Die Stechfliege Gottes
Justin der Märtyrer wurde wegen Atheismus zum Tode verurteilt.
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Justin der Märtyrer wurde wegen Atheismus zum Tode verurteilt.
[.article__paragraph--cap][.small-caps]Wir schreiben das[.small-caps] 13. Regierungs-jahr von Kaiser Hadrian, das Jahr 883 ab urbe condita. Wir würden es 130 n. Chr. nennen. Justin, Anfang 20, machte einen Spaziergang in der Nähe des Meeres – der Ägäis, da er sich in Ephesus in Kleinasien befand. Dies war nicht nur ein Flanieren: Er war ein ernsthafter junger Mann, der das tat, was ernsthafte junge Männer gerne tun, nämlich sich in große philosophische Gedanken zu vertiefen.[.article__paragraph--cap]
Justin, in Flavia Neapolis, im palästinensischen Syrien, als heidnischer Bürger des Römischen Reiches geboren, befand sich seit seiner Jugend auf einer philosophischen Suche: Was ist das Wesen der Wirklichkeit, der Gerechtigkeit? Was führt zum Glück? Und wie steht es mit Gott? Oder sind es „die Götter“?
Er hatte schon einige Lehrer „verschlissen“. Er hatte mit einem Stoiker begonnen, der ihm keine Hilfe war: „Er selbst kannte ihn (Gott) nämlich nicht, noch hielt er das Wissen um ihn für notwendig.“ Dann ging er zu einem Peripatetiker, der ihn ein paar Tage lang unterhielt, dann aber versuchte, ihm eine Gebühr in Rechnung zu stellen, was Justin als Warnsignal empfand. Danach versuchte er es bei einem Pythagoräer, doch dieser erklärte, er könne Justin unmöglich in Philosophie unterrichten, bevor dieser nicht Musik, Astronomie und Geometrie gelernt habe, und warf ihn hinaus, als dieser zugab, nichts von diesen Disziplinen zu wissen.

Bei den Platonikern schien es Justin besser zu ergehen. „Sehr interessierte mich die Geistigkeit des Unkörperlichen, das Schauen der Ideen gab meinem Denken Flügel, in kurzer Zeit wähnte ich, weise zu sein, und in meiner Beschränktheit hegte ich die Hoffnung, unmittelbar Gott zu schauen; denn dies ist das Ziel der Philosophie Platos.“ In diesem Geisteszustand kam er an die Küste.
Er bemerkte, dass er beobachtet wurde; sein Beobachter war ein alter Mann, der den Eindruck machte, ebenfalls auf der Suche zu sein. Der folgende Dialog verrät in der Tat einen Schriftsteller, der viel Platon gelesen hatte.
Alter Mann: Kennst du mich?
Justin: Nein.
Alter Mann: Warum schaust du mich so an?
Justin: Es fällt mir auf, dass du zufällig am gleichen Ort mit mir zusammentriffst; denn ich erwartete, niemanden hier zu sehen.
Alter Mann: Um Verwandte bin ich besorgt, welche im Auslande sind. Ich gehe nun, nach ihnen auszuschauen; vielleicht sind sie schon irgendwo zu sehen. Warum aber bist du hier?
Justin erklärt, dass er ein Philosoph ist:
Justin: Gibt es einen höheren Beruf als zu zeigen, dass das Wort alles regiert, und dasselbe zu erfassen und von ihm sich leiten zu lassen, um einzusehen, dass die Mitwelt irrt und bei ihrem Treiben nichts tut, was gesund und Gott angenehm ist? Ohne Philosophie und ohne richtige Unterredung besitzt niemand Verständnis. Daher soll jeder Mensch philosophieren und diesen Beruf für den höchsten und ehrwürdigsten halten . . .
Alter Mann: Bewirkt also Philosophie Glück?
Justin: Ganz gewiss! Und zwar sie allein.
Alter Mann: Was ist denn Philosophie und welches ist das Glück, das sie verleiht?
Justin: Philosophie ist das Wissen dessen, was ist, und das Erkennen des Wahren. Das Glück aber ist der Lohn dieses Erkennens und dieser Weisheit.
Alter Mann: Was aber nennst du Gott?
Justin: Das Wesen, welches immer in gleicher Weise dasselbe ist, und welches die Ursache des Seins für alles übrige bildet, das ist Gott.
Der alte Mann, so erzählt er uns, hörte ihm „mit Vergnügen“ zu. Man gewinnt den Eindruck, dass dieser junge Mann vielleicht ein wenig von sich eingenommen ist. Doch so ging auch Sokrates vor: Er brachte diese selbstbewussten jungen Männer dazu, Aussagen zu treffen, um diese dann von allen Seiten zu hinterfragen, vom scheinbaren Wissen zur Unwissenheit überzugehen und dann, vielleicht allmählich, zu etwas anderem, das fundierter ist.

Tatsächlich schlüpft Justin nach diesem anfänglichen Austausch ganz natürlich in die Rolle eines von Sokrates’ Gesprächspartnern und übernimmt alle „Es ist, wie Sie sagen“-Sätze. Der alte Mann hinterfragt Justins Gewissheiten, ohne der Naturtheologie, zu der er gelangt ist, gänzlich zu widersprechen, und schließt mit folgenden Worten:
Es ist schon lange her, da lebten Männer, älter als alle diese sogenannten Philosophen. Sie waren glücklich, gerecht und von Gott geliebt. Sie predigten im Geiste Gottes, … Propheten nennt man sie. Sie allein sind es, welche die Wahrheit gesehen und sie den Menschen … verkündet haben. Sie haben ja nur das gelehrt, was sie, vom Heiligen Geiste erfüllt, gehört und gesehen hatten. Ihre Schriften sind noch jetzt erhalten, und wer sich mit ihnen abgibt und ihnen Glauben schenkt, kann sehr davon profitieren . . .
Sie sind dennoch glaubwürdige Zeugen der Wahrheit. Die Geschichte der Vergangenheit und Gegenwart ist es, welche zwingt, ihren Worten zuzustimmen. Jedoch auch wegen der Wundertaten, welche sie wirkten, waren sie glaubwürdig, da sie (damit) Gott, den Weltschöpfer und Vater, verherrlichten und seinen von ihm kommenden Sohn Christus verkündeten. … Bete aber, dass dir vor allem die Tore des Lichtes geöffnet werden! Denn niemand kann schauen und verstehen, außer Gott und sein Christus gibt einem die Gnade des Verständnisses.
Sie reden den ganzen Tag lang, und dann lässt der alte Mann Justin nachdenklich zurück: „Ich habe ihn nicht mehr gesehen. In meiner Seele aber fing es sofort an zu brennen, und es erfasste mich die Liebe zu den Propheten und jenen Männern, welche die Freunde Christi sind. Ich dachte bei mir über die Lehren des Mannes nach und fand, dass allein diese Philosophie verlässlich und nützlich sei. Dies ist der Weg und dies sind die Gründe, welche mich zum Philosophen gemacht haben.“
Er erzählt diese Geschichte viele Jahre später bei seiner ersten Begegnung mit einem späteren Freund. Er befindet sich noch immer in Ephesus: Sie treffen sich unter der schattigen Promenade rund um das städtische Gymnasium. Trypho, ein hellenisierter Jude und zugleich römischer Bürger, begann das Gespräch, indem er ihn anrief: „Sei gegrüßt, oh Philosoph!“ – da Justin das Pallium trug, den Mantel, den Philosophen trugen.
Während ihres gesamten Dialogs spricht Justin als Philosoph zu einem anderen Liebhaber der Weisheit. Er spricht als nichtjüdischer Anhänger des Gottes Israels. Und er spricht als Christ. An anderer Stelle (in den beiden Apologien, die zusammen mit Dialog mit Trypho die einzigen von ihm erhaltenen Werke sind) spricht er als ehemaliger Heide zu anderen, die wie er mit den Geschichten von Perseus und Äskulap, Zeus und Hera – oder Jupiter und Juno – und all ihren Gefährten aufgewachsen sind. Er ist allen alles. Sein Ansatz ist in unserer eigenen Zeit, die voller widersprüchlicher Ansichten über das Verständnis der Wirklichkeit, die Lebensführung, das Streben nach Glück und die Erkenntnis Gottes ist, von großem Nutzen.
Justin ist kühn in seinen Behauptungen, kühner, als es die meisten Christen heute wären:
Uns wurde gelehrt, dass Christus als der Logos, an dem das ganze Menschengeschlecht Anteil erhalten hat, Gottes Erstgeborener ist, das ist eine Lehre, die wir überkommen und euch schon vorher dargelegt haben. Die, welche mit Vernunft lebten, sind Christen, wenn sie auch für gottlos gehalten wurden, wie bei den Griechen Sokrates, Heraklit und andere ihresgleichen . . .
Als aber Sokrates mit wahrer Vernunft und nach genauer Prüfung diese Dinge ans Licht zu bringen und die Menschen von den Dämonen abzuziehen versuchte, haben die Dämonen es durch Menschen, die an der Schlechtigkeit ihre Freude hatten, dahin gebracht, dass er als Gottesleugner und Religionsfrevler hingerichtet wurde, indem sie vorgaben, er führe neue Götter ein und in gleicher Weise setzen sie gegen uns ganz dasselbe ins Werk.
Denn nicht allein bei den Griechen wurden durch Sokrates vom Logos diese Dinge ans Licht gebracht, sondern auch bei den Barbaren von demselben Logos, als er Gestalt angenommen hatte, Mensch geworden war und Jesus Christus hieß. Diesem folgend erklären wir, dass die Geister, die solches getan haben, nicht nur keine richtigen Gottheiten, sondern böse und ruchlose Dämonen sind, die nicht einmal dieselben Handlungen aufweisen können, wie die nach Tugend strebenden Menschen. . . .
Daher heißen wir Gottesleugner. Wir gestehen zu, in Bezug auf derartige falsche Götter Gottesleugner zu sein, nicht aber hinsichtlich des wahren Gottes, des Vaters der Gerechtigkeit und Keuschheit und der übrigen Tugenden, der mit dem Schlechten nichts gemein hat. Ihn und seinen Sohn, … und den prophetischen Geist verehren und beten wir an, indem wir ihn mit Vernunft und Wahrheit ehren und jedem, der ihn kennen lernen will, wie wir ihn kennen gelernt haben, neidlos mitteilen.
Er wurde getötet, wie sein Name verrät: Justin der Märtyrer. Er erlitt in Rom den Märtyrertod unter Kaiser Marcus Aurelius, einem Philosophenkönig, wie es wohl kaum einen zweiten gab, und Verfasser eleganter Bücher mit stoischen Epigrammen. Sein Richter war der Präfekt Quintus Junius Rustikus, selbst Philosoph und Lehrer von Marcus Aurelius.

Diese Männer glaubten selbst nicht an die Götter. Dennoch wurde Justin wegen seiner Weigerung, diese Götter anzubeten, vor Gericht gestellt und verurteilt. Man warf ihm vor, ein Atheist und Gotteslästerer zu sein, den vom Staat verehrten Göttern keinen Respekt zu zollen und neue, fremde Götter einzuführen. Es existiert ein zuverlässiger Augenzeugenbericht über den Prozess:
Die Heiligen wurden festgenommen und vor den Präfekten von Rom gebracht, der Rustikus hieß. Als sie vor dem Richterstuhl standen, sagte Rustikus zu Justin: „Zunächst vertraue den Göttern und gehorche den Kaisern.“
Justin: Der kann nicht getadelt und verurteilt werden, welcher den Geboten unseres Heilandes Jesus Christus gehorcht.
Rustikus: Mit welcher Wissenschaft beschäftigst du dich?
Justin: Ich bemühte mich, alle Systeme kennen zu lernen; zuletzt habe ich mich den wahren Lehren der Christen hingegeben.
Rustikus: Welches ist diese Lehre?
Justin: Die christliche Gottesverehrung besteht darin, dass wir an einen Gott glauben, der die ganze sichtbare und unsichtbare Schöpfung gemacht und hervorgebracht hat, und an den Herrn Jesus Christus, von dem die Propheten vorherverkündet haben, daß er dem Menschengeschlechte erscheinen werde als Herold des Heiles und als Verkünder trefflicher Lehren. Ich, ein Mensch, bin zu schwach, solches auszusagen, was seiner unendlichen Gottheit würdig wäre, ich kenne aber eine prophetische Macht an; denn über ihn, den ich hier Sohn Gottes genannt habe, ist vorherverkündet worden.
Rustikus sah sich sicherlich nicht als Pilatus. Auch nicht als Antiochus IV. Epiphanes, der von den sieben Makkabäer-Söhnen verlangte, die Thora zu brechen. Aber gewiss hätte er sich daran erinnern können, wie Meletus Sokrates der Gottlosigkeit bezichtigte. Und vielleicht hallten Sokrates’ Worte in Rustikus’ Kopf wieder:
Wenn ich nun, da der Gott mir befiehlt, die Mission des Philosophen zu erfüllen . . . meinen Posten verlassen würde . . . könnte ich zu Recht vor Gericht gestellt werden, weil ich die Existenz der Götter leugne, wenn ich dem Orakel nicht gehorche, weil ich Angst vor dem Tod habe: Dann würde ich mir einbilden, weise zu sein, obwohl ich nicht weise bin. . . .
Wenn ihr mich tötet, so werdet ihr mir nicht größeres Leid zufügen als euch selbst. . . . Und nun, Athener, werde ich nicht um meinetwillen argumentieren, wie ihr vielleicht denkt, sondern um euretwillen, damit ihr nicht gegen den Gott sündigt oder seine Gunst leichtfertig zurückweist, indem ihr mich verurteilt.. . . .
Nun also gehen wir alle unseren Weg. Ich, um zu sterben, ihr, um zu leben. Die Frage ist: Welcher von uns auf welcher Seite geht auf etwas zu, das besser ist? Das ist nicht klar, außer für den Gott.
Sokrates verehrte das, was er nicht kannte. Justin lebte in der Welt der Verkündigung dessen, was der heilige Petrus „die Dinge“ nannte, „die euch nun verkündet worden sind durch jene, die euch die frohe Botschaft verkündet haben durch den Heiligen Geist, der vom Himmel gesandt wurde“. Dies sind Dinge, „in die Engel gerne blicken möchten“, Dinge, wie Jesus sagte, als er den Psalmisten zitierte, „die seit der Grundlegung der Welt verborgen sind“.
Der Präfekt sagte zu Justin: „Höre, der du als gelehrt giltst . . . : Glaubst du, wenn du gegeißelt und enthauptet wirst, in den Himmel aufzusteigen?“
Justin: Das nehme ich nicht an, sondern ich weiß es und bin ganz davon überzeugt.
Rustikus: Treten wir endlich an die hier vorliegende Sache heran, die drängt: Kommt und opfert einmütig den Göttern!
Justin: Keiner, der recht gesinnt ist, verlässt die Gottseligkeit, um zur Gottlosigkeit überzugehen.
Der Präfekt Rustikus sprach also das Urteil: Die, welche den Göttern nicht opfern und dem Befehle des Kaisers nicht gehorchen wollten, sollen gegeißelt und zur Enthauptung abgeführt werden, wie die Gesetze es vorschreiben.“ Die heiligen Blutzeugen zogen, Gott preisend, hinaus an die gewohnte Stätte, wurden enthauptet und vollendeten so ihr Zeugnis im Bekenntnis des Heilandes.
„Ihr aber werdet vielleicht verdrießlich“, sagte Sokrates, „wie die Schlummernden, wenn man sie aufweckt; und ihr denkt vielleicht, wenn ihr mich totschlagen würdet . . . dann würdet ihr für den Rest eures Lebens weiter schlafen, wenn euch nicht der Gott wieder eine Stechfliege zuschickt aus Erbarmen.“
563 Jahre später wurde dem Vertreter jenes philosophischen Kaisers, in Person dieses philosophischen Juristen, eine weitere Stechfliege geschickt.