Was ist die Seele einer Nation?
Über Heimat – Nation – Vaterland
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Über Heimat – Nation – Vaterland

[.article__paragraph--cap][.small-caps]Mit der eigenen[.small-caps] Nation verbindet sich eine Fülle tiefer Erfahrungen, .großartiger und stolzer, aber auch beschämender und schlimmer. Der Blick in die Geschichte kann von diesen schlimmen Erinnerungen verstellt werden. Damit die viel größere Tradition weiterwirken kann, werden einige Kennzeichen unserer „Wir-Existenz“ freigelegt, insbesondere im Blick auf Deutschland.[.article__paragraph--cap]
Die Weisheit alter Erzählungen weiß vom Paradies als dem Ausgang des Daseins. In Grimms Märchen vom Fundevogel trägt das unbekannte Kind, das der Förster im Adlernest findet, ein Seidenhemd und eine Goldkette als Zeichen seiner Herkunft. Kinder sind Findlinge aus hohem Hause. Der Mensch weiß von seinem königlichen Ursprung in einer unvordenklichen Heimat, in einer fraglosen Geborgenheit.
Das Paradies leuchtet irdisch nach und wandert mit: „Im Anfang war der Garten. Die Kindheit war der Garten. Ohne Anfang und Ende, ohne Zaun und Grenze, ein Rauschen und Rascheln, golden in der Sonne, lichtgrün im Schatten, tausend Stockwerke hoch – vom Heidekraut bis zu den Kiefernwipfeln, im Süden der Brunnen mit den Kröten, im Norden weiße Rosen und Pilze, im Westen mückendurchsirrtes Himbeergestrüpp, im Osten Heidelbeeren, Hummeln, das Steilufer, der See, die Stege.“[.footnote-link]1[.footnote-link]
In solcher Erinnerung ist „Garten“ untrennbar verwoben mit Kindheit: Überraschung, unendlich Neues, zwischen Duft, Geschmack, Sehen, Hören, Tasten ausgespannt. „Garten“ meint geordnetes, gnadenhaft umsorgtes Dasein, niemals langweilig, unerhört reizvoll, unerschöpflich Nahrung für Leib und Seele zuführend, dem Maß des Kindes gemäß. „Garten“ meint Heimat, in die man fraglos gehört und die sich willig zu Füßen breitet.
Aber dann schmerzt der wachsende Abstand. Wie der Fluß sich von der Quelle entfernt, wie der Same zum Baum emporwächst, so „arbeitet“ sich das Leben heraus aus der bergenden Hülle, der unbezweifelten Sicherheit: dazusein. Aus der herrlichen Zeitlosigkeit des Zuhause wird Zeit, Zielstrebigkeit, Sorge um die Zukunft. Heimat fällt in die Vergangenheit zurück, selbst wenn man noch in ihr lebt: wenn nämlich die innere Unrast oder auch die Lebenslust weitertreibt, in ein neues Wohin und Wozu. An die Stelle der Heimat tritt die Fahrt, an Stelle des Gartens tritt das unruhige Meer des Lebens.
Über die Kindheit ist Heimat untrennbar mit einem Ort verknüpft: „Wo dir Gottes Sonne zuerst schien, wo dir die Sterne des Himmels zuerst leuchteten, wo seine Blitze dir zuerst seine Allmacht offenbarten und seine Sturmwinde dir mit heiligen Schrecken durch die Seele brauseten, da ist deine Liebe, da ist dein Vaterland.“ (Ernst Moritz Arndt) Die Wortwurzel von Heimat heißt indoeuropäisch k-hema: Aufenthalt, Rast.[.footnote-link]2[.footnote-link] Das kann der Geburtsort sein, aber auch der Wohnort, wo das erste Bewusstsein erwachte im elterlichen Haus, geweitet dann zu Volk und Vaterland. Erstaunlicherweise gibt es in den romanischen Sprachen zwar den Unterschied zwischen regio und patria, aber nicht den engeren Begriff der Heimat, der im Deutschen so tief anklingt.
Heimat bedeutet im engsten Sinn den geographischen Raum, den die Augen noch überblicken. Er stellt aber nie nur einfache Natur vor, sondern Raum des Menschen, seiner Geschichte, seiner Kultivierung. Heimat ist Zusammenspiel von Außen und Innen, von Ort und Mensch, tragende, verstärkende Umwelt und Spiegelung für seelische Empfindungen.
„Mein Vaterland ist tot
sie haben es begraben im Feuer
ich lebe in meinem Mutterland
Wort“
Rose Ausländer (1901, Czernowitz -
1988, Düsseldorf)
Wie tief die Sprache Heimat ist, wissen alle Verbannten; vielleicht wissen sie es sogar erst, wenn sie nach Jahren die alten Laute wieder hören und bis zur Erschütterung begreifen, dass sie gar nicht wirklich weggegangen waren. Sprache scheint eine tiefere Schicht zu berühren als selbst Religion. Religionen können trennen, aber dieselbe Mundart vereint auch getrennte Bekenntnisse. Der freiwillige Exilant Heinrich Heine schreibt am Atlantikufer: „Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer, / wie Sprache der Heimat rauscht mir dein Wasser.“[.footnote-link]3[.footnote-link] Stummwerden – auch psychologisch – hängt häufig mit Verlust von Heimat zusammen, so in Andersens Märchen von der kleinen Seejungfrau.
„Dein Gesicht meine Heimat“, lautet ein anonymer Satz – wenn alles weggebrochen ist, was „sachlich“ Heimat ausmacht, dann bleiben Personen, bleibt Lieben und Geliebtwerden. Im Anderen kann die eigene Heimat wieder stark werden, etwa im Erleben des Waldes:
„Wald der Kindheit.
Hörst du das Rauschen
unsrer Wälder zum erstenmal?
In deinen Armen
sang dir nicht längst schon mein Herzschlag,
Liebster, das uralte Lied?“[.footnote-link]4[.footnote-link]
Umgekehrt gibt es noch eine andere Bitterkeit: in der Heimat sein, aber unerkannt = ungeliebt bleiben. „Alexis unter der Treppe“ heißt die Legende des heiligen Knechtes, der, um alte Schuld zu sühnen, als Fremder auf seinem eigenen Hof unter der Treppe wohnte und diente.
Heimat ist Schlüsselwort der deutschen Romantik, Heimatlosigkeit die Tragik schlechthin. „Wo gehn wir denn hin?“, fragte Novalis, und er antwortete selbst: „Immer nach Hause.“[.footnote-link]5[.footnote-link]
Von der Heimat führt der Weg in die Nation. Sie meint im Wortsinn zunächst die Abkunft, das Geborensein, die „Nativität“. Sie verweist auf die Wir-Existenz des Menschen, die sich früher ausprägt als seine Ich-Existenz. Alle spätere kritische Entfernung dazu löscht dennoch nicht diese Grundlage.
Nation trägt Züge der Heimat, steigert sie aber nicht nur ins Größere, sondern formt grundlegende Prägungen aus: vor allem die einheitliche Sprache (über die Staatsgrenze hinaus) - nächst den vielen Mundarten muss die Hochsprache erlernt werden. Dann die gemeinsame Kultur; die gemeinsame Geschichte, auch verstanden als Schicksalsgemeinschaft zu Wohl oder Wehe; die Staatsverfassung nach Recht und Gesetz; tief und kaum zu löschen ferner die Prägung durch Natur und Landschaft, vor allem wenn sie so überschwänglich in Dichtung und Musik gefasst wurde wie in Deutschland.
Fast jede Nation kennt ein „Nationalepos“ und natürlich die Nationalhymne. Das deutsche Nationalepos ist Goethes „Faust“ - worin schon alles Große und Abgründige der Selbstdeutung steckt; die Nationalhymne ist noch schwieriger einzuordnen, denn sie besteht aus einer dritten Strophe mit den Anfangsworten „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“, aber ihre beiden vorgängigen Strophen wurden nach 1945 als zu nationalistisch ausgeschieden.
Die Entwicklung ab 1933 zur Vergötzung der Nation war keineswegs zwingend. Überzogener Patriotismus war eine späte Erscheinung, die sich zuerst an das deutsche Kaiserreich seit 1870 knüpfte und an den als demütigend betrachteten Versailler Frieden von 1918. Historisch gesehen war Deutschland über lange Jahrhunderte jedoch keineswegs ausdrücklich nationalistisch: Es war ein loser Bund vieler Fürstentümer mit verschiedenen Volksstämmen (was sich heute noch in der Kultushoheit der Länder niederschlägt); politisch also eher ein Föderalismus. Im Mittelalter nannte man Deutschland eine „Magna officina gentium“, einen großen Völkerbetrieb.
Als „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“ hatte es bis 1806 die Aufgabe, von der Mitte Europas aus viele Völkerschaften in Frieden zu lenken, zuletzt in der veränderten Gestalt des Habsburgerreiches. So war in der deutschen Kultur sogar eher ein übergreifender europäischer Wille zu Verständigung und williger Aufnahme von Fremdem vorrangig. Die deutsche Aufklärung entdeckte zudem „das Menschengeschlecht“, geadelt von der Idee eines „Weltfriedens“ bei Kant, so dass die Eigentümlichkeit unterschiedlicher Vaterländer an Reiz verlor. Mit der anfänglich begeisterten Aufnahme der Französischen Revolution in Deutschland zündete auch die Idee freier und gleicher Brüderlichkeit, so heftig, dass sie bis in den heutigen ideologischen Satz: „Keine Grenzen für niemand!“ zu verfolgen ist.
Joseph von Eichendorff beobachtete noch Mitte des 19. Jahrhunderts die Auswirkung eines abstrakten deutschen Kosmopolitismus. Er sei „jener seltsame »Überall und Nirgends«, der in aller Welt und also recht eigentlich nirgend zu Hause war. Aus allen möglichen und unmöglichen Tugenden hatte man für das gesamte Menschengeschlecht eine prächtige Bürgerkrone verfertigt, die auf alle Köpfe passen sollte, als sei die Menschheit ein bloßes Abstraktum und nicht vielmehr ein lebendiger Föderativstaat der verschiedensten Völkerindividuen. Alle Geschichte, alles Nationale und Eigentümliche wurde sorgfältig verwischt, die Schulbücher, die Romane und Schauspiele predigten davon; was Wunder, dass die Welt es endlich glaubte!“[.footnote-link]6[.footnote-link] Diese Rückblicke sind hilfreich: Die deutsche Nation konnte durchaus übernational denken.
In Deutschland wurde eine neue nationale Verfassung nach dem Ende des Kaiserreiches 1918 zur brennenden Frage; sie löste eine Fülle von Arbeiten aus. Die Analyse von nationaler Gemeinschaft, Gesellschaft und Rechtsstaat führt in die Anfänge der Soziologie um 1900. Dabei übernahm der Begriff „Volk“ weitgehend die Kriterien des Begriffs „Nation“. Vor allem wurde die wichtige Unterscheidung von Ferdinand Tönnies[.footnote-link]7[.footnote-link] wirksam: Gemeinschaft trägt ihren Sinn in sich, Gesellschaft ist ein Zweckverband. Die damals führende Phänomenologie der Husserl-Schule nahm sich dieses Leitgedankens an. Aufs kürzeste definierte Edith Stein, die zu diesem Thema noch wenig rezipiert ist:[.footnote-link]8[.footnote-link] „Gemeinschaft im weitesten Sinn als ursprünglicher Verständnis- und Erlebniszusammenhang auf Grund von Artgemeinsamkeit. Im engeren Sinn abgegrenzt gegen Gesellschaft (der Zweckverband mit bewußtem Stiften, Auflösen, Ein- und Austreten, Objekt-Einstellung) als die naturhaft erwachsende durch Blut- oder Gesinnungs- oder Lebens-Gemeinsamkeit (…); Wir-Erleben.“[.footnote-link]9[.footnote-link] Damit wird „Gemeinschaft“ zum erstrangigen Kriterium für „Nation“, zweitrangig dann die funktionale „Gesellschaft“. Nationale Gemeinschaft wurde sogar als Analogon eines Individuums gedeutet: als „Gesamtperson“, so zeitgleich Max Scheler.[.footnote-link]10[.footnote-link] Die nationale Gemeinschaft führt Lebenskraft zu oder vermindert sie; umgekehrt erweisen soziale Akte wie Liebe, Dankbarkeit, Vertrauen, Mißtrauen die Möglichkeit solcher Kraftübertragung auf das ganze Volk. So bilden die in der Nation ausgetauschten Lebensströme eine Art „Gemeinschaftsseele“. Sie „modifiziert zwar nicht die individuelle Seele, aber das Hineingenommensein des Einzelsubjekts in einen Gemeinschaftsraum [...] führt zu einer Erweiterung des Erfahrungshorizontes: Es werden dem Subjekt Erlebnisse, Gedanken und Wertungen zugänglich, deren es als isoliertes Ich nicht fähig wäre.“[.footnote-link]11[.footnote-link] Umgekehrt wurde jedoch die Gemeinschaft deutlich auf der Person und ihrer Verantwortlichkeit aufgebaut – gegen die folgende Vergötzung von Gemeinschaft, Rasse und Volk.
Die Suche nach einer neuen Verfassung brachte auch eine bedeutende Rechtsphilosophie über die Grundlegung des Staates auf das Recht hervor[.footnote-link]12[.footnote-link] – also über nationale Gemeinschaft hinaus, was Gewaltmonopol und Fürsorgepflicht einschließt. Recht bedeutete dabei im Unterschied zum positiven Gesetz die vorstaatliche, nicht gesatzte Sphäre, die heute mit Menschenrechten oder Naturrecht gekennzeichnet wird: Der Staat hat seine Existenz auf einem apriorischen Recht aufzubauen und wird dadurch legitimiert; andernfalls wird er zum Unrechtsstaat. Diese nüchtern-rationale Rechtsstaatlichkeit hätte alle politischen Versuchungen ausschließen können. Die geschichtliche Entwicklung aber verlief anders: in die zwölf braunen Jahre der Idolisierung von „Führertum“ als Ersatz für Recht und Gesetz und in die schwankenden und exaltierten Mythisierungen des „Volkes“, gar der „Rasse“.
1945 zerschellte diese Hybris; sie war wie die deutschen Städte zu Asche verbrannt. Der einsetzenden Ernüchterung und Kollektivscham entsprach in Westdeutschland lange der trockene Ausdruck eines „Verfassungspatriotismus“, 1970 formuliert von dem Politologen Dolf Sternberger, wiederholt von Jürgen Habermas. Allerdings enthält ein solcher Formalismus kein „Feuer“; mittlerweile wird ein viel tiefgreifenderes Verständnis deutscher Nation notwendig: aufgrund der Wiedervereinigung von 1989/90, die zwei getrennte „Volksteile“ zu einen hat; aufgrund der notwendigen Integration von Migranten (Integration wohin?); vor allem aber aufgrund einer bereits dritten und vierten nachgeborenen Generation, die die historische Last der Väter nicht einfach übernehmen will. Sich bei diesen gewaltigen Aufgaben nur in der Verfassung wiederzufinden, entspräche einer „dürren, herzsparenden Klugheit“.[.footnote-link]13[.footnote-link]
„Vaterland“ als Raum der Herkunft weist auf viel reichere Wurzeln: „O heilig Herz der Völker, o Vaterland“, begann die Hymne Hölderlins um 1800. Lässt sich ein solches Hochgefühl der Zustimmung zu einem Gemeinwesen überhaupt denken?
Als Hinderung erweist sich die bittere Scham und Selbstverurteilung Deutschlands nach den unvergleichlich mörderischen Erfahrungen des Nazi-Regimes. Allerdings überschatten Kriege und völkerrechtliche Verbrechen bis heute das Selbstverständnis vieler Nationen; kaum eine Nation ist ungebrochen. Das gilt vor allem für „den Westen“, und so betrifft die heutige Devise „woke“, „Erwachen“ erstrangig die Kolonialsysteme; man sucht und findet immer neue Täter, auch bis zur Selbstabdankung und zum Absurden. Vor dem Millennium ist in vielen Ländern eine Generalanklage gegen das eigene historische Verfehlen laut geworden, mit weltweiter politischer Rhetorik gegenüber den indigenen und klassenspezifischen Opfern.
Deutschland hatte 1918 seine wenigen Kolonien verloren, doch blieb das vernichtende Bewusstsein des mörderischen Angriffs auf Ost- und Westeuropa und das Judentum. Wie kann hier eine „Seele der Nation“ auferstehen?
Dazu sei auf einen Gedanken verwiesen, der sich noch einmal Edith Stein verdankt. Sie wurde 1942 in Auschwitz umgebracht, und doch versuchte sie im Vorhinein eine Lösung des politisch nicht Lösbaren. Ihr Testament von 9. Juni 1939 spricht von einer Stellvertretung für andere - von einer Proexistenz für die Gemeinschaft. Der Schlüsselsatz lautet: „Schon jetzt nehme ich den Tod, den Gott mir zugedacht hat, in vollkommener Unterwerfung unter Seinen heiligsten Willen mit Freuden entgegen. Ich bitte den Herrn, dass Er mein Leben und Sterben annehmen möchte zu Seiner Ehre und Verherrlichung [...]” Nun folgen zwei Bitten für den Karmel und das jüdische Volk, verbunden mit dem Ausdruck „Sühne“, und darauf folgt: „für die Rettung Deutschlands und den Frieden der Welt“, schließlich die Bitte für die Angehörigen.[.footnote-link]14[.footnote-link]
Gemeinschaft des Volkes oder der Nation ist in Steins Denken, wie zuvor dargelegt, weit mehr als eine nur zweckmäßige oder formale Sache. Vielmehr: Von der Wir-Gemeinschaft ist jedes Individuum vorgängig getragen und begabt; so verlangt diese Vorgabe sogar im entscheidenden Fall eine Rückgabe. Pro-Existenz wird Folge der Gemeinschaft. Je tiefer der tragende Sinn der Gemeinschaft empfunden wird, desto tiefer verpflichtend wird das Einstehen für andere. Weit über eine anfänglich sachliche Zugehörigkeit hinaus kann man seine Lebenskraft einsetzen, sogar in einem großen Entschluss Stellvertretung übernehmen - in willentlicher Hingabe. Ein solcher Einsatz bleibt unberechenbar kostbar; er wirkte bei den jungen Menschen der Münchner „Weißen Rose“ 1943, bei den Offizieren des schlesischen „Kreisauer Kreises“ 1944 und vielen bekannten und unbekannten Märtyrern des Regimes[.footnote-link]15[.footnote-link] - sie starben für die Ehre und das „heilige Deutschland“ (so Stauffenberg bei der Hinrichtung).
Auch Edith Stein als neue „Patronin Europas“ (so 1999 ernannt durch Papst Johannes Paul II.) ist durch Hingabe ihres Lebens zur tragenden Brücke zwischen lange getrennten, ja feindlichen Fronten geworden - zwischen Deutschen und Polen, zwischen Deutschen und Juden, zwischen Juden und Christen. Sühne ist im Munde Edith Steins kein sentimentales Missverständnis, keine überlebte theologische Vokabel. Sühne ist das unerklärlich Wirksame im Gewebe des gemeinsamen Daseins. Als Judenchristin war ihr eine Möglichkeit eröffnet, die „die Welt nicht hat“: die Toten zu erreichen, Sühne für die Henker anzubieten, Heilung für die Opfer zu erbitten. Dank ihrer Proexistenz war noch im Grauen von Auschwitz Gnade wirksam. Wir Nachgeborenen sind zur dauernden Antwort auf die Schuld der Vorfahren gezwungen – aber das befleckte Europa ruht auch auf den Schultern vieler Märtyrer.
Gibt es eine Seele der Nation? „Gibt es?“ fragt nach einem Geber – wenn die politischen Programme der bloßen Selbstanklage nur Stagnation und Mutlosigkeit bringen.
Eine andere Zuversicht wächst durch die kulturelle Aneignung der biblischen Offenbarung: durch die alles Begreifen und alle Interessen übersteigenden Bezüge von Gott und Mensch. In diese Bezüge gehören die Gaben: Vergebung, Sühne, Neuanfang – freilich transzendente Begriffe, die aber in die Mitte der Kultur gehören und dort – wie auch früher schon – ihre Träger finden. Formulieren wir den Kern dieser Kultur nochmals mit Edith Stein: „Gott schuf den Menschen nach Seinem Bilde. (…) Wir sollen von diesem Bild so viel in uns aufnehmen, wie wir nur können, damit es zur inneren Form werde und uns von innen heraus gestalte.“[.footnote-link]16[.footnote-link]