Nächsten zu lieben bedeutet, dessen Lasten zu tragen. Im zeitgenössischen theologischen und ethischen Diskurs mangelt es nicht an Reden über Abhängigkeit und Verletzlichkeit: Wir müssen nur anerkennen, dass sie Grundtatsachen des Menschseins beschreiben, und das bedeutet: Wer mit Menschen zu tun hat, nimmt Verletzlichkeit und Abhängigkeit auf sich – trägt Lasten.
[.article__paragraph--cap][.small-caps]Es ist zutiefst unangenehm,[.small-caps] eine Last zu sein und ebenso zuzugeben, dass jemand uns zur Last gefallen ist. Ein Verwandter bemerkte kürzlich, dass die Leute heute selten „Gern geschehen“ sagen, wenn man ihnen dankt, und stattdessen lieber mit „Kein Problem“ oder „Natürlich“ antworten. Ich ertappe mich selbst dabei. Es ist, als wäre es zu unangenehm, mit einem schlichten „Gern geschehen“ einzugestehen, dass man etwas für einen anderen getan hat. Diese Interaktionen sind ein weiteres Beispiel für Höflichkeit als sanfte Unehrlichkeit: Sie vermeiden selbst die minimale Reibung, die darin besteht, anzuerkennen, dass man jemandem einen Dienst erwiesen hat und einem dafür Dank gebührt.[.article__paragraph--cap]
Das leichte Unbehagen, das wir bei diesen alltäglichen Begegnungen verspüren mögen, verdient unsere Aufmerksamkeit: Es sind Symptome von etwas, das tiefer reicht als bloße umgangssprachliche Gewohnheit. Wie gesagt: Die Reibungspunkte sind unsere Zugänge zur Seele. Und mir scheint, dass unsere Seelen mittlerweile jede Art von Belastung – sei es unsere eigene oder die anderer Menschen – als unerträglich empfinden. Das bedeutet jedoch, dass wir das Menschsein selbst nicht mehr ertragen. Es kann daher nicht überraschen, dass immer mehr Menschen die Erlaubnis fordern, diesen Zustand zu beenden. Damit verpassen wir die Gelegenheit, unsere höfliche Vermeidung von Reibung in liebevolle Achtung für die Ehrlichkeit und Verletzlichkeit anderer umzuwandeln. Unser Dank und unsere Großzügigkeit könnten dadurch aufrichtig werden und zur Vertiefung von Beziehungen einladen, in denen wir die Last des anderen wirklich miteinander tragen.
In einer Kultur, in der höflicher Suizid bald als normal gelten könnte, werden jene die Kraft haben, dem gesellschaftlichen Druck zum Suizid zu widerstehen, die unter anderem auch gelernt haben, gelassen eine Last zu sein und gelassen hinzunehmen, dass andere zu lieben bedeutet, von ihnen belastet zu werden. Christen, die Kinder großziehen wollen, deren Körper und Seelen diese Kultur überleben können, müssen ihren Kindern beibringen, dass es in Ordnung ist, eine Last zu sein. Wir müssen sie darauf vorbereiten, einmal für uns zu sorgen, wie wir einst für sie gesorgt haben. Und wir müssen vorleben, was es heißt, die Lasten anderer zu tragen, und dabei ehrlich sein, wie schwer und herausfordernd diese christliche Liebe sein kann. Dieses elterliche Bemühen beginnt mit jenen unhöflichen Begegnungen, in die Jens mich einlud und die mir die Chance boten, auf diese schwierige, notwendige, gnadenvolle und moralisch ernsthafte Weise Christ zu sein.
Diese moralische Entschlossenheit wird auch grundlegend für jegliche christliche Mission in einer Kultur sein, die keinen Platz für Menschen hat, die anderen zur Last fallen. Das apostolische Zeugnis vom kommenden Reich Gottes und die Seelsorge, die der Christ der nachchristlichen Gesellschaft schuldet, bestehen darin, eine Last zu sein und die Lasten anderer anzunehmen. Derselbe Jesus, der seine Jünger ohne Beutel und Geld aussandte, sendet auch uns in unsere Welt als Zeugen seines Reiches und auch wir müssen dieses Reich verkörpern, indem wir den Frieden des Herrn denen anbieten, die uns aufnehmen, wenn wir nicht mehr für uns selbst sorgen können. Auf diese Weise wird die beharrliche Gegenwart unserer kranken, suizidberechtigten Körper in Gottes ironischer Vorsehung zum Mittel, durch welches er den Seelen das Heil schenkt.