Die moralische Schönheit von Middlemarch
George Eliots Hauptwerk zeigt uns, wie wir „gewissenhaft im Verborgenen“ leben können.
Try 3 months of unlimited access. Start your FREE TRIAL today. Cancel anytime.
START FREE TRIAL NOWDie moralische Schönheit von Middlemarch
George Eliots Hauptwerk zeigt uns, wie wir „gewissenhaft im Verborgenen“ leben können.

Coventry from the East, Öl auf Leinwand, um 1830. Künstler unbekannt. [.smalltext]© Herbert Art Gallery & Museum, Coventry / Bridgeman Images. Mit Genehmigung verwendet.[.smalltext]
[.article__paragraph--cap][.small-caps]Bringt dar dem[.small-caps] Herrn die Ehre seines Namens, werft euch nieder vor dem Herrn in heiliger Majestät“, sagt der Psalmist (29,2).[.article__paragraph--cap]
Viele geistliche Schriftsteller haben sich mit diesem Thema beschäftigt, darunter kurioserweise auch Jonathan Edwards, der eher dafür bekannt ist, mit seiner berühmten Predigt über „Sünder in den Händen eines zornigen Gottes“ (1741) Gemeinden das Fürchten gelehrt zu haben. „Der moralischen Schönheit Gottes . . . kann nichts widerstehen“, schreibt er in seinen Religious Affections (1746). „Alle geistliche Schönheit von [Christi] menschlicher Natur, bestehend in seiner Sanftmut, Demut, Geduld, himmlischen Gesinnung, Liebe zu Gott, Liebe zu den Menschen und Erbarmen mit den Elenden – alles ist zusammengefasst in seiner Heiligkeit.“
„Moralische Schönheit“ ist ein Ausdruck, der innehalten lässt. Normalerweise wird Güte eher wegen ihrer Auswirkungen als wegen ihres Erscheinungsbildes gelobt. Vielleicht ist die heutige Armut an erhabener religiöser Rhetorik wie der von Edwards und die Tristesse vieler Predigten und religiöser Schriften im Vergleich zu früheren Zeiten, als Predigten literarische Ereignisse mit weiter Verbreitung waren, Teil der allgemeinen sprachlichen Dürre unserer Zeit, verursacht durch die allgegenwärtigen giftigen Blüten der kommerziellen Sprache, die unsere innersten Gedanken in Werbejingles verwandeln. Das betrifft keineswegs nur Gläubige, denn religiöse Vorstellungskraft ist ein unverzichtbarer Bestandteil jeder lebendigen Kultur. Wenn wir sie, wie so vieles in der heutigen Kultur, schrittweise, aber unaufhaltsam durch leere Phrasen und Klischees ersetzen, werden wir ausgehöhlt und sinnentleert zurückbleiben.
In den christlichen und anderen religiösen Traditionen gibt es aber eine Fülle von Ressourcen, aus denen wir wieder lernen können, unsere innersten Empfindungen auszudrücken. Doch ich möchte ein säkulares Vorbild vorschlagen: Vielleicht birgt nichts in der englischen Literatur so viel moralische Schönheit wie die Erzählstimme in George Eliots Middlemarch.

George Eliot (1819–1880) wurde als Marian Evans in Warwickshire geboren. Sie war die Tochter eines Gutsverwalters und alles andere als eine Schönheit. Obwohl in mancher Hinsicht ein Nachteil für sie, war es ein Glück für die Nachwelt: Ihre Familie hielt sie für unverheiratbar und so erhielt sie eine bessere Ausbildung als die meisten Mädchen jener Zeit. Nachdem sie von ihrer ersten großen Liebe, dem damals berühmten, aber heute weitgehend vergessenen Sozialtheoretiker Herbert Spencer, zurückgewiesen wurde, fand sie einen idealen Partner in dem Schriftsteller und Herausgeber George Lewes, der sie verehrte. Ihre formale Bildung war lückenhaft, ihr intellektueller Wissensdurst hingegen unersättlich. Der Beginn ihrer Laufbahn als freie Schriftstellerin unter einem männlichen Pseudonym war von außergewöhnlichem Erfolg gekrönt. Obwohl sie nicht gläubig war, interessierte sie sich immer lebhaft für Religion und begegnete ihr mit Sympathie. Bereits zu Beginn ihrer Karriere übersetzte sie zwei der bedeutendsten Werke des 19. Jahrhunderts über das Christentum ins Englische: Das Leben Jesu von David Friedrich Strauss und Das Wesen des Christentums von Ludwig Feuerbach. In ihren späten Dreißigern begann sie, Romane zu schreiben und schuf dabei mehrere Meisterwerke: Adam Bede, The Mill on the Floss, Felix Holt, Middlemarch und Daniel Deronda.
Virginia Woolf bezeichnete Middlemarch als „einen der wenigen englischen Romane, die für Erwachsene geschrieben wurden“. Middlemarch ist ein Buch, das einen beim Erwachsenwerden begleitet, eine ideale moralische Schule für Studierende (wie für mich und tausende andere) oder junge Erwachsene. Eliots fortlaufender Kommentar erklärt, ermahnt, sagt voraus, lobt, tadelt und entschuldigt mit einem so sanften Witz und einer so unerschöpflichen Mildtätigkeit, dass man von ihrer Stimme sagen könnte, sie schwebe wie ein Schmetterling und wecke ihre Leser nicht mit einem Stich, sondern mit einem leichten, liebevollen Stupser.
[.pull-quote]Eliots charakteristischer Ton der Rüge ist sanft, ironisch, mitfühlend und immer darauf beharrend, dass jeder Fehler jedes Charakters mit ziemlicher Sicherheit in jedem Leser seine Entsprechung hat.[.pull-quote]
Im Mittelpunkt von Middlemarch steht Dorothea Brooke, leidenschaftlich und idealistisch, doch schon im Vorwort begegnen wir einer weiteren jugendlichen Idealistin: der heiligen Teresa von Ávila, die als kleines Mädchen mit ihrem noch jüngeren Bruder auszog, um die Mauren zu bekehren. Es ist eine bezaubernde Geschichte und gibt Anlass zu einer Überlegung, die den Rest des Buches durchziehen wird:
Viele Teresas wurden geboren, denen kein heroisches Leben beschieden war, erfüllt von ständiger Entfaltung wirkmächtigen Handelns, sondern vielleicht nur ein Leben voller Irrtümer, entsprungen aus der unglücklichen Verbindung einer gewissen spirituellen Größe mit schäbigen Aussichten, ein vielleicht tragisches Scheitern, das kein geistlicher Dichter besang und das unbeweint vergessen wurde.
Die zahllosen Wege, auf denen Ideale, besonders die von Frauen, an den Umständen scheitern können, gehören zu den bewegendsten Einsichten des Romans. Im frühen 19. Jahrhundert war es für eine reiche und schöne junge Frau selbstverständlich zu heiraten. Doch anstatt den offensichtlichen Verehrer, den reichen und gutaussehenden Besitzer des Nachbarguts, zu wählen, beschließt die weltfremde Dorothea, dass es ihre Berufung ist, einen älteren Pfarrer zu heiraten, der sich mit komplexen historisch-theologischen Studien beschäftigt, und ihm eine Hilfe zu werden, die ihm entspricht. Es ist eine bittere Enttäuschung für sie, nach und nach seinen subtilen Egoismus und seine geistige Unfruchtbarkeit zu erkennen. Aber Edward Casaubon ist weder ein Ungeheuer noch ein ausgesprochen schlechter Mensch. Er ist lediglich „der Mittelpunkt seiner eigenen Welt“ und versucht „andere als von der Vorsehung für ihn geschaffen zu betrachten“. Diese Eigenschaft dürfte uns „nicht allzu fremd sein und wie die anderen bettlerischen Hoffnungen der Sterblichen Mitleid in uns wecken.“ Dies ist Eliots charakteristischer Ton der Rüge: sanft, ironisch, mitfühlend und immer darauf beharrend, dass jeder Fehler jedes Charakters mit ziemlicher Sicherheit in jedem Leser seine Entsprechung hat.

Casaubon hat einen jüngeren, eher romantischen Neffen, Will Ladislaw, der ebenso freigeistig und offenherzig ist wie Casaubon ängstlich und unsicher ist. Wills bloße Anwesenheit im fiktiven Middlemarch und seine begeisterte, aber platonische Freundschaft mit Dorothea werden unerträglich für ihren Ehemann, dessen Kleinlichkeit und Misstrauen die ohnehin angespannte Ehe vergiften. Eliots Urteil über diesen zutiefst unglücklichen Mann ist eine Mischung aus Strenge und Barmherzigkeit:
Es ist ein bestenfalls unbehagliches Los, hochgebildet zu sein, ohne sich an etwas erfreuen zu können, an dem großartigen Schauspiel des Lebens teilzuhaben und sich dennoch nie von einem kleinen hungrigen zitternden Ich befreien zu können.
Dass jeder Bösewicht auch ein Opfer ist, das Mitleid ebenso wie Tadel verdient – Middlemarch veranschaulicht diesen christlichen Gemeinplatz mit vollendetem literarischen Können.
Aus dem weitläufigen Panorama der Nebenfiguren des Romans ragt vor allem ein weiteres Paar heraus: Tertius Lydgate und Rosamond Vincy. Er ist ein junger Arzt, neu in Middlemarch, intellektuell ehrgeizig und fest entschlossen, frei – das heißt unverheiratet – zu bleiben, bis er sich einen Namen gemacht hat. Sie ist nymphenhaft schön, aber kleingeistig und eigenwillig, fest entschlossen, über ihren Stand hinaus zu heiraten, also jemanden mit aristokratischen Verbindungen wie Lydgate. Egoismus ist die Hauptsünde in Middlemarch, und Rosamond ist das Paradebeispiel des Romans, mehr noch als Casaubon.
[.pull-quote]In Middlemarch wie im Leben gilt: Der Charakter bestimmt das Schicksal. Treffender wäre vielleicht: Durch Leiden geläuterter Charakter ist Schicksal.[.pull-quote]
„Sünde“ ist vielleicht zu stark: Egoismus ist für Eliot vor allem eine Frage des verstellten Blicks, einer Unfähigkeit, die Dinge aus der Perspektive anderer zu sehen, und auch diese Unfähigkeit kann durch die Umstände bedingt sein. Lydgates Egoismus ist vergleichsweise unschuldig: Er braucht nur wenig von anderen Menschen, und seine Ausbildung und seine Begabungen ermöglichen es ihm, seinen eigenen Weg zu gehen. Für Rosamond aber scheint es nur einen Weg zu geben, gesellschaftlich aufzusteigen: zu umgarnen und zu manipulieren. Schon lange, bevor sie Lydgate kennenlernt, hat sie diese Fähigkeiten an ihren nachgiebigen Eltern geübt. Als Antwort auf die Bitte ihrer Mutter, vernünftig mit den Ausgaben umzugehen, hörte „Rosamond, die ein Stück Musselinstoff untersuchte, . . . schweigend zu und bewegte zuletzt ihren anmutigen Hals, eine Bewegung, der man nur mit langer Erfahrung entnehmen konnte, dass sie äußerste Halsstarrigkeit bedeutete.“ Ihrem Vater erging es nicht besser. Rosamond versteht es meisterhaft, andere als die Schuldigen dastehen zu lassen, eine vergiftete Gabe, mit der sie Lydgates besonnenen Vorsatz, mit der Heirat zu warten, schließlich überwindet. Die daraus resultierende Ehe ist eine Katastrophe. Um Rosamonds kostspieligen Geschmack zu befriedigen, gibt Lydgate widerwillig seine Forschung auf und wird Arzt der Reichen – ein geschlagener Mann. Rosamond ist ein ernüchterndes Lehrstück über die Sinnlosigkeit, um jeden Preis seinen Willen durchzusetzen. An Dorothea zeigt sich das Gegenstück: dass Selbstvergessenheit der Königsweg ist, wenn nicht zum Glück, so doch zu jener Tiefe des Empfindens, die das Leben erst wirklich werden lässt.

Es gibt einen tugendhaften Bewohner in Middlemarch: den Zimmermann, Baumeister und Gutsverwalter Caleb Garth. Sein Ehrgeiz ist es, gute Arbeit zu leisten. In religiös gefärbter Sprache zeichnet Eliot Garth als weltlichen Heiligen:
Mir scheint, dass seine eigentlichen Gottheiten praktische Lösungen waren, gewissenhafte Arbeit und Zuverlässigkeit; sein Fürst der Finsternis war der nachlässige Arbeiter. . . . [Er] war einer jener unersetzlichen Männer in seiner Umgebung, die jeder gern beschäftigte, denn Caleb Garth leistete gute Arbeit, verlangte dafür sehr wenig und oft genug gar nichts.
Eliot liebt all ihre Figuren, zollt ihnen aber nicht allen den gleichen Respekt. Niemanden in der großen Figurengalerie von Middlemarch schätzt sie höher als Caleb Garth.
Es wäre eine harte Welt und ein hartherziger Roman, wenn alle genau das bekämen, was sie verdienen. Fred Vincy, Rosamonds Bruder, ist ebenso verwöhnt und egoistisch, aber weniger verschlagen. Er hat sein Studium vergeudet, sich Geld geliehen (von Garth), das er nicht zurückzahlen kann, und sich auf der (wie sich herausstellen sollte, unbegründeten) Aussicht auf eine Erbschaft ausgeruht. Die Zuneigung seiner Jugendliebe Mary Garth, der unscheinbaren, aber heiteren und vernünftigen Tochter Calebs, bewahrt ihn vor einem Leben voller Misserfolge. Anders als die typische moderne Heldin, sagt Mary Fred immer wieder, sie könne ihn nicht bedingungslos lieben, sondern nur, wenn er eine anständige Arbeit annehme, wie ein Mann mit Selbstachtung. Wie ihr Vater eben, für den Fred am Ende tatsächlich glücklich und produktiv arbeitet.

Größtenteils allerdings gilt in Middlemarch wie im Leben: Der Charakter bestimmt das Schicksal. Eine treffendere Formel wäre vielleicht: Durch Leiden geläuterter Charakter ist Schicksal. Freds Leichtsinn muss erst durch die durchaus reale Aussicht, Mary zu verlieren, gebändigt werden. Dorothea missachtet die traditionellen Bedeutungen der Ehe und macht sie stattdessen zu einer reinen, körperlosen Jüngerschaft, was ihr einen widerwilligen Respekt vor dem gesunden Menschenverstand und ein gewisses Maß an Misstrauen gegenüber ihren Schwärmereien lehrt.
Wenn es in Middlemarch eine Schlüsselerkenntnis gibt, einen Prüfstein für die moralische Weisheit des Romans, dann ist es diese:
Hätten wir ein feinfühliges Gespür für alles, was den Menschen bewegt, wäre es, als könnten wir das Gras wachsen und den Herzschlag des Eichhörnchens hören und müssten ob des Getöses jenseits der Stille sterben. Doch so, wie es ist, wandeln die Aufmerksamsten von uns gut gepolstert mit ihren Scheuklappen.
Das Wichtigste an dieser berühmten Passage ist nicht die großartige Metapher vom „Getöse jenseits der Stille“, sondern ein einzelnes Wort: stupidity, „Dummheit“ – von Eliots Übersetzerin treffend als „Scheuklappen“ bezeichnet. In Eliots Moralphilosophie ist unsere Erbsünde nicht Bosheit oder sonst ein bewusst begangenes Übel, sondern unsere Taubheit und Blindheit für die Bedürfnisse und Empfindungen anderer. Diese Polsterung aus unseren Ohren zu entfernen ist ein allmählicher Prozess, wenn wir nicht von jenem Getöse überwältigt werden wollen, und es kann nur das Ergebnis schmerzlicher Erfahrung sein. Erst eigenes Leid lehrt uns, das Leid anderer zu erkennen.

Am Ende des Romans ist Casaubon gestorben und Dorothea hat Ladislaw geheiratet. Sie leben in London, wo er eine kleine, aber tatkräftige Rolle beim Aufbruch der englischen Reformbewegung der 1830er Jahre spielt. Voller Zärtlichkeit blickt Eliot auf Dorotheas einst so strahlende Hoffnungen und zieht daraus eine Lehre, die sowohl für die Romanfiguren als auch für uns alle gilt:
Ihre warmherzige Natur ergoss sich . . . in Kanäle, die keinen bedeutenden Namen tragen. Doch die Wirkung ihres Daseins auf ihre unmittelbare Umgebung war unberechenbar vielfältig, denn das Wohl der Welt hängt zum Teil von unheroischen Taten ab, und dass alles um uns nicht so schlecht steht, wie es könnte, verdankt sich zum Teil der Zahl jener, die gewissenhaft im Verborgenen lebten und in vergessenen Gräbern ruhen.
„Gewissenhaft im Verborgenen zu leben“ ist ein wunderbares Ideal, eine Vorstellung von Heiligkeit, ob heilig oder säkular, die umso schöner ist, weil sie jeder menschlichen Seele zugänglich ist.