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Persönliches

Kubas Patronin

Nach Jahrzehnten kommunistischer Unterdrückung fand ich in der Heimat meiner Mutter Spuren des Glaubens.

March 18, 2026

[.article__paragraph--cap][.small-caps]Meine mutter weinte,[.small-caps] als unser Flugzeug in Havanna landete. Es war Sommer 1999 und ich war Anfang 20, fast genauso alt wie meine Mutter, als sie vom kommunistischen Regime inhaftiert wurde. Sie floh später in die Vereinigten Staaten. Der Besuch von Papst Johannes Paul II. auf der Insel im Jahr 1998 gab ihr den Mut, zum ersten Mal seit 1961 zurückzukehren. Ich erinnere mich, wie ich gebannt vor dem Fernseher saß, als ein vehement antikommunistischer Papst eine Nation besuchte, die einst Priester und Ordensschwestern vertrieben, Kirchen geschlossen und sich zum atheistischen Staat erklärt hatte.[.article__paragraph--cap]

Eine der Stationen von Papst Johannes Paul II. war der Wallfahrtsort Unserer Lieben Frau der Barmherzigkeit in der Nähe von Santiago de Cuba, wo Maria drei Männern erschienen ist, die 1612 auf See beinahe ums Leben gekommen wären. Die drei Männer, zwei Indigene und ein Sklave, beteten zu Maria um Hilfe und hatten eine Vision von ihr. Als sie das Ufer erreichten, fanden sie ein Stück Holz, das Marias Abbild trug, versehen mit den Worten: „Ich bin die Jungfrau der Barmherzigkeit.“

Ihr zu Ehren wurde in El Cobre, einer Kupfermine am östlichen Ende der Insel, ein Heiligtum errichtet. El Cobre war auch der Ort, an welchem 1801 den Sklaven in Kuba die Freiheit gewährt wurde. So wurde Nuestra Señora de la Caridad del Cobre (Unsere Liebe Frau der Barmherzigkeit der Kupfermine) zu einem Symbol der Freiheit für die kubanische Nation, insbesondere während des Kampfes um die Unabhängigkeit von Spanien um die Wende zum 20. Jahrhundert.

Madonna and child
Photograph by Yandry Fernández/AdobeStock. Used by permission.

Der Besuch von Papst Johannes Paul II. führte zu einer leichten Lockerung der Beschränkungen. Kubanische Exilanten wie meine Mutter, denen zuvor die Rückkehr untersagt worden war, durften nun einreisen. Die Aussicht darauf weckte bei meiner Mutter schreckliche Erinnerungen an das Frauengefängnis, in dem sie eingesperrt gewesen war. Mehrere ihrer Kommilitonen wurden von einem Exekutionskommando erschossen. Ihr Onkel wurde zum Tode verurteilt, starb jedoch im Gefängnis eines natürlichen Todes, bevor das Urteil vollstreckt wurde.

Nach unserer Landung fuhren meine Mutter und ich durch die wunderschöne Landschaft auf der Suche nach El Dolores, einer Zuckerfabrik, die ihre Familie einst betrieben hatte.

„Da ist sie!“, rief meine Mutter aus und zeigte auf einen riesigen Turm. El Ingenio Dolores. Wir parkten unseren russischen Lada in der Nähe des Dorfes rund um die Zuckerfabrik, die nach Unserer Lieben Frau der Schmerzen benannt ist.

Die Schönheit der Natur war atemberaubend. Hoch aufragende Palmen und die leuchtend roten Blätter eines Flammenbaums hießen uns willkommen. Das Dorf hatte sich kaum verändert. Wir wurden von Dorfbewohnern empfangen. Eine Frau hielt die Taufkarten meiner Familienmitglieder in der Hand, die in der örtlichen Kirche getauft worden waren, die sie selbst erbaut hatten. Mit einem breiten Lächeln sagte sie: „Ich dachte, vielleicht kehrt ihr eines Tages zurück und möchtet sie sehen!“

Nach der kubanischen Revolution war die Kirche in ein Kino umgewandelt worden. Nun stand das Gebäude leer; die leeren Fensterrahmen waren mit Holzplatten verschlossen. Im Inneren wuchs wildes Gras auf dem Lehmboden.

Wir wurden zum Haus eines Mannes geführt, der seinem katholischen Glauben treu geblieben war. Wie bei vielen in Kuba war sein Hinterhof mit allerlei Krimskrams und Dingen übersät. In einem Land, in dem die Wirtschaft nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zum Stillstand gekommen war, hatte jeder Gegenstand potenzielle Verwendungszwecke. Er lächelte, als er uns zu etwas Besonderem führte und einen Holzbalken nach dem anderen entfernte, um eine große schwarze Plane freizulegen.

„Las vitrinas!“, rief meine Mutter aus, als die Plane zurückgezogen wurde und zwei Buntglasfenster aus der Kirche zum Vorschein kamen. Wir bewunderten ein Fenster, das von Rosen umrahmt war. Auf dem Bild hielt Maria Jesus auf ihrem Schoß, umgeben von Engeln und Hirten, die ihn anbeteten. Die Rosen, nach denen meine Mutter im Garten vor dem Haus ihrer Großeltern gesucht hatte, waren verschwunden. Es schien jedoch, als hätten einige Rosen inmitten der Dornen der religiösen Verfolgung in den Herzen der Menschen überlebt.

Das zweite Buntglasfenster zeigte Maria, wie sie am Fuße des Kreuzes stand, die Hände gefaltet, den Blick voller Kummer, das Herz von Trauer zerrissen. Die Heilige Schrift berichtet uns, dass Jesus voller Qual vom Kreuz herabrief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46)

Die Kubaner in El Dolores konnten jahrzehntelang keine Messe feiern, beichten oder die Sakramente empfangen. Doch die Parolen der Revolution hatten die Erinnerung an grundlegende christliche Gebete nicht ausgelöscht. Gruppen trafen sich heimlich zum Gebet. In einem Land, in dem die Bibel als Mittel zur Untergrabung der Regierung angesehen wurde, diente der Rosenkranz, der aus der Betrachtung von 20 Szenen aus der Heiligen Schrift besteht, dazu, die Erinnerung an den Glauben zu bewahren.

hands with rosary
Photograph from FG Trade/iStock. Used by permission.

Die kubanische Regierung stellte die Loyalität gegenüber dem Sozialismus über alle anderen Ideale. Die regierende Kommunistische Partei förderte den Atheismus, schloss Gotteshäuser und unterband öffentliche religiöse Bekundungen. Dennoch erinnerte sich das kubanische Volk an seine geistliche Mutter.

Die salzige Luft und der starke Wind hatten die triumphierenden Gesichter des damals noch lebenden Fidel Castro und des längst verstorbenen Ernesto „Che“ Guevara an Wänden und auf Plakaten in ganz Kuba zerfressen. In den Privathäusern fand ich keine Bilder kommunistischer Helden. Niemand sprach von Castro oder Guevara, als wären sie Freunde. Stattdessen herrschte Maria – dargestellt als Kubas Patronin und Beschützerin, Unsere Liebe Frau der Barmherzigkeit – in den kubanischen Häusern. Immer wieder bezeichneten die Menschen Maria als jemanden, der ihnen in ihren Kämpfen nahe stand.

Die Darstellung Mariens am Fuße des Kreuzes, wie sie von den Kubanern verehrt wurde, war eine Ablehnung der modernen Vorstellungen, wonach der menschliche Fortschritt rein materieller Natur sei und unser Verlangen nach Gemeinschaft mit Gott eine Illusion darstelle. Maria hatte schreckliche Gewalttaten mitgemacht; sie war eine Mutter, die ihre Ängste und ihre Sehnsucht verstand, den Glauben durch Geduld, Klage und Hoffnung am Leben zu erhalten.

Eine Frau erzählte meiner Mutter, wie sie in ihrer Verzweiflung über die Krankheit ihrer Tochter zu Maria gefleht hatte, ihre Tochter jedoch nicht geheilt worden war. Sie riss ein Bild der Nuestra Señora de la Caridad aus einem Kalender und trampelte darauf herum. Kurz danach wurde ihre Tochter geheilt.

Meine Mutter besuchte auch einen Mann, dessen Sohn Selbstmord begangen hatte. Seine Frau lag teilnahmslos da, während er erzählte, wie sein Sohn sich angezündet hatte. Die einzige Dekoration im Raum war ein britisches Motorrad aus den 1950er Jahren, das mit zwei Bildern der Muttergottes der Barmherzigkeit behängt war.

Diese Familie klammerte sich in der Dunkelheit ihrer Situation an die Bilder der Muttergottes, so wie ertrinkende Seelen nach einem Rettungsanker greifen.

In einem anderen Dorf besuchten wir die Messe in einer Kirche, deren Dach eingestürzt war. Nur die Mauern standen noch. Eine Frau brachte Blumen für das Bildnis der Muttergottes der Barmherzigkeit. Sie erzählte uns, dass sie noch nie zuvor eine Kirche betreten habe und nun zum ersten Mal an einer Messe teilnahm. Indem sie Maria Blumen brachte, stellte sie eine greifbare Verbindung zu einer immateriellen Realität her, in die sie ihr Vertrauen und ihre Hoffnung setzte.

[.article__paragraph--cap][.small-caps]Am ende meiner[.small-caps] siebten Reise nach Kuba im Jahr 2005, diesmal allein, fuhr ich mit meinem ..Freund Marcos zum Flughafen in Santiago de Cuba. Zwei Wochen lang hatte ich Geld, Bücher und religiöse Gegenstände an politische Dissidenten verteilt. Einmal, nachdem ich einen Journalisten besucht hatte, der Menschenrechtsverletzungen dokumentierte, war ich von der kubanischen Polizei verfolgt, aber nicht festgenommen worden.[.article__paragraph--cap]

Wütend über die Missstände, von denen ich von Dissidenten gehört hatte, fragte ich Marcos:„Warum kämpfen die Menschen nicht härter?“ „Margarita“, antwortete er sanft, „du steigst gleich in ein Flugzeug und wirst eine Stunde später in Miami sein, eine heiße Dusche nehmen und einen Café con Leche genießen. Wenn ich mit dir in dieses Flugzeug steigen könnte, würde ich es tun. Aber ich darf Kuba nicht verlassen.“

Seine Antwort beschämte mich. Ich war bewegt von der Ausdauer und dem Mut derer, die schikaniert wurden und deren Angehörige inhaftiert waren. Menschen wie Marcos, ein Arzt, der als Erwachsener zum Christentum konvertiert war, vollbrachten täglich Taten der Liebe und des Dienstes, ohne von Gott zu verlangen, dass er ihnen alle Lasten sofort abnehme.

„Aus irgendeinem Grund hat Gott mir in diesem atheistischen Land das Geschenk des Glaubens gewährt“, fuhr Marcos fort. „Ich bin dankbar, in der katholischen Kirche eine Gemeinschaft der Liebe gefunden zu haben. Nachdem ich dich abgesetzt habe, werde ich eine alleinstehende ältere Frau besuchen. Ich werde ihr etwas Milch bringen und mich mit ihr unterhalten. Du denkst vielleicht, ich tue nicht viel, aber das ist, wozu Gott mich berufen hat, und dem werde ich weiterhin nachgehen.“

Seine brüderliche Zurechtweisung redete mir ins Gewissen. Widerstand besteht nicht immer aus großen Gesten. Marcos erinnerte mich daran, dass – wie Maria am Fuße des Kreuzes – die beständige Präsenz, die sich weigert, Angst oder Hass die Oberhand gewinnen zu lassen, eine Kraft besitzt, die keine Regierung aufhalten kann.

Als mein Flugzeug abhob, war ich tief beeindruckt von Kubas zahlreichen öffentlichen und stillen Helden. Ihre Taten des Mutes, der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit zeigten mir, dass das Himmelreich nicht denen gehört, die Ungerechtigkeit bekämpfen, indem sie andere beherrschen, sondern denen, die in der Dunkelheit standhaft bleiben und auf ein Licht vertrauen, das keine irdische Macht auslöschen kann.

[.article__paragraph--cap][.small-caps]In den jahren nach[.small-caps] meinem ersten Besuch in El Dolores mit meiner Mutter sammelte unsere Familie genug Geld, sodass die Kirche wieder eröffnet werden konnte. Die wunderschönen Buntglasfenster wurden wieder eingesetzt. Die Dorfbewohner hatten auch das Sagrario, den Tabernakel, in dem die geweihte Hostie aufbewahrt wird, versteckt.[.article__paragraph--cap]

Maria steht in diesen Fenstern, umgeben von Rosen, hält das Jesuskind im Arm und bleibt bei ihm am Kreuz. Sie bleibt dort, verspricht weder Befreiung vom Kreuz noch Rosen ohne Dornen, sondern lädt die Menschen ein, zu Gott, ihrem Vater, heimzukehren.

Einige Jahre nach dem Wiederaufbau der Kirche ließ die kubanische Regierung die Zuckerfabrik von El Dolores abreißen. Stück für Stück verschwand die Maschinerie, die zwei Jahrhunderte lang in Betrieb gewesen war und Tausenden von Menschen das Leben gesichert hatte.

Doch meine Mutter schrieb: „Gottes Haus stand wiederhergestellt da. Es stand dort bei den Menschen, nachdem die Zuckerfabrik verschwunden war, und erinnerte alle daran, dass Gott bei uns ist, in unserer Not, und bei uns bleibt, egal wie dunkel es auch sein mag.“

José García Cortés, Unsere Liebe Frau der Barmherzigkeit, Eitempera auf Holz, 2023. Russisch-orthodoxe Kathedrale Nuestra Señora de Kazán, Havanna, Kuba. [.smalltext]Verwendung mit Genehmigung.[.smalltext]

Während seines Besuchs im Jahr 1998 betete Papst Johannes Paul II. im Heiligtum Unserer Lieben Frau der Barmherzigkeit, dass Maria „deine über die ganze Welt verstreuten Völker zusammenführen möge“. Die kubanische Nation könne nur durch eine Versöhnung, die in selbstloser Liebe verwurzelt sei, zu „einem Haus der Brüder und Schwestern“ werden. Marias Titel, Unsere Liebe Frau der Barmherzigkeit, sagte er, „ruft Gedanken an den Gott hervor, der die Liebe ist“ und „erinnert an das neue Gebot, das Jesus gegeben hat“. Marias „Name und Bild sind in den Gedanken und Herzen jedes Kubaners, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Landes, als Zeichen der Hoffnung und Mittelpunkt brüderlicher Gemeinschaft eingeprägt“. Maria kam, „um unser Volk zu besuchen, und wollte als Mutter und Herrin Kubas bei uns bleiben, während seiner Pilgerreise auf den Pfaden der Geschichte“.

In den heimlichen Rosenkränzen, die während Jahrzehnten atheistischer Herrschaft gebetet wurden, in der Frau, die Blumen in eine Kirche ohne Dach brachte, in dem Dorfbewohner, der Buntglasfenster unter einer Plane versteckte, erlebte ich, wie Marias mütterliche Liebe dazu beigetragen hatte, dass der Glaube an Gott in Kuba nicht ausgelöscht wurde. 

[.smalltext]Copyright 2026 Margarita Mooney Clayton. Auszug mit freundlicher Genehmigung von Skyhorse Publishing LLC.[.smalltext]