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Essay

Moderne Götter

Die Welt ist wieder verzaubert.

July 7, 2026

[.article__paragraph--cap][.small-caps]Im jahr 1917[.small-caps] hielt der deutsche Soziologe Max Weber an der Universität München eine mitreißende Rede darüber, was nötig ist, um in der Wissenschaft erfolgreich zu sein. Weber, ein strenger Mann und stolzer Wissenschaftler, war der Überzeugung, dass nur jene, die sich ganz und gar dem wissenschaftlichen Ideal verschrieben haben, diesen Weg einschlagen sollten. Weber's Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ fand jedoch nicht wegen seiner Karrieretipps Beachtung, sondern für seine Darstellung des modernen Lebens. „Das Schicksal unserer Zeit“, erklärte Weber in seiner berühmten Rede, ist geprägt von Rationalisierung und Intellektualisierung und vor allem von der „Entzauberung der Welt“.[.article__paragraph--cap]

Webers leidenschaftliche Äußerungen über die „Entzauberung“ sind zu Grundpfeilern der soziologischen Lehre geworden. Ihr Einfluss reicht jedoch weit darüber hinaus und prägt ein weit verbreitetes Gefühl gegenüber der Welt. Dass die moderne Welt „entzaubert“ sei, ist mittlerweile fast schon zu einem Klischee geworden. Und wie bei den meisten Klischees liegt die Wahrheit, auf die es hinweist, unter Schichten von Missverständnissen begraben.

Weber ist bekannt dafür, eine tragische Darstellung der Moderne zu formulieren – die Tragödie ist doppelt bedingt: erstens durch die Vorherrschaft von Wissenschaft und Technologie in modernen Institutionen und zweitens durch das tiefe menschliche Bedürfnis nach transzendenter moralischer Bedeutung.

Anne Desmet, Babel/Vesuvius, Linolschnitt, Holzschnitt, Druck und Collage auf Papier, 2002. [.smalltext]Verwendet mit Genehmigung.[.smalltext]

Die moderne Welt wird von den Kräften der Wissenschaft und Technologie geprägt. In jedem Bereich unseres Lebens – von dem, was wir essen und konsumieren, bis hin zu der Art und Weise, wie wir reisen und arbeiten – verlassen wir uns auf technologisches Fachwissen. Unsere Gesellschaft basiert auf der Beherrschung der Natur. Aufgrund der immensen instrumentellen Macht, die die Wissenschaft entfesselt, nehme sie eine übergroße Rolle in öffentlichen Debatten darüber ein, was wahr oder gut ist. Die Moderne, so stellte er fest, institutionalisiert einen Geist rationaler Kalkulation auf Kosten substanzieller Werte.

Die Wissenschaft, bemerkt Weber unter Berufung auf Tolstoi, „ist sinnlos, weil sie auf die allein für uns wichtige Frage: ‚Was sollen wir tun? Wie sollen wir leben?’ keine Antwort gibt‘“. Hierin liegt das Dilemma der Moderne: Wissenschaft und Technik haben uns beispiellose instrumentelle Macht verliehen, doch gleichzeitig die Quellen moralischer Bedeutung entfernt, von denen das Gedeihen des Menschen abhängt.

Die Säkularisierungstheorie und ihre Schwächen

Die Säkularisierungstheorie ist Weber zutiefst verpflichtet, stellt die Erklärung für den Rückgang der Religion in der modernen Welt ja lediglich eine Weiterentwicklung und Erweiterung von Webers Münchner Rede dar. Säkularisierungstheoretiker betrachten den Niedergang des Christentums im Westen in erster Linie als Ergebnis von Prozessen der „Entzauberung“ – das heißt, der zunehmenden Autorität der Wissenschaft, der Ablösung religiöser Rituale durch Technologie und der Verankerung instrumenteller Rationalität in modernen Institutionen. Ein vormoderner christlicher Bauer, der mit Dürre konfrontiert war, betete um Regen; heute schaltet der Bauer einfach einige Sprinkler an.

Ich stehe dieser Darstellung skeptisch gegenüber. Der Glaube an Geister, Feen und Wesen ist im 21. Jahrhundert nach wie vor weit verbreitet. Darüber hinaus hatten viele Christen – sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart – kaum Schwierigkeiten, Wissenschaft und Religion miteinander in Einklang zu bringen. Tatsächlich gibt es, laut der Soziologin Elaine Howard Ecklund, auf der ganzen Welt professionelle Wissenschaftler die strenge wissenschaftliche Praxis mit persönlichem Glauben verbinden. Richtig verstanden schweigt sich die Wissenschaft zur Frage moralischer Bedeutung aus. Sie kann uns daher nicht sagen, welchen Werten oder Zielen wir uns verschreiben sollen, und Religion schlichtweg nicht ersetzen.

Webers Darstellung übersieht, dass der Niedergang des Christentums weniger auf den Aufstieg der Wissenschaft zurückzuführen ist als vielmehr darauf, dass das, was der Soziologe Christian Smith von der Universität Notre Dame als „traditionelles Christentum“ bezeichnet, aus der Mode gekommen ist.

Wenn wir im Westen an „Religion“ denken, neigen wir dazu, an Kirchen, Priester, Pastoren und Ähnliches zu denken. Wir verbinden „Religion“ mit den Formen des Christentums, die historisch gesehen vorherrschend waren, also das traditionelle Christentum. Beginnend mit der Aufklärung, gipfelnd in den 1960er Jahren, wurde das traditionelle Christentum („Religion“) im gesamten Westen als antimodern, unterdrückerisch und intellektuell fragwürdig abgestempelt. Für die Jugend der Gegenkultur verkörperte „Religion“ alles, was an der Welt falsch war. Die Babyboomer waren nicht gegen Religion oder spirituelle Empfindungen (wie die Blüte der New-Age-Bewegung zeigt), sondern lehnten vielmehr die „Religion“ (also das traditionelle Christentum) ab. Dies erklärt, warum der tatsächliche Rückgang der Kirchenbesuche nicht im 19. Jahrhundert mit dem Vormarsch der Wissenschaft begann, sondern in den 1960er Jahren.

In seinem kürzlich erschienenen Werk Why Religion Went Obsolete: The Demise of Traditional Faith in America (Warum Religion obsolet wurde - Der Niedergang traditionellen Glaubens in Amerika) untermauert Smith diese These und vertieft sie zugleich erheblich. Er behauptet, dass der Niedergang des traditionellen Christentums in Amerika nur sehr wenig mit der Verbreitung der Wissenschaft zu tun habe. Stattdessen hänge er in hohem Maße mit der Festigung einer entschieden antichristlichen Kultur zusammen. Viele Menschen heute – insbesondere junge Menschen – haben das traditionelle Christentum als gangbaren Weg zur Erlösung abgelehnt. Sie betrachten christliche Werte und Tugenden als antiquiert und verabscheuungswürdig. Sie lehnen christliche Überzeugungen und Praktiken nicht ab, weil sie irrational sind, sondern weil sie uncool sind.

Doch unsere religiösen Sehnsüchte lassen sich nicht so leicht abschütteln. Weber glaubte, dass der religiöse Impuls darauf zurückzuführen ist, dass Menschen Sinngebung benötigen, um sich zu motivieren, ihr Verhalten zu lenken und ihrem Leben Bedeutung zu geben. Ohne diese erleben sie nichts Geringeres als existenzielle Angst. Jeder von uns steht morgens beim Aufwachen vor der Frage: Wem soll ich mich widmen? Diese Frage zu beantworten, so Weber, ist von Natur aus religiös, denn sie setzt den Glauben an etwas voraus, das über uns hinausgeht. Der Mensch benötigt eine Soteriologie – eine Darstellung des letzten Sinns des Lebens, einen verbindlichen moralischen Rahmen, ein Heilsversprechen. Weber zufolge wird dieses Bedürfnis aufgrund der Verbreitung der Wissenschaft in der Moderne für die meisten Menschen der Gegenwart vereitelt. Dennoch verschwindet es nicht – kann es nicht verschwinden. Was wird also daraus?

[.pull-quote]Viele Menschen heute lehnen christliche Überzeugungen und Praktiken nicht ab, weil sie irrational sind, sondern weil sie uncool sind.[.pull-quote]

Nimmt man Weber ernst, gelangt man zu dem Schluss, dass Entzauberung unweigerlich eine Wiederverzauberung nach sich zieht. Wenn der Mensch dazu bestimmt ist, Erlösung zu suchen, ist es unwahrscheinlich, dass wir eine „entzauberte“ Ordnung sehr lange ertragen können.

Aus diesem Grund ist die Säkularisierungstheorie trotz aller ihrer Erkenntnisse ein großer Irrtum. Die moderne Welt ist zwar tatsächlich von Wissenschaft und Technik durchdrungen; Rationalisierung und Intellektualisierung haben in fast jeden Bereich des menschlichen Lebens Einzug gehalten – von der Sozialpolitik bis hin zu unserem Sexualleben. Doch das 21. Jahrhundert ist keineswegs gänzlich „entzaubert“, sondern im Gegenteil in höchstem Maße verzaubert – zahlreiche Quellen der Erlösung konkurrieren um unsere Seelen. Die Moderne ist weniger eine säkulare Ödnis als vielmehr eine Arena kriegführender Götter. Es gibt zu viele, um sie alle zu nennen, doch vier stechen hervor: das Selbst, die Arbeit, die Politik und die Technologie.

Auf der Suche nach den Göttern der Moderne

Der erste Gott der Moderne ist das Selbst. Ein Erbe der Romantik ist die Beschäftigung mit Immanenz, Subjektivität, inneren Gefühlen und Selbstdarstellung. Zeitgenössische Romantiker streben nach reiner Erfahrung und persönlicher Authentizität. Ihr heilbringendes Ziel ist die Selbstverwirklichung. Das „wahre Selbst“ zu werden, ist ein zentrales moralisches Gebot der säkularen Moderne.

Das romantische Streben nach Erlösung durch Selbstverwirklichung zeigt sich in der Selbstidentifikation als „spirituell, aber nicht religiös“. Mit ihrer Ablehnung von „Religion“ zielen Menschen, die sich als spirituell bezeichnen, dennoch darauf ab, Konformität, Dogmatismus und Kollektivismus abzulehnen – die sie (zu Recht oder zu Unrecht) mit dem traditionellen Christentum assoziieren. „Spiritualität“ hingegen gilt als ausdrucksstark, aufgeschlossen und individuell. Es überrascht nicht, dass die Gruppe der „spirituellen, aber nicht religiösen“ Menschen enge historische Verbindungen zu den Befreiungsbewegungen der 1960er Jahre hat, vom Feminismus bis zur Homosexuellenbewegung. Auf ihre eigene Weise befürworteten diese Bewegungen eine gemeinsame Erlösungslehre der Selbstverwirklichung und legten damit den Grundstein für das, was der Philosoph Charles Taylor als unsere spätmoderne „Kultur der Authentizität“ bezeichnet. Die Heiligkeit persönlicher Authentizität in Frage zu stellen, gilt heute als Ketzerei.

Natürlich legen Christen Wert auf Authentizität – und das sollten sie auch. Die Erhöhung des Selbst hat maßgeblich zur Verbreitung des Glaubens an die Menschenrechte beigetragen. Doch das Streben nach Selbstverwirklichung hat in den letzten Jahren seltsame, finstere Richtungen eingeschlagen.

Im gnostischen Sozialismus betrachtet das Ideal der Selbstverwirklichung alle gesellschaftlichen Traditionen und Normen als unterdrückerisch und tyrannisch, da sie den Einzelnen in Schubladen zwängen, die im Widerspruch zu seinem subjektiven Selbstverständnis stehen. Dies ist es, was eine bemerkenswerte Zahl junger Menschen dazu veranlasst, sich nicht nur gegen restriktive Geschlechternormen zu wenden, sondern auch gegen die verbreitete Überzeugung, dass es nur zwei Geschlechter geben soll. Aus der Perspektive einer unbegrenzten Selbstbehauptung können die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ nur als gewaltsame Auferlegung erlebt werden. Wenn gesellschaftliche Normen im Widerspruch zu den eigenen inneren Gefühlen stehen, müssen diese Normen verschwinden.

Anne Desmet, Babel Tower in Pieces (Homage to Bruegel), 1999,Holz- und Linolschnitt auf Papier. [.smalltext]Verwendet mit Genehmigung.[.smalltext]

Ironischer- und beängstigenderweise findet die nietzscheanische Hingabe an die rohe Selbstbehauptung derzeit Anklang im politisch rechten Lager. Der große Fehler der Linken bestand darin, anzunehmen, dass die Sakralisierung der Subjektivität progressiven Zielen ganz selbstverständlich dienen würde. Doch wie die Popularität „vitalistischer“ Influencer wie Bronze Age Pervert deutlich macht, hat die Linke kein Monopol auf die Soteriologie, die Heiligung der Selbstverwirklichung. Wenn Gott und das Selbst eins sind, ist Moral das, was man daraus macht. Für die radikale Rechte verlangt echte Selbstverwirklichung, dass die Starken tun, was sie wollen, während die Schwachen dies erdulden müssen.

Hier begegnen wir einem weiteren Gott, der um die Vorherrschaft kämpft: die Arbeit. Diese erhält ihre erlösende Qualität zum Teil von ihrer Beziehung zum Reichtum. Im modernen Kapitalismus nimmt Mammon eine mystische Qualität an. Gewiss, in allen Zeitaltern wurde Reichtum fälschlicherweise als Zeichen göttlichen Segens angesehen. Doch in stark stratifizierten Gesellschaften ist Reichtum sowohl ein Statussymbol als auch eine Eintrittskarte zur sozialen Akzeptanz. Ein Mangel an Reichtum kann den sozialen Tod bedeuten. Für die gebildete obere Mittelschicht wird Arbeit jedoch nicht nur wegen des Wohlstands geschätzt, den sie verspricht, sondern zunehmend als Quelle transzendenter moralischer Bedeutung. Bei einer Umfrage im Jahr 2018 antworteten 48 Prozent der Amerikaner mit hohem Einkommen und Hochschulabschluss auf die Frage, was ihrem Leben Sinn gebe, dass dies ihre Arbeit sei.

Zwar ist es dem Christentum keineswegs fremd, der eigenen Arbeit spirituellen Wert beizumessen, doch wäre es falsch, diese Ergebnisse lediglich als Fortbestehen der protestantischen Ethik zu interpretieren. Wie der Autor Derek Thompson feststellt, besteht der Trend der letzten Jahre nicht darin, die eigene Karriere als im Einklang mit der religiösen Berufung stehend zu betrachten, sondern darin, die Religion durch die Arbeit zu ersetzen – was er als „Workism“ bezeichnet.

In ähnlicher Weise argumentiert die Berkeley-Soziologin Carolyn Chen in Work Pray Code: Anstatt ihr Leben in eine religiöse Gemeinde zu investieren, wie es einst eine amerikanische Norm war, engagiert sich die obere Mittelschicht zunehmend in ihren Beruf – zum großen Nachteil ihrer Familien, Freundschaften, Nachbarschaften und Gemeinschaften.

Wer daran zweifelt, dass Arbeit als Quelle der Erlösung dient, sollte sich daran erinnern, dass es bei der Religion für Weber um die Frage geht: Wem soll ich mich widmen? Wir leben in einer Welt, in der die Berufs- und Führungskräfte verzweifelt nach Erlösung durch Produktivität, Selbstoptimierung und immer mehr Leistung streben: eine weitere Zeile im Lebenslauf, ein weiterer Abschluss, ein weiterer Titel. Darüber hinaus wird im Zeitalter der KI die Gefahr der Verdammnis in Form von Arbeitslosigkeit nur allzu real. Das moderne Streben nach Selbstoptimierung ist sisyphushaft: Optimierung setzt ein endgültiges Ziel voraus. Optimierung wofür? Mehr Geld verdienen, mehr produzieren, mehr erreichen. Aber zu welchem Zweck? Der Gott der Arbeit ragt wie ein Sklaventreiber empor, stets präsent, doch niemals zufrieden.

Ein weiterer Gott, der um unsere Treue buhlt, ist die Politik. Man denke nur an die utopischen Bewegungen, die das 20. Jahrhundert erschütterten, angetrieben von einem diesseitigen Verlangen nach Erlösung: der Kommunismus auf der linken Seite, der Faschismus auf der rechten. Im Zentrum der Soteriologie der Politik steht der Glaube, dass religiöse Erlösung durch politischen Kampf erreicht werden kann und sollte.

[.pull-quote]Das romantische Streben nach Erlösung durch Selbstverwirklichung zeigt sich in der Selbstidentifikation als „spirituell, aber nicht religiös“.[.pull-quote]

Der Begriff „Wokeness“ wird im Allgemeinen abwertend verwendet, und viele Kritiker spötteln über dieses Phänomen, indem sie es mit Religion vergleichen. Doch diese Analogie verdient unsere Beachtung. Der Altmeister des Antirassismus, Ibram X. Kendi, gesteht auf den ersten Seiten seines Bestsellers von 2019, How to Be an Antiracist, dass sein Eifer für soziale Gerechtigkeit direkt aus seiner Erziehung in der Black Church und den soteriologischen Bestrebungen stammt, die diese in ihm geweckt hat. Was auch immer man sonst darüber sagen mag, es veranschaulicht perfekt die Übertragung religiöser Sehnsüchte in politische – ein Prozess, der sowohl auf der Linken als auch auf der Rechten alltäglich geworden ist.

Im „verzauberten“ 17. Jahrhundert führten Katholiken und Protestanten Krieg, um ihre theologischen Überzeugungen zu verteidigen. Heute kennen nur wenige Millennials oder Angehörige der Generation Z überhaupt den Unterschied zwischen Katholizismus und Protestantismus. Fragt man sie jedoch, ob sie bereit wären, sich mit jemandem aus einem gegnerischen politischen Lager zu verabreden, kommen die Messer zum Vorschein. Es sind nicht Fragen nach dem Wesen Gottes, die unsere heutigen „Religionskriege“ schüren, sondern Fragen zu Geschlecht, Rasse und Einwanderung.

Da die Politik zu einer dominanten Quelle der Erlösung aufgestiegen ist, ist Polarisierung die natürliche Folge. Wenn die Erlösung unserer Seele davon abhängt, dass wir die „richtige“ politische Haltung vertreten, dann wird politische Uneinigkeit unerträglich. Jede Wahl wird zu einer Frage von Erlösung oder Verdammnis.

Es gibt noch einen letzten modernen Gott, der um unsere Verehrung buhlt: die Wissenschaft. Ein Großteil von „Wissenschaft als Beruf“ befasst sich damit, dass Weber seine Kollegen davor warnt, von der Wissenschaft das zu erwarten, was sie letztlich nicht liefern kann – moralische Bedeutung. Auf diese Weise findet man bei Weber eine schlagkräftige Kritik an Richard Dawkins’ Lobeshymnen auf die der Wissenschaft innewohnende Sinnhaftigkeit. Ungeachtet seiner Fehler war Weber bewundernswert konsequent. Wahrer Mut, so argumentierte er, erfordere, dass die Menschen der Moderne der „Verzauberung“ durch Wissenschaft und Technik widerstehen.

Max Weber, 1918. [.smalltext]Science History Images. Alamy Inc.[.smalltext]

Wir haben auf spektakuläre Weise versäumt, Webers Rat zu beherzigen. Unsere Gesellschaft ist nicht bloß eine „rationalisierte Gesellschaft“, sondern durchdrungen von einem Techno-Utopismus, der Wissenschaft und Technologie als die einzigen Wege zur persönlichen und kollektiven Erlösung betrachtet. Dieser Techno-Utopismus zeigt sich am deutlichsten im Silicon Valley, wo selbsternannte Priester des technologischen Fortschritts wie Elon Musk und Marc Andreessen ihren maßlosen Reichtum und ihre Macht einsetzen, um uns in eine Zukunft ihrer eigenen Schöpfung zu drängen. Doch er lebt ebenso in den als selbstverständlich geltenden Annahmen weiter, die so viele dazu verleiten, das Virtuelle mit dem Realen zu verwechseln, jedem neuen technischen Gerät verzaubert zu verfallen und die Einführung neuer Technologien als unumstößliches Naturgesetz zu betrachten. Es ist eine der großen Torheiten der Säkularisierungstheorie, dass sie nicht erkannte, dass Wissenschaft und Technologie mit immenser moralischer und religiöser Bedeutung behaftet sind und als mythische Anker einer aufklärerischen Erzählung vom ewigen Fortschritt dienen und gleichzeitig unsere nahezu grenzenlose prometheische Grandiosität beflügeln.

Der paradoxeste Aspekt der modernen Vergötterung der Technologie besteht darin, dass sie zwar als Versprechen der menschlichen Emanzipation – von Mangel, Krankheit und Sterblichkeit – beginnt, jedoch in Entmenschlichung endet. Die Motivation für das Streben nach künstlicher allgemeiner Intelligenz (AGI), wie unsere Tech-Herrscher bereitwillig zugeben, besteht darin, Menschen in Götter zu verwandeln. Dabei wird nie erwähnt, dass das Erreichen dieses Ziels bedeuten würde, uns von allem zu befreien, was uns wahrhaft menschlich macht – von unserer Gebrechlichkeit und Abhängigkeit bis hin zu unserer Fähigkeit zu lieben und zu sterben. Somit ist der Gott der Technologie vielleicht der gefährlichste von allen, denn er befiehlt uns, unsere Menschlichkeit zu verraten.

[.pull-quote]Der Gott der Technologie befiehlt uns, unsere Menschlichkeit zu verraten.[.pull-quote]

Christen könnten nun einwenden: Das sind keine Götter, das sind Götzen. Dem würde ich nicht widersprechen, doch Webers soziologische Perspektive hilft, unsere gegenwärtige Situation in einem neuen Licht zu betrachten und zu erkennen, wie viele Christen unwissentlich vor ihren Altären beten – eine Tatsache, die nicht zuletzt für den moralischen Verfall der Kirche verantwortlich ist. So oder so: Wenn wir unsere soziologische Brille abnehmen, stehen wir immer noch vor der „allein für uns wichtigen Frage: ‚Was sollen wir tun? Wie sollen wir leben?‘“

Es gibt Gerüchte über eine christliche Erweckung, darüber, dass junge Menschen wieder in Scharen in die Kirchen strömen. Der Religionskommentator Ryan Burge merkte an, dass die Behauptung, unter den Jugendlichen finde eine religiöse Erweckung statt, eine außergewöhnliche Behauptung sei, die außergewöhnliche Beweise erfordert, um sie zu belegen. Diese Beweise gibt es nicht. Obwohl ich mir eine religiöse Erweckung durchaus vorstellen kann, wird sie wohl kaum christlich sein.

Das soll nicht heißen, dass echte christliche Frömmigkeit nirgends zu finden ist. Es bedeutet vielmehr, dass es zutiefst gegenkulturell ist, im 21. Jahrhundert ein engagierter Christ zu sein. In der heutigen Welt erfordert ein Leben nach dem Evangelium Überzeugung, Disziplin und eine Gemeinschaft. In gewisser Weise ist diese Aufgabe heute viel schwieriger als früher – ein ernüchternder Gedanke. Dennoch, das Christentum entstand in einer Welt, die unserer eigenen nicht unähnlich war – in der eifersüchtige Götter um unsere Aufmerksamkeit und Loyalität kämpften. In diesem Sinne ist es heute nicht schwieriger in Jesu Fußstapfen zu wandeln.