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Editorial

Religion – ein Nachruf

Das Projekt einer christlichen Gesellschaft scheint nur schwer verwirklichbar. Was erwartet uns stattdessen?

July 7, 2026

[.article__paragraph--cap][.small-caps]Nur sechs jahre[.small-caps] nachdem Konstantin der Große sich vor dem Gott der Christen verneigt hatte, veranlasste er die Kirchenführung, sich in den Dienst des Römischen Reiches zu stellen. 318 n. Chr. litten die Bischöfe noch immer unter den Folgen der grausamen Verfolgung durch Diokletian, die Erinnerungen an die Folter und Hinrichtung ihrer Glaubensbrüder waren noch frisch. Ein neues Gesetz verlieh ihnen nun die Befugnis, über Rechtsstreitigkeiten zu entscheiden. Ihre Urteile waren durch die kaiserliche Autorität legitimiert und konnten vor zivilen Gerichten nicht angefochten werden. Eine atemberaubende Wende des Schicksals.[.article__paragraph--cap]

Ursprünglich war diese neue richterliche Aufgabe der Bischöfe kaum mehr als eine rechtsverbindliche Schlichtung: eine freiwillige Alternative zu den überlasteten und korrupten Gerichten des Reiches. (Später sollte sich daraus ein voll entwickeltes kirchliches Rechtssystem herausbilden.) Doch schon damals markierte Konstantins Gesetz einen ersten Schritt der Christianisierung von Staat und Gesellschaft, eine Entwicklung mit weitreichenden Folgen.

Der Prozess der Christianisierung war keine umfassende theokratische Revolution, wie jene 1979 im Iran. Vielmehr entfaltete er sich uneinheitlich über Generationen hinweg. Im Neuen Testament verwurzelte Überzeugungen – die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens, die Rechte der Armen, die Monogamie, die Gleichheit jedes Menschen vor Gott – formten Recht und Sitten. So schafften beispielsweise Konstantins Nachfolger nach und nach Kindermord, Gladiatorenkämpfe, Abtreibung und Zwangsprostitution ab. Sie schränkten die Willkür der Gläubiger gegenüber Schuldnern ein, erleichterten die Freilassung aus der Sklaverei (ohne die Sklaverei selbst zu beenden) und führten ein Sozialsystem für Arme sowie das Recht auf Asyl in Kirchen ein. Schließlich veranlassten christliche Gesetzgeber, dass beide Partner der Ehe zustimmen müssen.

Die neuen Gesetze spiegelten kulturelle Veränderungen wider und trieben diese voran. Mit der Ausbreitung des Christentums bewirkte das Evangelium eines gekreuzigten Gottes eine langsame, aber äußerst radikale Transformation der Weltanschauung: Jesus versprach, dass die Sanftmütigen, nicht die Mächtigen, die Erde erben würden. Aus dieser Transformation, so argumentiert der Historiker Tom Holland in seinem 2019 erschienenen Buch Dominion, gingen schließlich die modernen Ideale der Emanzipation, der Menschenrechte und der Demokratie hervor. Als Ergebnis des von Konstantin eingeleiteten Prozesses bleibt das Christentum laut Holland bis heute – wenn auch in einer etwas verschleierten Form – das „Betriebssystem“ des Westens.

Doch für wie lange noch? Der von Konstantin eingeleitete Prozess der Christianisierung hat sich umgekehrt, zumindest im Westen. Jede neue Generation kann weniger mit Glaubensbekenntnis, Religionszugehörigkeit und Kirchenbesuch anfangen als die vorherige.

Einigen Berichten zufolge scheinen sich die Säkularisierungstrends in den Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahren verlangsamt zu haben, und einige katholische, orthodoxe und pfingstkirchliche Gemeinden in Nordamerika und Europa verzeichnen sogar einen Anstieg bei Erwachsenentaufen und der Teilnahme am Sonntagsgottesdienst, insbesondere bei jungen Männern. Erweckungsbewegungen an US-amerikanischen Hochschulen veränderten zweifellos das Leben einzelner Menschen.

Doch wie der Demograf Ryan Burge in seinem neuen Buch The Vanishing Church berichtet, gleichen diese Bekehrungen statistisch gesehen den allgemeinen Rückgang des religiösen Glaubens und der Religionsausübung nicht aus. Da ältere, religiösere Kohorten durch jüngere, weniger religiöse ersetzt werden, scheinen Christen in den Vereinigten Staaten dazu bestimmt zu sein, eine Minderheit zu werden, genau wie in anderen Ländern, die ebenfalls historisch mit dem Christentum identifiziert wurden.

Anna Dillon, The Avenue at Avebury, Öl auf Holz, 1996. [.smalltext]Verwendet mit Genehmigung.[.smalltext]

Indem das Christentum im Westen in den letzten 50 Jahren demografisch an Bedeutung verlor, nahm auch sein Einfluss auf Staat und Gesellschaft ab. Die zunehmende Akzeptanz von Sterbehilfe und der ungehinderte Zugang zu Abtreibung zeugen vom Verlust des früheren christlichen Konsenses über die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens. Sinkende Heiratsraten und die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften spiegeln den Zusammenbruch traditioneller christlicher Normen im Zuge der sexuellen Revolution wider. Selbst sinkende Geburtenraten – in weiten Teilen Europas sind sie unter dem Reproduktionsniveau – scheinen mit der zunehmenden Säkularisierung zusammenzuhängen.

Das deutlichste Symptom der Entchristlichung hat jedoch weniger mit einer bestimmten ethischen Frage zu tun. Das Christentum bekennt, dass jeder Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen ist und dass die Menschheit in all ihrer Vielfalt ein Ganzes bildet. Die theologische Lehre von der Gleichheit vor Gott, wie Holland uns in Erinnerung ruft, untermauert jeden modernen Appell an die Gleichheit vor dem Gesetz oder an die angeborenen Menschenrechte. Und das biblische Beharren auf der Einheit der Menschheit relativiert alle Trennungen zwischen ethnischen und nationalen Gruppen. Zusammengenommen bilden diese Erkenntnisse die wesentliche Grundlage der liberalen Demokratie.

Mit dem Rückgang des Christentums weicht dieses Erbe einem Zeitalter des Nihilismus – so lautet zumindest die These des Soziologen James Davison Hunter in seinem 2024 erschienenen Buch Democracy and Solidarity. Seiner Diagnose zufolge wird das durch die Entchristlichung entstandene Vakuum mit dem nackten Willen zur Macht gefüllt, sei er nun links- oder rechtsgerichtet. Im Gegensatz zu Nietzsches Version des Willens zur Macht, die sich als lebensbejahend verstand, ist der heutige Nihilismus geprägt von dem, was Nietzsche als Ressentiment bezeichnete. Gegenseitig feindlich gesinnte Gruppen – Hunter nennt sie „counter-publics“ – definieren sich gegenseitig durch „gemeinsame Narrative der Kränkung“. Die Logik des Ressentiments treibt Menschen dazu, die Suche nach der Wahrheit aufzugeben zugunsten der Vernichtung ihrer Gegner. Letztendlich ist ein solcher Nihilismus unvereinbar mit dem Bekenntnis zur universellen Menschenwürde und zu den Menschenrechten.

Wie sollen Christen auf die Entchristlichung und ihre Folgen reagieren? Ein Weg besteht darin, sich dem Ressentiment hinzugeben und die christliche Identität als Waffe in einem nihilistischen Krieg einer Gruppe gegen eine andere einzusetzen – auf die Gefahr hin, genau den Glauben zu verraten, den man zu verteidigen sucht. Prominente Persönlichkeiten, die sich heute für diesen Ansatz entschieden, schwingen christliche Worte und Bilder im Dienste antichristlicher Ziele. Eine andere Möglichkeit wäre, den öffentlichen Raum aufzugeben und abgeschottete Gemeinschaften zu bilden, um die „neue Barbarei“ auszusitzen – um einen Ausdruck aus Rod Drehers Buch The Benedict Option aus dem Jahr 2017 zu verwenden.

Die Christen zur Zeit der Bekehrung Konstantins standen vor ähnlichen Herausforderungen, wählten jedoch einen anderen Ansatz. Wie ihre Glaubensbrüder heute waren sie oft innerlich gespalten und nicht zur Gänze gläubig. Doch trotz ihrer demografischen Bedeutungslosigkeit (sie bildeten etwa zehn Prozent der Bevölkerung des Römischen Reiches) besaßen sie ein bemerkenswertes Selbstvertrauen. Wie Kardinal Joseph Ratzinger es ausdrückte (wobei er einen Ausdruck von Arnold Toynbee übernahm), waren sie eine „kreative Minderheit“, deren Kraft nicht in der Zahlenstärke lag, sondern in ihrer geistlichen Vitalität und ihrem verwandelten Leben. Um Bischof Cyprian von Karthago aus dem dritten Jahrhundert zu zitieren: „Wir sind Philosophen nicht in Worten, sondern in Taten. . . . Wir sprechen keine großen Dinge, wir leben sie.“

Diese frühen Gläubigen, die verständlicherweise dankbar waren, dass Konstantin den Glauben angenommen und die Verfolgung beendet hatte, konnten das jahrhundertelange Projekt der Christianisierung, das er in Gang setzte, nicht vorhersehen: die Erfolge, das klägliche Scheitern oder das, was heute wie dessen Zerfall erscheint. Ihr Vertrauen beruhte nicht auf ihrer Fähigkeit, die Gesetze des Reiches zu reformieren oder die Sitten ihrer Gesellschaft zu revolutionieren. Vielmehr waren sie sich der Verheißung Jesu sicher, dass „die Pforten der Unterwelt“ seine Kirche auf lange Sicht nicht überwältigen würden, denn er, der Herr der Geschichte, würde eines Tages wiederkommen, um alles neu zu machen.

Wenn Christen heute entmutigt sind, können sie Mut aus diesen Vorgängern im Glauben schöpfen. Der Niedergang der Kirche und die Entchristlichung von Kultur und sozialen Institutionen sind schmerzhaft und aus christlicher Sicht schlecht für die Menschen. Doch gemäß unserem Glauben sind sie nicht das Ende der Geschichte. Heute wie immer bleibt unsere Berufung dieselbe: bereits jetzt als Bürger des Neuen Jerusalems zu leben.

Das Nicänische Glaubensbekenntnis erinnert uns daran, worin die Zukunft besteht: „Er . . . wird wiederkommen in Herrlichkeit … seiner Herrschaft wird kein Ende sein.“ Was wird nach dem Christentum kommen? Christus selbst. Bis dahin hat er seinen Nachfolgern, ob sie nun wenige oder viele sind, Großes aufgetragen, wofür sie leben und wirken sollen.