You have

{{score}}
free articles remaining.
This is some text inside of a div block.
This is some text inside of a div block.

Try 3 months of unlimited access. Start your FREE TRIAL today. Cancel anytime.

START FREE TRIAL NOW
Essay

Die Kritik der Religion

Was, wenn das Christentum nicht die Religion ist, für die wir es hielten?

July 7, 2026

[.article__paragraph--cap][.small-caps]„Die kritik der religion[.small-caps] ist die Voraussetzung aller Kritik.“[.article__paragraph--cap]

So schrieb Karl Marx im Eingangssatz seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Um die bestehende Weltordnung infrage zu stellen, so Marx, müssen wir die Denksysteme hinterfragen, die uns dazu bringen, diese Ordnung als selbstverständlich hinzunehmen. Für Marx war Religion eine solche unterdrückende „Ideologie“: ein Gefüge aus Regeln, Überzeugungen und gesellschaftlichen Konventionen, das die Institutionen und Machtstrukturen des Status quo aufrechterhält. „Religion“, womit Marx in erster Linie das Christentum meint, ist bestrebt, die Reichen reich und die Armen arm zu halten: Sie sagt uns, dass unser eigentlicher Wert an einem Ort namens „Himmel“ liegt, damit wir uns während unserer Zeit auf Erden keine Sorgen um wirtschaftliche Ungleichheit oder Armut machen müssen. Die christlichen Evangelien sagen uns: „Selig die Armen“, „selig die Sanftmütigen“, „selig die Friedensstifter“. Nach Marx' Lesart lehrt die christliche Religion damit, dass die Armen ihre Armut hinnehmen, die Sanftmütigen sich mit ihrem Platz abfinden und die Friedensstifter sich nicht gegen Ungerechtigkeit wehren sollen. Deshalb bezeichnet Marx die Religion so einprägsam als „das Opium des Volkes“: Sie lindert den Schmerz, den man in der wirklichen Welt erfährt, indem sie einen in den Schlaf versetzt. Wer sich von Unterdrückung befreien will, so Marx, muss sich zuerst von den Illusionen lösen, die ihn unterdrückt halten. Deshalb gilt: „Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.“

Marx war überzeugt, dass der Wandel der Gesellschaft vom Feudalismus hin zum Kapitalismus unweigerlich einen religiösen Niedergang bedeuten würde. In den knapp zwei Jahrhunderten, seit Marx jene denkwürdigen Zeilen schrieb, sind religiöser Glaube und religiöse Praxis zweifellos zurückgegangen. Trotz Berichten über ein erneutes Interesse an Religion bei der jüngeren Generation ist die westliche Gesellschaft des 21. Jahrhunderts nach fast jedem Maßstab weniger religiös geworden. Ein besonders interessantes Phänomen, das in den letzten Jahren aus diesem langen Rückgang hervorgegangen ist, ist die aufkommende gesellschaftliche Gruppe der „Spirituellen, aber nicht Religiösen“: Menschen, die sich ausdrücklich als keiner „Religion“ zugehörig bezeichnen, aber dennoch als „spirituell“ verstehen.

A History of the Utopian Tradition
Carlijn Kingma, A History of the Utopian Tradition, chinesische Tusche auf Papier, 2016 (Ausschnitt). Abbildung von Carlijn Kingma. Mit Genehmigung verwendet.

Doch was bedeutet es, „spirituell, aber nicht religiös“ zu sein? Ist eine solche „Spiritualität“ wirklich so anders als „Religion“? Viele Wissenschaftler meinen, dem sei nicht so. Ihrer Ansicht nach ist die Spiritualität der sogenannten „Spirituellen, aber nicht Religiösen“ häufig nur ein eklektisches Sammelsurium von Ideen und Praktiken aus traditionellen Religionen. Säkulare oder nichtreligiöse Spiritualität lässt sich zwar auch anders auffassen, doch nach vorherrschender wissenschaftlicher Auffassung ist das Phänomen der „Spirituellen, aber nicht Religiösen“ nichts weiter als eine Art individualisierte, konsumgeprägte, ja zur Ware gemachte Version traditioneller Religion. Mit anderen Worten: Die „Spiritualität“ der „Spirituellen, aber nicht Religiösen“ ist eine Spiritualität des Kapitalismus, ein eigentümlicher Ausdruck traditioneller Religiosität unter den sozioökonomischen Bedingungen des Kapitalismus, wobei der Kapitalismus die Religion als zentrale Ideologie der Spätmoderne ablöst. Manche Anhänger von Marx würden sogar sagen: Das, was wir Kapitalismus nennen, sei selbst auch eine Art Religion, die nach einer krypto-theologischen Glaubensstruktur funktioniere. Nur dass wir heute statt an Gott ans Geld glauben.

Wo „Gott“ einst als Quelle allen Werts galt, als der „Wert aller Werte“, nach dem wir die Dinge beurteilen, wird diese Rolle nun vom Geld übernommen. Wir finden den Wert und die Geltung der Dinge nicht mehr in Gott, sondern im Geld: Ein Haus in Highgate in Nordlondon (wo Marx begraben liegt) ist mehr wert, ist wertvoller als eine Wohnung in Ostlondon, nicht weil es heiliger ist, sondern weil uns das Geld sagt, dass es einen höheren Preis hat. Unser „Wert“ bemisst sich heute nicht mehr an unserer Würde als Mensch, sondern wortwörtlich an unserem Besitz und unserem Kontostand.

Betrachten wir den Kapitalismus also als eine Art Religion, dann sind wir in unserer von Geld bestimmten Welt religiöser denn je. Denn während man in einer vorkapitalistischen, traditionell religiösen Gesellschaft im Stillen die Religion ablehnen und die Existenz Gottes leugnen konnte, lässt sich das Geld weder ablehnen noch seine Existenz oder seine Macht über unser Leben leugnen. Wir alle glauben an das Geld, ob wir das nun „religiös“ nennen oder nicht. Wir akzeptieren nicht nur seine Existenz, sondern beurteilen Dinge und Menschen nach finanziellen Kriterien. Biblisch gesprochen: Nicht mehr Gott vertrauen wir, sondern dem Mammon.

Natürlich ist die These, der Kapitalismus sei eine Art Religion, nicht unproblematisch. Anders als Anhänger traditioneller Religionen bezeichnen sich die Menschen in der Regel nicht als „Kapitalisten“, so wie sie sich Buddhisten, Christen oder Muslime nennen würden. Niemand geht in die Bank wie in ein Gotteshaus, um dort seinen Glauben ans Geld zu bekennen. Wenn der Kapitalismus eine Religion ist, sind dann nicht auch viele andere kulturelle Phänomene Religionen? Nehmen wir den konkreten Fall: Ist eine marxistische Sicht auf die Gesellschaft nicht selbst eine Art Religion? Schließlich ist es wahrscheinlicher, dass sich Menschen stolz als Marxisten bezeichnen, als dass sie sich zu den Idealen des freien Marktes bekennen. So wie manche religiöse Gruppen an ihrer Kleidung erkennbar sind, sieht man eher T-Shirts mit dem Konterfei von Marx oder Che Guevara als mit dem von Friedrich Hayek. So wie viele Religionen ihre maßgeblichen Texte und kanonischen Schriften haben, finden wir wahrscheinlich mehr Menschen, die die klassischen Texte von Marx, Engels und der übrigen marxistischen Tradition studieren, als Verehrer von Adam Smiths Wohlstand der Nationen oder gar Donald Trumps The Art of the Deal.

Stairs
Ausschnitt aus Carlijn Kingma, A History of the Utopian Tradition

Aber selbst wenn man einräumt, dass der Marxismus nicht weniger eine religiöse Tradition ist als der Kapitalismus, bleibt das Problem bestehen: Wenn der Kapitalismus eine Religion ist, der Marxismus eine Religion ist, Fußball eine Religion ist, wenn selbst Beyoncé eine Religion ist . . . was ist dann keine Religion? Wenn alles Religion ist, ließe sich dann nicht auch sagen, nichts sei Religion? Ist „Religion“ als Begriff letztlich inhaltsleer?

Marx stützte seine Definition von „Religion“ auf das Christentum, und eine ähnlich vom Christentum geprägte Auffassung von Religion hat sich bis heute gehalten. Das erklärt zum Teil, warum sich viele der „Spirituellen, aber nicht Religiösen“ im Westen oft mit dem Buddhismus identifizieren: Als nicht-theistische Tradition ohne bekenntnisgebundene Orthodoxie oder Lehramt nach christlichem Muster erscheint er ihnen nicht als „religiös“, obwohl bestimmte Formen des Buddhismus in Südostasien institutionalisierte Staatsreligionen sind. Auch hier zeigt sich, warum der Marxismus bisweilen als „Religion“ gilt: Die marxistische Fortschrittsvision, die in der Befreiung der Arbeiter in die ideale Gesellschaft gipfelt, gleicht verdächtig der christlichen Heilsvision von der Erlösung der sündigen Menschheit ins Reich Gottes. Selbst wenn wir also vielleicht nicht genau wissen, was etwas zu einer „Religion“ macht: Ein Phänomen als „religiös“ oder als „Religion“ zu bezeichnen heißt letztlich nichts anderes, als dass es dem Christentum äußerlich ähnelt. Was die „Spirituellen, aber nicht Religiösen“ mit ihrer vehementen Ablehnung von „Religion“ meinen, ist ein Misstrauen gegenüber den Dogmen der christlich geprägten organisierten Religion.

Manche sehen darin einen ästhetischen Stil (verkörpert durch die Barockmusik, die klassizistische Architektur und die vorfotografische Malerei), andere einen Bildungskanon (oft auf Thomas von Aquin als „Höhepunkt“ der philosophischen Einsichten von Platon, Aristoteles, Mose und Jesus ausgerichtet), wieder andere ein bestimmtes Wahlverhalten oder gar eine ethnische Identität (wie in den verschiedenen Formen des christlichen Nationalismus). In all diesen Fällen und darüber hinaus bleibt das Christentum eine Religion, ja die Religion schlechthin.

[.article__paragraph--cap][.small-caps]Diese quasi-gleichsetzung[.small-caps] von „Christentum“ und „Religion“ mag hilfreich sein, um zu verstehen, wie die heutige Welt dazu gekommen ist, „Religion“ als Phänomen zu charakterisieren und zu verstehen und warum manche Menschen stattdessen „Spiritualität“ wählen. Was „Christentum“ aber eigentlich ist, lässt sich damit kaum klären.[.article__paragraph--cap]

Nicht immer war es „die Religion“. Ursprünglich war es eine soziale Randgruppe, der man Atheismus vorwarf, weil sie sich weigerte, die römischen Götter und den Kaiser zu verehren. Das Christentum war nicht nur eine ausgegrenzte Bewegung, deren Anhänger als Nachfolger Christi unterdrückt wurden, weil sie vom heidnischen Staatskult Roms abwichen. Es war zugleich eine Deutung der Wirklichkeit, die den vorherrschenden Weltanschauungen der Gesellschaften zuwiderlief, in denen es entstand. Mit anderen Worten: Aus heidnischer Perspektive passte das Christentum überhaupt nicht zu dem, was man sich unter Religion vorstellte.

Waterfalls
Ausschnitt aus Carlijn Kingma, A History of the Utopian Tradition

Was das Christentum ins westliche Denken einbrachte, war ein Verständnis dessen, was manche Gelehrte als „postheroische Tugend“ bezeichnet haben. Anders als vorchristliche Auffassungen von Tugend und ethischem Ideal pries die christliche Vorstellung vom guten Leben weder heroischen Mut, Klugheit und Mäßigung, verkörpert im Soldaten aristotelischer Vortrefflichkeit, noch das Streben nach Weisheit, idealisiert im platonischen Philosophen, der das Gute schaut. Nicht das Heldentum verkörpert das christliche Tugendideal. Christus lehrte in der Bergpredigt: „die arm sind vor Gott“, „die Sanftmütigen“, „die Barmherzigen“, „die Trauernden“, die „Frieden stiften“ und „hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit“ oder „verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen“. Nicht der Held, sondern die Sanftmütigen und Demütigen, oder, wie der Apostel Paulus schreibt, nicht die Weisen, sondern jene, die in den Augen der Welt töricht erscheinen, verkörpern das, was das Christentum unter dem guten, ja dem seligen Leben versteht.

Das Christentum war von seinen Ursprüngen her selbst eine „Kritik der Religion“, eine Art zu leben und zu denken, die die vorherrschenden religiösen Lehren, Moralsysteme und das Geflecht imperialer Macht infrage stellte, indem es deren Grundannahmen darüber anzweifelte, was ein gelingendes menschliches Leben ausmacht.

Sanftmut und Demut zu bejahen, ist für das Christentum Ausdruck seines Gottesverständnisses. Wie Augustinus in den Bekenntnissen feststellt, hat Gott die christlich-ethische Forderung, den Stolzen entgegenzutreten und den Demütigen Gnade zu schenken (1 Petr 5,5), in der Menschwerdung selbst vorgelebt: Jesus Christus „war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,6–8).

In den Bekenntnissen stellt Augustinus fest, dass gerade diese radikale Betonung der Demut das Christentum von den philosophischen und religiösen Auffassungen des Göttlichen unterscheidet, wie sie in konkurrierenden Weltanschauungen wie dem Platonismus zu finden sind. Für Augustinus, wie für einen großen Teil der christlichen theologischen Tradition, zeigt uns Gottes Verkörperung von Demut und Selbsthingabe in der Menschwerdung eine der besonderen Eigenschaften Gottes, an die das Christentum glaubt: dass Gott die Liebe ist (1 Joh 3,16; 4,8). Die christliche Tradition lehrt, anders als der Platonismus und andere konkurrierende Weltanschauungen, dass Gott die Welt aus Liebe erschuf, als freien Akt des Schenkens und nicht aus Bedürfnis oder Notwendigkeit. Alles, was in der Schöpfungsordnung existiert, auch unser ureigenes Dasein, ist ein Geschenk Gottes.

Carlijn Kingma drawing
Carlijn Kingma, A History of the Utopian Tradition, chinesische Tusche auf Papier, 2016.

Wahre Religion ist also immer Antwort auf Gottes freigiebigen, liebevollen Akt des Schenkens. Wie Augustinus in Vom Gottesstaat schreibt: „Wir bringen Gott dar, was er uns geschenkt hat, und uns selbst dazu . . . Dies ist die Anbetung Gottes; dies ist wahre Religion [vera religio]; dies ist die rechte Art der Hingabe; dies ist der Dienst, der Gott allein gebührt.“ Für Augustinus besteht wahre Religion nicht darin, an bestimmten Moralvorschriften, Lehrsätzen oder Institutionen festzuhalten. Sie besteht vielmehr in der „Anbetung Gottes“, darin, dass wir Gott die Gaben darbringen, die er uns geschenkt hat, und mit ihnen das, was Augustinus so treffend „die Gabe unserer selbst“ nennt. Im Kern von „Religion“ steht für Augustinus das, was wir existenzielle Dankbarkeit nennen könnten: die Einsicht, dass unsere Existenz ein Geschenk Gottes ist, dass wir selbst als Gaben Gottes geschaffen sind.

[.article__paragraph--cap][.small-caps]Dieses ethos existenzieller[.small-caps] Dankbarkeit und Danksagung ist von Demut geprägt: Unser ureigenes Dasein als Gabe anzuerkennen verlangt von uns die Einsicht, dass unsere Existenz nichts ist, was wir verdient oder worauf wir Anspruch hätten.[.article__paragraph--cap]

Leicht ist das nicht. Im Alltag halten wir unsere Existenz für selbstverständlich. Die Gabe der Existenz lässt sich eben nicht so leicht erkennen wie andere Gaben. Anders als ein Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenk lässt sich diese Gabe nicht sehen, hören oder schmecken. Ihr Geber ist weniger sichtbar als unsere Freunde. Und doch werden viele der „Spirituellen, aber nicht Religiösen“ und selbst Atheisten sagen, sie seien dankbar für ihr Dasein.

Bei dieser „spirituell, aber nicht religiösen“ Haltung existenzieller Dankbarkeit geht es weder darum, bestimmte Regeln oder kulturelle Konventionen zu befolgen, noch darum, sich einem bestimmten Stamm oder einer sozialen Gruppe zugehörig zu fühlen. Sie ist vielmehr, wie Robert Bellah es einprägsam formulierte, eine „Gewohnheit des Herzens“, und von dieser Dankbarkeit können Christen durchaus etwas lernen. Es ist nicht nur so, dass die Ablehnung von „Religion“ uns vor der Bürokratisierung des Christentums warnt: Sie stellt unsere Annahmen über das eigentliche Wesen von „Religion“ als Lebens- und Denkweise infrage.

Das Christentum ist, wie Augustinus erkannte und Marx nicht, zugleich Religion und Kritik der Religion. Es fordert uns heraus, weder die bestehende Weltordnung als selbstverständlich zu sehen, noch unsere Existenz. Die Dinge die wir besitzen dürfen, sollen wir als Gaben ansehen, die uns geschenkt sind. Die Kritik der Religion mag die Voraussetzung aller Kritik sein. Doch wahre Religion setzt nicht Kritik voraus, sondern die Anerkennung der Gabe, die uns geschenkt wurde.