War and Peace by Staff Sgt. Jamal D. Sutter

Befreit von Furcht - ermutigt zur Gewaltfreiheit

Auszüge aus der Eröffnungsrede zur Tagung von Church & Peace am 9. Juni 2017 in Straßburg

von Antje Heider-Rottwilm

0 Kommentare
0 Kommentare
0 Kommentare
    Abschicken

Wir wollen als Church & Peace im Reformationsjahr, das geprägt ist von der Erinnerung an Luther, Melanchthon und Erasmus unseren eigenen Akzent setzen, hier in der Stadt, die neben Augsburg ein wichtiges Zentrum der Täuferbewegung war. In der toleranten Stadt Straßburg hat unter anderen Michael Sattlerfootnote Zuflucht gefunden. Er wurde allerdings 1527 ausgewiesen, da man zwar theologische Vielfalt akzeptierte, nicht aber bürgerlichen Ungehorsam wie das Verweigern des Eides, des Gebrauchs von Waffen und der Übernahme öffentlicher Ämter.

Man akzeptierte zwar theologische Vielfalt, nicht aber bürgerlichen Ungehorsam wie das Verweigern des Eides, des Gebrauchs von Waffen und der Übernahme öffentlicher Ämter.

2017, also 500 Jahre lutherische Reformation, sagt der Ökumeniker Dietrich Werner dazu: „Von „Reformation“ kann man nie nur im Singular sprechen, sondern nur im Plural: Wir sollten sensibel sein für die verschiedenen Gestalten von reformatorischen Bewegungen in verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Kontexten. Die reformatorische Bewegung von Jan Hus (lange vor Luther im 14. Jahrhundert!) oder die reformatorische Bewegung der Waldenser ist genauso wichtig wie die reformatorische Bewegung, die sich mit dem Namen von Martin Luther oder Johannes Calvin verband. Die Reformation ist also irreführend und einseitig durch die Perspektive der Großkirchen bzw. der Landeskirchen bestimmt. „Reformation“ ist für uns theologisch gesehen kein abgeschlossener historischer Epochenbegriff, sondern ein dynamischer Qualitätsbegriff, d.h. ein mit der Existenz der Kirche selbst gegebenes kritisches Prinzip der ständigen Neuaktualisierung von Kirche aus.“

Und Dietrich Werner weist darauf hin, dass „Reformatorische Bewegungen“ solche Gestaltungsprozesse in den Kirchen der Weltchristenheit sind, die die befreiende Kraft des Evangeliums unter neuen sozialen, kulturellen und politischen Umständen neu zur Geltung bringen. Es geht darum, Befreiung des Glaubens, Befreiung des Menschen, Befreiung der Kirche, Befreiung der Welt und Befreiung der Schöpfung zusammenzudenken und weiter kreativ zu entfalten. footnote

Wir kommen als Mitglieder von Church & Peace zusammen, um uns zu begegnen, zu reflektieren, auszutauschen, zu stärken, gemeinsam geistlich zu verorten. Und es gibt einen Gedankengang, der eng mit der Reformation verbunden ist und den wir miteinander gehen wollen .

Das ist das Thema ‚Fürchte Dich nicht! Oder: Fürchtet euch nicht! ‘ Furcht wird in der Psychologie definiert als ein Gefühl des Bedrohtseins; Furcht ist objektbezogen, d.h. sie tritt nur angesichts einer konkreten Gefahr auf. footnote

Das Wort, der Zuspruch ‚Fürchte Dich nicht‘ kommt in der Bibel sehr häufig vor. Wir finden ihn im ersten Buch der Bibel (1. Mose 15,1) und im letzten Buch der Bibel (Offenbarung 2,10). Das weist darauf hin, dass die Menschen in allen Generationen voller Furcht waren - und Gott erlebten als den, der sie ermutigte, sich ihrer Furcht zu stellen – und sie auszusprechen und die Furcht zu überwinden. Sozusagen an der Nahtstelle zwischen der Hebräischen Bibel und dem Evangelium von Jesus Christus geschieht dies eindrücklich.

Zum einen in Lukas 1,30. Da spricht der Engel zu der jungen Frau Maria angesichts der Mitteilung von ihrer unerklärlichen und unerwarteten und sicher belastenden Schwangerschaft: Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast bei Gott Gnade gefunden.

Und in Lukas 2, 10 ist das Kind im Stall von Bethlehem geboren, die Hirten sind geblendet und erschrocken angesichts des himmlischen Glanzes. Da spricht der Engel zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich bringe euch gute Nachricht, die für das ganze Volk sein wird. Evangelium für das ganze Volk!

Jesus stillt den Sturm und sagt dann zu den Jüngern: Was seid ihr so furchtsam? Wie habt ihr denn keinen Glauben? Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Selbst Wind und Meer sind ihm gehorsam. (Mk 4, 40f.)

Jesus glättet die Wogen, schafft festen Grund - aber die Jüngerinnen und Jünger fürchten, sich darauf einzulassen.

Jesus glättet die Wogen, schafft festen Grund - aber die Jüngerinnen und Jünger fürchten, sich darauf einzulassen. Warum seid ihr furchtsam? Habt ihr denn keinen Glauben?

Glaube kann Berge versetzen und Wogen glätten, Glaube schafft festen Grund. In der gegenwärtigen Kultur der diffusen Ängste und konkreten Furcht ist das eine ungeheure Herausforderung. Martin Luther formulierte in der 14. seiner 95 Thesen: „Ist die Liebe (zu Gott) unvollkommen, so bringt…das notwendig große Furcht”. Und in seinem Kommentar zu dieser These spitzte er zu, dass letztlich die Furcht auf einen Mangel an Gottesglauben zurückzuführen sei, auf ein defectum fidei.

Der Gottesglaube und die Gottesliebe des Reformators Luther führten allerdings nicht dazu, dass er sich auf die Kraft des Glaubens, der Liebe, der Hingabe, der Nachfolge verließ. Noch 1522 hatte er diejenigen, die die Reformation mit Gewalt durchsetzen wollten, gewarnt: ‚Non vi sed verbo‘ (Nicht durch Gewalt, sondern das Wort). Aber 1526 schrieb er in der Schrift ‚ Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können‘ (WA 625.626): „Fast könnte ich mich ja rühmen, dass seit der Zeit der Apostel weltliche Schwertgewalt und Obrigkeit nie so klar beschrieben und herrlich gepriesen worden ist als durch mich (...) Nun sieht es zwar nicht so aus, als ob Würgen und Rauben ein Werk der Liebe wäre. Deshalb mag einer in *Einfalt* denken, es sei kein christliches Werk und zieme sich nicht für einen Christen, es zu tun. Aber in Wahrheit ist es doch ein Werk der Liebe.”

Demgegenüber galten die Täufer als radikal. Radikal unter anderem deswegen, weil sie mit einer baldigen Wiederkunft Christi rechneten und ihre Welt darauf ausrichten wollten

So legitimierte er, dass - statt Gewaltfreiheit - Gewalt zur dunklen Seite der Reformation und der Mächte, die sie politisch instrumentalisierten, wurde. Demgegenüber galten die Täufer als radikal. Radikal unter anderem deswegen, weil sie mit einer baldigen Wiederkunft Christi rechneten und ihre Welt darauf ausrichten wollten – mit Gütergemeinschaft, Gewaltlosigkeit und einer hierarchiefreien Kirche und Gesellschaft. Dafür mussten sie bitter leiden.

Anlässlich des Täuferjahres 2007 baten Vertreter der Reformierten Kirche der Schweiz die Nachfahren der Täuferbewegung um Vergebung. Und 2010 bat der Lutherische Weltbund bei seiner Vollversammlung in Stuttgart die Mennonitische Weltkonferenz als Nachfahren der Täufer um Vergebung der Schuld, die lutherische Christen in der Reformationszeit auf sich geladen hatten.

Und hier ein weiterer Blick zum Thema Furchtlosigkeit: Könnte es sein, dass das Zurückschrecken vor der Gewaltlosigkeit, das Zurückschrecken davor, sich selbst wie auch die Verletzbaren und Bedrohten ganz Gottes Liebe anzuvertrauen, auch zusammenhängt mit der Furcht vor dem Tode, die mich und uns alle zu beherrschen droht? …

Der am Karsamstag gestorbene Johann Christoph Arnold, Mitglied der Bruderhofgemeinschaft in den USA, Friedensstifter, Schriftsteller und Polizei-Seelsorger in New York, Gründer des Programms für Gewaltprävention ‚Breaking the Cycle‘, hat ein Buch mit dem Titel ‚Hab keine Angst‘ geschrieben. In Aufnahme von Gedanken Dietrich Bonhoeffers führt er aus:

„…Die beste (und in der Tat die einzige) Weise, die Angst vor dem Tod zu überwinden, ist die, das Leben so zu leben, dass seine Bedeutung nicht durch den Tod zerstört werden kann. Das mag hochtrabend klingen, aber es ist in Wirklichkeit sehr einfach. Es bedeutet, dass wir gegen den Impuls ankämpfen müssen, ein egoistisches Leben zu führen, ein Leben, das sich in erster Linie um unsere eigenen Bedürfnisse und Wünsche dreht. Es bedeutet, unseren Geiz zu bekämpfen und uns in Großzügigkeit zu üben. Es bedeutet, demütig zu sein und nicht Macht und Einfluss zu suchen. Und schließlich heißt es auch, immer wieder bereit zu sein, alles aufzugeben - auch unser Selbstbild, unser eigenes Leben, und unsere eigenen (und eigennützigen) Meinungen und Pläne. … Wichtig ist allein, dass wir unser Leben für die Liebe leben, denn nur dann werden wir in der Lage sein, dem Tod mit Zuversicht ins Auge zu sehen, wenn er kommt. Ich sage das, denn ich bin mir sicher, dass wir nicht gefragt werden, wie viel wir im Leben erreicht haben, wenn wir unseren letzten Atemzug getan haben und vor Gott treten. Wir werden gefragt werden, ob wir genug geliebt haben. Johannes vom Kreuz hat es so ausgedrückt: ‚Am Lebensabend werden wir auf der Grundlage der Liebe gerichtet.‘“footnote

In der Einladung zu unserer Konferenz fragen wir: Was heißt „500 Jahre Reformation“ angesichts der individuellen, gesellschaftlichen und globalen Herausforderungen für uns heute? Wenn Reformation die Erkenntnis bedeutete, dass Gott Gnade, Liebe, Barmherzigkeit ist und uns in die Freiheit ruft, dann gilt es, das durchzubuchstabieren und durchzuhalten bis in alle Bereiche menschlichen und gesellschaftlichen Lebens:

  • Das bedeutet, Gottes Liebe, die sich in Jesus Christus für uns hingibt und damit verletzlich wird, anzunehmen.
  • Das bedeutet, meine eigene Geborgenheit in Gottes Liebe und meine Verletzlichkeit als Mensch zu akzeptieren.
  • Das bedeutet, falschen Mächten und Gewalten, falschen Sicherheiten und damit Gewalt als Mittel zu Schutz und Sicherheit abzusagen.
  • Das bedeutet Gewaltfreiheit in allen Bereichen zu leben - individuell, gesellschaftlich, global - und sich politisch dafür einzusetzen.
  • Das bedeutet, wie Dietrich Werner sagt, die befreiende Kraft des Evangeliums unter neuen sozialen, kulturellen und politischen Umständen neu zur Geltung zu bringen. Es geht darum, Befreiung des Glaubens, Befreiung des Menschen, Befreiung der Kirche, Befreiung der Welt und Befreiung der Schöpfung zusammenzudenken und weiter kreativ zu entfalten.
  • Für uns heißt das: Es ist an der Zeit, dass die Kirchen den reformatorischen Glaubensschritt tun - hin zu in Gottes Liebe gegründeter Furchtlosigkeit - und damit hin zur Gewaltlosigkeit.
  • Wir wollen miteinander unsere Lebens- und Arbeitsbereiche bedenken, uns gegenseitig‚ gute Nachrichten‘ überbringen und furcht-freie, sichere Räume des Austausches und Miteinander Lernens entstehen lassen.
War and Peace by Staff Sgt. Jamal D. Sutter

Fußnoten

  1. Michael Sattler (* um 1490 im Breisgau; † 21. Mai 1527 verbrannt auf dem Scheiterhaufen in Rottenburg am Neckar; Benediktinermönch, täuferischer Märtyrer, Autor der Sieben Artikel von Schleitheim (1527). gehörte neben Konrad Grebel und Felix Manz zu den führenden Persönlichkeiten der ersten Täufergeneration.
  2. Dr. Dietrich Werner, Reformation - Bildung - Transformation, Ökumenische Perspektiven zum Thema Reformation und Eine Welt, 12 Thesen - Vortrag Bad Herrenalb, 14. Juli 2015
  3. http://www.enzyklo.de/lokal/42134
  4. Johann Christoph Arnold, Hab keine Angst, Erlebnisse und Gedanken zu Krankheit, Tod und Ewigkeit, Plough Publishing House 2002, S. 213
Von Antje Heider-Rottwilm Antje Heider-Rottwilm

Antje Heider-Rottwilm ist seit 2009 Vorsitzende von Church & Peace und war bis 2014 als Pastorin tätig. Sie hat seit 2008 das Ökumenische Forum HafenCity, ein Projekt von 20 Hamburger Kirchen mit Kapelle, bio-fairem Café, Veranstaltungsräumen und ökumenischer Hausgemeinschaft in Hamburg mit aufgebaut. Seit 1979 gehört sie zusammen mit ihrem Mann zum Laurentiuskonvent. Antje ist seit vielen Jahrzehnten in der Friedensarbeit engagiert. Sie leitete 11 Jahre lang die Europa-Abteilung der EKD und war Mitglied im Präsidium der Konferenz Europäischer Kirchen.

0 Kommentare