Luft

Hendrikje Machate
Hendrikje Margareta Machate studierte Philosophie, Germanistik und Geschichte.
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Luft | Sachbuch | Jens Soentgen | (C. H. Beck, 302 Seiten)
[.article__paragraph--cap][.small-caps]Es gibt Bücher,[.small-caps] die man liest, um etwas Neues über ein Thema zu erfahren. Und es gibt Bücher, die nach und nach die Selbstverständlichkeit dessen auflösen, worin man lebt. Jens Soentgens Luft gehört entschieden zur zweiten Art. Nach der Lektüre erscheint selbst das Atmen eigentümlich fremd und dabei konkreter als zuvor, fast heilsam und kontaminiert zugleich. Soentgen nähert sich seinem Gegenstand nicht bloß als Naturwissenschaftler, sondern verfolgt die Geschichte der Luft quer durch die Ideengeschichte Europas. Luft wird hier nicht nur chemisch beschrieben oder meteorologisch vermessen; sie erscheint als Gegenstand der Medizin, der Philosophie, der Religionsgeschichte und der Technik zugleich, zunächst auch personifiziert und mythisch. Das Buch macht sichtbar, wie Wissenschaft aus unterschiedlichen Disziplinen entsteht und wie künstlich viele ihrer Grenzen wirken, sobald man genauer hinsieht. Besonders hervorzuheben ist Soentgens Fähigkeit, historische Vorstellungen und frühe Pioniere des Forschens in ihren teils naiven und heute überholten Hypothesen ernst zu nehmen, ohne sie vorschnell zu belächeln. Trotz der Fülle an Wissen bleibt das Buch immer lebendig und erzählerisch beweglich. Gerade dadurch gewinnt die Wissenschaftsgeschichte an Anschaulichkeit, weil Soentgen sie wie eine Geschichte über forschende Menschen und ihre Theorien schildert. [.article__paragraph--cap]
Die zahlreichen Quellen, die er zur Untersuchung des Gebietes der Luft heranzieht, zeigen, wie vielfältig die Denkweisen waren, mit denen Menschen sich einem schwer fassbaren, aber lebensbestimmenden Element angenähert haben. Selbst alte, vom Autor akribisch recherchierte Texte, die dies dem Titel nach zunächst kaum vermuten lassen, eröffnen neue Perspektiven auf das Verhältnis von Mensch und Atmosphäre. Soentgen verweilt bei bedrohlichen Winden, bei tödlichen Basilisken in den Bergen, bei astrologischen und alchimistischen Vorstellungen, bei frühen meteorologischen Beobachtungen ebenso wie bei der Chemie der Gase. Immer wieder entstehen überraschende Verbindungen zwischen scheinbar weit entfernten Wissensgebieten. Man begreift, dass die Geschichte der Luft immer auch eine Geschichte menschlicher Wahrnehmung ist.

Der Autor schreibt gelehrt, aber nie schwerfällig. Seine Sätze besitzen eine unaufdringliche Neugier; man spürt, dass hier jemand nicht bloß Ergebnisse mitteilen, sondern eine bestimmte Art des Sehens vermitteln möchte. Vielleicht liegt hierin die eigentliche Stärke dieses Buches: Es macht aufmerksam und nimmt einen tatsächlich, wie der Untertitel sagt, auf eine Reise mit. Zahlreiche Abbildungen sowie ein ausführliches Register und Literaturhinweise runden den umfangreichen, dabei stets kurzweiligen Band ab. Und beinahe nebenbei zeigt Soentgen, wie eng Wissensgeschichte und praktische Erfindungsgabe verbunden sind – etwa dort, wo von der „Luftpumpe“ die Rede ist und technische Entwicklungen aus theoretischen Fragen hervorgehen. Nach der Lektüre wirkt Vertrautes weniger unsichtbar – der Geruch eines Raumes, die Schwere feuchter Luft, der Wind vor einem Wetterumschwung. Soentgen zeigt, wie viel Welt sich in etwas verbirgt, das man gewöhnlich übersieht, gerade weil es überall ist.