An aerial view of one of the “peace walls” separating Protestant and Catholic communities in Belfast.

Belfasts Karten neu zeichnen

von Jenny McCartney

February 20, 2020

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Als ich ein Kind in Nordirland war, war unser Alltag von dem Bewusstsein der dauernden Gewalt geprägt. Das Jahr 1981 begann mit Blutvergießen: Eine katholische republikanische Sozialistin, Bernadette McAliskey, und ihr Mann wurden in ihrem Haus von bewaffneten Loyalisten angegriffen. Ein älterer protestantischer Unionist, Sir Norman Stronge, und sein einziger Sohn wurden von einer Bande der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) als Vergeltung erschossen, die dann ihr Haus niederbrannte.

Der Frühling brachte den Beginn der Hungerstreiks, die das nationalistische Irland radikalisieren sollten. Eine Reihe von IRA-Häftlingen schwor, sich zu Tode zu hungern, wenn die britische Regierung ihren Forderungen nicht nachkommen sollte, sie als politische Gefangene anzuerkennen. Der erste Mann, der in Hungerstreik trat, war Bobby Sands. Einen Monat nach Beginn seines Fastens wurde er als Mitglied der Partei Sinn Féin ins Parlament gewählt. Im folgenden Monat war er der erste von zehn Hungerstreikenden, die in jenem Jahr starben. In Belfast löste die Nachricht von seinem Tod Straßenschlachten aus.

Republikanisches Wandbild von Bobby Sands, IRA-Häftling und Hungerstreikender, an der Falls Road, West-Belfast

Republikanisches Wandbild von Bobby Sands, IRA-Häftling und Hungerstreikender, an der Falls Road, West-Belfast.
Fotos mit freundlicher Genehmigung des Autors

Ich war damals in meinem letzten Grundschuljahr in Süd-Belfast. Die meisten Kinder an meiner Schule waren protestantisch. Ich erinnere mich nicht, dass wir dort viel über Politik gesprochen hätten, aber in diesem Fall sickerte die allgemeine Angst in unsere Gespräche ein. Ein besorgter Junge sagte, dass es für die nächsten Monate bestimmt sicherer wäre, nicht ins Zentrum der Stadt zu gehen. Wahrscheinlich hatte er das von seinen Eltern gehört, in Anbetracht der jüngsten Anschläge der IRA mit Brandbomben auf Geschäfte. Aber ich erinnere mich, dass ich dachte: „Das geht doch gar nicht!“ Wie um alles in der Welt kannst du nicht in die Stadt gehen? Meine Familie lebte außerhalb von Belfast, aber mein Vater arbeitete im Stadtzentrum, und er brachte uns Kinder durch die Stadt zur Schule.

Zur gleichen Zeit wurde drüben in West-Belfast ein siebenjähriger katholischer Junge namens James Moyna in die Unruhen hineingezogen, aufgeregt und verängstigt zugleich. Eines Tages, als die Polizei Plastikgeschosse einsetzte, um die Menge zu zerstreuen, sprang er zur Seite, um nicht getroffen zu werden, und das Geschoss traf eine ältere Dame am Knöchel. Er fühlte sich schuldig, dass es nicht ihn getroffen hatte.

Jeder in Nordirland hatte damals eine persönliche Karte im Kopf – wo es sicher sein könnte, hinzugehen, oder wo man sich am ehesten in Gefahr begab. Der junge Moyna zum Beispiel hätte sich nie in die nahe gelegene protestantische Hochburg an der Shankill Road verirrt. Für ihn stand die kontroverse Gestalt des protestantischen Pfarrers Ian Paisley, der im Fernsehen gegen den Katholizismus agitierte, für alle Protestanten.

Aber diese Gebietskarten waren nicht immer ein Garant für Sicherheit, auch wenn man sich penibel an sie hielt. Es gehörte zu Belfast, dass Menschen zufällig und unerwartet Opfer der Gewalt wurden. Man konnte unwissentlich zu nahe bei einer Autobombe stehen, die für die Sicherheitskräfte bestimmt war, oder genau zur falschen Zeit in einem Busbahnhof oder einer Kneipe sein.

Außerdem war es ein Ziel der paramilitärischen Gruppen, eine solche Verunsicherung zu erzeugen, dass selbst die sicheren Orte psychologisch oder anderweitig nicht mehr sicher waren. Die Ulster Volunteer Force (UVF) und die Ulster Defence Association (UDA) erschossen Zivilisten in katholischen Straßen aus vorbeifahrenden Autos und drangen mordend in ihre Häuser ein. Anfang der 1970er Jahre waren Moynas Mutter und Großmutter dreimal durch Brandstiftung aus ihrem Haus vertrieben worden. Die IRA führte ihre gezielten Morde oft durch, indem sie einfach an der Tür klingelte und den Hausbesitzer erschoss. Autos rasten durch die Stadt und brachten Tod. „Wir wissen, wo du wohnst“ war eine finstere Drohung, die sich durch den Konflikt zog. Es bedeutete, dass auch das eigene Zuhause in der Gefahrenzone liegen konnte.

Im Sommer 1981 jedoch wurde die Karte von James Moyna neu gezeichnet. Er wurde von der Stiftung Euro-Children ausgewählt, um den Sommer bei einer deutschen Familie zu verbringen. Pater Robert Matthieu, ein belgischer Priester, hatte das Konzept entwickelt, um benachteiligten Belfaster Schulkindern – hauptsächlich mit katholischem Hintergrund – eine Atempause von der Gewalt zu verschaffen.

In einer Stadt, die von Sicherheitsmauern durchzogen ist, bringt James Moyna Schulkindern bei, Freundschaft über Grenzen hinweg zu schließen.

James Moyna
Foto von Justin Kernoghan

Der lebhafte Moyna fand sich plötzlich in einer ganz anderen Umgebung als dem überfüllten kleinen Haus seiner Familie wieder. Er wohnte bei der Familie Heinz: Heino und Gabi mit ihren beiden Söhnen, die ungefähr in seinem Alter waren.

Es war verwirrend, erinnert sich Moyna: „Weder die Polizei noch die Armee waren auf der Straße präsent. Die Familie war wohlhabend und hatte so viel Wohnraum und so viele Badezimmer. Zu Hause bezahlten wir die Nachbarn dafür, dass wir ihr Bad benutzen konnten, weil wir noch keines hatten.“ Es gab Theater, Tennis und Reiten. Es gab die Sprachbarriere – „sie machten sich sofort daran, mir Deutsch beizubringen“ – und eine andere Weltanschauung.

Zu den Dingen, die Moyna mit nach Deutschland brachte, gehörte neben seinem Koffer auch eine starke Abneigung gegen Protestanten. Gabi Heinz erklärte ihm, dass Protestanten nicht unbedingt schlechte Menschen sein müssen. In ihrem Bestreben, ihn zu überzeugen, erwähnte sie eine Reihe freundlicher protestantischer Nachbarn, die ihn besucht hatten und mit deren Kindern er oft gespielt hatte. Moyna hörte sehr aufmerksam zu und merkte sich die Namen. Am nächsten Tag warf er Steine durch die Fenster aller Familien, die sie genannt hatte.

Aber durch die Geduld und Nachsicht von Moynas Gastgebern öffnete er sich nach und nach, sein enger Blickwinkel weitete sich, und er sah eine Welt, die plötzlich voller Leben war. Fern der Heimat begann er zu schätzen, was der in Belfast geborene Dichter Louis MacNeice meinte, als er schrieb, dass die „Welt verrückter ist und mehr davon, als wir denken / unverbesserlich vielfältig.“ Moyna kehrte Sommer für Sommer zurück und begleitete die Familie Heinz sogar auf Reisen in andere Länder Europas. „Meine Perspektive auf das Leben änderte sich.“

Zu Hause in Belfast war es immer noch gefährlich. Er erinnert sich besonders an einen Karfreitag: „Ich sagte zu meiner Mutter: ‚Was gibt es zum Abendessen?‘ Und sie sagte: ‚Braunen Fisch.‘ Ich konnte braunen Fisch nicht ausstehen, also ging ich raus und nahm an einem Friedensmarsch vom Kloster Clonard teil, der durch verschiedene Stadtteile ging.“ Auf dem Weg dorthin trafen die Teilnehmer auf einen berüchtigten loyalistischen Hitzkopf namens George Seawright, „der mit lauter Stimme schrie: ‚Ihr seid ins Shankill-Viertel hereingekommen, aber herauskommen werdet ihr nicht mehr!“ Seawright wurde später, im Jahr 1987, von republikanischen Paramilitärs im Shankill-Viertel erschossen. Aber an diesem Tag brachten seine Worte den elfjährigen Moyna in Panik: „Ich bin nach Hause gerannt. Ich war noch nie in meinem Leben so dankbar gewesen, braunen Fisch zu essen.“

Zur gleichen Zeit gab es jedoch auch andere Faktoren, die Moynas Vorstellung von Belfasts Geographie änderten. In seinem ersten Jahr am Gymnasium der Irish Christian Brothers bekam er die Möglichkeit, Querflöte zu lernen. „Ich hatte schon traditionelle irische Musik auf der Tin Whistle gespielt. Ich brachte [die Querflöte] nach Hause, baute sie zusammen und konnte tatsächlich auf ihr spielen.“

Er warf Steine durch die Fenster aller Familien, die sie genannt hatte.

Seine Flötenlehrerin, Miss Bolger, war Protestantin und Mitglied der renommierten 39th Old Boys Flute Band, die den weltberühmten Flötisten James Galway hervorgebracht hatte, der gelegentlich zu Proben zurückkam. Bolger bemerkte Moynas Fähigkeit und lud ihn ein, zu Bandproben zu kommen, und zweimal pro Woche reiste er zum protestantischen Donegall Pass, um dort zu üben. Moyna schloss sich dem City of Belfast Youth Orchestra an, und das Kloster Clonard stellte einen Raum zur Verfügung, in dem er und seine protestantischen Freunde aus dem Orchester ungestört Musik spielen konnten. Musik war ein anderes Gesprächsthema, das die Kraft hatte, die Grenzlinien der Stadt zu verwischen.

Heute ist Moyna fünfundvierzig und Lehrer an der St. Bernard’s Primary School in Ost-Belfast, wo er das „Shared Education Project“ leitet, das den „gemeinsamen“ Unterricht fördert, an dem auch zwei andere örtliche Grundschulen, Cregagh und Lisnasharragh, teilnehmen. Die Schüler von St. Bernard’s sind überwiegend katholisch, und die der anderen beiden Schulen sind in der Mehrzahl protestantisch.

Für eine bestimmte Anzahl von Tagen pro Halbjahr werden die Klassen P4 bis P7 – mit Kindern im Alter von etwa sieben bis elf Jahren – gemischt. Das spezielle Thema, auf das sich die Schulen für diese Unterrichtsstunden geeinigt haben, ist Informations- und Kommunikationstechnologie, die alles von der Programmierung und Konstruktion einer Drohne bis hin zum Schreiben von Skripts und der digitalen Animation eines Stücks umfassen kann.

In jedem Klassenzimmer gibt es eine Mischung aus roten und blauen Pullovern; kleine Köpfe beugen sich fleißig über iPads, während die Kinder an Bildern nordirischer Wahrzeichen arbeiten, wie den sechseckigen Felsen des Giant’s Causeway und Samson und Goliath, den riesigen gelben Portalkränen der Harland-and-Wolff-Werft, die über die komplizierte Stadt ragen.

Derzeit gibt es sechzigtausend Kinder und Jugendliche, die in sechshundert Schulen in ganz Nordirland an „gemeinsamen“ Unterrichtsangeboten teilnehmen. Da diese Vermischung von katholischen und protestantischen Kindern in erster Linie auf gemeinsamem Unterricht und Aktivitäten basiert, hat sie nicht die unbeholfene Verklemmtheit einiger „integrierter“ Initiativen der Vergangenheit.

Paul Smyth, ein Jugendarbeiter seit Anfang der 1980er Jahre, erinnert sich an zahlreiche Projekte, die von „peinlich“ bis „wirklich ganz gut“ reichten. In seiner frühen Arbeit mit der Organisation Peace People nahmen sie konfessionell gemischte Gruppen mit nach Norwegen und führten „einige wirklich bedeutungsvolle Gespräche“. Aber er erinnert sich auch daran, wie perplex die katholischen Töchter eines Freundes waren, als eines Tages groteskerweise protestantische Schüler in die Aula ihrer Schule geführt wurden und dort gegenüber den katholischen Schülern saßen, danach wurden irische Tänze auf der Bühne aufgeführt und jemand las ein Gedicht vor. Die beiden Gruppen mischten sich eigentlich nie.

Er lacht, als er sich an eine der jüngsten Episoden der erfolgreichen, im Nordirland der 1990er Jahre spielenden Fernsehkomödie Derry Girls erinnert, die eine dieser alten Versöhnungsübungen parodiert. In der Sendung versucht ein attraktiver junger Priester, die Schülerinnen einer katholischen Klosterschule und einige zu Besuch gekommene protestantische Jungen während eines Wochenendkurses in einer fürchterlich unnatürlichen Diskussion über ihre Gemeinsamkeiten anzuleiten. Aber den Teenagern – mit Friedensslogans auf ihren T-Shirts – fallen nur Unterschiede ein, und schon bald ist die Tafel voll mit ihren Beispielen: „Katholiken beten Statuen an.“ „Protestanten hassen ABBA.“ „Katholische Soße besteht nur aus Maggi.“ „Protestanten lieben Suppe.“

Nur 7 Prozent der nordirischen Schüler gehen in Schulen, die offiziell integrativ sind.

Diese Episode war nicht nur in Nordirland ein großer Erfolg. Die irische Schriftstellerin Marian Keyes gab sich scherzhaft empört über „die Verunglimpfung der katholischen Soße“. Protestantische ABBA-Fans gaben sich betroffen, darunter auch ein Flötenensemble aus Banbridge, das einen Facebook-Post veröffentlichte, in dem zwei der Mitglieder öffentlich als „Fans der schwedischen Gesangssensationen“ bezeichnet wurden. Die Autorin der Serie, Lisa McGee, die aus einem katholischen Derry-Hintergrund stammt, stellte klar, dass die Aussage über ABBA nicht ihre persönliche Meinung sei, sondern die eines Charakters, der ständig überdrehten Orla McCool.

Es war eine Erinnerung daran, dass – wenn es die Umstände erlauben – beide konfessionellen Gruppen eines gemeinsam haben: Sie lachen gerne. Es gibt ein besonderes, typisches Element bei Gesprächen in Belfast, ein schnelles Spotten – das ist eine der Sachen, die ich vermisse, wenn ich nicht zu Hause bin.

Wenn die protestantischen Kinder zu Besuch in die St. Bernard-Schule kommen, gehen sie an einem großen Bild von Papst Franziskus vorbei, das sich direkt hinter der Eingangstür befindet. Vielleicht kam es ihnen am Anfang seltsam vor, jetzt scheinen sie es ganz normal zu finden. Ich frage, ob sie die Schule überhaupt anders fanden, als sie zum ersten Mal ankamen und ein Mädchen meint: „Ich habe mich immer verlaufen!“

Religion steht in den Köpfen dieser Kinder nicht an erster Stelle. Sie nicken, wenn Moyna sie fragt, ob sie wissen, dass ihre Schulen hauptsächlich in katholisch und protestantisch aufgeteilt sind, ebenso wie die Mehrheit der Schulen in Nordirland. Es ist das Erbe eines Systems, bei dem die katholische Kirche ihre eigenen, wenn auch mit staatlichen Mitteln finanzierten Schulen betreibt und die Lehrer selbst ausbildet. Daneben gibt es die „kontrollierten“ staatlich finanzierten Schulen, die Schülern aller Religionen ebenso wie Atheisten offen stehen und in der Praxis zu zwei Dritteln protestantisch sind. Während die Sekundarstufe oft mehr gemischt ist, besuchen nur 7 Prozent der nordirischen Schüler Schulen, die offiziell integrativ sind.

James Moyna gibt eine „gemeinsame“ Unterrichtsstunde, in der katholische und protestantische Kinder aus drei der örtlichen Grundschulen gemischt sind

James Moyna gibt eine „gemeinsame“ Unterrichtsstunde, in der katholische und protestantische Kinder aus drei der örtlichen Grundschulen gemischt sind.

Paul Close, der Projektkoordinator für gemeinsame Bildungsangebote, sagt, dass es nicht nur darum geht, Kinder, sondern auch Lehrer unterschiedlicher Herkunft zusammenzubringen. Er selbst hatte wenig Kontakt zu Protestanten seines Alters, bis er eine Universität in London besuchte und „bei zwei Jungen aus Larne“ lebte. „Wir haben oft darüber gesprochen, dass wir uns wahrscheinlich nie getroffen hätten“ – in ihrer gemeinsamen Heimat.

Wenn nicht aktiv daran gearbeitet worden wäre, diese Kinder zusammenzubringen, hätten auch ihre Lebenswege sich wahrscheinlich nie gekreuzt. Diese Kinder werden nicht nur hauptsächlich in separaten Grundschulen unterrichtet, sondern neigen auch dazu, in Straßen in unmittelbarer Nähe von Schule und Zuhause zu bleiben, und protestantische und katholische Gebiete sind durch allgemein bekannte Grenzen voneinander getrennt.

Moyna sagt über die Kinder der St. Bernard-Schule: „Unsere Kinder sind nie die Cregagh Road hinaufgegangen. Und die Cregagh-Kinder hätten nicht gewusst, wo St. Bernard’s ist, denn dort würden sie niemals spielen oder herumlaufen.“

„Würdet ihr jetzt Hallo sagen, wenn ihr euch außerhalb der Schule sehen würdet?“, fragt Moyna seine Klasse.

„Ja“, antworten alle.

Ein Junge aus Cregagh erzählt mir: „Ich spiele Fußball mit Jungen aus Lisnasharragh“ – der anderen protestantischen Grundschule. Aber dann fügt er hinzu: „Ich habe viele katholische Freunde.“

David Heggarty, der Rektor von Cregagh, ist selbst ein ehemaliger Schüler. Erst als er ein Teenager war, als die nordirische Polizei eine konfessionsübergreifende Wanderung organisierte, begegnete er Katholiken in seinem eigenen Alter. Ihm und Philip Monks, dem Rektor von Lisnasharragh, gefällt, wie das Projekt die Fähigkeiten und Ressourcen aller drei Schulen miteinander verbindet. Auch die Eltern sehen das positiv. Untersuchungen deuten auf einen „positiven Einstellungswandel“ bei den beteiligten Jugendlichen hin.

„Wir sind Nachbarn“, sagt Heggarty. „Wir haben die Hoffnung, dass die Kinder sich in der Arztpraxis oder im Freizeitzentrum begegnen und Hallo sagen. Die kleinen Freundschaften, die entstanden sind, haben schon eine gewisse Tiefe.“

Heggarty stellt auch fest, dass das protestantische Viertel Cregagh in letzter Zeit die Heimat einer Reihe katholischer Einwanderer aus Osteuropa geworden ist. Im modernen Belfast sorgt die – überwiegend polnische – Einwanderung für eine sanfte Komplizierung der historischen katholisch-protestantischen und irisch-britischen religiösen und kulturellen Unterschiede.

Ein Wandbild der loyalistischen paramilitärischen Ulster Volunteer Force an der Newtownards Road, Ost-Belfast

Ein Wandbild der loyalistischen paramilitärischen Ulster Volunteer Force an der Newtownards Road, Ost-Belfast

Ich trug auch eine Karte in mir umher. Ich bin in Belfast geboren, aber als ich sechs Jahre alt war, zog meine Familie in einen grünen Vorort. Wir hatten ein freistehendes Haus mit einem großen Garten, und die umliegenden Straßen waren ruhig. Ich hatte Glück, dort zu wohnen.

Dennoch gab es Unbehagen. Mein Vater war Rechtsanwalt, der Anfang der 1980er Jahre für die Unionisten in die Politik ging. Die IRA hatte ein sehr breites Spektrum von „legitimen Zielen“, ein Ausdruck, mit dem sie regelmäßig jeden beschrieb, der ihr tötenswert erschien. Zu dieser Kategorie gehörten auch unionistische Politiker, von denen einer, ein junger Rechtsdozent namens Edgar Graham, an der Queen’s University, gegenüber meiner Schule, erschossen wurde.

Ich begann, mir die Ausdrücke zu merken, die verwendet wurden, um das Töten zu rechtfertigen. Die loyalistischen Paramilitärs waren offener sektiererisch und machten klar, dass sie zwar lieber irische Republikaner töten würden, aber jeder Katholik ein potenzielles Ziel sei. Sie argumentierten, dass durch die Terrorisierung der gesamten katholischen Bevölkerung Druck durch nationalistischen Kräfte auf die IRA entstehen würde, ihre Kampagne einzustellen. Die Theorie war strategisch so falsch, wie sie moralisch abscheulich war.

Die IRA und die Irish National Liberation Army zogen es vor, zu argumentieren, dass ihre Morde politisch und nicht sektiererisch seien, aber in Wirklichkeit schien „politisch“ zu bedeuten, dass sie töten konnten, wen sie wollten. Und zahlreiche Gräueltaten der IRA waren offen sektiererisch – darunter das 1976er Kingsmill-Massaker, bei dem bewaffnete Männer elf protestantische Arbeiter aus einem Kleinbus herausholten und erschossen, und der Bombenanschlag in der Shankill Road von 1993, der Protestanten tötete, die Schlange standen, um Fisch zu kaufen. In der Nähe der irischen Grenze gab es eine lange und unerbittliche IRA-Kampagne, um Protestanten aus Bauernhöfen und Dörfern an der Grenze zu vertreiben und Familien zur Umsiedelung in die nächstliegenden Städte zu zwingen.

Sowohl republikanische als auch loyalistische Paramilitärs bezeichneten sich als „Verteidiger“ ihrer Bevölkerungsgruppen. Um als „Verteidiger“ glaubwürdig zu sein, braucht man einen „Angreifer“. Auf seltsame Weise brauchte eine Gruppe die andere, um zu überleben.

Ich begann, mir die Ausdrücke zu merken, die verwendet wurden, um das Töten zu rechtfertigen.

Meine Karte enthielt kein Misstrauen gegen Katholiken im Allgemeinen: Wir hatten katholische Verwandte und Freunde. Aber sie enthielt ein tiefes Unbehagen gegenüber irischen Republikanern – nicht weil sie ein vereintes Irland wollten, sondern weil sie diejenigen töten wollten, die anders dachten. Republikanische Hochburgen in Belfast, wie die Falls Road, empfand ich dementsprechend als No-Go-Zone.

Es war nicht so, dass ich dachte, dass es dort keine guten Menschen gibt, die gegen sektiererische Gewalt sind. Es war nur so, dass, wenn man zufällig jemandem begegnete, der für Gewalt war und für den dein besonderer Hintergrund interessant war, es im Allgemeinen nicht viel gab, was die gewaltfreien Menschen dagegen tun konnten.

Als der Waffenstillstand vereinbart wurde, war ich Anfang zwanzig und lebte in London, wo ich als Journalistin arbeitete. Von 1995 an wurde ich häufig nach Belfast zurückgeschickt, um über Ereignisse zu berichten.

Die Zeiten hatten sich geändert. Ich ging zum ersten Mal zur Falls Road. Ich berichtete über die allererste Sinn-Féin-Veranstaltung, die je in der Ulster Hall von Belfast stattfand – ein symbolisches Ereignis an einem Ort, an dem Unionisten sich im Widerstand gegen die Home Rule versammelt hatten.

Gerry Kelly, ein ehemaliger IRA-Attentäter und Hungerstreikender, der sich zum Sinn-Féin-Politiker gewandelt hatte, bekam donnernden Applaus. Es gab eine beeindruckende Vorführung irischer Tänze von einer Gruppe junger Mädchen, die von den Parteivorsitzenden Gerry Adams und Martin McGuinness von der Bühne herab wohlwollend aufgenommen wurde. Ich konnte die gemeinsame Aufregung spüren, die starke Anziehungskraft der Zugehörigkeit. Diese Aufregung schloss mich jedoch nicht ein. Obwohl ich zusammen mit anderen Reportern dort war, fühlte ich mich nervös. Ich habe kein Geld in die Sammelbox gesteckt, die mit Nachdruck herumgereicht wurde. Ich hoffte, dass es niemand merken würde.

Reporter, die von anderswoher kamen, konnten die Geschichte Nordirlands als das faszinierende, wenn auch deprimierende, Ringen zweier politischer Stämme betrachten. Aber wir aus Nordirland trugen unsere persönliche Geschichte bei solchen Reportagen mit uns. Der Guardian-Reporter Henry McDonald, ein Katholik aus Belfast, hatte als Kind knapp eine UVF-Bombe überlebt, die direkt vor seinem Haus versteckt worden war. McDonald beschrieb kürzlich, wie er 1993, einem der brisantesten Jahre, „voller Angst“ zu einem Interview mit der UVF-Führung gereist war. Um das Eis zu brechen, erzählte er ihnen die Geschichte mit der Bombe, und einer antwortete kichernd: „Tut mir leid, Sohn. Das war nichts Persönliches.“

Doch das Leid, das solche Gruppen verursacht haben, hätte persönlicher nicht sein können. Jeder neue Anschlag hinterließ ein Vermächtnis von Schmerz und Wut.

Das Karfreitagsabkommen von 1998 hat die Gewalt offiziell beendet. Viele hofften, dass mit dem Waffenstillstand die Spannungen zwischen den Menschen von sich aus heilen würden. Die internationalen Medien zogen weiter. Und doch scheint diese Heilung in Nordirland über zwanzig Jahre später noch nicht stattgefunden zu haben.

Auf eine Weise hat sich Belfast verändert. Das Stadtzentrum ist vollgepackt mit neuen Boutiquen und Cafés. Das Cathedral Quarter ist voller Restaurants und Lichterketten, und das schlanke Europa-Hotel ist nicht mehr das Hotel mit den meisten Bombenanschlägen in Europa.

Drahtkäfige schützen die Häuser noch immer vor möglichen Angriffen.

Aber die Politik ist nach wie vor in Lager gespalten, noch mehr als in der Zeit, wo die Gewalt am schlimmsten war. Es gibt keine politische Mitte mehr, und die Macht ist bei Parteien konzentriert, die früher die politischen Extreme waren. Wähler haben Angst davor, moderat zu wählen, damit ihre Gruppe nicht von der Gegenseite überrannt wird. Die mühsam ausgehandelte Regierungskoalition brach im Januar 2017 auseinander, und seitdem hat es keine Regierungssitzungen mehr gegeben.

Während das Parlament leer stand, waren die Straßen voll. Die Paramilitärs, darunter „abtrünnige“ Republikaner wie die New IRA und die loyalistischen UVF und UDA, haben die Kontrolle in ihren Gebieten gefestigt. Sie sind sowohl in den Bereichen Kriminalität und Drogenhandel als auch in der Politik aktiv. Beide Seiten haben mit verdeckten oder offenen Gewaltandrohungen in Verhandlungen über Aspekte des Brexits öffentlich ihre Muskeln spielen lassen. Es gibt regelmäßig Schießereien und andere Gewalttaten durch Paramilitärs beider Seiten, aber die Verurteilungsrate ist gering – Zeugen zögern verständlicherweise, vor Gericht auszusagen.

Entgegen der Hoffnung, dass eine jüngere Generation sich entschieden von der Grausamkeit der Vergangenheit distanzieren würde, gibt es eine Minderheit, die sie begeistert fortsetzt. Für einige, die sich nicht ganz an die Realität erinnern, ist sie bereits „radikal schick“ geworden. Nostalgische Sichtweisen des Konflikts, gespeist von uneinsichtigen paramilitärischen Gedenkfeiern, tragen dazu bei, dass es immer neue Opfer gibt: Als die aufstrebende junge Journalistin Lyra McKee bei einem Aufstand in Derry im April letzten Jahres durch eine Kugel der New IRA getötet wurde, fühlte es sich an, als ob das Schlimmste des alten Nordirlands aufgewacht wäre, um die Besten des neuen zu zerstören – und doch waren die meisten der Unruhestifter jünger als McKee.

In West- und Nord-Belfast sind Einflussgebiete durch sogenannte „Friedensmauern“ stark voneinander abgegrenzt. Seit 1998 gibt es immer mehr solcher Tore, Zäune und Barrieren. Allein in Belfast gibt es inzwischen 97 solcher Mini-Grenzen, die Bewohner von bestimmten Vierteln voreinander „schützen“. Nachts werden bestimmte Tore, die tagsüber geöffnet sind, verschlossen, wenn die Stadt ihre kleinen Bezirke abriegelt.

Eine Luftaufnahme einer der „Friedensmauern“, die protestantische und katholische Viertel in Belfast voneinander trennt.

Eine Luftaufnahme einer der „Friedensmauern“, die protestantische und katholische Viertel in Belfast voneinander trennt. Viele der Tore sind tagsüber geöffnet, um Zugang zu ermöglichen, und werden nachts verschlossen.

Zurück in Belfast mache ich eine kleine Tour mit James Moyna um die Friedensmauern herum. Auf dem Weg dorthin besuchen wir das Shankill-Viertel und die Falls Road. In der Nähe der Gegend, wo Moyna aufwuchs, schützen Drahtkäfige die Häuser noch immer vor möglichen Angriffen.

Die „Troubles Tour“, eine Besichtigung der Stätten und Zeugnisse von Gewalttaten, hat sich in dieser Gegend zu einem florierenden Geschäft entwickelt: Belfast demonstriert Touristen seine Misstände. Die Wandmalereien sind eine Form der Werbung, Teil des ausgedehnten Ringens darum, wer die offizielle Version der Geschichte erzählt. Republikanische Wandmalereien wurden allmählich verändert, weg von unverhohlen gewalttätigen Darstellungen, und an ihre Stelle traten solche, die die IRA-Kampagne als natürlichen Verbündeten bestimmter Auseinandersetzungen in aller Welt wie in Palästina, Kuba und Katalonien oder auch den Kampf in Südafrika gegen die Apartheid darstellen. Auf loyalistischen Mauern dominieren dagegen brutale Darstellungen von Bewaffneten mit Sturmhauben, obwohl es auch historische und kulturelle Wandmalereien und ein Bild der Queen gibt.

Jedes Jahr entzünden die Loyalisten in Belfast am Vorabend ihrer Gedenkfeier am 12. Juli riesige Freudenfeuer, um den Sieg der Streitkräfte des protestantischen Königs Wilhelm von Oranien über die des katholischen Königs James II. im Jahr 1690 zu feiern. Seit 1998 sind diese Konstruktionen stetig größer geworden. Jede einzelne ist aufwendig und in gewaltige Höhen gebaut – traurige Überreste des Ingenieurstalentes, das die Vorfahren der heutigen Baumeister einst in den Belfaster Werften einsetzten. Doch diese Gebilde segeln nicht in den Rest der Welt. Sie sind mit Bildnissen von Gegnern des Loyalismus geschmückt und verbrennen zu Asche.

Belfast selbst brennt nicht. Es schwelt.

Es gibt aber noch eine andere Geschichte in Nordirland, eine, die zu selten erzählt wird. Sie wird von all den Menschen gelebt, die beharrlich versucht haben – und immer noch versuchen –, bessere Karten zu zeichnen.

Eine der tragischsten Gewalttaten ereignete sich 1998, als die Loyalist Volunteer Force, eine Splittergruppe, die nicht am Waffenstillstand teilnahm, zwei Männer im Dorf Poyntzpass im County Armagh erschoss. Die beiden hatten ein Bier in der Railway Bar getrunken, und ihre Mörder nahmen an, dass beide katholisch seien. Aber Philip Allen war Protestant. Er hatte seinen katholischen Freund Damien Trainor gebeten, bei seiner Hochzeit Trauzeuge zu sein.

Freundschaft bedeutete eine andere, stärkere Art des Gebens.

Das Entsetzen über diese Morde ging um die ganze Welt. Aber vielleicht sollten wir länger über ihre tiefe Freundschaft nachdenken, und über so viele andere Freundschaften, die sich still und leise der repressiven Logik der Gewalt widersetzten. Die Sprache des Konflikts konzentrierte sich auf das Nehmen: Paramilitärs nahmen Waffen, übernahmen die Kontrolle über Gebiete und nahmen dann Leben. Für ihre Mitglieder bedeutete Geben, nachzugeben und aufzugeben.

Doch Freundschaft bedeutete eine andere, stärkere Art des Gebens. Freundschaft änderte Moynas Sichtweise von der eines Kindes, das Protestanten hasste – und hielt ihn von dem gefährlichen Weg ab, auf den solche Gefühle ihn in Belfast in einer Ära der Gewalt hätten führen können. Er denkt oft an die verschiedenen Erwachsenen, die ihm Chancen boten, ohne zu wissen, ob sie je fruchten würden – die Familie Heinz, die ein seltsames Kind aus einer belagerten Stadt willkommen hieß, und die örtlichen Lehrer und Musiker beider Konfessionen, die sein musikalisches Talent förderten und einen Rahmen boten, in dem es reifen konnte.

„Diese Menschen waren meine Schutzengel“, sagt Moyna. „Menschen, die gaben.“

Von Jenny McCartney, author Jenny McCartney

Jenny McCartney ist eine in Belfast geborene Journalistin und Autorin, die in London lebt. Ihr jüngster Roman, The Ghost Factory, wurde im März 2019 veröffentlicht.

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