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Empfehlungen der Redaktion

Restorative Justice

Zerbrochenes. Heilen. Gerechtigkeit. Leben.

July 7, 2026

Restorative Justice | Howard Zehr | (Neufeld Verlag, 169 Seiten)

[.article__paragraph--cap][.small-caps]Howard Zehrs,[.small-caps] in Kooperation mit Seehaus e.V. neu überarbeitete deutschen Ausgabe, Restorative Justice ist eines jener schmalen Bücher, die zunächst unspektakulär wirken, deren Inhalt jedoch lange nachhallt. Zehr schreibt nüchtern, doch seine Grundfrage besitzt Sprengkraft: Was wäre, wenn Gerechtigkeit nicht zuerst Vergeltung meint, sondern Wiederherstellung? Gerade bei schweren Verbrechen regt sich gegen diesen Gedanken verständlicher Widerstand. Zu groß erscheinen die dadurch hervorgerufenen irreversiblen Schäden im Leben von Menschen. Umso bemerkenswerter ist, dass die Restorative Justice – der Begriff bleibt bewusst im englischen Original – den Täter keineswegs aus seiner Verantwortung entlässt. Im Gegenteil: Gerade bei der Restorative Justice werden Täter weit stärker mit ihrer Verantwortung konfrontiert als im üblichen Strafrecht, welches damit auch nicht völlig ersetzt werden soll. Dort geht es jedoch oftmals vor allem darum, mit juristischer Hilfe möglichst glimpflich davonzukommen. Hier dagegen lautet die Frage: „Wie willst du das wieder in Ordnung bringen?“[.article__paragraph--cap]

Der Autor selbst möchte trotz seiner erkennbaren Befürwortung der Restorative Justice nicht als ihr Advokat auftreten, sondern beschränkt sich auf eine deskriptive, umfassende, dabei aber konzentrierte Darstellung. Gerade das macht das Buch überzeugend. Der Vorbehalt, Restorative Justice nicht als starres Modell, sondern als entwickelbaren Ansatz zu verstehen, trägt zusätzlich dazu bei.

Im klassischen Strafrecht stehen Gesetzesbruch und Strafe im Mittelpunkt; Zehr fragt dagegen: Wer wurde verletzt? Was braucht es zur Heilung? Beim Lesen merkt man rasch, wie sehr das eigene Denken von Kategorien der Vergeltung geprägt ist. Man fühlt sich an den berühmten Satz aus Platons Gorgias erinnert, in dem Sokrates sagt: „Unrecht tun ist schlimmer als Unrecht leiden.“ Gemeint ist, dass beim Unrecht nicht nur das Opfer leidet, sondern auch der Täter selbst Schaden nimmt. Der Gedanke, dass Schuld nicht nur eine Ordnung verletzt, sondern Menschen, Beziehungen und ganze Gemeinschaften beschädigt, ist keineswegs neu. Zehr belebt ihn wieder und macht ihn praktisch greifbar. Hilfreich sind dabei auch die zahlreichen Tabellen und Schaubilder. Insgesamt liegt hier eine übersichtliche und kurzweilige Darstellung eines wichtigen Themas vor.

Ganz ohne Einwände bleibt die Lektüre allerdings nicht. Manche Prozesse wirken harmonischer dargestellt, als sie in Wirklichkeit oft sein dürften. Gerade bei schwerer Gewalt stößt jede Form von Wiedergutmachung an Grenzen. Nicht jede Wunde heilt, nicht jede Schuld lässt sich „bearbeiten“. Zudem wird bei gravierenden kulturellen oder lebensweltlichen Unterschieden zwischen den Beteiligten echte Verständigung erheblich erschwert. Vielerorts merkt Zehr selbst an, dass einzelne Aspekte weit ausführlicher behandelt werden könnten.

Insgesamt liegt in diesem Ansatz etwas zutiefst Christliches – weil der Mensch nicht auf seine Tat reduziert wird. Die Idee der „gerechten Strafe“ bleibt oft abstrakt. Wo dagegen reale Menschen Verantwortung übernehmen und Übereinkünfte finden, entsteht eher die Möglichkeit von Versöhnung, Wiedergutmachung und einem Ergebnis, das den Beteiligten wenigstens teilweise gerecht wird. Restorative Justice liefert keine Patentlösung, aber Fragen, denen man nach der Lektüre nur schwer wieder ausweicht.