Die Kirche in China ist anders als Du denkst
Ein Wissenschaftler räumt mit verbreiteten Mythen auf.
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START FREE TRIAL NOWDie Kirche in China ist anders als Du denkst
Ein Wissenschaftler räumt mit verbreiteten Mythen auf.
[.article__paragraph--leading]Joy Marie Clarkson sprach mit Dr. Easten Law von der Yonsei-Universität, Südkorea, über seine Forschungen zur Situation der Kirche in China heute.[.article__paragraph--leading]
Plough: Was ist das Thema Ihrer Forschung?
Easten Law: Meine Forschung konzentriert sich auf das Christentum im heutigen China. Ich bin amerikanischer Chinese der zweiten Generation, geboren und aufgewachsen in den USA. Obwohl ich viele Sommer in Taiwan verbrachte, nahm mich mein Vater zum ersten Mal in die Volksrepublik China (VR China) mit, um meine kulturelle Identität weiter zu stärken, als ich schon studierte. Nach meinem Abschluss unterrichtete ich einige Zeit in China und besuchte den Gottesdienst sowohl in nicht registrierten Kirchen – oft als Hauskirchen bezeichnet – als auch in Kirchen, die von der Regierung genehmigt waren. Meine Erfahrungen in diesen Kirchen warfen viele Fragen darüber auf, was Glaube und religiöses Leben in einem ganz anderen Kontext bedeuten.
Ich begann mein Doktoratsstudium mit einer einfachen Frage: Wie leben junge erwachsene chinesische Christen ihren Glauben? Daraus entwickelte sich die umfassendere Frage, wie chinesische Christen ihren Glauben über Kulturen und Grenzen hinweg ausleben. Mich interessiert, wie die Vielfalt des chinesischen Christentums die chinesische Theologie und Kirche beeinflusst.

Können Sie uns einen kurzen Überblick über die Geschichte der Kirche in der Volksrepublik China geben?
Die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) übernahm 1949 die Macht im Land. Zunächst versuchte die Regierung nicht, die Religion zu beseitigen, sondern sie zu integrieren und religiöse Institutionen zu schaffen, die ihre übergeordneten kommunistischen Ziele unterstützten. Sie gründeten eine kirchliche Organisation namens „Drei-Selbst-Patriotische Bewegung“. „Drei-Selbst“ meint eine Kirche, die sich selbst verwaltet, selbst finanziert und selbst verbreitet, also frei von ausländischer Einmischung ist und sich somit patriotisch an der Vision der chinesischen Regierung ausrichtet.
Viele Kirchen verweigerten die Registrierung bei der Drei-Selbst-Kirche. Diese bezeichnen wir heute als nicht registrierte oder Hauskirchen. Es gibt also in China zwei Kategorien: registrierte und nicht registrierte Kirchen.
Als die KPCh beschloss, eine registrierte Kirche zu gründen, versuchte sie, Verbindungen zum Westen zu beseitigen: Die Idee war, eine chinesische Kirche zu etablieren, keine Kirche, die in England, Deutschland oder Rom verwurzelt ist. Aus diesem Grund bezeichnet sich die Drei-Selbst-Kirche selbst als „postkonfessionell“. Auf lokaler Ebene sind sich viele registrierte Kirchen jedoch ihrer konfessionellen Geschichte bewusst, wissen beispielsweise, dass ihre Gemeinde vor der Gründung der VR China methodistisch war.
In China herrscht die allgemeine Ansicht, dass der römische Katholizismus und das protestantische Christentum zwei getrennte Religionen seien, da protestantische und katholische Missionare nicht miteinander auskamen. Infolgedessen haben Katholiken ihre eigene, staatlich registrierte Organisation, die sich von jener der Protestanten unterscheidet.
Welche falschen Vorstellungen über die chinesische Kirche herrschen im Westen?
Eine ist, dass die chinesische Kirche ständig verfolgt wurde. Dabei gab es verschiedene Epochen in der modernen chinesischen Geschichte. Ursprünglich ging es um Konsolidierung, nicht um Verfolgung. Viele Kirchen weigerten sich jedoch, den Vorgaben der Kommunistischen Partei nachzukommen. Ab der Kulturrevolution um die 1970er Jahre spielte es keine Rolle mehr, ob eine Kirche registriert war oder nicht; die Partei strebte danach, die Religion gänzlich zu unterbinden. Dies war ein besonders intensiver und bedeutsamer Moment.
Interessanterweise entstand in der späteren Phase der Wirtschaftsreformen in den 1980er Jahren, als sich China der Welt öffnete, auch ein Gefühl der religiösen Wiederbelebung; die Partei lockerte ihren Griff und die registrierten Kirchen wurden wieder aufgebaut. Hauskirchen traten öffentlicher in Erscheinung als je zuvor. Sie besaßen zwar keine eigenen Gebäude und hatten keine Schilder, auf denen stand: „Hier ist eine Kirche“, aber die Regierung stand ihren Zusammenkünften sehr offen gegenüber.
[.pull-quote]Es hält sich hartnäckig der Mythos, dass registrierte Kirchen lediglich Werkzeuge der Kommunistischen Partei seien und alles tun, was diese verlangt. Dies stimmt nicht.[.pull-quote]
Selbst nicht registrierte Kirchen mieteten ganze Etagen von Bürogebäuden oder Hotels an, und viele versammelten sich dort zum Gottesdienst, während die Regierung ein Auge zudrückte. Dies wurde akzeptiert, solange man sich zurückhielt und einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leistete. Ab den 2000er Jahren eröffneten nicht registrierte Hauskirchen christliche Buchhandlungen, betrieben gemeinnützige Einrichtungen und gründeten Altenpflegezentren. Die lokalen Behörden schätzten dies, da die Überzeugung herrschte, dass Kirchen zur Aufrechterhaltung des sozialen Friedens beitrugen.
Als Xi Jinping 2013 an die Macht kam, begann sich die Lage wieder zu verschärfen. Viele nicht registrierte Kirchen spüren nun einen zunehmenden Druck. Zwar nicht in demselben Ausmaß wie während der Kulturrevolution, doch werden Kirchen geschlossen und Leiter verhaftet.
Gibt es einen Konsens darüber, ob die Kirche wächst? Oder wie groß sie ist?
Nein. Es ist unmöglich, eine genaue Zahl zu ermitteln. Die offiziellen Zahlen der Regierung fallen tendenziell eher niedrig aus; höhere Schätzungen gehen davon aus, dass etwa zehn Prozent der Bevölkerung christlich sind. Aufgrund meiner Recherchen würde ich mich jedoch für einen Wert in der Mitte entscheiden, nämlich etwa fünf Prozent.
Sowohl Demografen als auch Wissenschaftler, die sich mit dem chinesischen Christentum befassen, gehen derzeit davon aus, dass sich das Wachstum allmählich abflacht. Nachdem sich China in den 1990er Jahren öffnete und die Wirtschaft zu florieren begann, wurden die Menschen wohlhabender. Damit einher ging eine Sehnsucht nach spiritueller Erfüllung, da der Wirtschaftsboom zu einem „Wilden Westen“ des Handels und des Kapitalismus führte, wodurch die Moral lax erschien und die Menschen nach einem spirituellen Zentrum suchten. In dieser Zeit erlebte das Christentum einen bedeutenden Aufschwung. Aber nicht nur das Christentum; die Menschen wandten sich auch dem Buddhismus, dem Daoismus und einer Vielzahl anderer spiritueller Strömungen zu.
Wie hat die chinesische Regierung auf das Wachstum des Christentums und diese Rückkehr zu den Religionen reagiert?
Als Reaktion auf die Rückkehr zu Glauben und Spiritualität startete die Regierung eine Kampagne zur „Sinisierung“ der Religionen, also die Anpassung von Glaubenstraditionen an die chinesische Kultur. Dies war in manchen Fällen absurd: Wie kann man den Daoismus, eine einheimische chinesische Tradition, noch chinesischer machen? Wenn die Regierung von der Sinisierung der Religion spricht, meint sie damit, diese kommunistischer oder sozialistischer zu gestalten, nach dem Motto: „Wir erlaubten der Religion zu gedeihen, aber nun ist es an der Zeit, sie wieder auf Kurs zu bringen.“ Während nicht registrierte Kirchen klassischer Verfolgung ausgesetzt sind – ihre Leiter werden verhaftet, Kirchen geschlossen –, müssen registrierte Kirchen ihre Theologie sehr vorsichtig gestalten, im Dialog mit und manchmal in strikter Unterordnung dessen, was die Partei als christliche Theologie vorschreibt.
Es hält sich hartnäckig der Mythos, dass registrierte Kirchen lediglich Werkzeuge der Kommunistischen Partei seien und alles tun, was diese verlangt. Dies stimmt nicht. Viele Mitglieder der registrierten Kirchen sind aufrichtige Christen. Sie haben lediglich eine andere Sichtweise auf Kirche und Staat und entscheiden sich dafür, die Beziehung zur Partei zu pflegen. Sie unterzeichnen die erforderlichen Dokumente. Sie halten Reden, beispielsweise über die Sinisierung des Christentums. Aber sie kümmern sich auch um ihre Gemeinden und versuchen, den Menschen zu helfen, im Glauben zu wachsen. Ihre Herangehensweise an den Umgang mit dieser verschärften Kontrolle unterscheidet sich von jener der Hauskirchen, die Widerstand leisten und sich verstecken.

Gibt es eine Grenze, ab der registrierte Kirchen sich nicht mehr der Partei unterwerfen können?
Einige Kirchenführer sind sicher sehr frustriert, aber das wird in der Öffentlichkeit nicht zum Ausdruck gebracht. Das ist schlichtweg nicht möglich. China hat, insbesondere seit Covid, ein massives Sicherheitssystem aufgebaut. Das Ausmaß der Überwachung ist höher als in vielen anderen Ländern. Heute gibt es in China überall Kameras sowie Gesichtserkennungstechnologie. Während der Covid-Pandemie wurden Systeme eingeführt, die es ermöglichen, Ihren Standort über Ihr Mobiltelefon zu verfolgen. Diese Technologie hat Chinas Kontrolle der Meinungsfreiheit in den letzten zehn Jahren erheblich verstärkt. Chinesische Christen sind sich sehr bewusst, dass das, was sie sagen oder denken, jederzeit gegen sie verwendet werden könnte. Es ist eine sehr schwierige Zeit für die Meinungsfreiheit aller Menschen.
Wie kann ein Christ im Westen der chinesischen Kirche helfen?
Die gute Nachricht ist, dass die chinesische Kirche mit jeder Welle der Verschärfung oder Verfolgung gelernt hat, sich anzupassen und im Glauben zu wachsen – und zwar so sehr, dass sie nicht auf den Westen angewiesen ist. Sie braucht keine Kirchen von außen, um ihr geistliches Leben zu unterstützen; sie hat Wege gefunden, sich selbst zu unterstützen und zu wachsen. Es scheint einen Bedarf an theologischer Ausbildung zu geben und daran, dass chinesische Kirchen mehr Pastoren und Lehrer ausbilden.
Die Chinesen sind weiterhin einflussreiche globale Akteure in vielen Bereichen, vom Aufbau physischer Infrastruktur – chinesische Arbeiter sind weltweit auf Baustellen beschäftigt –, bis hin zur Bildung – chinesische Studenten besuchen Eliteuniversitäten. Im Vereinigten Königreich beispielsweise gibt es viele chinesische Einwohner, insbesondere nach den Ereignissen in Hongkong in den letzten Jahren.
Das beste, was Kirchen weltweit angesichts der Globalisierung Chinas tun können, ist, durch ihre Gastfreundschaft gegenüber chinesischen Auswanderern und Migranten Zeugnis abzulegen – ganz gleich, ob es sich um chinesische Elitestudenten oder um Arbeiter auf Baustellen handelt, und unabhängig von den politischen Dynamiken zwischen ihren Nationen. Das ist der Weg, um starke globale Beziehungen aufzubauen. Das chinesische Volk ist dynamisch und setzt sich mit allen möglichen Fragen zu Glauben, Spiritualität und Macht auseinander. Das chinesische Volk ist nicht die chinesische Regierung. Wenn die Kirche in anderen Teilen der Welt wirklich gastfreundlich und einladend sein kann, bedeutet dies, Beziehungen zum chinesischen Volk aufzubauen.
Wie hat das Bewusstsein für die weltweite chinesische Kirche Ihren Glauben geprägt?
Die Vielfalt der chinesischen Gemeinden auf der ganzen Welt vermittelt mir, wie der Heilige Geist uns auf vielfältige Weise heiligt – unter anderem durch Migration. Wenn man ein paar Generationen zurückgeht, ist jede Familie einmal migriert. Dieses Bewusstsein dafür, dass Gott überall bei uns ist – wo auch immer wir uns befinden, individuell und als Familien, über mehrere Generationen hinweg – fühlt sich zutiefst biblisch und sehr prägend an. Ich versuche, diese Spiritualität der Migration anzunehmen, die Vorstellung, dass Gott mir und meiner Familie über Generationen hinweg und durch das Übersiedeln treu geblieben ist. So betrachtet, ergibt die gesamte Bibel für mich mehr Sinn.
Schauen wir auf die Wanderungen im Alten und Neuen Testament: Gott ist bei denen, die unterwegs sind, und gerade im Unterwegssein kommen wir Gott näher, werden wir Christus ähnlicher. Das half mir ein „Wanderbewusstsein“ zu entwickeln. Wir sprechen von historischem Bewusstsein – das Migrationsbewusstsein ist wohl ein Teil davon. Zu wissen, dass wir alle Migranten waren, wenn nicht physisch, dann doch geistlich und emotional, einfach indem wir durch die Jahreszeiten des Lebens ziehen. Und so formt Gott uns. Je mehr wir uns dessen bewusst werden, desto tiefgreifender kann der Heilige Geist in uns wirken.
[.smalltext]Dieses Interview wurde am 18. November 2025 geführt und zur besseren Verständlichkeit gekürzt und bearbeitet.[.smalltext]
[.smalltext]Zum Künstler: James Qi He wuchs während der Kulturrevolution in China auf. Als junger Mann begann er, Porträts von Mao Zedong zu malen, um der Feldarbeit zu entgehen. Eines Tages sah er in einer alten Kunstzeitschrift Raffaels Gemälde Madonna mit Kind. Angezogen von der Ruhe der Szene wurde sein Interesse am Christentum geweckt. Er studierte mittelalterliche Kunst an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und promovierte 1992 in religiöser Kunst am Nanjing Art Institute. Sein besonderes Interesse gilt der Darstellung biblischer Geschichten aus einer chinesisch-kulturellen Perspektive. Sein Werk ist eine einzigartige Mischung aus mittelalterlichen europäischen Kunsteinflüssen und chinesischer Volkskunst.[.smalltext]