Jeep driving through red dirt in Africa

Brief aus Afrika

von Maria Biedrawa

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Ich möchte aus 2017 berichten, einem Jahr, das untypisch für meine verschiedenen Engagements in Afrika war.

In mehreren Ländern Afrikas haben es die Regierenden geschafft, sich eine dritte Amtszeit zu erzwingen. Das nennt man „konstitutionellen Putsch“. Die Menschenrechte wurden mit Füßen getreten, unabhängige Medien geschlossen, Journalisten verfolgt und tausende Menschen in die Flucht getrieben und sich selbst überlassen.footnote Ich möchte nicht ins Fahrwasser der negativen Berichterstattung über Afrika kommen, aber ich muss dem treu bleiben, was ich erlebe. Ich muss also feststellen, dass innerhalb der letzten 2 Jahre der Demokratisierungsprozess in Afrika um 30 Jahre zurückgefallen ist, was Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung, die Sicherheit und den soziale Zusammenhalt aus. Das alles geschieht mit vollem Wissen der sogenannten internationalen Gemeinschaft und steht auf dem sicheren Sockel des Dreier- Bündnisses Militär-Politik-Industrie, einem wahren Bündnis des Todes.

Ist dies das Ende der Zivil­gesell­schaft in Afrika? Einige der Mächtigen hoffen das ganz un­ver­hohlen.

Ist dies das Ende der Zivilgesellschaft, vor allem in den französischsprachigen Ländern Afrikas? Der Zivilgesellschaft, die sich langsam seit dem Ende des Kalten Krieges gebildet hat? Einige der Mächtigen hoffen das ganz unverhohlen. Die Folge ist ein tagtägliches, unvorstellbares und existentielles Leiden für Millionen anderer Menschen, das ganz unverhüllt und für jedermann sichtbar ist – wenn wir es nur wollen. Besonders davon betroffen sind Friedensaktivisten, denn sie geraten von zwei Seiten unter Beschuss: Sie prangern die Ungerechtigkeit an, die die Wurzel aller Gewalt ist, und die Befehlsketten mit ihren Hauptverantwortlichen. Genozide, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit beginnen nicht mit der Machete in der Hand – das ist nur das traurige Ende – sie beginnen in den sauberen Büros von Militärs, Politikern und Industriellen, den Vertretern des Dreier-Bündnisses des Todes. Und wieder sind es die Friedensaktivisten, die sich an die ungebildete Bevölkerung richten. Den Menschen fehlen sowohl Informationen als auch die Mittel, vorhandene Informationen zu analysieren. Sie sind dadurch manipulierbar und können zu Rachegelüsten aufgestachelt werden. In manchen Ländern ist die Zeit vorbei, wo man als Friedensfachkraft die Friedensgruppen unterstützen kann, ohne die Einheimischen zunehmenden Gefahren wie Verleumdung, Morddrohungen oder sozialer Isolation auszusetzen.

Als wir Anfang November die knapp 600km von Bangui nach Berberati zurücklegten, war dies alles in meinen Gedanken präsent. Es war mir, als würden zwischen dem hohen Gras der Savanne und den Bäumen Namen und Gesichter auftauchen die schreien : rote Erde Afrikas, blutendes Afrika, Erde, die das Blut deiner Kinder aufsaugt, Blut der Opfer im Namen der Macht und des Geldes.footnote

Rote Erde, so typisch für weite Teile Afrikas

Rote Erde, so typisch für weite Teile Afrikas: heute erscheint sie mir als blutende Erde, als blutendes Afrika

Ein großer Teil meines Engagements findet heute in Europa statt: regelmäßige Kontakte per Skype (auch wenn man nicht immer mit seinem Gesprächspartner alleine ist); schnell nach Wien, Lausanne oder Rom fahren, wenn dort Freunde auf der Durchreise sind; Berichte sammeln, lesen und weiterleiten ... und beten, immer wieder neu hineingehen in die Mitte des Dreier-Bündnisses der schöpferischen, erlösenden und befreienden Liebe Gottes. Dieses Bündnis ist entwaffnend, dienend (und nicht sich selbst bedienend), es sucht das Gemeinwohl und die Lebensgrundlage aller Menschen.

Aber ganz ließ es mich doch nicht los. Zweimal führte mich mein Weg in die Zentralafrikanische Republik.

Christen und Muslime bilden sich in Gewalt­freiheit weiter, um eine Sende­reihe für die Be­völker­ung zu erarbeiten.

Zuerst im Januar 2017, als ich von Radio Maria eingeladen wurde, einem katholischen Radiosender, dessen Leitmotiv „Radio des Friedens“ heißt. Das bedeutet geprüfte und gehaltvolle Informationen auszustrahlen, auch das zu sagen, was andere verschweigen, und zur Bildung einer breiten Masse beizutragen. Die Sendungen auf sangho, der Landessprache, und französisch werden von einigen hauptberuflichen und vielen ehrenamtlichen Journalisten produziert. Da alle Ehrenamtlichen zusätzlich noch einen Beruf ausüben, verfügt das Team über eine Vielfalt von Kompetenzen, die ihrer Hörerschaft zu Gute kommen. Im Team sind Katholiken und Muslime. Während einer Woche bildeten sie sich alle jeden Nachmittag in Gewaltfreiheit weiter – mit dem Ziel, eine Sendereihe für die Bevölkerung zu erarbeiten und das Thema auch in Sendungen einfließen zu lassen, die auf Erziehung, Ehe und Familie usw. abzielen. Der Enthusiasmus dieser Gruppe war spürbar. Wir hatten schon zwei weitere Fortbildungen im September und Dezember geplant, als es wie ein Donnerschlag kam: Die Regierung zitierte alle Verantwortlichen der privaten Radiosender zu sich und empfahl ihnen, „sich nicht um Themen zu kümmern, die sie nichts angehen, wie zum Beispiel Sicherheitsfragen und Gesetzesentwürfe.“ Dies sei dem staatlichen Radio vorbehalten. Es ist offensichtlich, wie das zu verstehen ist: Diese Empfehlung ist hier ein höflich formulierter, aber ernst zu nehmender Befehl. Daraufhin kündigte der Direktor von Radio Maria, denn er wollte keinen Sender leiten, der seine Aufgabe – in all ihren Dimensionen – gar nicht erfüllen darf. Das bedeutete auch das Ende der Fortbildungen: Die beiden geplanten Seminare konnten nicht stattfinden.

Aber das, was einmal in den Herzen der Menschen ausgesät ist, wächst weiter, unabhängig vom Rahmen. Mein informelles Treffen im November mit einigen der Mitgliedern des Teams hat mich darin bestätigt.

Während dieses Aufenthaltes Anfang des Jahres lernte ich den Bischof von Berberati, Dennis Kofi Agbenyadzi, kennen. Er war in Bangui wegen der Bischofskonferenz und wohnte im gleichen Gästehaus wie ich. Wir trafen uns jeden Morgen beim Frühstück.

Mgr. Dennis, Pfarrer Fulbert und die Autorin

Mgr. Dennis, Pfarrer Fulbert und die Autorin

Am Ende der Woche lud er mich ein, anlässlich der Pastoraltagung im November in seine Diözese nach Berberati zu kommen. Das sei eine gute Gelegenheit, seinen Klerus und die Ordensleute seiner Diözese, ungefähr 70 Menschen, in Gewaltfreiheit auszubilden.

Berberati ist die Hauptstadt der Region Mambere-Kadej und liegt 450km westlich von Bangui. Um dort hinzukommen, durchquert man Savanne und Regenwald auf Straßen, von denen nur die ersten 100km asphaltiert sind. Dann geht es weiter über Pisten, die am Ende der Regenzeit so aufgeweicht und schlammig sind, dass nur große LKWs durchkommen. Es war also besser einen Umweg von 200km in Kauf zu nehmen, dafür aber sicher anzukommen. Nach 600km Slalom zwischen badewannengroßen Schlaglöchern und einer abgebrochenen Brücke, die zum Glück gerade repariert wurde, erreichten wir 13 Stunden später Berberati. Wir schätzten uns glücklich. Eine Delegation brauchte für 250km vier Tage.

Die Groß­unter­nehmer und selbst die kleinen Betriebe profi­tieren davon, wenn Konflikt­herde be­stehen bleiben.

Berberati ist die Region der Diamanten, des Goldes und des wertvollen Tropenholzes. Es ist das wirtschaftliche Zentrum des Landes. Die Piste von Bangui führt weiter nach Kamerun und dort zum Handelshafen Douala. Auf dieser Route werden viele für die gesamte Bevölkerung lebenswichtige Güter transportiert, aber auch alles, was für die die Militärs und die humanitären Hilfsorganisationen wichtig ist (und für den Lebensstandard der humanitären Helfer). Man möchte meinen, dass gerade hier ein guter Straßenzustand prinzipiell im Interesse aller liegt. Die Praxis ist aber anders. Je chaotischer die Situation, je schlechter die Infrastruktur, desto besser für die Ausbeutung der Rohstoffe, sozusagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit und ohne jede Kontrolle von außen. Die Großunternehmer und selbst die kleinen Betriebe profitieren davon, wenn Konfliktherde bestehen bleiben. Einige verfügen auch über die nötigen Mittel, diese Konflikte regelmäßig zu schüren und so Unruhe zu stiften, denn das wiederum beweist, wie nötig das Land die Präsenz der UNO-Truppen hat, die selbst wiederum nicht unbeteiligt scheinen an diesem Handel. Die Journalistin, die aufdeckte, wie die Sangarisfootnote nicht, wie im Mandat vorgesehen, die Zivilbevölkerung schützte, sondern nach Gold und Diamanten grub, wurde einige Tage nach der Sendung ermordet aufgefunden.

Während der Krise litt auch diese Region durch die Übergriffe der „muslimischen“ Koalition der Seleka und der meist „christlichen“ Anti-Balaka.footnote Die beiden Milizen haben nicht nur die jeweilige Gegenseite bekämpft, sondern auch die Menschen in ihren eigenen Reihen. Tausende Muslime fanden während eineinhalb Jahren Zuflucht in katholischen Pfarren und dem Bischofssitz von Berberati. Die Kirchen dort verwandelten sich in große Schlafsäle und wurden nur am Sonntag für den Gottesdienst ausgeräumt. Der Bischof organisierte für Tausende, die diesen engen Lebensraum nicht ertrugen, von der MINUSCA gesicherte Transporte nach Kamerun. In diesen Pfarren kamen Kinder zur Welt, wurden Wunden gepflegt und traumatisierte Menschen begleitet. Aber nicht alle konnten sich dazu durchringen „die Feinde zu lieben“. Sie waren gelähmt von der eigenen Angst. Einige Pfarren und der Bischofssitz wurden wegen ihres Einsatzes von den Anti-Balaka angegriffen. Die Priester und der Bischof stellten sich mehr als einmal vor die Milizen: „Wenn ihr die Flüchtlinge töten wollt, dann müsst ihr zuerst mich umbringen!“ Es ist paradox: Während draußen die Milizen töten, entstehen drinnen tiefe Freundschaften und gegenseitige Achtung.

Ich würde mir so wünschen, dass eines Tages, im Zuge einer allumfassenden geschichtlichen Gedächtnisarbeit nicht nur die Menschenrechtsverletzungen dokumentiert werden, sondern auch die des Widerstandes. Hier zwei Fotos, die mehr sagen als viele Worte:

Koexistenz: Ein muslimischer Flüchtling liest den Koran während einer Prozession der Pfarre

Koexistenz: Ein muslimischer Flüchtling liest den Koran während einer Prozession der Pfarre

Zum Abschluss betet der Imam für den Pfarrer

Zum Abschluss betet der Imam für den Pfarrer

Die Region ist seit einiger Zeit relativ ruhig. Das ist die erste sich bietende Gelegenheit, um darüber nachzudenken, was jetzt zu tun ist, zu schauen, wohin die Gewalt die Menschen gebracht hat und was jeder tun kann, um die Spirale der Gewalt zu stoppen und eine neue Grundlage für ein Miteinander-Leben zu schaffen. Aus diesem Grund wollte Bischof Dennis die Fortbildung über Gewaltfreiheit. Seine Absicht war es, für andere gezielte Aktionen den Boden zu bereiten und zu sehen, wer diese ausführen kann.

Als ich einige Wochen vor der Fortbildung wieder Kontakt mit ihm aufnahm, teilte er mir zu meiner Überraschung mit, dass sich die Liste der Geladenen zur Pastoraltagung inzwischen verlängert hatte: Die Priester würden nicht alleine kommen, sondern mit Laien aus ihren Pfarren, mit den evangelischen Pastoren und mit den muslimischen Imams, die jeweils in ihrem Gebiet leben. Vor 50 Jahren hatte Papst Johannes XXIII die „best practice“ des Konzils radikal umgestoßen, indem er Beobachter der anderen christlichen Konfession zum Zweiten Vatikanischen Konzil einlud. Und jetzt rief Dennis zu einer „Pastoraltagung der an Gott Glaubenden“ auf! Es muss wohl die erste dieser Art auf der ganzen Welt gewesen sein! „Das ist Kirche in der Welt“, sagte er, und erwähnte ganz nebenbei, dass wir mit 150 Teilnehmern rechnen sollten.

Gütiger Himmel! Schon 70 Teilnehmer waren nicht schlecht gewesen. Aber mehr als doppelt so viel, wie moderiert man so etwas? Das war natürlich nicht sein Problem, sondern meines! Nach einer kurzen Atempause wurde mir bewusst, dass dies ein Kairos ist, ein Moment, wo das Wirken des Geistes Gottes in unsere Welt einbricht. Ja, diese Herausforderung wollten wir annehmen! Jetzt oder nie, so schien es uns, es war einfach zu genial. Noch im gleichen Atemzug schrieb ich an zwei afrikanische Freunde mit der Bitte, sie mögen kommen und sich gemeinsam mit mir in diese Mission zu werfen. Wir kannten uns schon seit gut zehn Jahren und hatten schon einige verrückte Sachen zusammen gemacht. Nur wenige Stunden später antworteten sie „presente“ – sie würden also kommen. Auch der Vorsitzende der Stiftung, die die Aktion für Radio Maria finanzieren wollte, antwortete noch in der gleichen Nacht positiv auf meine Anfrage, ob wir das Geld umwidmen könnten, um so die notwendigen Flugtickets zu bezahlen.

Sam, Jean-Pierre und A. Isaak (Generalvikar)

Sam, Jean-Pierre und A. Isaak (Generalvikar)

Sam ist methodistischer Pastor in Lomé (Togo), er unterrichtet praktische Theologie, hält Seminare über gewaltfreie Kommunikation in gewaltbereiten Lebensumfeldern und hat in der togolesischen Kommission für Gerechtigkeit, Wahrheit und Versöhnung mitgearbeitet. Dort hatte er die Aufgabe, den Opfern beim Einreichen ihrer Klage zu helfen. Seine Erfahrung sollte sehr wichtig für uns werden.

Sam Tofa Amouzoun aus Lomé

Sam Tofa Amouzoun aus Lomé

Jean-Pierre ist Jurist in Pointe Noire (Congo – Brazzaville). Er ist Gründer der ACAT, einer christlichen Menschenrechtsorganisation gegen die Folter, und vom kongolesischen Zweig des Versöhnungsbundes. Er hat viel Erfahrung, wie man in einem Land für Gewaltfreiheit arbeitet, das unter dem Boden extrem reich und über dem Boden extrem arm ist. Er hat Bürgerkriege am eigenen Leib erlebt, er weiß, was ein Kriegstrauma ist und kennt die sozialen Auswirkungen; er weiß auch, wie sich eine auf den Sankt Nimmerleinstag aufgeschobene Demokratie anfühlt.

Jean-Pierre Massamba aus Pointe Noire

Jean-Pierre Massamba aus Pointe Noire

Einige Tage vor der Abfahrt teilte uns Bischof Dennis eine weitere Überraschung mit: er hatte vier Chefs der Anti-Balaka getroffen und sie auch eingeladen. Dem Mann fehlte es nicht an Kreativität! Was würde ihm wohl noch alles einfallen? Aber im Herzen teilten wir mit ihm diese Spontanität und waren begeistert. Jean-Pierre hat in diesem Bereich Erfahrung mit den „Ninja“, einer Miliz im Süden Kongos. Ich war selbst dabei, als er 2009 die ersten ehemaligen Kindersoldaten zu einem Seminar über Gewaltfreiheit einlud und seitdem habe ich ihre Entwicklung ein bisschen mitverfolgt.

Diese rote, blutende Erde, aber mit einem Schatz, der wert­voller ist als alle Dia­manten!

Endlich war es soweit: Uns erwartete ein herzlicher Empfang. Die lange Fahrt nach Berberati im Auto mit dem Generalvikar hatte mir eine wichtige Gelegenheit gegeben, viel über die Region zu lernen, die Ereignisse der letzten Jahre, was einzelne Menschen gewagt haben und die Wunden, die immer noch bluten. Eine Geschichte berührte uns besonders: Ein Mann, der schon mehrmals angegriffen und ausgeplündert worden war und sich dennoch sein Lächeln bewahrt hatte. Durch die Details erkannten wir, dass es kein verlegenes oder starres Lächeln war, sondern um ein echtes Lächeln, aus dem eine tiefe Menschlichkeit spricht. Jemand fragte den Mann „Warum kannst Du noch lächeln?“. Er antwortete: „Das ist das einzige, das sie mir nicht nehmen können.“ Welche Würde und innere Freiheit! Da ist sie wieder, diese rote, blutende Erde, aber diesmal mit dem Schatz, der in ihr liegt, wertvoller als alle Diamanten.

Jetzt wurde uns bewusst, wie groß die Erwartung dieser Menschen ist, wie groß ihre Hoffnung auf einen Neuanfang, auf Frieden. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit von unserem Dreier-Team breitete sich sehr rasch auf diejenigen aus, die das Treffen vor Ort vorbereitet hatten, allen voran der Generalvikar, der Übersetzer und der Bischof. Obwohl wir uns zu Beginn des Seminars erst seit zwei Tagen kannten, reichten wir uns intuitiv das Mikrofon – in völligem Vertrauen auf das, was der andere jetzt sagen würde. Denn unser Programm wurde ständig durch die Beiträge der Gruppe über den Haufen geworfen. Und das war gut so, denn wir wollten ja so nah wie möglich an den Menschen dran bleiben, um sie ging es schließlich. Das Unglaubliche dabei war, dass dabei nie der rote Faden verloren ging.

Am ersten Tag sprachen wir über das Phänomen der Gewalt. Was konnten wir ihnen sagen, dass sie nicht am eigenen Leib schon erfahren hatten? Nichts, rein gar nichts, außer vielleicht Worte für das anbieten, was sie seit Jahren wie ein Nebel einhüllte. So ein Nebel bewirkt, dass man dann Gewalt überall und nirgends mehr sieht. Die richtigen Worte können das, was im Inneren schwelt, nach außen kommen lassen können, sie können Abstand schaffen und langsam Ordnung ins Chaos bringen.

In der ersten Pause erwartete mich erneut eine Überraschung. Anfang Oktober 2015 war ich in Bangui gewesen und war dort während eines Putschversuches festgehalten worden. In einem Gästehaus verbrachte ich sieben Tage zusammen mit anderen Menschen, die ebenfalls gezwungen waren, dort zu bleiben. Unter ihnen waren auch Christen und Muslime, die an einem Seminar über Trauma-Begleitung und Versöhnung teilnahmen. Das Seminar musste abgebrochen werden, aber die Teilnehmer, die nicht aus Bangui waren, konnten die Stadt nicht mehr verlassen und saßen gemeinsam fest. Vor allem für die Muslime unter ihnen wäre es lebensgefährlich gewesen, auch nur auf die Straße zu gehen. Es war eine Woche, die wir intensiv miteinander erlebt hatten und die uns tief verband. Und hier trafen wir uns wieder, bei der Pastoraltagung der an Gott Glaubenden!

Soulaiman begrüßte mich. Etwas Besonderes verband mich mit ihm und den anderen Muslimen von damals. Sie hatten mich damals gebeten, bei ihnen zu bleiben und mich nicht evakuieren zu lassen. Die Gegenwart einer Ausländerin hatten sie als Schutz empfunden. Für mich war diese Entscheidung allerdings schon gefallen gewesen, bevor ich von der Bitte hörte. Ich kann die Freude nicht in Worten fassen, die ich jedes Mal empfand, wenn ich einen von ihnen traf. Wäre mein eigener Bruder ganz unverhofft zwischen den Bäumen des Regenwaldes aufgetaucht, wäre meine Freude nicht grösser gewesen.

Wiedersehen mit Soulaiman

Wiedersehen mit Soulaiman

Am zweiten Tag ging es darum, wie gewaltfreie Gruppen in Afrika zu Zeiten bewaffneter Konflikte auf die Situation reagiert hatten. Ich erzählte Beispiele aus Burundi, dann trafen sich die Teilnehmer nach Pfarren aufgeteilt in Gruppen. Die evangelischen Pastoren und Imams bildeten eine eigene Gruppe. Es war noch zu früh, sie alle zu mischen. Vorher mussten wir noch gewaltfreie Kommunikation lernen. Sam half uns dabei am Nachmittag. In den Pausen verbrachten Sam und Jean-Pierre viel Zeit mit den Anti-Balaka. Sie bekamen viel Belastendes zu hören – eigentlich waren sie ja gekommen, um eine Plattform für ihre Forderungen zu finden! Am ersten Abend verschafften sie sich auch diesbezüglich Gehör und ernteten Applaus von denen, die ihre Aktionen wohl unterstützten. Ja, hier waren alle Tendenzen vertreten. Doch jetzt hörten sie Dinge, an die sie wohl noch nie gedacht hatten.

Die Teilnehmerzahl lag jetzt zwischen 170 und 200. Am Nachmittag wollten wir thematische Arbeitsgruppen vorschlagen, u.a. um in einem kleineren Rahmen Ausdrucksmöglichkeiten zu bieten und spezielle Themen anzugehen. Es waren sehr wichtige Themen, die sorgfältig ausgewählt worden waren. Leider hatte die Sache einen Haken: Es funktionierte einfach nicht.

09Legroupe

Immer, wenn wir Arbeitsgruppen bilden wollten, kam kurz vorher etwas hoch, das alle betraf. Genau wie jeder Mensch hat auch jede Gruppe ihr Unterbewusstes. Hier schien es uns zu sagen: „Wir sind jetzt endlich alle zum ersten Mal beisammen, und wir bleiben es!“

Am dritten Tag sprachen wir über das Thema Vergebung und Versöhnung in Postkonflikt-Situationen (auch wenn ich für das „post“, also „nach dem Konflikt“, die Hand nicht ins Feuer legen möchte). Zum ersten Mal gingen in einer Übung, die auf einem Film mit dem Titel „Der Imam und der Pastor“ aufbaut, Teilnehmer auf jene im Saal zu, die sie nicht kannten. Vertraulich erzählten uns Menschen in den Pausen ihre Lebens- und Vergebungs- oder ihre Noch-nicht-Vergebungs-Geschichten. Ein 17-jähriger hatte dem Mörder seines Vaters vergeben. Sein Bruder hatte sich rächen wollen und war dabei ums Leben gekommen. Inzwischen war er sich aber nicht mehr so sicher. Er sah täglich, wie die Kinder des Mörders zur Schule gingen, er aber konnte sich den Besuch einer Schule nicht leisten, weil seine Familie durch den Tod des Vaters in große Armut geraten war. Diese Ungerechtigkeit brachte ihn in Rage, auch wenn er entschlossen war, auf Rache zu verzichten. Er wollte eigentlich nur eines: Gerechtigkeit für sich und die Möglichkeit, in die Schule zu gehen – die Grundlage für seine Zukunft.

Ein anderer Mann gab uns zu verstehen, dass derjenige, der ihn verprügelt und ausgeplündert hatte, im Saal anwesend war. Er wollte ihm gerne öffentlich sagen, dass er ihm vergeben hat. Der Bischof schlug ihm jedoch vor, ihn zuerst persönlich aufzusuchen.

Die Brutalität dessen, was wir zu hören be­ka­men, war un­vor­stellbar.

Am Nachmittag, in der Großgruppe, lösten sich allmählich die Zungen. Menschen – Christen und Muslime – erzählten ihre Geschichten. Ich dankte Gott, dass Sam bei uns war. Er hatte Erfahrung mit den öffentlichen Audienzen der togolesischen Kommission für Gerechtigkeit, Wahrheit und Versöhnung. Die Brutalität dessen, was wir zu hören bekamen, war unvorstellbar. Mit einigen einfachen und treffsicheren Worten stellte Sam die Rahmenbedingungen für das her, was dann geschehen sollte und gab dem Ganzen, so schmerzlich es auch war, einen Sinn. Im Moment ging es nicht darum zu vergeben oder sich zu versöhnen, sondern darum, mit seiner Geschichte erst einmal gehört zu werden.

Sam und Jean-Pierre verbrachten ihre Pausen oft mit den Anti-Balaka. Das Gesicht ihres Chefs wirkt zunehmend nachdenklicher.

Bei der Vorbereitung dieses Seminars hatte ich mir die Frage gestellt, wie wir gemeinsam spirituelle Zeiten erleben können, wo alle in ihre eigene Mitte gehen, ohne jemandem religiöse Formen aufzudrängen oder in einen Synkretismus zu verfallen. Eines hatten wir zum Glück alle gemeinsam: unseren Körper. Ich hatte mir also Gesten ausgedacht, die das Thema des Tages in den Körper bringen, begleitet von ein paar einfachen Worten. Die Hände konnten zum Ausdruck bringen, was sich im Inneren, im Herzen, abspielt, z.B. der Ausdruck von Gewalt. Aber ebenso lagen Gewaltfreiheit, Vergebung und Versöhnung in unserer Hand. Es stand dann jedem und jeder frei, den Bogen hin zum Gebet zu spannen, genährt von der jeweils eigenen Heiligen Schrift.

Die Faust als Symbol für Gewalt

Die Faust als Symbol für Gewalt

Der vierte und letzte Tag war dem Thema „Religionen und Gewaltfreiheit“ gewidmet. Ein Imam begann mit der Erklärung des Koran. Sam brachte die Beispiele seiner methodistischen Kirche im Togo, die eine klare Option für Gewaltfreiheit lebt. Jean-Pierre erzählte, wie sein Glaube in schwierigen Situationen sein Engagement erhellt und stützt und wie andererseits auch sein Engagement seinen Glauben herausfordert und vertieft. Das war der letzte Beitrag, bevor am Nachmittag Bischof Dennis eine Schlussrede halten und wir gemeinsam zur Messe gehen würden. Doch zwei Personen baten uns unerwartet zu Beginn des Nachmittagsprogrammes, sich an die Teilnehmer richten zu können.

Und so hörten wir einem Priester zu, der zuvor seinen Angreifer, einen Anti-Balaka, getroffen hatte; er erzählte uns die leidvolle Geschichte und schloss mit einem Wort der Vergebung. Er fügte sogar hinzu: „Hab keine Angst vor mir und wenn du etwas brauchst, komm zu mir.“ Im Saal breitete sich eine Stille aus. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Dieser Priester stellte uns alle vor unsere eigene Geschichte und unseren jeweiligen Kampf um Vergebung, der sich hier in wohl allen Herzen abspielte.

Es wäre um so vieles einfacher, wenn all diese Übeltäter ihr Unrecht eingestehen und ein Versprechen ablegen würden, nie mehr zu den Waffen zu greifen. Vergebung ersetzt nicht Gerechtigkeit, übertrifft sie aber auch weit. Sie ist völlig frei und bedingungslos. Sie kommt, wenn die Zeit reif ist. Niemand kann sie verordnen.

Viele im Saal rangen mit dem Gedanken, ob und wie sie eines Tages vergeben und diese innere Freiheit wiederfinden könnten, die dieser Priester ihnen als Möglichkeit demonstriert hatte.

Die zweite Person, die das Wort ergriff, war Freddy, der Chef der Anti-Balaka. Er kam auf das Podium und nahm das Mikrophon in die Hand. Wir alle hielten den Atem an. Er bat uns zuerst, zu einer Gedenkminute für die Opfer dieses Krieges aufzustehen. Durch diese Geste gestand er seine und die Schuld der Anti-Balaka ein. Er dachte aber sicherlich auch an die Opfer in seinen eigenen Reihen. Anschließend sagte er uns: „Wir hätten nie geglaubt, dass die Gewalt so weit gehen würde und niemand, wirklich niemand, in der Lage sein würde sie zu stoppen. Wir haben erst jetzt bemerkt, wie sehr wir manipuliert wurden.“ Und er begann, um Vergebung zu bitten. Er wollte es nicht einfach „hinter sich bringen“, sondern sprach mit sehr persönlichen Worten jede Gruppe von Menschen an, denen er oder seine Leute Leid zugefügt hatten. In der Mittagspause hatte er mit den anderen Anti-Balaka-Chefs der Region telefoniert. Sie schlossen sich ihm und seiner Vergebungsbitte an. Sie versprachen, die Waffen niederzulegen und baten ihrerseits nur darum, von jenem Tag an nicht mehr Anti-Balaka genannt zu werden, denn von diesem Moment an, seien sie es nicht mehr.

Ein Danke so groß und tief und breit und hoch ist wie das Universum und der Geist, der es erfüllt.

Isaïe, der Generalvikar, ging spontan auf ihn zu und hielt ihm seine offenen Hände hin. Die Imams erwarteten Freddy am Fuß des Podiums und nahmen ihn, einer nach dem anderen, in ihre Arme. Auch andere Teilnehmer kamen auf ihn und seine Gefährten zu und umarmten sie.

Freddy kommt vom Podium herunter wo ihn die Imams erwarten und umarmen

Freddy kommt vom Podium herunter wo ihn die Imams erwarten und umarmen

Eine Frau stimmt ein Lied an mit dem Text: „Wacht auf, der Geist weht.“

Ich verneige mich. Ich verneige mich vor diesen Männern und Frauen, die fähig sind Vergebung zu erbitten und sie zu gewähren, nicht für kleinere Unhöflichkeiten, sondern für Dinge, die sie ganz existentiell betreffen. Mir kommt das Wort „existenzielle Vergebung“ in den Sinn. Ich verneige mich auch vor all jenen, die sich auf den Weg machen und sich dem Kampf um Vergebung und Versöhnung stellen, die bereit sind, um die Wahrheit zu ringen. Ich verneige mich vor dem Geist Gottes, der in solchen Momenten weht und Türen von innen aufgehen lässt.

Was konnten wir da anderes sagen als „singila mingi“ – Danke, ein Danke so groß und tief und breit und hoch ist wie das Universum und der Geist, der es erfüllt. Wir wünschten ihnen allen Gottes Segen, und beteten mit ihnen darum, dass aus diesem Danke befreiende Taten und schöpferische Worte werden würden, die andauern.

Wir sind hier mit unserer Identität als gläubige Menschen, als Geschöpfe Gottes, als Kinder Gottes.

Am Ausgang wartete ein Imam auf mich und sagte mir: „Wir haben schon so viele Seminare hier erlebt, aber bei noch keinem kamen wir so weit. Man sagte uns immer: Die Zentralafrikanische Republik ist ein laizistisches Land. Das stimmt, ich bin auch nicht dagegen. Aber ich als Mensch bin gläubig.“ Die anderen Seminare hatten sicherlich ihren Wert und bereiteten den Boden. Die Worte des Imams fanden in mir jedoch ein starkes Echo. Während dieser „Pastoraltagung der an Gott Glaubenden“ war es ganz klar: Wir sind hier mit unserer Identität als gläubige Menschen, als Geschöpfe Gottes, als Kinder Gottes. Wir haben aus der Quelle unseres Glaubens geschöpft, die Intelligenz unseres Glaubens geteilt und ausgetauscht und wir sind Zeugen geworden von etwas, das uns weit übertrifft, denn Gott übertrifft uns! In mir steigt eine Antwort auf. Ich erweitere ein Zitat von Papst Franziskus: „ Lassen wir uns nicht unsere Identität als Gläubige stehlen. Sie schenkt uns unsere Lebendigkeit – lassen wir sie zur Quelle des Lebens werden, durch uns, um uns herum. Lassen wir uns das nie nehmen.“

Dann kam die Rückfahrt nach Bangui und der Bischof verwandelte sich in einen Chauffeur. Wir waren erfüllt von einer tiefen Freude. Und wir werden wiederkommen, auf Einladung von Bischof Dennis, als Pilgerinnen und Pilger, als Brüder und Schwestern der „an Gott Glaubenden“ von Berberati, die Frieden säen im Herzen der Welt, die die ihre ist und die unsrige – Frieden, der in unseren Händen liegt.

An Gott Glaubende – Friedensstifter

An Gott Glaubende – Friedensstifter

Zum Abschluss betet der Imam für den Pfarrer

Fußnoten

  1. Der Großteil der Flüchtlinge bleibt in Afrika. Der Prozentsatz derer, die bis Europa kommen, ist minimal!
  2. Ich denke an Abel und Kain. In der vor-biblischen Mythologie wurden Menschenopfer dargebracht, um die Erde ertragreich zu machen. Die Genesis bricht mit dieser Tradition. Kain ermordet Abel, den Ackerbauer. Gott stellt ihn zur Rede (4,10-12): „Das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Und nun, verflucht seist du, verbannt von dem Ackerboden, der seinen Mund aufgetan hat, um das Blut deines Bruders zu trinken. Wenn du den Ackerboden bebaust, soll er dir fortan keinen Ertrag mehr geben.“
  3. Mission der französischen Armee in Zentralafrika von Dezember 2013 bis Oktober 2016.
  4. In beiden Fällen ein Missbrauch von Religion!
Von Maria Biedrawa Maria Biedrawa

Maria Biedrawa ist Trainerin in der Erwachsenenbildung im sozial-medizinischen Bereich in Frankreich. Seit vielen Jahren hält sie sich außerdem regelmäßig im subsaharischen Afrika auf, wo sie mit einheimischen Friedensgruppen zusammenarbeitet, deren Engagement von einer religiösen Überzeugung getragen ist.

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