Die Seele einer Nation
Mein Vater war Immigrant. Was er mir über die Liebe zum Heimatland beibrachte.
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Mein Vater war Immigrant. Was er mir über die Liebe zum Heimatland beibrachte.

Frederic Edwin Church, Our Banner in the Sky, Öl auf Papier, 1861. [.smalltext]Alle Bildmaterialien von Wikimedia (gemeinfrei).[.smalltext]
W.ir schreiben das fünfte Jahrhundert v. Chr. Der Peloponnesische Krieg tobt. Im Hafen von Athen, im Haus eines reichen Mannes namens Kephalos, ist eine Gruppe von Männern versammelt. In ihrem Mittelpunkt steht Sokrates. Die Männer diskutieren über die Seele einer besonderen Art von Nation: einer Republik. Das Gespräch mündet allmählich in eine Erkenntnis: eine gerechte Republik „ist nur möglich, wenn [die Gerechtigkeit] zuerst in den Herzen und Seelen der Bürger wohnt.“
Die Frage nach der Seele und der Nation wurde seitdem in jeder Generation neu aufgeworfen und wird zweifellos auch in jeder kommenden Generation neu gestellt werden. Wie Aristoteles zu Beginn von De Anima bemerkt: „Zu einer gesicherten Erkenntnis über die Seele zu gelangen, gehört zu den schwierigsten Dingen der Welt.“ Und so ist das, was ich heute schreibe, kein Fazit, keine abschließende Aussage, sondern vielmehr eine Reflexion: eine Reflexion über die Seele meiner Nation, der Vereinigten Staaten von Amerika, und über den Gott, der der Gott jenes gerechten Friedens und jener vollkommenen Liebe ist, die im Hebräischen ‚Shalom‘ genannt wird.
Was ist eine Seele? Und was ist eine Nation? Seele ist Tiefe von Sinn, Sehnsucht und Sein –
der Gottesfunke, der Atem, der das menschliche Leben beseelt. Christus gebietet uns, Gott nicht nur mit unserem Herzen und unserem Verstand, sondern auch mit unserer ganzen Seele zu lieben. Die Seele waltet in der Gegenwart, birgt sich in der Geschichte und bewegt sich zwischen Zeit und Ewigkeit. Jeder Mensch ist eine Seele. Nationen bauen auf Menschen auf, folglich hat jede Nation eine Seele.
Über die Seele unserer Nation nachzudenken bedeutet, Gott in denen wirken zu sehen, die unser Land aufgebaut und in ihm gelebt haben und die für dieses Land gestorben sind. Es bedeutet, Gottes Liebe, Gottes Freiheit und Gottes Gerechtigkeit am Werk zu sehen. Eine Seele mag verloren sein, aber was verloren ist, kann wiedergefunden werden. Deshalb müssen wir uns auf die lebensspendenden Impulse der Seele unserer Nation in Geschichte und Gegenwart sowie auf Gottes Ordnung für die Gesellschaft konzentrieren.
Auch die nationen, stämme und Kulturen der amerikanischen Ureinwohner .in ihrer Vielzahl und Vielfalt, die vor uns hier lebten, glaubten grundsätzlich an den Großen Geist. Dieser Geist hatte viele Namen, aber er galt immer als der Schöpfer, das Prinzip der Ordnung und des Lebens. Dieser Geist war sicherlich jener unbekannte Gott, von dem der Apostel Paulus – einst in Athen, wenn auch mehr als 500 Jahre nach Sokrates – sagte, er habe „aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen, damit es die ganze Erde bewohne … Sie sollten Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern. Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir; wie auch einige von euren Dichtern gesagt haben: Wir sind von seinem Geschlecht.“
Die Kolonialzeit brachte diejenigen, die diese Worte des Paulus kannten, zum ersten Mal in Kontakt mit den indigenen Nationen. Europäer strömten in Massen über den Atlantik, auf der Suche nach religiöser und wirtschaftlicher Freiheit, neuen Möglichkeiten und Abenteuern. Sie waren Entdecker, Opportunisten und Idealisten mit einer Vision und dem Willen, eine Nation aufzubauen, eine Heimat, in der ihre Seelen aufblühen konnten. Sie bauten Gehöfte, bestellten das Land, kämpften um ihr Überleben – und gründeten ein Regierungssystem, das auf Harmonie ausgerichtet war: einen Verfassungsstaat mit einer Regierung aus dem Volk, gewählt durch das Volk und für das Volk wirkend; ein Staat mit Gesetzen, die auf Freiheit abzielten. Die einleitenden Worte der Unabhängigkeitserklärung spiegeln eindrucksvoll ihren Wunsch wider, diese Nation auf das zu gründen, was von Gott vorgegeben worden war. „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.“ Das ist Seele.

In dieser Zeit wurden auch Hunderttausende Menschen, hauptsächlich vom afrikanischen Kontinent, in schändlicher Weise in die Sklaverei gezwungen und nach Amerika gebracht. Während sie diesen langen schlimmen Horror überlebten, brachten sie durch ihren beharrlichen Kampf und ihre Sehnsucht nach Freiheit viel Seele hervor. Lieder des Leidens gaben vielen Kraft, als sie dem Großen Wagen, dem „Drinking Gourd“, nach Norden in die Freiheit folgten. Insbesondere haben Frederick Douglass, Harriet Tubman und Sojourner Truth den Kampf gegen die Sklaverei angeführt, um die Wurzeln der ungerechten Gesetze, die sie in Knechtschaft hielten, auszureißen und stattdessen Gesetze zu pflanzen, die die Liebe und Gerechtigkeit widerspiegelten, die in ihren Seelen lebten. Unterstützt von Präsident Abraham Lincoln gipfelten ihre Bemühungen im Bürgerkrieg, der die Abschaffung der Sklaverei und den Wiederaufbau brachte.
Die Massenmigration aus Deutschland, Irland, Italien und Osteuropa führte dazu, dass im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert über zwölf Millionen Menschen durch Ellis Island kamen. Viele weitere aus Asien trafen in Kalifornien ein. Dieser Zustrom trug zur kollektiven Seele Amerikas bei. Die Freiheitsstatue war für all jene, die nach Freiheit suchten, ein Leuchtfeuer der Hoffnung, was die Bronzetafel in ihrem Sockel widerspiegelt: „Gib mir deine Müden, deine Armen, deine zusammengedrängten Massen, die sich danach sehnen, frei zu atmen.“
Beschränkungen im frühen 20. Jahrhundert unterbanden dann den größten Teil der Einwanderung. 1955 kam meine eigene Familie nach Amerika, oder genauer gesagt, kehrte sie zurück, nach mehr als einem Jahrhundert (das ist eine lange Geschichte). Mein Vater war 15 Jahre alt, als er aus Südamerika in New York ankam. Er nahm seine neue Heimat begeistert an.
Davor hatte er sein Leben im Dschungel von Paraguay verbracht, nachdem seine Eltern zusammen mit anderen Mitgliedern der Bruderhof-Gemeinschaft auf der Flucht vor dem Hitler-Regime über Liechtenstein und England nach Südamerika gelangt waren. Er und die ganze Gemeinschaft fanden im Hudson Valley eine Zuflucht, mehr noch: ein Zuhause. Mein Vater setzte sich begeistert mit der amerikanischen Geschichte auseinander. Die grundlegenden Konzepte von Glauben, Freiheit und Gerechtigkeit entsprachen genau seiner Erziehung sowie der Geschichte seiner Familie und Gemeinschaft.
Er liebte auch Amerikas Autokinos, die Jukeboxen, die Elvis spielten, die Dairy-Queen-Eisdielen und die Limonadentheken. Und Baseball. Er war ein echter Yankees-Fan. Die Seele Amerikas, das Versprechen, schlug Wurzeln in der Seele meines Vaters. Obwohl er in England geboren worden war und 14 Jahre seines Lebens in Paraguay verbracht hatte, das er sehr liebte, hätte er sich nicht als britischen oder paraguayischen Patrioten bezeichnet. Mit Amerika verhielt es sich anders. In der Schule erzählte er später:
Ich führte ein Notizbuch und hielt darin gewissenhaft alles fest, was ich an der Verfassung, der Präambel, vielen der Dokumente und den Zusatzartikeln für wichtig hielt. … Ich konnte sie alle auswendig, denn es begeisterte mich irgendwie, dass es hier eine Regierung gab, die den Menschen ein offenes Herz entgegenbrachte und jedem Amerikaner „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“ garantierte. Für jemanden, der aus Paraguay kam, war das wichtiger, als ihr vielleicht denkt.
Fünf Jahre nach der Ankunft meines Vaters wurde John F. Kennedy zum Präsidenten gewählt. Mein Vater erinnerte sich, diese Worte aus der Antrittsrede im Radio gehört zu haben: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst.“ Dies sei „nicht nur politische Rhetorik“ gewesen, erzählte er Schülern einer Highschool Jahrzehnte später. Diese Worte „waren göttlich inspiriert. Sie haben Tausende von jungen Amerikanern dazu bewogen, ihrem Land entweder im Peace Corps oder in den Streitkräften zu dienen.“
Mit 18 Jahren war mein Vater sowohl Patriot als auch überzeugter Pazifist. Er beantwortete den Aufruf von Präsident Kennedy, indem er seinen pazifistischen Überzeugungen treu blieb und sich weigerte, in einem Krieg zu kämpfen, den er unter anderem für ungerecht hielt.
Die folgenden Jahre brachten große Unruhen in Amerika. John F. Kennedy, Martin Luther King Jr. und Robert F. Kennedy wurden durch Attentäter ermordet. „Es war, als würde eine Tür zugeschlagen“, beschrieb er den Schülern die Situation. „Es war unheimlich. Die Amerikaner hatten Angst. Nach diesen Attentaten war eine gewisse Ära der Geborgenheit, der Aufregung, der Zielstrebigkeit vorbei.“ Doch für meinen Vater brachten diese finsteren Zeiten eine alte Herausforderung wieder in den Vordergrund:
Sein Land zu lieben und ihm dienen zu wollen, besonders in einer schwierigen Zeit, kann mit einem biblischen Auftrag verglichen werden: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken.“ Und: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Du lebst jetzt in Amerika. Wirst du Gott mit ganzem Herzen, ganzem Denken und ganzer Seele lieben? Wirst du deine amerikanischen Mitbürger lieben wie dich selbst? Wenn du das tust, dann dienst du deinem Land.
Die Liebe meines Vaters zu Amerika war nie etwas, das sich nur auf eine geschichtsträchtige Vergangenheit richtete. Obwohl er an einigen der folgenreichsten Momente der modernen amerikanischen Geschichte beteiligt war, war sein Blick immer auf die Gegenwart und die Zukunft gerichtet. Seine Forderung an sich selbst und seine Mitmenschen war, aktiv zu werden. 2014 erzählte er den Schülern einer anderen Highschool:
Als junger Mann [demonstrierte] ich mit Martin Luther King Jr. in Selma, Alabama, und Atlanta, Georgia. Ich traf ihn später auch in Washington, D.C. Ich erlebte die Beerdigung eines jungen Afroamerikaners, dessen einziges Verbrechen gewesen war, seine Mutter beschützen zu wollen. Dafür wurde er von einem Polizisten in Alabama erschossen. Ihr könnt euch den Schmerz und die Wut der Angehörigen und Freunde vorstellen, die Gerechtigkeit und Genugtuung wollten. Aber Martin Luther King sagte: „Nein, es gibt einen besseren Weg, und das ist Vergebung.“ …
Jetzt brauchen wir neue Führungspersönlichkeiten, Menschen, die bereit sind, unserer Nation als Präsident, Abgeordnete, Lehrer, Professoren und Ärzte zu dienen, um unsere Nation in die Zukunft zu führen und der Welt zu zeigen, dass wir wahrhaft eine Demokratie sind; dass wir ein Land sind, in dem wir einander wirklich lieben. … Lasst uns diese Worte wirklich umsetzen: „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glück.“
Wegen dieser Worte entschieden meine Familie und ich, als Einwanderer aus Paraguay nach Amerika zu kommen. Wir wollten diese Worte selbst erleben, sie in die Realität umsetzen und selbst Teil dieser Realität sein. Hier in Amerika seid ihr Teil von etwas Großartigem. Und es liegt an euch, etwas Positives beizutragen. Wenn ihr diese Welt dann verlasst, werden sich die Leute daran erinnern, dass diese Frau, dieser Mann, Gott und Mitmenschen wirklich geliebt und sich um sie gesorgt hat. Dafür wird man sich an euch erinnern. Gestaltet euer Leben sinnvoll, setzt eure Talente gut ein, und ihr werdet es nicht bereuen.
In den Worten, mit denen mein Vater seine Liebe zu Amerika ausdrückt, schwingen die Dankbarkeit und die Treue mit, die unzählige Einwanderer in die USA empfunden haben.
W.ie also entdecken wir 250 Jahre nach der Staatsgründung unsere gottgegebene Seele und die wahre Seele unseres Landes wieder? Wie entwickeln wir diese seelische Verbindung weiter und lassen sie erneut aufleben? Das kann nur geschehen, wenn wir Gott finden und den Funken spüren, den er in jedes Herz und jedes Leben legt. Er wird diesen Funken zu einem Feuer entfachen, das als lebendige Seele in uns wirkt. Das geschieht, wenn wir in Liebe und Freiheit zusammenleben, in Wohlwollen, Reue, Vergebung und Glauben an Gott, in der wahren Ordnung und Bestimmung von Familie, Gemeinschaft, Land und Menschheit. Die Seele kennt keine nationalen Grenzen. Letzten Endes finden wir unsere Seelen durch Gott und in Gemeinschaft miteinander, wenn wir nach der Harmonie suchen, die zwischen unserer Seele und den acht Milliarden Seelen unserer Mitmenschen auf diesem kostbaren Planeten besteht.