Die Sprache und die Völker
Sprache trennt und eint zugleich und ermöglicht so die Nationwerdung.
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Sprache trennt und eint zugleich und ermöglicht so die Nationwerdung.

Pieter Bruegel der Ältere, Der Turmbau zu Babel, Öl auf Holz, 1563. [.smalltext]Abbildung von Wikipedia (public domain).[.smalltext]
[.article__paragraph--cap][.small-caps]Im elften kapitel[.small-caps] der Genesis wird berichtet, dass nach der Sintflut „die ganze Erde nur eine einzige Sprache hatte und dieselben Wörter gebrauchte.“ Die nachdiluvianischen Menschen stammten von Noah ab und waren wieder zahlreich geworden; nun begannen sie Ziegel zu brennen, um einen Turm zu bauen, dessen Spitze bis zum Himmel reichen sollte. Aber Jahwe missfiel dieser Turm. „Sie sind ein einziges Volk und sie sprechen eine einzige Sprache. Das ist erst der Anfang ihres Tuns. Fortan wird für sie nichts mehr unausführbar sein, was immer sie zu tun ersinnen. Wohlan, wir wollen hinabsteigen und dort ihre Sprache verwirren, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht.“[.article__paragraph--cap]
Von der Zerstörung des Turms berichtet die Bibel nicht. Aber das, was Jahwe nun unternimmt, die Verwirrung der Sprachen und die Verstreuung der Menschen über die Erde, das darf man sich wohl wie eine Explosion vorstellen, in welcher der Turm einstürzte und die Menschen in alle Richtungen geschleudert wurden.
„Dass sie eine einzige Sprache sprechen“ – das empfindet Jahwe als gefährlich – für sich selbst offenbar. Es scheint, dass die Verheißung der Schlange bei der Ursünde der Ureltern im Paradies, dem Essen von der verbotenen Frucht, eingetroffen ist: die Gottähnlichkeit, das Eindringen in die Gedanken Gottes bewirkt zwar ihre Verdammnis, aber zugleich „dass für sie nichts mehr unausführbar sein wird, was immer sie zu tun ersinnen.“ Die Erbsünde hat ihnen Tod und Krankheit gebracht, aber sie hat zugleich ihre Schöpferkräfte entfesselt, die dieser gestohlenen Gottähnlichkeit entstammen. Wenn Jahwe sie gewähren ließe, dann wären sie imstande, den Himmel zu stürmen.
Also zerstört er ihr Werk und verhindert zugleich, dass diese Einheitssprache fortbestehe. Das war eine Strafaktion Jahwes, es sieht geradezu so aus, als habe er sich vor den Menschen schützen müssen.
Diese Erzählung vom Turm zu Babel wirft viele Fragen auf. Ist den Menschen mit der Einheitssprache tatsächlich etwas genommen worden, was sie in der Entfaltung ihrer Kräfte einschränkt? Ist der Umstand, dass die Menschheit in unzählig viele Sprachfamilien aufgespalten ist, ein Unglück, eine Last wie die Strafen, die bei der Vertreibung aus dem Paradies verhängt wurden? Oder hat Jahwe der Menschheit, indem er ihre sprachliche Einheit zerstörte, nicht vielmehr ein niemals genug zu feierndes Geschenk gemacht? Die „Verwirrung der Sprachen“, wie die Genesis es nennt, benennt nur die schlechte Seite dieser Tat, denn sprachliche Verwirrung und Unordnung machen das Denken unmöglich – wortloses Denken mag in gewissen Höhepunkten den großen kontemplativen Genies zugänglich sein – grundsätzlich aber ist das Denken an die Sprache gebunden. Denken ist Sprechen mit einem selbst, von der Verständigung mit den andern ganz zu schweigen. Bei der Unordnung nach der Zerstörung des Turms ist es jedoch nicht lange geblieben. Es entstanden die großen Sprachfamilien - das Sanskrit, die Turksprachen, die semitischen, die mongolische, die indogermanische, die slawische, die kaukasische und viele andere, die sich wiederum in viele weitere Sprachen aufspalteten. Jede davon war erfüllt von den Erfahrungsschätzen der Völker, die sich aus dem Leben in den verschiedenen Klimazonen ergaben und welche die Eigentümlichkeiten bewahrten, die mit dem Leben der Bauern und Hirten, der Seefahrer und Händler, der Stadtbewohner und der Nomaden verbunden waren.
[.article__paragraph--cap][.small-caps]Kein größeres glück[.small-caps] als der Verlust der Einheitssprache – ist das eine häretische Behauptung? Denn jede Sprache enthält etwas, was sie allein ausdrücken kann. Der Wirklichkeit näher zu kommen – dazu muss es viele Sprachen geben. Denn die Phänomene sind so zahlreich, dass der Wortschatz einer einzelnen Sprache zu ihrer Erfassung nicht ausreicht, weshalb es in jeder denn auch viele Wörter mit zwei oder mehreren Bedeutungen gibt. Die Natur jedes einzelnen Menschenwesens ist an seine Sprache gebunden, in ihr trägt er das Erbe seiner Vorfahren mit sich, ebenso wie sich ihr biologisches Erbe neu in jedem einzelnen ausfaltet und es fortentwickelt. Bauernsprachen mit ihrer praktischen Begrifflichkeit, die von der Arbeit mit den Händen und ihrem Zugreifen geprägt sind, übertragen im Lauf der kulturellen Entwicklung das buchstäblich Handfeste in die Abstraktion, wie sie von Philosophie und Rechtswissenschaft benötigt wird – und das Abstrakte bekommt dadurch für den, der genau hinschaut, eine kleine Erdenschwere, welche es mit dem Boden verbindet, der einst das Wort hervorgebracht hat.[.article__paragraph--cap]
Und natürlich ist es nicht möglich gewesen, dass sich die Sprachen rein erhielten – die Verbindung mit andern Mächten und Kulturen schuf Mischformen, die aber vor allem die Ausdrucksfähigkeit steigerten. Die vitale Kraft der Sprachen verstand es, die fremden Einflüsse zu amalgamieren und sich ganz zu eigen zu machen – solche Befruchtungen vermehrten den Reichtum der Sprache und hatten nichts von den primitiven Mischformen wie dem Pidgin English Ostasiens und der Lingua franca der Levante, die nur eine simple Verständigung zum Ziel hatten und nicht literaturfähig waren.
Es hat in neuerer Zeit Träumer gegeben, die durch die kurrenten Ideen vom Welteinheitsstaat, wie er nach den Kriegen erhofft wurde – ein „Reich des ewigen Friedens“ – an neuen Einheitssprachen bastelten, dem Esperanto und dem Volapük, mit kinderleichter Grammatik aus vielen Sprachen zusammengequirlt. Das einzige, was solche Spielereien zeigen – die allerdings mit missionarischem Ernst betrieben werden –, sind die immensen Verluste, welche solche Einheit mit sich bringt.
Das scheint der Schöpfer der großen Sprachverwirrung bald aber auch so gesehen und die Vielsprachigkeit nicht mehr als Strafe betrachtet zu haben. Das Gegenstück zur Erzählung vom Turmbau zu Babel steht in der Apostelgeschichte im zweiten Kapitel. Es geht um das jüdische Pfingstfest, das die Apostel zusammen feiern, während sich auf den Straßen die Pilger aus vielen Ländern drängen. Die Feuerzungen kommen auf die Jünger herab, ein mächtiges Brausen erfüllt die Luft. Sie werden vom Heiligen Geist erfüllt und beginnen in vielen Sprachen zu sprechen: zu den Parthern und Medern, den Mesopotamiern, den Phrygiern und Pamphyliern, den Ägyptern, den Kretern und Römern.
Es wäre für den Heiligen Geist eine Gelegenheit gewesen, die Aufspaltung der Menschen in viele Sprachen aufzuheben, aber das geschah nicht, so als sei Gott zufrieden damit gewesen, was sich in den Jahrtausenden nach der Zerstörung des Turms von Babel in den Völkern entwickelt hatte – ebenjene verschiedenen Sprachen, die jede einer eigenen Ordnung und eigenem Geist folgten, die mit den Kulturen entstanden und in ihrer Vielfältigkeit der Vielfalt der Schöpfung immer mehr gewachsen waren, jede auf ihre besondere Weise, die nicht untergehen sollte und welche die Menschen formte, die sich mit ihnen verständigten, damit ihre höchst spezifische Art zu sein und das nur ihnen eigentümliche Erkenntnisvermögen nicht verloren gehe.
[.article__paragraph--cap][.small-caps]Die muttersprache[.small-caps] ist die eigentliche Sprache der Menschen. Was die Mutter dem Säugling, den sie in ihren Armen hält, ins Ohr flüstert, ist das erste, was er von der Sprache vernimmt, die bestimmt sein wird, sein vorzügliches Ausdrucksmittel zu werden. In jedem Infans, wie das noch nicht sprechende Kind lateinisch genannt wird, wiederholt sich der Menschheitsprozess der Sprachentwicklung aus noch unartikulierten Lauten im Sinne einer Onomatopoesie, der Inspiration durch das natürliche Geräusch. Die Lippen des Kindes, welche die mütterliche Brust suchen, formen oft ein „mamama“ – in vielen Sprachen wird daraus ein erstes Wort, Mamma, die Mutter. Diese ersten Wörter, deren Träger die mütterliche Stimme ist, werden eingehüllt von der Wärme und dem Duft des mütterlichen Körpers und von der Erfahrung von Nahrung und Sicherheit – umso schlimmer, wenn diese ersten Lern- und Lebensmomente gestört werden. Die Muttersprache wird gelernt wie das Atmen und das Laufen. Der Drang, sie sich anzueignen, ist meist viel stärker als der Eifer der lehrenden Mutter, diese Fähigkeiten zu vermitteln. Das Kind bemächtigt sich der Sprache unsystematisch, obwohl die Sprachen doch längst weit ausgebreitete Systeme sind, die beim späteren Erlernen von Fremdsprachen viel Mühe bereiten können und meist nicht mit derselben Sicherheit erworben werden, wie es bei der Muttersprache der Fall ist. Was in kunstvollen Regeln und vor allem in den zahllosen Ausnahmen von diesen Regeln daherkommt – das Kind erlernt es, ohne von solchen Kategorien etwas zu ahnen, und wird sich oft genug auch als Erwachsener derer ebensowenig bewusst sein wie der biochemischen Abläufe, die den Körper am Leben erhalten. Diese so erworbene Sprache geht dem Denken voran, auch wenn Gedanken häufig aus einem Gefühl hervorgehen mögen. Aber dieses Gefühl drängt danach, Wort zu werden, und es verursacht Unbehagen, wenn das Hineinwachsen in das richtige Wort nicht gelingt; es gleicht einer Erlösung, wenn es dann gefunden ist.[.article__paragraph--cap]
Und wenn der Gedanke von der Sprache nicht zu lösen ist – in der von der Mutter empfangenen, von ihr quasi osmotisch aufgenommenen Sprache –, dann gilt das auch für unser ganzes Ich. Eine Ballung von Empfindungen, Instinkten, Bestrebungen, Nöten und Hoffnungen tritt durch die Sprache ans Licht und wird durch sie zur Person. Es wird von daher verständlich, dass der Philosoph Georg Wilhelm Hamann der Sprache – jeder Sprache – den Rang einer göttlichen Offenbarung zuerkannte, mit welcher die Erschaffung des Menschen erst ihren krönenden Abschluss fand.
[.article__paragraph--cap][.small-caps]Eine menschenmenge[.small-caps] wird zum Volk, wenn sie beginnt, eine gemeinsame .Sprache zu haben. Die gemeinsame Sprache bildet den Blutkreislauf, der die Angehörigen eines Volkes durchströmt und ihnen in aller Verschiedenheit, ja selbst Feindseligkeit gegeneinander, eine nationale Seele gibt, an der sie alle teilhaben. Viele Umstände haben Anteil an der Bildung eines Volkscharakters: Berge bringen andersartige Völker hervor als Ebenen, Wüsten andere als Inseln, der Süden andere als der Norden. Die Sprachen aber formen die Seelen.[.article__paragraph--cap]
Ein entscheidender Moment im Schicksal eines Volkes im Sinne einer Sprachgemeinschaft ereignet sich, wenn die Sprache zur Schriftsprache wird. Dann müssen Laute unversehens orthographisch definiert werden, dann werden Regeln wichtig, eine Grammatik bildet sich als verbindlich heraus, der glühende Lavastrom der Sprache versteinert zunächst, bis er sich wieder zu verflüssigen beginnt, dabei aber nie mehr wieder den Naturzustand erreichend. Es werden nun auch die Gedichte und Lieder anonymen Ursprungs aufgeschrieben und nicht mehr nur auswendig, sondern auch in Manuskripten weitergegeben, bis aus der Volksmasse einzelne Dichter heraustreten, die nicht nur altes gemeinsames Gut tradieren, sondern neues schaffen wollen. Es entstehen eine Literatur, Gebete und Hagiographien, Heldenepen und Liebesgedichte.
Und es ist die Literatur, die einem Volk erst eigentlich die Kontur verleiht. Auch wenn sie von Gegenständen handelt, die weitab von den Mühen des Alltags und den Kämpfen der Parteien und der inneren und äußeren Feinde liegen, entsteht aus ihr oft genug die politische Kraft, aus einem Volk, das bisher vor allem Sprachgemeinschaft war, einen Staat mit fest umrissenen Grenzen werden zu lassen, der Anspruch erhebt, sich gegenüber seinen Nachbarn in seiner Eigentümlichkeit zu behaupten.
Sehr deutlich wird das an einem Prozess, den die deutsche Philologie angestoßen hat. Schon im 17. Jahrhundert hatte der deutsche Philologe Ludolphus eine Grammatik der äthiopischen Amharen verfasst, aber dann sollten, angeregt durch Herders Forschungen über die Volksdichtungen in den Ländern Osteuropas, eine Reihe von Grammatiken von Sprachen erscheinen, die bis dahin keine Schriftsprachen gewesen waren. Das Erwachen dieser Nationen fällt zusammen mit der ordnenden und analysierenden Arbeit an ihren Sprachen. Finnisch und Ungarisch, Tschechisch und Kroatisch erheben sich aus der Geschichtslosigkeit und werden brauchbar gemacht für Philosophie, Jurisprudenz und Dichtung. Und damit beginnt zugleich auch das Bestreben, sich aus den Imperien, denen sie bisher angehörten, herauszulösen und eigene Nationalstaaten zu gründen, deren Landesgrenzen sich mit den Sprachgrenzen decken.
Das war, wie in der Geschichte üblich, keineswegs ein nur friedlicher Vorgang. Es wurde viel dabei zerstört, und das Neue, was entstand, fand nicht immer zur Harmonie, aber er war unaufhaltsam, und die Sprache mit ihrer unwiderstehlichen Kraft hatte einen wesentlichen Anteil daran.
[.article__paragraph--cap][.small-caps]In deutschland[.small-caps] hat die Entwicklung der deutschen Sprache gleich zweimal bestimmenden Einfluss auf die Entwicklung der Nation genommen. Das mittelalterliche Deutschland war noch weit davon entfernt gewesen, sich als Nation zu empfinden in der Weise, wie England und Frankreich das bereits taten. Die politische Idee, die dieses Deutschland bezeichnete, war die translatio imperii, die Fortsetzung des antiken römischen universellen Kaiserstaates durch eine Übertragung dieser Herrschaft auf germanische Dynastien, deren erste die des Frankenkönigs Karls des Großen war. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das sich dieser Idee verdankt, war kein Nationalstaat, sondern wollte ein Reich aller Christen sein. Es gehörten Italiener, Franzosen, Savoyer und Slawen neben den Deutschen dazu, und die Quelle der Legitimität dieses Gebildes waren Rom und der römische Papst.[.article__paragraph--cap]
Martin Luthers „Reformation“ hatte ganz wesentlich das Ziel, die deutsche Kirche, damit aber Deutschland, von Rom zu lösen. Seine Übersetzung der Bibel in ein von ihm kunstvoll aus der sächsischen Kanzleisprache entwickeltes Deutsch, der erste Versuch einer alle Deutschen umfassenden Hochsprache, beendete die Verbindung der Deutschen zum Latein des römischen Reiches. In den furchtbaren Kriegen, die dieser „Reformation“ entsprangen, und die Deutschland in seiner Substanz fast völlig vernichteten, ging das Heilige Römische Reich de facto unter, auch wenn es nach dem Westfälischen Frieden noch 150 Jahre weiter existierte. Deutschland verlor das Netz, das es mit anderen Nationen verbunden hatte, und trat als eigene Nation deutlicher hervor.
Der zweite große Schub der deutschen Nationwerdung war wiederum mit der Sprache verbunden. Napoleon hatte das Heilige Römische Reich deutscher Nation endgültig zerstört. Daraus war aber kein deutscher Nationalstaat erwachsen, sondern einzelne von ihm geschaffene Staaten unter seiner Herrschaft. In diesen Jahren entstand rund um den Hof des thüringischen Herzogs von Sachsen-Weimar unter der Federführung Goethes und unter Beteiligung weiterer durch ihn inspirierter Schriftsteller das Deutsch der „Weimarer Klassik“, welches das barocke Deutsch einer strikten Verschlankung und Reinigung unterzog und die Grundlage des modernen Deutsch schuf. Mit der Niederlage Napoleons war durch diese Sprache eine wesentliche Voraussetzung dafür entstanden, den deutschen Partikularismus zu überwinden und zu einem deutschen Nationalstaat zu gelangen.
Auch diese Nationwerdung hat Deutschland und den Deutschen keinesfalls nur Glück gebracht. Aber historische Entwicklung wird nicht nach dem Glück und dem Leid der Menschen beurteilt, über welche sie hinwegrollt, sondern nach dem ehernen Gesetz der Notwendigkeit. Die Nationwerdung war als Folge der Verschriftlichung und der Literarisierung der Sprache unausweichlich. Bis heute lösen politische Versuche, in multinationalen Staaten die Sprache der Minderheit zu unterdrücken, leidenschaftliche Sezessionsbewegungen aus. Katalanisch und baskisch, gälisch und walisisch, ukrainisch und albanisch sind Ausdruck der Seele von Völkern, die bei nachlassender kultureller und militärischer Kraft der Mehrheit in den Zentralstaaten ihre Identität wieder entdecken.
Als große Gegenbewegung breitet sich darüber als Weltverständigungssprache ein Englisch, das in seiner Substanz radikal reduziert und technisiert ist – „no problem“ wird in China und Arabien, in Brasilien und in Afrika verstanden. Es ist nicht ohne Komik, das aus dem Griechischen stammende Wort problema, dort von höchster philosophischer und mathematischer Komplexität, hier schon beinahe auf das Niveau wortloser Gebärdensprache herabgesunken zu erleben.
Die Versuche, die gewaltigen technischen Herausforderungen unserer Epoche zu meistern, kommen gänzlich ohne Sprache aus: mit mathematischen Formeln, die eine Wirklichkeit ausdrücken wollen, welche sich den Menschensprachen trotz ihres uferlosen Reichtums zu entziehen scheint. Es ist, als sei die Welt – „das Fleisch“, wie es biblisch bei dem Evangelisten Johannes heißt –, dabei, die Inkarnation des Geistes rückgängig zu machen und sich wieder in einen reinen Logos, abstrakte Ideen zurückzuverwandeln, denen nur noch Zahlen und Zeichen entsprechen.
Ist dies der neue Turm von Babel, die neue Einheitssprache? Sieht es nicht tatsächlich so aus, „als werde mit ihrer Hilfe nichts mehr unausführbar sein, was die Menschen ersinnen“?
Und wird sich die Geschichte wiederholen? Wird sie ein zweites göttliches Eingreifen erleben, das durch die abermalige Zerstörung der technischen Zivilisation die Selbstermächtigung des Menschen beenden wird?