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Essay

Dreizehn falsche und lähmende Ideen

Vor über 50 Jahrentrafen sich zwei Dutzend Theologen in Hartford und benannten 13 Häresien, diedie Kirche bedrohten. Möglicherweise kommen Ihnen diese bekannt vor.

August 18, 2026

[.article__paragraph--cap][.small-caps]An einem Winterabend[.small-caps] im Jahr 1974 in Brooklyn spielten Peter Berger und Richard John Neuhaus ein Spiel. Wie Berger sich später erinnerte, „dachten Neuhaus und ich, es würde Spaß machen, eine Liste der wichtigsten Themen im Mainstream-Protestantismus zusammenzustellen, die uns irritierten.“ Berger war damals auf dem besten Weg, einer der bedeutendsten Soziologen des 20. Jahrhunderts zu werden. Neuhaus war Pfarrer einer Gemeinde in Brooklyn und eine prominente Stimme in der Bürgerrechtsbewegung und der Bewegung gegen den Vietnamkrieg. Beide waren Lutheraner, denen Fragen der Religion und des öffentlichen Lebens sehr am Herzen lagen. Später erklärten sie, sie hätten die „allgegenwärtigen, falschen und lähmenden“ Vorstellungen zu Papier gebracht, die ihrer Überzeugung nach das zeitgenössische Christentum und seinen gesellschaftlichen Einfluss untergruben.[.article__paragraph--cap]

Im Laufe des Jahres verbreiteten Berger und Neuhaus ihre Liste der irrigen Überzeugungen unter mehr als zwei Dutzend Theologen und Religionsphilosophen, von denen viele Interesse daran bekundeten, sich zu treffen, um die aufgeworfenen Fragen zu diskutieren und möglicherweise eine öffentliche Erklärung abzugeben. James Gettemy, Präsident der Hartford Seminary Foundation, erklärte sich bereit, das Treffen auszurichten. Nach drei Tagen mit Sitzungen und Beratungen im Januar 1975 einigten sich die 18 Teilnehmer (sieben weitere Mitwirkende unterzeichneten nachträglich, da sie nicht persönlich teilnehmen konnten) einstimmig auf den Text der späteren „Erklärung von Hartford: Ein Appell zur theologischen Bekräftigung.“ In der Liste der Unterzeichner fanden sich bedeutende amerikanische Theologen des 20. Jahrhunderts: Avery Dulles, Stanley Hauerwas, George Lindbeck, Richard Mouw, Thomas Hopko, Alexander Schmemann und Robert Louis Wilken.

Der Appell war in vielerlei Hinsicht neuartig. Seine Unterzeichner waren keine offiziellen Kirchenvertreter, wie es für offizielle ökumenische Erklärungen üblich war, und er bot weder ein Glaubensbekenntnis, das es zu vertreten galt, noch eine Liste von Häresien – oder Häretikern –, die zu verurteilen wären. Stattdessen erklärte er: „Ein augenscheinlicher Verlust des Sinns für das Transzendente untergräbt heute die Fähigkeit der Kirche, die dringlichen Aufgaben, zu denen Gott sie in der Welt beruft, mit Klarheit und Mut anzugehen.“ Dieser Verlust wurde in 13 Anti-Thesen oder „Themen“ dargelegt, die der Appell anschließend kommentierte.

In einer späteren Veröffentlichung erläuterte Berger, was damit gemeint war. Christliche Intellektuelle und Führungspersönlichkeiten hatten begonnen, sich „mehr und mehr an den ‚offiziellen Wirklichkeitsdefinierern’ zu orientieren – das heißt, an der stark säkularisierten intellektuellen Elite.“ Ihre „Anpassung an die Säkularität“ sah folgendermaßen aus: „Eine säkulare Definition der Wirklichkeit wird als normativ vorausgesetzt, und die religiöse Tradition wird so übersetzt, dass sie dieser Norm entspricht. … Transzendenz wird als Immanenz übersetzt. Der eigentliche Inhalt der Tradition wird dann mit menschlicher Authentizität, persönlicher Erfüllung oder politischer bzw. psychologischer Befreiung gleichgesetzt.“ Kirchliche Programme wurden umgestaltet, um diese säkularen Ziele zu erreichen.

Neuhaus drückte es noch direkter aus. Als Ort für gemeinsames christliches Denken und Handeln schlug der Appell vor: „das Universum des Gebets und des Diskurses, das durch die Wahrheitsansprüche einer transzendenten Wirklichkeit konstruiert wird; nämlich, dass die ganze Welt auf die Erfüllung wartet, die in Jesus von Nazareth, dem Christus, angekündigt wurde.“ Er behauptete, dass die christliche Wahrheit über und im Gegensatz zu weltlicher Weisheit stand – „gegen die Welt für die Welt.“

painting of men in conversation
Roger de La Fresnaye, La Conquête de l'air, Öl auf Leinwand, 1913. [.smalltext]Artelan / Alamy Stock.[.smalltext]

Thema 3 des Apells trifft den Kern der Sache am direktesten. Drückt der christliche Glaube eine Wirklichkeit aus, die Autorität über unsere eigene Erfahrung hat, oder nicht? Der Appell ist eindeutig: „Was hier auf dem Spiel steht, ist nichts Geringeres als die Realität Gottes: Nicht wir haben Gott erfunden; Gott hat uns erfunden.“ Das erinnert an den Vorfall, als einer der Unterzeichner, Avery Dulles, eine Kirche betrat, um die Messe zu feiern, und über dem Altar ein Banner hängen sah, auf dem stand: „Gott ist der andere Mensch!“ Dulles bemerkte später, er hätte sich einen riesigen Stift gewünscht, um ein Komma hinzuzufügen, sodass dort gestanden hätte: „Gott ist der andere, Mensch!“

Die späteren Themen befassten sich mit dem Verhältnis zwischen Christentum und Politik. Neuhaus glaubte insbesondere, dass die traditionelle, orthodoxe protestantische Theologie das stärkste Fundament für einen Aktivismus sei, der sich für Bürgerrechte und gegen den Vietnamkrieg aussprach. Daher macht der Appell geltend: „Aus einer biblischen Perspektive betrachtet, müssen Christen gerade aufgrund des Vertrauens in Gottes Herrschaft über alle Aspekte des Lebens vollständig am Kampf gegen unterdrückende und entmenschlichende Strukturen und ihre Erscheinungsformen in Rassismus, Krieg und wirtschaftlicher Ausbeutung teilnehmen.“ Und Thema 9 warnt vor instinktivem Widerstand gegen Institutionen und Traditionen. „Ohne sie“, heißt es in dem Appell, „würde das Leben zu Chaos und neuen Formen der Knechtschaft verkommen. Das moderne Streben nach Befreiung von allen sozialen und historischen Zwängen ist letztlich entmenschlichend.“

Der Appell nannte nie Namen, zielte aber offensichtlich auf den Zeitgeist ab, der von Harvey Cox, dem Harvard-Theologen und Autor von The Secular City, verkörpert wurde, auf die katholische Befreiungstheologie und auf den Weltkirchenrat, den Neuhaus gegenüber dem Time-Magazin als „eine gigantische Übung in [eben jener] kulturellen Kapitulation“ beschrieb, gegen die der Appell protestierte. Dieser Geist erreichte seine Apotheose vielleicht in der „Tod Gottes“-Bewegung, die Time knapp zehn Jahre zuvor in aufsehenerregender Weise dokumentiert hatte. Diese Theologen argumentierten, der moderne Mensch sei dahin gelangt, sein Leben zu verstehen und seine Welt zu ordnen, ohne auf Gott Bezug zu nehmen. Das Christentum werde am wahrhaftigsten gelebt, indem man seine Glaubensbekenntnisse aufgebe und sich stattdessen auf die Umsetzung seiner moralischen Lehren konzentriere. Die meisten Protestanten hätten es nicht so unverblümt formuliert, aber mein Kollege Matthew Rose erfasst treffend die Stoßrichtung des Denkens, das unter vielen Führungspersönlichkeiten und Theologen der etablierten Kirchen vorherrschte:

Beim Christentum geht es nicht um Gotteserkenntnis oder Erlösung in einer kommenden Welt. Es geht um den Aufbruch zu einer neuen Lebensweise, die jede Schranke zur Teilhabe niederreißt. Inspiriert von der neutestamentlichen Vision menschlicher Gemeinschaft, argumentierten sie, das Christentum sei eine im Kern soziale Bewegung, und die Aufgabe der Theologie bestehe darin, die christliche Tradition von ihrer Jenseitsorientierung zu reinigen.

Der Hartford-Appell traf ins Schwarze. Einen Monat nach der Veröffentlichung berichtete Time über den „Kriegsrat am Wochenende" der Unterzeichner und würdigte den Appell als jüngstes der „markerschütternden Dokumente theologischen Protests in der Kirchengeschichte, die die drängenden Fragen ihrer Zeit auf den Punkt brachten“ – in einer Reihe mit den 95 Thesen, dem Syllabus Errorum und der Barmer Erklärung. Der Titel des Artikels, „The Hartford Heresies“, wurde von progressiven Kritikern gerne als abfällige Bezeichnung verwendet. Doch Neuhaus stellte mit Genugtuung fest, dass die Reaktion vieler Laien „ein enormes Gefühl der Erleichterung war, dass ‚endlich jemand gesagt hat, was gesagt werden musste’“.

50 Jahre später über den Hartford-Appell zu lesen, fühlt sich an wie das Blättern in einem alten Fotoalbum. Die Welt, in welcher der etablierte Protestantismus als dominante und prägende Institution insbesondere für die Eliten diente, ist verschwunden. Neuhaus fiel damals auf, dass die führenden Köpfe des protestantischen Establishments unbedingt den Eindruck erwecken wollten, mit „der Bewegung“ der 1960er und 70er Jahre Schritt zu halten. 2006 schrieb er: „Ich fragte mich, was mit den Institutionen passieren würde, denen sie vorstanden – den Institutionen, von denen ich geglaubt hatte, dass sie die Welt regierten. Jetzt wissen wir es.“

Man könnte argumentieren, dass der Hartford-Appell die Abweichungen vom historischen Christentum diagnostizierte, die zum Niedergang der etablierten Kirchen in die Bedeutungslosigkeit führen sollten. Doch genauer gesagt beschrieb der Appell die Überzeugungen, die zur erfolgreichen Verwandlung des etablierten Protestantismus in den säkularen Progressivismus führen sollten, der in derselben Elite auch heute noch vorherrscht. Während die Tod-Gottes-Theologen als extrem abgelehnt wurden, so Rose, beschrieben sie letztlich die Entwicklungsrichtung des etablierten Protestantismus insgesamt. Für diese Denker gilt:

Das Evangelium formt eine Gemeinschaft, die – dem biblischen Gebot, zu sterben, um zu leben, folgend – sich selbst auslöscht, um ihre Botschaft in die säkulare Welt hinauszutragen. Und ist nicht genau das eingetreten? Die zentrale Tatsache der amerikanischen Religion heute lautet: Der liberale Protestantismus ist tot und triumphiert überall. Seine Kirchen sind leer, aber seine Anliegen haben gesiegt. … Der etablierte Protestantismus hat es geschafft, seine progressiven moralischen und politischen Werte an die umgebende Kultur zu vermitteln. … Gleichzeitig hat sich [seine] Mitgliederbasis in Luft aufgelöst.

Auch in anderer Hinsicht beschreibt der Hartford-Appell eine Welt, die uns nach wie vor sehr nahe ist. In seinem Essay über die ökumenische Tragweite des Appells schreibt Avery Dulles: „Das Ringen mit der latenten Häresie ist wohl die bemerkenswerteste Dimension der Ökumene des Hartford-Appells.“ Der Begriff „latente Häresie“ stammt von dem deutschen Theologen Karl Rahner aus dem 20. Jahrhundert, der damit beschrieb, wie viele Christen unbewusst die Denkmuster und Überzeugungen der säkularen Welt übernahmen und dabei, ohne es zu merken, die traditionellen christlichen Glaubensinhalte verwarfen, zu denen sie sich dem Anschein nach bekannten. In früheren Zeiten bedeutete Häresie das ausdrückliche Vertreten von Lehren, die dem Glauben widersprachen. Nun bedeutete Häresie, der Luft, die man atmet, keine Beachtung zu schenken.

Wer Zeit unter jungen Menschen verbringt, dem fällt auf, dass die latente Häresie, die Berger und Neuhaus 1974 so irritierte, auch heute noch irritiert. Als ich am Boston College Einführungskurse in Theologie gab, war es schwierig, die Studenten davon zu überzeugen, dass der heilige Paulus, Teresa von Ávila oder irgendein anderer kanonischer christlicher Autor nicht einfach sagte, sie seien im Grunde gute Menschen, solange sie sich im Studium anstrengten und nett zueinander waren. Ursprünglich sollte der Appell ein Kompendium falscher Ideen sein. Heute liest er sich wie ein Glaubensbekenntnis jener selbstverwirklichenden, individualistischen Religion, die Tara Isabella Burton in Strange Rites beschreibt.

Und doch war Hartford, wie Dulles, Berger und Neuhaus erkannten, eines der ersten Beispiele einer neuen Art von Ökumene. In den seither vergangenen Jahrzehnten haben einige Katholiken und Protestanten (und in geringerem Maße auch Orthodoxe) erkannt, dass sie ungeachtet ihrer konfessionellen Unterschiede einen gemeinsamen Grundbestand an Lehren und Haltungen gegenüber ihrem Glauben teilen. Es ist schwierig, ein passendes Adjektiv für dieses Phänomen zu finden. „Konservativ“ ist naheliegend, aber zu politisch, „traditionell“ ist besser, aber immer noch ungenau. Der Hartford-Appell jedoch beschreibt es treffend: ein Verlangen, Gottes Transzendenz sowie die Wahrheit und Autorität seines Wortes zu bekräftigen, wie es seit der Zeit der Apostel überliefert wird.

Seit 1975 treffen sich solche Christen, um an neuen Projekten zusammenzuarbeiten, religiösen wie politischen, und Gemeinschaft zu pflegen, weil sie diese Grundüberzeugung eint. Diese Initiativen sind in der Regel inoffiziell: Sie werden nicht von Kirchen- oder Gemeindevertretern geleitet und ihr Ziel ist keine formelle Einheitserklärung, sondern gelebte Gemeinschaft, gemeinsames Überlegen und gemeinsames Handeln. Plough ist selbst ein Beispiel für diese Ökumene. In diesem Sinne ist der Hartford-Appell nicht nur ein Moment aus Amerikas religiöser Vergangenheit, sondern prophetischer für seine religiöse Zukunft, als Berger und Neuhaus es hätten ahnen können.

Dies sind die 13 „falschen und lähmenden" Ideen, gegen die sich die Unterzeichner des Appells wandten:

Thema 1 • Das moderne Denken ist allen vergangenen Formen des Wirklichkeitsverständnisses überlegen und daher normativ für den christlichen Glauben und das christliche Leben.

Thema 2 • Religiöse Aussagen sind völlig unabhängig von vernünftigem Diskurs.

Thema 3 • Religiöse Sprache bezieht sich ausschließlich auf menschliche Erfahrung, wobei Gott die edelste Schöpfung der Menschheit ist.

Thema 4 • Jesus kann nur im Rahmen zeitgenössischer Menschenbilder verstanden werden.

Thema 5 • Alle Religionen sind gleich gültig; die Wahl zwischen ihnen ist keine Frage der Wahrheitsüberzeugung, sondern nur der persönlichen Vorliebe oder des Lebensstils.

Thema 6 • Erlösung bedeutet nichts anderes, als das eigene Potenzial zu verwirklichen und sich selbst treu zu sein.

Thema 7 • Da das Menschliche gut ist, lässt sich das Böse hinreichend als mangelnde Entfaltung des eigenen Potenzials verstehen.

Thema 8 • Der einzige Zweck des Gottesdienstes besteht darin, die individuelle Selbstverwirklichung und die menschliche Gemeinschaft zu fördern.

Thema 9 • Institutionen und historische Traditionen sind unterdrückerisch und unserem wahren Menschsein feindlich; die Befreiung von ihnen ist Voraussetzung für authentische Existenz und authentische Religion.

Thema 10 • Die Welt muss der Kirche die Tagesordnung vorgeben. Soziale, politische und wirtschaftliche Programme zur Verbesserung der Lebensqualität sind letztlich maßgebend für den Auftrag der Kirche in der Welt.

Thema 11 • Eine Betonung der Transzendenz Gottes ist zumindest ein Hindernis für christliches soziales Engagement und Handeln, wenn nicht gar unvereinbar damit.

Thema 12 • Der Kampf für eine bessere Menschheit wird das Reich Gottes herbeiführen.

Thema 13 • Die Frage nach einer Hoffnung jenseits des Todes ist für das christliche Verständnis menschlicher Erfüllung irrelevant oder bestenfalls nebensächlich.