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Editorial

Wie sein Land lieben?

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Nation und Seele – wem Christen ihre Treue schwören sollen

October 6, 2026

William James Bennett, West Point from Phillipstown, Farbige Aquatinta mit Kupferstich, handkoloriert, auf Büttenpapier, 1831. [.smalltext]Bild von Wikimedia (public domain).[.smalltext]

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[.article__paragraph--cap][.small-caps]Amerika zu lieben[.small-caps] fällt leicht, wenn man .gerade auf dem Weg zu einem Footballspiel der Army in West Point ist. Schon am Vormittag stehen hunderte Autos mit „Duty, Honor, Country“-Aufklebern auf der Landstraße, die sich entlang des Hudson Rivers in Richtung der Militärakademie schlängelt. Die gut gelaunten Soldaten am Sicherheitstor rufen „Go Army“ durch das Fenster, während wir auf den Campus fahren, auf dem Grant, Custer und Eisenhower die Kunst des Krieges erlernten.[.article__paragraph--cap]

Auf dem Parkplatz stellen wir fest, dass wir weder Streichhölzer, noch Grillzangen, noch Stühle eingepackt haben. Unsere Parkplatznachbarn sind besser ausgestattet und teilen ihre Vorräte und vieles mehr mit uns. Unsere neuen Freunde für diesen Tag sind Absolventen, aktive Militärangehörige, Polizisten und Einheimische mit ihren Familien. Ein beeindruckendes Spektrum kultureller Vielfalt versammelte sich hier: E pluribus unum. Es gibt Bier, Margaritas und Cornhole, und wir sind eine Nation, unteilbar, bestehend aus Fans der United States Army. Dann geht es zum Stadion, um die Black Knights spielen zu sehen. Zuvor spielt die West Point Band unsere Nationalhymne. 30.000 Menschen wenden sich der Flagge zu, Hände auf dem Herzen. Das Kadettenkorps salutiert. Das vertraute Ritual fühlt sich hier anders an – auf einem aktiven Militärstützpunkt. Hier kann ich nicht vergessen, dass diese Flagge auch über langen Reihen von Grabsteinen auf US-Militärfriedhöfen rund um den Globus weht, von Arlington über Manila bis zur Normandie. Die Feierlichkeit rührt von diesem Blutopfer her, von den Idealen der Freiheit, Gleichheit und demokratischen Selbstverwaltung, in deren Namen es dargebracht wurde, sowie von all dem Ruhm und der Schande der amerikanischen Geschichte. Hier hat die Treue zur Flagge Bedeutung.

Doch ist dies eine Treue, zu der sich ein Christ frei bekennen darf? Im Bruderhof, der Gemeinschaft, der ich angehöre, lautet die stillschweigende Antwort „nein“. Als christliche Pazifisten liebten meine Mentoren und Vorbilder Amerika wegen seiner Freiheiten und glaubten an seine Ideale, hatten jedoch eine Abneigung gegen patriotische Rituale. Diese haben sie an uns weitergegeben. Als meine Freunde aus dem Bruderhof und ich die neunte Klasse an einer öffentlichen Highschool begannen, stellte der tägliche Treueeid ein Dilemma dar. Wir nahmen teil, hielten aber den Mund geschlossen und die Hände an den Seiten. Unsere tägliche Weigerung kam ungefähr so an, wie man es erwarten würde, doch für mich war sie ein Zeichen für etwas Wichtiges, das ich noch nicht ganz verstand. Trotzdem brach ich hin und wieder unseren Kodex, nur um zu sehen, wie sich das anfühlte. Dann war der Nervenkitzel, mitzumachen, umso intensiver, da er von einem unruhigen Gewissen begleitet wurde.

Das Neue Testament mahnt zur Vorsicht, wenn es um Fragen der Loyalität geht. Jesus verkündete das Kommen einer neuen politischen Realität, des Reiches Gottes, und rief seine Anhänger dazu auf, diesem ihre ungeteilte Hingabe zu widmen. Für die frühen Kirchenväter warf dies Zweifel an der Zulässigkeit jeglicher konkurrierender Loyalität auf. Im Jahr 387 n. Chr. ermahnte der spätere Heilige Johannes Chrysostomos in Antiochia seine Gemeinde:

Wenn du ein Christ bist, so hast du keine Stadt auf der Erde; der Bau- und Werkmeister unserer Stadt ist Gott (Hebr 11,10), und wenn wir den ganzen Erdkreis besitzen, so sind wir doch überall Fremdling und Gast. Wir sind in den Himmel eingeschrieben, dort ist unsere Heimat.

Dann stellt sich noch die Frage des Götzendienstes. Die frühen Christen waren sich der Bedeutung alltäglicher Gesten sehr bewusst, mit denen sie zum Ausdruck brachten, wem sie angehörten. Einerseits vollzogen sie das Kreuzzeichen und tauschten den brüderlichen Friedensgruß aus, um zu zeigen, dass sie zu Christus und seiner Familie, der Kirche, gehörten. Andererseits machten sie die Grenzen ihrer Treue gegenüber Rom deutlich, indem sie sich weigerten, dem Genius des Kaisers (dem Schutzgeist des jeweiligen Herrschers ab Augustus) Weihrauch darzubringen. Märtyrer nahmen den Tod in Kauf, anstatt dieses scheinbar unbedeutende Zugeständnis zu machen.

John Rubens Smith, West Point from Constitution Island,Aquarellfarbe und Kohle, 1820. [.smalltext]Bild von Wikimedia (public domain).[.smalltext]

In den 1930er Jahren wurden diese Vorbilder der Urgemeinde für den deutschen Theologen Eberhard Arnold, den Gründer sowohl des Bruderhofs als auch dieser Zeitschrift, entscheidend. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten weigerte sich Arnold, die Hakenkreuzflagge auf dem deutschen Bruderhof wehen zu lassen, da er sie als religiöses und nicht nur als politisches Symbol interpretierte. Als dann der „Heil-Hitler“-Gruß zur Pflicht wurde, weigerte er sich ebenfalls, mitzuwirken: „Der Hitlergruß erinnerte uns an die Zeiten Neros. Nur ein Opferkügelchen dem Nero, dann war alles gut! Diesen Götzendienst konnten wir aus Gewissensgründen nicht mittun.“

Arnold erklärte:

Wir verweigern dem Imperator das Ave; darüber müssen wir uns ganz klar sein und bleiben. Würden wir in dieser Hinsicht nachgeben, so würden wir der militaristischen und juristischen Gewalt des Staates die göttliche Verehrung geben, die einzig und allein dem Herzen Gottes zukommt, welches er in Jesu Christi geoffenbart hat und im Reiche Gottes vollenden wird.

Natürlich lehnte Arnold Hitlers politische Agenda ab. Doch für ihn war der entscheidende Grund, warum der Gruß „Heil Hitler“ für einen Christen untragbar war, dass er die Forderung darstellte, dem Staat das zu geben, was allein Gott gebührt: religiöse Hingabe.

[.article__paragraph--cap][.small-caps]Religiöse hingabe ist,[.small-caps] was Amerika heute fordert, argumentiert Stanley Hauerwas in Aufsätzen, die in War and the American Difference (2011) zusammengefasst sind. Zur Klarstellung: Er setzt den amerikanischen Patriotismus nicht mit Faschismus gleich, sondern hebt vielmehr die Gefahren einer religiösen Konzeption Amerikas hervor. Bereits zu Beginn der Nation stellte Präsident Washington die Entstehung und das Überleben Amerikas als ein Werk der Vorsehung dar und beanspruchte (wenn auch etwas vage) göttliche Legitimation für das amerikanische Projekt. Hauerwas identifiziert jedoch den Bürgerkrieg als den Moment, in dem Amerika zu einer Gegenkirche wurde: einer Religion, die der christlichen ähnelt, aber nicht mit ihr identisch ist, und somit eine Falle für die Gläubigen darstellt. Nachdem die Erste Schlacht von Bull Run die Hoffnungen des Nordens auf einen schnellen Sieg zunichte gemacht hatte, begannen viele Anhänger der Union, ihre Sache als Gottes Sache zu betrachten. Nur so ließen sich die schrecklichen Verluste rechtfertigen und der Nation versichern (mit den Worten Präsident Lincolns), „dass diese Toten nicht umsonst gestorben sind“.[.article__paragraph--cap][.small-caps]

Hauerwas stellt fest: Wenn die Sache der Union Gottes Sache ist, dann ist der Tod in der Schlacht ein Märtyrertod, ein Opfer wie das Christi. In einer Abwandlung von Tertullians Aphorismus wird das Blut der Gefallenen zum Samen der Nation. Ihr Opfer verpflichtet die Lebenden, ihrerseits bereit zu sein, Opfer zu bringen. Diese Idee ist ausschlaggebend für die Überzeugungskraft der Gettysburg-Rede. Hier leitet sich Lincolns mitreißende Rhetorik – „widmen“, „weihen“, „heiligen“, „Hingabe“, „neue Geburt“ – zwar aus dem Christentum ab, verfolgt jedoch ein anderes Ziel: die amerikanische Nation und nicht das Reich Gottes.

Für Hauerwas ist dies gefährlich. Der Treueeid beruft sich auf „eine Nation unter Gott“ – aber unter welchem Gott? Christen müssen lernen, zwischen „Amerikas Gott“, dessen Kirche Amerika ist, und „dem Gott, den wir als Christen verehren“, dessen Kirche der universelle Leib Christi ist, zu unterscheiden:

Wenn uns der Bürgerkrieg etwas lehrt, dann, dass Christen, sobald sie nicht mehr daran glauben, dass das Opfer Christi für die Erlösung der Welt ausreicht, andere Formen aufopfernder Handlungen finden werden, die am Ende ein Götzendienst sind. Dabei verwechseln Christen das Opfer des Krieges mit dem Opfer Christi.

Amerika brauche den Krieg, so argumentiert Hauerwas, denn ohne das sich ständig erneuernde Opfer des Blutes der Soldaten verliere Amerikas Gott seine Überzeugungskraft, aus dem „pluribus“ das „unum“ zu schmieden. Deshalb sei der Krieg „Amerikas zentraler liturgischer Akt, der notwendig ist, um unser Bewusstsein zu erneuern, dass wir eine Nation sind, die sich von anderen Nationen unterscheidet“.

„Meine Lieben, flieht vor dem Götzendienst“, sagt Paulus zu den Gläubigen in Korinth (1 Kor 10,14). Hauerwas fordert die Christen nachdrücklich auf, genau dies gegenüber Amerikas Gott zu tun. Er wünscht sich, dass Amerika in dieser Hinsicht „eher wie Europa“ wäre, das heißt „säkularer“.

Die amerikanische Geschichte liefert bis in die Gegenwart hinein reichlich Belege für Hauerwas’ Diagnose. Von „Manifest Destiny“ (Expansionstheorie, die besagt, dass Amerika eine göttliche Mission hätte sich auszubreiten) im 19. Jahrhundert bis hin zur Behauptung, die US-Einsätze heute im Nahen Osten seien von Gott sanktioniert – die letzten 250 Jahre zeigen ein Muster, das Christen erkennen und verurteilen lernen sollten: Gott heranzuziehen um Gewalt zu rechtfertigen. Eine ver­zerrte Liebe zu Amerika wird schnell zum Kult eines blutsaugenden Idols.

[.article__paragraph--cap][.small-caps]Doch strahlt amerikanische[.small-caps] Geschichte auch immer wieder eine moralische Größe aus, die den Versuchen entgegenwirkt, das amerikanische Projekt als heuchlerischen Fehler abzutun. Allein schon um dieses göttlichen Funkens willen verdient Amerika unsere Liebe. Eine solche Liebe muss, wie jede, die diesen Namen verdient, Amerika in seiner wahren Gestalt zum Gegenstand haben, in all seiner Einzigartigkeit: Man könnte sagen, mit der Seele, die es besitzt. Als „Mischlingspatriot“ – ich bin Doppelstaatsbürger und habe aufgrund meiner Herkunft und Abstammung sowohl den Vereinigten Staaten als auch Deutschland gegenüber bürgerliche Pflichten – möchte ich nicht, dass Amerika europäischer wird, genauso wenig wie ich mir wünsche, dass Europa amerikanischer wird. Wie könnte also eine geläuterte Liebe zu Amerika aussehen?[.article__paragraph--cap][.small-caps]

William James Bennett, West Point, from above Washington Valley: Looking down the River, Farbige Aquatinta mit Kupferstich, handkoloriert, auf Büttenpapier, 1834. [.smalltext]Bild von Wikimedia (public domain).[.smalltext]

Für viele Amerikaner besteht die Versuchung heute nicht darin, Amerika falsch zu lieben, sondern darin, es gar nicht zu lieben. Die Kehrseite der anmaßenden Behauptung, dass Gott hinter meiner Nation steht, ist das zögerliche Versäumnis, Gottes Hand dort anzuerkennen, wo sie am Werk ist. Die Heilige Schrift lehrt, dass Gott der Herr der Geschichte ist: „Denn die Herrschaft gehört dem Herrn, und er herrscht über die Völker“ (Ps 22,28). Nach der biblischen Auslegung von Kirchenvätern wie Origenes weist Gott jeder Nation einen Engel als Verwalter zu, so wie er jedem Menschen einen Schutzengel zuweist. Wie Augustinus in De civitate Dei zusammenfasste: „Menschliche Königreiche werden durch göttliche Vorsehung errichtet.“

Wenn dies zutrifft, dann hatten große Amerikaner wie George Washington, Abraham Lincoln und Martin Luther King Jr. – auf ganz unterschiedliche Weise – Recht, wenn sie Gott als den Urheber der unvollkommenen, aber dennoch hoffnungsvollen Geschichte Amerikas anriefen. (Dasselbe gilt natürlich auch für andere Nationen, jede entsprechend ihrem eigenen Genius – oder vielleicht dem Charisma ihres eigenen National-engels.) Insbesondere Lincoln war sich darüber im Klaren, dass die Betonung der Vorsehung in der Geschichte Amerikas nicht bedeutet, dass Amerika automatisch göttliche Gunst genieße. Wie er in seiner zweiten Antrittsrede einräumte, können Sünden der Nation Gottes Gericht heraufbeschwören. Gott mag Amerika segnen oder auch nicht: „Der Allmächtige hat seine eigenen Absichten.“ Dennoch müssen die Güte, die Wahrheit und die Schönheit Amerikas weiterhin erfasst werden.

Im Jahr 2005 unternahm ich mit meinem Freund Don Ryan, Veteran des Zweiten Weltkriegs, eine Autoreise durch Frankreich, Belgien und Deutschland. Sechs Jahrzehnte zuvor war Don als US-Artillerist dort gewesen. Er hatte in der 12. Heeresgruppe unter dem Kommando von General Omar Bradley, Absolvent der West-Point-Klasse von 1915, gedient. Wir folgten der Route, die seine Einheit in den letzten Monaten des Krieges genommen hatte, als die Amerikaner die Wehrmacht nach Osten bis zur Elbe zurückdrängten, wo sie sich mit den nach Westen vorrückenden sowjetischen Streitkräften vereinigten.

Zumindest versuchten wir, die Route nachzuvollziehen. Don erzählte, dass er während des Krieges einen Großteil der Strecke nachts auf der Ladefläche eines Lastwagens zurückgelegt habe und dass entscheidende Schlachten abseits der Straßen oder in abgelegenen Dörfern stattgefunden hätten. Wir waren zu viert unterwegs. Jeden Abend planten wir die Route für den nächsten Tag mithilfe von Wikipedia und einigen kreativen Vermutungen.

Don war ein begeisterter Tourist. Bei seinem ersten Besuch hier, so erzählte er, habe er weder den Wein noch das Essen genießen noch normale Deutsche kennenlernen können, deren Kultur er bewunderte (zu Hause war er stolzes Mitglied des Deutschen Clubs von Kingston). Nun holten wir diese Versäumnisse nach. Wir besuchten die Pfalzkapelle Karls des Großen im Aachener Dom, fuhren mit dem Weinschiff den Rhein hinunter, tranken Kölsch in einer Kneipe in der Nähe Kölns und machten Fotos an der Stelle der Elbbrücke bei Torgau, wo am 25. April 1945 Leutnant William Robertson aus den Vereinigten Staaten Leutnant Alexander Silvashko aus der UdSSR die Hand schüttelte. Und überall kam Don mit den etwas überraschten Einheimischen ins Gespräch.

Dons blutigste Schlacht hatte im Hürtgenwald nahe der deutsch-belgischen Grenze stattgefunden. Wir fuhren ohne genaues Ziel durch die Gegend. Vor einem Weiler kurz hinter der belgischen Grenze sahen wir ein handgeschrieb-enes Schild, das auf ein Museum über den Zweiten Weltkrieg hinwies, und bogen natürlich ab.

Die Zufahrt führte uns zu einem kleinen, etwas heruntergekommenen Bauernhof. Die Frau, die uns empfing, war etwa in Dons Alter. Sie war begeistert, als sie hörte, dass Don ein amerikanischer GI gewesen war, und lud uns in ihre Küche zu Kaffee und winzigen, trockenen Waffeln ein. An den Wänden hingen amerikanische Flaggen und Fotos der belgischen Königsfamilie. Sie erzählte uns, als wäre es gestern gewesen, wie die Deutschen ihr Dorf besetzt hatten.

Das Museum war eine alte Scheune, gefüllt mit militärischer Ausrüstung aus dem Zweiten Weltkrieg sowie Souvenirs und Geschenken ehemaliger US-Soldaten: amerikanische Uniformen, Feldflaschen, Teile abgeschossener Flugzeuge und ein fast intakter amerikanischer Panzer. Überreste, die der Krieg auf einem bewirtschafteten Bauernhof hinterlassen hatte, die sorgfältig gesammelt, gereinigt und ausgestellt worden waren. „Ich war so glücklich, als ihr Amerikaner gekommen seid“, sagte die Frau immer wieder zu Don. Sie fügte hinzu: „Die Nazis haben so viele unserer jungen Männer erschossen.“

Nachdem wir uns verabschiedet hatten, machten wir Halt am gut gepflegten amerikanischen Friedhof Henri-Chapelle. Dort weht die Flagge über den Gräbern von 7.987 gefallenen amerikanischen Soldaten. Ich musste an einen Soldatenfriedhof 250 Kilometer weiter südlich in Frankreich denken, mit Kreuzen, die diesen ähnelten – eines davon markierte das Grab meines Großonkels Otto Wächter. Im Jahr 1914 meldete sich Otto im Alter von 17 Jahren zusammen mit seiner gesamten Schulklasse freiwillig zur Kaiserlichen Deutschen Armee und fiel elf Monate später. Beide Friedhöfe strahlen eine gewisse Erhabenheit aus. Der amerikanische Friedhof wirkt wohl eher hoffnungsvoll, da der Tod hier zumindest irgendwie einen Sinn hatte: Die GIs kämpften in gewisser Weise dafür, ihre Feinde vor sich selbst zu retten.

Es bleibt meine Überzeugung – und die meiner Kirche – , dass sich die Berufung eines Soldaten nicht mit der Berufung eines Jüngers vereinbaren lässt. Die Lehre Jesu gegen Gewalt und sein Beispiel für die rettende Kraft wehrloser Liebe sind zu überzeugend, um sie einfach wegzuerklären.

Gleichzeitig kann jedoch niemand bezweifeln, dass die in Henri-Chapelle begrabenen Männer für eine würdige Sache starben. Dasselbe gilt für andere auf der gegnerischen Seite, wie beispielsweise Claus Schenk Graf von Stauffenberg, den deutschen Offizier, der versuchte, Hitler zu ermorden, und kurz darauf von einem Exekutionskommando erschossen wurde. Solche Opfer, die zwangsläufig von unvollkommenen Menschen gebracht werden, sind für Gott sicherlich akzeptabel.

Amerika ist nicht die Kirche; wenn man dem Land mehr religiöse Bedeutung beimisst, als es tragen kann, verkommt es zu einer Karikatur der Kirche, wie Hauerwas zu Recht warnt.

An einem Ort wie diesem Soldatenfriedhof erscheint Amerika fast wie eine Kirche oder, in Lincolns Worten, wie ein „fast auserwähltes Volk“. Das „fast“ ist entscheidend: Dies muss eine bloße Analogie bleiben, ohne weitere Ansprüche zu erheben. Das Matthäus- Evangelium bietet eine Analogie ähnlicher Art, wenn es die Geschichte eines römischen Hauptmanns erzählt, der Jesus bat, seinen gelähmten Diener zu heilen (Kapitel 8). So wie Jesus im Vertrauen des Hauptmanns, dass seine militärische Autorität über seine Untergebenen in gewisser Weise der Heilungsgewalt des Messias ähnelte, wahren Glauben erkannte, so können wir vielleicht auch hier eine teilweise Ähnlichkeit erkennen.

Amerika ist weder das neue Israel, noch ist es – entgegen John Winthrop – die „Stadt auf dem Hügel“. Diese Bezeichnungen gehören einem anderen, unendlich großartigeren Gemeinwesen. Doch trotz seiner vielfältigen Schwächen und Verbrechen kann Amerika – die erste Nation der Geschichte, die im Geiste der Freiheit gegründet wurde und sich dem Grundsatz verschrieben hat, dass alle Menschen gleich geschaffen sind, ein Land, das viele Völker zusammenbringt und im besten Fall danach strebt, sie zu einem Ganzen zu vereinen – uns an dieses vollkommene Reich erinnern. Dafür verdient es unsere Dankbarkeit und Liebe, auch wenn wir unsere Treue nicht dem Symbol, sondern der Realität vorbehalten.