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Die Geschichte eines Stadtviertels von Medellín und seiner Rolltreppen

von Adriano Cirino

March 5, 2020

Verfügbare Sprachen: English

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Einst wurde es von bewaffneten Gruppen kontrolliert, die es mit dem Gesetz nicht so genau nahmen. Dann wurde es in der größten städtischen Militäroperation der Geschichte Kolumbiens von der Armee belagert. Heute ist Las Independencias, ein Viertel von vierzehntausend Einwohnern in der Comuna 13, dem „dreizehnten Stadtviertel“ der Stadt Medellín, eine Art Open-Air-Graffiti-Kunstgalerie, die über ein System von Freiluftrolltreppen zugänglich ist – den einzigen, die jemals in einem Slum gebaut wurden.

Alter Mann, der aus einem Fenster in einer bunten Wand schaut

Foto mit Genehmigung von Jean-Christophe Huet verwendet

Graffiti-Künstler sind in diesem Viertel angesehene Persönlichkeiten. John Alexander Serna, bekannt als „Chota“, ist hier eine Berühmtheit. An einem Februarmorgen tritt er aus der Café-Galerie Graffilandia, die unter seinem Haus zwischen der dritten und vierten Ebene des Rolltreppensystems gebaut wurde. Er wird sofort vor seinem Wandbild Operación Orión von einem der lokalen Fremdenführer angesprochen, der eine Gruppe von Touristen auf einer „Graffitour“ durch die Nachbarschaft begleitet.

„Wir haben heute Glück!“, ruft der Fremdenführer. „Chota ist einer der einflussreichsten Künstler der Comuna 13.“

Die Gringos bitten ihn um Selfies. Er gesteht ihnen einige Augenblicke zu, eilt dann durch die Menge in Richtung Rolltreppen und fährt den steilen Hang hinunter. Unten wartet eine andere Gruppe von Touristen darauf, ihm beim Malen eines Live-Gemäldes zuzusehen.

„Meine Arbeit blieb früher unbeachtet“, sagt er. „Jetzt, wo wir Rolltreppen haben, werden wir allmählich bekannt. Sie schaffen den Zugang zum Viertel und machen es den Menschen von hier möglich, ihre Arbeit ausländischen Besuchern zu zeigen.“

Das Erste, was man auf Chotas Wandbild sieht, ist das Gesicht einer Frau. Sie vergießt eine Träne, aus der grüne Triebe erwachsen. Neben ihr wirft eine Hand ein paar Würfel auf einige Häuser, die für dieses Viertel typisch sind. Auf dem ersten Würfel steht „Com. 13“; auf dem zweiten „16.10.2002“.

Operación Orión wurde von dem produktivsten Künstler der Comuna 13, John Alexander Serna, gemalt, der auch als Chota bekannt ist.

Operación Orión wurde von dem produktivsten Künstler der Comuna 13, John Alexander Serna, gemalt, der auch als Chota bekannt ist.
Foto von Andrea

Am 16. Oktober 2002 befahl der damalige Präsident Kolumbiens, Álvaro Uribe, der nationalen Armee, die Comuna 13 auf Ersuchen des Bürgermeisters von Medellín zu erobern: eine gewaltsame Intervention, die sich über Jahrzehnte angebahnt hatte.

Das geografisch wenig attraktiv gelegene Gebiet, ein sehr steiler Hügel, der vom Rest der Stadt abgeschnitten war, erlebte Ende der 1970er Jahre, dass illegale Siedlungen wie Pilze aus dem Boden schossen. Es verfügte über keinerlei Versorgungseinrichtungen, und weil es keinen offiziellen Status hatte, kümmerte sich die Polizei nicht darum. In den nächsten vierzig Jahren wuchs die Bevölkerung auf mehr als einhundertdreißigtausend Menschen an. In den 80er und frühen 90er Jahren war die Comuna 13 ein umkämpftes Gebiet, das hauptsächlich von Pablo Escobars Kokain-Kartell sowie von rechtsextremen paramilitärischen Gruppen, wie Tod den Entführern (Muerte a Secuestradores, MAS) kontrolliert wurde. Die Geschichte des Distriktes besteht aus einer verwirrenden Mischung von Allianzen und Gegensätzen; MAS wurde gegründet, um Mitglieder des Kartells und lokale Grundbesitzer vor den marxistischen aufständischen Gruppen zu schützen. Diese entführten Grundbesitzer, um Lösegeld zu erpressen, und verteilten ihr Land an Bauern weiter.

Nach Escobars Tod schlug das Machtpendel zugunsten der Aufständischen aus, d. h., der nationalen Befreiungsarmee (ELN), der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) und des Volkswehrkommandos (CAP). Zur Jahrtausendwende war schon eine ganze Generation vergangen, als der Staat tatsächlich selbst die Regierungsgewalt in dieser Gegend übernahm.

Die Guerillas und Banden kämpften ununterbrochen um die Menschen, das Land und die San Juan Avenue. Die Straße, die durch die Comuna 13 führt, stellt den Zugang der Stadt zur karibischen Küste und damit zum Schmuggel dar, der durch einen Hafen ermöglicht wird. Wer die Comuna kontrolliert, kontrolliert den Drogenhandel.

Während dieser Zeit lebte die Comuna mit Schießereien und verirrten Kugeln, Morden und Bombenanschlägen, mit dem Verschwinden oder der Erpressung von Menschen und der Anwerbung von Minderjährigen, die in diesen anhaltenden Konflikten als Fußsoldaten dienen sollten. Und sie starb auch daran: In den 1990er Jahren war Medellín als die Stadt mit der weltweit höchsten Mordrate bekannt. Die Gewalt erreichte 2000 einen Höhepunkt, als auch rechtsgerichtete paramilitärische Gruppen der Vereinten Selbstverteidigungsstreitkräfte Kolumbiens (AUC) in den Konflikt eingriffen. Das Ausmaß der Gefechte der unterschiedlichen Gruppen war beispiellos. Das Morden konzentrierte sich hauptsächlich auf die Comuna 13, wo man bis zum Jahr 2002 357 Tötungsdelikte pro 100.000 Menschen verzeichnete.

Und dann begann der Staat die Operation Orion. Der Einsatz umfasste fast fünfzehnhundert Uniformierte: Mitglieder der vierten Brigade der Nationalarmee, der Polizei und der Spezialeinheiten für Terrorismusbekämpfung sowie andere Organe. Ihr Ziel: Die völlige Auslöschung der ELN-, FARC- und CAP-Milizen. Die riesige Streitmacht umzingelte den Hügel und griff in einer koordinierten Aktion mit den paramilitärischen Einheiten der AUC im Morgengrauen an. Die Schlacht dauerte vierzig Stunden und betraf sechs Viertel, darunter Las Independencias. Offizielle Statistiken zählen nur wenige Todesfälle, aber das Centro Nacional de Memoria Histórica, eine 2011 von der Regierung gegründete öffentliche Einrichtung, schätzt, dass mehr als siebzig Menschen getötet wurden und dreihundert verschwunden sind. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Regierungstruppen während der Operation Orion eine Reihe von Menschenrechtsverletzungen begingen: Folter, illegale Haft, Entführung.

Die Opfer des Konflikts fordern noch immer Aufklärung und Gerechtigkeit für das vom Staat begangene Unrecht. Immer noch gehen über die Operation Orion die Meinungen auseinander: Die Milizen wurden eliminiert und die Comuna 13 wurde zurückerobert, aber zu welchem Preis? Einige glauben, dass der Zweck nicht die Mittel heilige. Andere betrachten die Operation als bittere, aber notwendige Medizin, eine letzte Möglichkeit, die dem Viertel letztendlich Befreiung brachte. Nicht bestritten wird jedoch, dass diese beiden Tage eine Schlüsselrolle spielten. In Comuna 13 spricht man von einer Zeit vor der Operation Orion und einer Zeit danach.

Nachmittags gibt es Eis am Stiel für die Jungs

Nachmittags gibt es Eis am Stiel für die Jungs
Foto von Jeffrey Kaphan mit Genehmigung verwendet

Während Chota sein Gemälde für die Touristen am Fuße des Hügels malt, applaudiert oben, wo sich die letzte Rolltreppe mit dem Media Ladera Viaduct (einem Gehweg) und Balcón de la 13 (einem Aussichtspunkt) verbindet, eine andere Gruppe der Aufführung junger Breakdancer. Weiter hinten bietet ein Händler Souvenirs feil: „Hier gibt es T-Shirts, Mützen, verschiedene Modelle, kommt und seht euch das an!“

Es ist Víctor Mosquera, ein Geschäftsmann, Rapper und Graffiti-Künstler, der wie Chota in Las Independencias geboren und aufgewachsen ist. Vor zwei Jahren richtete er einen Stand auf dem Viadukt ein und verkaufte tropische Früchte an die immer zahlreicher werdenden Touristen. Seitdem hat sich sein Angebot verändert: „Alle T-Shirts sind individuell bedruckt“, prahlt er. „Und ich entwerfe sie.“ Er ist eines der Opfer der Operation Orion: Mit fünfzehn wurde er von einer verirrten Kugel getroffen. Er erinnert sich an stundenlange Qualen, als er mit seiner Familie unter dem Bett versteckt und mit der Kugel in seinem Arm darauf wartete, dass die Schüsse aufhörten, bis er das Haus verlassen und in ein Krankenhaus gelangen konnte.

„Dieser Krieg hat uns dazu gedrängt, unsere Geschichte aufzuschreiben, zu malen und zu singen“, berichtet er. „Nach dieser Kugel wusste ich, wie wertvoll mein Leben ist.“

Die Guerillas wurden vertrieben – aber für zwei weitere Jahre bildeten die rechten paramilitärischen Einheiten, die der Regierung bei der Durchführung der Operation Orion geholfen hatten, praktisch die Regierung in Comuna 13. Sie verurteilten diejenigen, die sie für ihre Feinde hielten, richteten sie hin oder ließen sie „verschwinden“. 2003 ergaben diese Gruppen sich und verhandelten über Amnestieabkommen; seitdem hat der Staat das Sagen.

Das ist die offizielle Version; doch es gibt Beweise dafür, dass eine paramilitärisch-kriminelle Gruppe unter der Leitung von Escobars Nachfolger Don Berna die Stadt jahrelang unter Kontrolle hatte. Die Banden sind noch immer sehr mächtig. 2011 und 2012 ermordeten Banden, um ihre Macht aufrecht zu erhalten, ein Dutzend Rapper aus der Comuna 13, die sich gegen sie ausgesprochen hatten. Dennoch ist das Ausmaß der Gewalt drastisch gesunken: Die Zahl der Morddelikte in Medellín sank zwischen 1991 und 2014 insgesamt um 80 Prozent. Die Stadt hat schließlich begonnen, in das Gebiet zu investieren, um abzuzahlen, was Sergio Fajardo, Bürgermeister von 2004 bis 2007, die durch jahrelange Vernachlässigung entstandene „historische Schuld“ gegenüber den Armen von Comuna 13 nannte. Während Fajardos Amtszeit wurde eine Reihe neuer städtebaulicher Entwicklungsprojekte durchgeführt.

Die Pilotprojekte fanden in den Comunas 1 und 2 statt. Ihr Ziel bestand darin, eine Infrastruktur aufzubauen, die sich an den Prinzipien des sozialen Städtebaus orientierte. D. h. an der Idee, dass man durch städtische Investitionen in die am meisten abgeschnittenen und chaotischen Stadtviertel versuchen sollte, diese in die übrige Stadt zu integrieren, indem man ihnen den Zugang zum Stadtzentrum sowie bessere Beleuchtung und andere Unterstützung zukommen ließ.

Zu den 2007 abgeschlossenen Projekten für die Comunas 1 und 2 gehörte die Verbreiterung und Verbesserung der Straßen, der Bau öffentlicher Schulen und Parks sowie die Installation einer Seilbahn. 2006 übernahm der Bauingenieur und damalige Geschäftsführer der Projekte, César Augusto Hernández, die Leitung der Comuna-13-Initiative und machte seine ersten Besuche im Viertel.

Viele, mit denen er sprach, waren sich einig darüber, worin das unmittelbare Problem bestand: Müll. Da es kein verlässliches Entsorgungssystem gab, lag überall Müll herum. Hernández entwarf einen aufwändigen Plan mit Seilzügen, Schlitten und Kanälen, um den Müll ins Tal zu transportieren. „Nachdem ein Abfallsystem entworfen war“, heißt es in einem Dokument des Unternehmens, „hatten wir auch den Gedanken, etwas zu entwerfen, womit die Menschen die Hügelseite hinauf und hinunter gehen können“.

Viele der Einwohner der Comuna 13 lebten nur auf Straßen in ihrer unmittelbaren Umgebung, weil sie die steilen Hänge dieser Gegend nicht bewältigen konnten. Besonders betroffen waren schwangere Frauen, ältere Menschen und alle anderen mit eingeschränkter Mobilität, aber auch die Fitteren und Jüngeren hatten große Mühe, jeden Tag den Aufstieg durch das Wirrwarr der Häuser am Hang zu bewältigen. Außerdem waren die Bewohner von der übrigen Stadt und deren Arbeitsmöglichkeiten und öffentlichen Dienstleistungen abgeschnitten. Diejenigen, die ganz oben auf dem Hügel lebten und Arbeitsplätze in der Innenstadt hatten, mussten am Ende eines jeden Tages achtundzwanzig Stockwerke über schlecht in Stand gehaltene Treppen steigen.

Hernández brachte angesichts dieses Szenarios eine zunächst lächerlich klingende Idee in die Diskussion: Warum nicht Rolltreppen am Hang installieren?

2008 ließ sich der neu gewählte Bürgermeister Alonso Salazar von den Argumenten des Ingenieurs überzeugen. „Ich habe ihm eine Karte der Stadt gezeigt“, erinnerte sich Hernández in einem Interview, „und die Lage der Rolltreppen, die den Ghettos Freiheit bringen sollten. Ich sagte ihm, jeder Bürgermeister könne Schulen, Krankenhäuser oder Parks bauen, er aber könne etwas völlig Neues tun: Das soziale Gefüge wiederherstellen … den Menschen ein Projekt geben, das sie dazu bringt, etwas zu spüren, was sie vielleicht noch nie zuvor gespürt haben, nämlich Stolz.“

Der Steilhang, auf dem die Comuna 13 liegt, ist heute durch ein System von Rolltreppen zugänglich.

Der Steilhang, auf dem die Comuna 13 liegt, ist heute durch ein System von Rolltreppen zugänglich.
Foto von Tom Klein / Flickr

2010 schrieb der Bürgermeister die Installation der Rolltreppe öffentlich aus. Begleitet von Lokalpolitikern wagten sich Teams von Topografen, Bauingenieuren und Architekten in das Gebiet, um die Lage zu erkunden. Sie erarbeiteten einen Plan: Das System sollte in Las Independencias installiert und an andere Infrastrukturen angeschlossen werden; so an die Durchgangsstraße Carrera 109, den Reversadero, Balcón de la 13 und den Media Ladera Viadukt. Zusammengenommen ermöglichen sie den Einwohnern den Zugang zum Viertel.

„Vor allem ging es bei dem Projekt um Mobilität“, erklärt der Architekt Juan Carlos Ayure. „Niemand hätte je gedacht, dass es eine Touristenattraktion werden würde.“ Er hatte damals für eine private Baufirma gearbeitet, die mit dem Landschaftsbau und der Installation der Rolltreppen beauftragt worden war. Aber bevor mit dem Bau begonnen wurde, ging es darum, die Unterstützung der Bewohner zu gewinnen. Mehr als dreißig Häuser mussten gekauft und abgerissen werden, um den Weg frei zu machen.

Die Stadt führte eine Aufklärungskampagne durch: Eine Reihe von großen Treffen und örtlichen Versammlungen, bei denen die Bewohner auf die Vorteile und potenziellen Risiken der neuen Technologie aufmerksam gemacht werden sollten. Viele Bewohner der Wohngegend lebten so isoliert, dass sie nicht einmal wussten, was eine Rolltreppe war.

„Wie könnten wir diesen Leuten mit wenig Geld und keinem Luxus, Menschen aus einer sehr niedrigen sozialen Schicht, erklären, dass es so etwas wie elektrische Treppen gibt? Wie würden wir sie davon überzeugen können, dass wir sie installieren dürfen?“, fragt Ayure. „Wir brachten sie an Orte wie Einkaufszentren, um ihnen zu zeigen, dass sie keine Angst haben müssen, von den Rolltreppen gebissen oder verschlungen zu werden oder auf ihnen zu stürzen.“ Diese Kampagnen entsprangen der Überzeugung, die dem sozialen Städtebau der Stadt zugrunde liegt, nämlich dass in jeder Phase der Arbeit die Bürger beteiligt werden sollen.

Das Vier-Millionen-Dollar-Projekt begann im Februar 2011. Fast dreihundert Arbeiter wurden eingestellt; die überwiegende Mehrheit von ihnen waren Ortsansässige. Ihre Hauptqualifikation bestand darin, keinen kriminellen Hintergrund zu haben. „Wir sind dort hingegangen, um mit der Rekrutierung von Arbeitskräften zu beginnen, und es war totaler Wahnsinn“, erinnert sich Ayure. „Die lokalen Gangster kämpften dagegen an, und es gab Schießereien am helllichten Tag.“ Umgangssprachlich heißt das „piñata“. „Die Leute riefen mich immer wieder an: ‚Chef, wir haben eine piñata!‘ Also mussten wir uns eine Sirene anschaffen. Den Arbeitern sagten wir: ‚Hört zu, Jungs, wenn ihr die Sirene hört, dann lasst alles fallen und lauft nach Hause.‘“

Trotz dieser Störungen verbreiterten und befestigten die Arbeiter die Gehwege, verlegten Wasserleitungen und Abwassersysteme neu, verlagerten die Stromnetze, bauten zwei neue öffentliche Gebäude, schufen Grünflächen und erhöhten Eingrenzungsmauern. Dann kam endlich der Einbau der Rolltreppen.

Drei Künstler arbeiteten zusammen, um dieses Wandbild in der Comuna 13 zu erstellen.

Drei Künstler arbeiteten zusammen, um dieses Wandbild in der Comuna 13 zu erstellen.
Foto von Andrea

Eine der weiteren Herkulesaufgaben war der Transport des Systems auf den Hügel: Sechs doppelte Rolltreppenläufe die je acht bis vierzehn Tonnen wogen. Und dann gab es noch andere Schwierigkeiten: „Wir kamen mit einem zunächst endgültigen Plan hierher“, sagt Ayure, „aber in einem Slum wie diesem taucht jede Woche eine neue Hütte oder eine neue Gasse auf. Meine Aufgabe bestand also darin, Lösungen für all diese Fragen zu finden, während die Arbeit bereits im Gange war. Auf dem Papier sieht alles hübsch und ordentlich aus, aber im wirklichen Leben ist es etwas völlig anderes.“

Am 25. Dezember 2011, zehn Monate nach Beginn der Arbeiten, weihten die Bürger von Las Independencias ihre Rolltreppen ein. Gleichzeitig lud die Stadt Künstler des Viertels dazu ein, Graffiti auf die Fassaden der nahe gelegenen Häuser zu malen. Es herrschte eine festliche Stimmung, und das nicht nur, weil es Weihnachten war. In einem ganz realen Sinne tragen diese Rolltreppen die Bürger in die Freiheit.

Medellín wurde 2013 in einem von der Citigroup, dem Wall Street Journal und dem Urban Land Institute ausgeschriebenen Wettbewerb als „die innovativste Stadt der Welt“ ausgezeichnet. Seitdem hat der Tourismus explosionsartig zugenommen. Die Besucher kommen aus der ganzen Welt. Sie werden von etwas angezogen, das über den noch immer bestehenden Drogentourismus und Sextourismus hinausgeht. Diese neue Attraktion ist die Comuna 13 und die transformativen Möglichkeiten des sozialen Städtebaus. Laut Regierungsangaben lockten die Rolltreppen in Comuna 13 im Jahr 2018 etwa einhundertsiebzigtausend Touristen an, davon 70 Prozent aus dem Ausland. Und die Tendenz ist steigend: Im Januar 2019 kamen fast vierzig tausend Besucher.

Dadurch hat sich das Viertel natürlich verändert. Wie überall sonst gibt es auch hier das Problem der Gentrifizierung: Während einige Bewohner sich über den gestiegenen Wert ihrer Häuser freuen, beklagen sich andere über den Anstieg der Preise und der Lebenshaltungskosten.

Heute ist Las Independencias eine Gemeinschaft, in der sich das Lokale und das Kosmopolitische überschneiden, miteinander kollidieren und verschmelzen. Man betrachte zum Beispiel den fremdsprachigen Jargon, der den lokalen Attraktionen, künstlerischen Gruppen und Einrichtungen ihre Bezeichnungen verleiht: Graffitour, Black & White, Coffee Shop Com. 13. In diesem Viertel verwandeln sich die einst mit Kugeln gespickten Wände durch Künstlerhände in Bilderhandschriften: Wie Seiten aus dem Buch ihrer eigenen Geschichte, strahlende Erinnerung und Ästhetik. Die Häuser wiederum beherbergen eine wachsende Vielfalt von Geschäften: Friseurläden, Lebensmittelgeschäfte, Kleidungs- und Souvenirläden, Bars und Galerien.

Die Rolltreppe läuft sechzehn Stunden täglich und wird von einem staatlichen Unternehmen betrieben. Es ist ein Februarmorgen, und Juan Carlos Zapata Holguín, bekleidet mit einem gelben Overall und schwarzen Gummistiefeln, steht mit einen Hochdruckreiniger zwischen der zweiten und dritten Rolltreppenebene. „Heute reinigen wir die Rolltreppen und die öffentlichen Plätze zwischen der zweiten und dritten Ebene“, sagt er. Er ist einer der fünfzehn „Bildungsmanager“, die Betreiber der Rolltreppen, die sie sauber und in Gang halten. Er arbeitet sorgfältig und unterbricht gelegentlich den Wasserstrahl, um die Menschen vorbei zu lassen, die in einem unaufhörlichen Strom auf und ab fahren.

Einmal springt er zum Ende einer der Rolltreppen, um eine stolpernde Frau aufzufangen. „Sie sehen harmlos aus, aber diese Treppen sind gefährlich“, meint er. Seine Hauptaufgabe ist es, die Sicherheit der Benutzer zu gewährleisten und denen, die Hilfe brauchen, beizustehen.

Auch die Touristen selbst stellen eine gewisse Gefahr dar. Der Mangel an Privatsphäre kann ärgerlich sein: „Touristen kommen, um zu fotografieren, und auf dem Foto ist dann die Wäsche zu sehen, die Anwohner zum Trocknen aufgehängt haben!“ bemerkt Holguín. „Oder Bewohner gehen morgens im Schlafanzug raus, um Brot fürs Frühstück zu kaufen, und es ist peinlich … denn plötzlich macht ein Tourist Fotos. … Sie beklagen sich, aber es gefällt ihnen: Das Geschäft läuft gut.“

Ein Breakdancer tritt auf dem Bürgersteig auf.

Ein Breakdancer tritt auf dem Bürgersteig auf.
Foto mit Genehmigung von Wesley Tomaselli verwendet

Sein Kollege David Andres Zapata ist hier aufgewachsen, als die Gegend unter der Herrschaft der Guerillas und der Paramilitärs stand. Er hat die Operation Orion als Kind miterlebt. Bevor er den Job bekam, sich um die Wartung und Sicherheit der Rolltreppen zu kümmern, half er bei ihrer Installation. Für ihn waren die Veränderungen, die durch die Rolltreppen entstanden, positiv. Trotz der großen Zahl von Touristen fühlt er sich nicht überrannt: „Für viele Gemeinden wäre das stressig. Sie würden denken: ‚Warum kann ich nicht durch meine Wohngegend laufen?‘ Aber“, so behauptet er, „so denkt man nicht in Las Independencias. Nicht hier.“

Durch ihre Kunst, durch die Geschichten, die sie einander und den Besuchern erzählen, verwandelt sich ihre schmerzhafte Geschichte in ein Gefühl gemeinsamer Identität. Die Bürger der Comuna 13 wissen, was sie erlitten haben, sie wissen, was sie überstanden haben, und sie wissen, wer sie sind.

Übersetzt von Birgit Currlin (nach einer engl. Übers. des Originals von Rahul Bery)

Von Adriano Cirino Adriano Cirino

Adriano Cirino ist Journalist an der Bundesuniversität Minas Gerais und Autor von Nos bastidores de „Escobar“ & outras crônicas bogotanas (Crivo Editorial, 2018).

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