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Essay

Das Zeitalter des einen Schafes

Was passiert nach der Religion mit der Kirche?

July 7, 2026

[.smalltext]Alle Collagen von Adobe Stock/Parabel. Verwendung mit Genehmigung.[.smalltext]

[.article__paragraph--cap][.small-caps]Christliche kirchen teilen[.small-caps] in unseren Breiten dasselbe Schicksal wie die Gletscher der Alpen: Sie schmelzen seit mehreren Jahrzehnten nicht nur kontinuierlich, sondern immer rasanter. Gletscherspezialisten sprechen deswegen nicht mehr von Schwund, sondern von Zerfall. Die Zukunftsprognosen fallen dementsprechend düster aus: Bald werden die Gletscher gänzlich verschwunden sein. Ähnliches könnte über das Christentum in der westlichen Welt auch gesagt werden. [.article__paragraph--cap]

Aber was passiert eigentlich, wenn in einem Land, in dem über Jahrhunderte beinahe alle Neugeborenen in ihrem ersten Lebensjahr getauft wurden, jetzt nur mehr ein Viertel der Kinder eines Geburtenjahrgangs getauft werden? Was passiert, wenn damit die Religion als bestimmender gesellschaftlicher Faktor, der die Weltanschauung und Lebensführung fast aller Menschen eines Landes geprägt und somit auch verbunden hat, zerfällt? Wie fühlt sich so ein massiver Einbruch an? Welche Konsequenzen hat er für die Gesellschaft und die Kirche?

In diesem Beitrag soll anhand eines bestimmten Beispiels zumindest eine teilweise Antwort auf manche dieser Fragen versucht werden. Ich will von Frankreich und vor allem von der Kirche dort erzählen, wo ich die letzten Jahre als Priester und Jugendseelsorger tätig war. Frankreich bietet sich aus zumindest zwei Gründen als interessantes Fallbeispiel an.

Zum einen, weil die Entwicklung dort geradezu paradigmatisch für den dramatischen Glaubensschwund in Europa ist. Die „älteste Tochter der Kirche“, wie Frankreich von den Päpsten manchmal genannt wurde, wies bis in die 1960er Jahre Taufraten von bis zu 94% auf. Heute versteht sich nur mehr 25% der Bevölkerung als katholisch. Nimmt man den Missbrauchsskandal, die finanziell prekäre Situation und die schwindende Anzahl von Priestern hinzu, zeichnet sich ein hinreichend düsteres Bild der Kirche in Frankreich ab, das dem der Gletscher um nichts nachsteht.

Zum anderen aber entspricht der aktuelle Gemütszustand der Kirche, wenn man so sagen darf, kaum ihrer desolaten Situation. Fragt man haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter der Kirche dort nach ihren Zukunftsprognosen, wird man verwundert feststellen müssen, dass von Untergangsstimmung nichts zu spüren ist – oder genauer gesagt: nichts mehr zu spüren ist. Zumindest in den Städten.

Damit stehen wir vor einem Paradoxon. Wie geht das zusammen: Mitgliederschwund, oder eigentlich schon Kirchenzerfall auf der einen Seite, eine hoffnungsvolle und fröhliche Zuversicht auf der anderen Seite? Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass ich den Kontrast hier um der Anschaulichkeit willen etwas überzeichne: Die gegenwärtige Aufbruchsstimmung, die unter Priestern und Gläubigen in Frankreich einfach nicht zu übersehen ist – und das trotz der katastrophalen Zahlen, die sie natürlich kennen – lässt aufhorchen. Was ist das passiert? Wie ist das zu erklären?

Die Anfänge einer Gegenbewegung in der Gen Z

Zuerst leise und kaum bemerkbar, mit der Zeit aber immer stärker und eindeutiger, zeichnet sich in Frankreich, insbesondere unter den 15 bis 30-Jährigen, der sogenannten Gen Z, ein Minitrend der Hinwendung zu Religion und Christentum ab. Damit wird der Megatrend der Säkularisierung und des Zerfalls der Religion nicht infrage gestellt, aber umgekehrt kann auch diese Gegenbewegung nicht einfach ignoriert werden.

Der Beginn dieses vielgestaltigen Phänomens, das ich jetzt skizzieren werde, fiel zufälligerweise – und aus meiner Sicht, muss ich sagen: glücklicherweise – in meine ersten Jahre als Priester und Jugendseelsorger. Von 2016 bis 2022 war ich in einer Pfarrei etwa 100 km nördlich von Paris tätig, in der sozial und wirtschaftlich eher benachteiligten Region der Picardie.

Zu meiner großen Überraschung kamen in der Schule, aber auch in der Kirche, immer mehr Jugendliche, die bisher mit dem Christentum nichts zu tun hatten, auf mich zu und wollten mehr über den Glauben erfahren. Einige waren nicht einmal getauft. Andere hatten zwar nach der Geburt die Taufe empfangen, aber es wurde ihnen nie etwas über Gott oder Jesus erzählt. Niemand hatte ihnen beigebracht wie man betet oder was ein christliches Leben ausmacht. Sie haben von selbst zum Glauben gefunden, auf sehr individuellen Wegen, von persönlichen Erfahrungen und Begegnungen geprägt.

Tendenziell war es bei den Burschen eher ein gedanklicher Prozess, eine intellektuelle Suche nach Wahrheit, Sinn und Ordnung, durchaus auch in bewusster Abgrenzung von und als Reaktion auf die wahrgenommene Orientierungslosigkeit ihrer Elterngeneration, während Mädchen oft von intensiven emotional gefärbten Erlebnissen, Gefühlen des Trostes und der inneren Heilung erzählten. So oder so, von den meisten kann man sagen, dass sie sich in der einen oder anderen Form – weltanschaulich, psychologisch, sozial – verloren gefühlt haben und dann im Glauben einen neuen Halt fanden.

Sehr schnell wurde klar, dass in den Pfarreien und Schulen für diese suchenden Jugendlichen eigene Gruppen geschaffen und Glaubenskurse organisiert werden müssen. Aufgrund der überschaubaren Zahl war das anfangs noch relativ leicht möglich. Und die Erfahrungen, die ich dabei machen durfte, waren überwältigend schön. Es ist so eine Freude, wenn junge Buben und Mädchen, die genau in dem Alter sind, in dem die meisten Jugendlichen aus gläubigen Familien doch gerade der Kirche den Rücken zuwenden, sich voller Ernst und aufrichtiger Sehnsucht nach Gott an die Kirche wenden und um Begleitung für ihren Glaubensweg bitten.

Von Äthiopiern und Katechumenen

In all meinen Jahren als Seelsorger in Frankreich habe ich kein Ostern ohne Taufen von Jugendlichen erlebt. Jedes Jahr mehr. Die Fastenzeit wurde dadurch zusehends wieder zu dem, was sie ursprünglich war, nämlich die Zeit der letzten Vorbereitung auf die Taufe. Man kennt die Berichte aus den Jahrhunderten des Christentums, als die gesamte Gemeinde der Gläubigen die Taufwerber, die sogenannten Katechumenen, auf ihren letzten Schritten zur Taufe mit Fasten und Gebet begleitete. Es gibt inzwischen, glaube ich, in Frankreich keine (städtische) Pfarrei mehr, wo am dritten, vierten und fünften Fastensonntag in der Heiligen Messe nicht die Skrutinien gefeiert werden, diese Riten zur Stärkung der Katechumenen, die vor der Taufe oft einen regelrechten geistlichen Kampf zu bestehen haben. Heuer wurden ja in der Osternacht in Frankreich über 21.000 Jugendliche und Erwachsene, die meisten davon junge Erwachsene, getauft.

Viele von ihnen erinnern mich an den äthiopischen Hofbeamten der Königin Kandake, von dem die Apostelgeschichte erzählt (Apg 8,26-40). Dieser Äthiopier dürfte ein Heide gewesen sein, der sich für den jüdischen Glauben interessierte. Er war nach Jerusalem gereist und befand sich jetzt auf dem Rückweg. Auf seinem Wagen sitzend las er die Heilige Schrift. Wie sich im Verlauf der Erzählung herausstellt, verstand er sie allerdings nicht, zumindest nicht wirklich. Gott schickt ihm einen Glaubensboten, den Diakon Philippus, der ihm die Schrift entschlüsselt und dann seinem Wunsch, getauft zu werden, nachkommt. Natürlich sind die französischen Jugendlichen nicht eins zu eins mit diesem Äthiopier vergleichbar, aber einige Ähnlichkeiten sind auffällig: Erstens die Bereitschaft, viel Mühe und weite Wege auf sich zu nehmen, um Gott zu entdecken. Zweitens das hartnäckige und einsame Lesen der Bibel, auch wenn vieles dunkel und unverständlich bleibt. Wie viele Jugendliche lesen schon seit Monaten und manchmal Jahren alleine in der Bibel, bevor sie das erste Mal mit einem Seelsorger oder einer Seelsorgerin sprechen! (Freilich, im Unterschied zum Äthiopier nutzen sie auch massiv das reiche Angebot an christlichen Videos und Social Media Content, das oft die erste Quelle der Information und die erste Berührung mit dem Glauben darstellt. Ich werde noch darauf zurückkommen.) Drittens brauchen sie jemanden, der sie anspricht, sowie Philippus den Äthiopier anspricht, und der sie dann persönlich begleitet und bis zum Sakrament führt. Solche Gläubige, die auf die Eingebung des Heiligen Geistes hören und auf die Suchenden zugehen, sind unumgängliche Instrumente der Gnade Gottes.

Der Aschermittwochshype

Zurück zur Fastenzeit. Diesmal im Jahr 2024. Seit zwei Jahren war ich in einer anderen Pfarrei tätig und diente als Kaplan in der Kathedrale von Amiens, ebenfalls in der Picardie. Die Taufvorbereitung der immer zahlreicher werdenden Katechumenen war inzwischen Routine und würde wieder für die ganze Pfarrgemeinde die Fastenzeit prägen. Aber in diesem Jahr kam etwas Neues hinzu. Wieder ein Gen Z-Phänomen, das allerdings nicht, wie die steigende Zahl der Katechumenen als progressiv sich aufbauende Welle beschrieben werden kann, sondern wie ein Tsunami urplötzlich und völlig unerwartet einsetzte: Der massive und flutartige Andrang auf die Gottesdienste am Aschermittwoch. Ein regelrechter Aschenkreuzhype, anscheinend auf Social Media geboren und in allen Städten Frankreichs bezeugt. Ich kann mich noch erinnern wie geschockt ich war, als ich beim feierlichen Einzug zu Beginn der Messe viele hunderte junge Menschen, die ich zuvor nie in der Kathedrale gesehenen hatte, erblickte. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Die ganze Kathedrale war voll wie sonst nur zu Weihnachten oder zu Ostern, nur dass es nicht Familien mit Kindern und ältere Menschen waren, sondern eben hauptsächlich junge Männer und Frauen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren.

Damit stellen sich einige Fragen: Wer sind diese „Aschermittwochskatholiken“ und warum spricht sie gerade dieser Gottesdienst an? Und noch grundsätzlicher: Wie ist dieses neuerwachende Interesse am christlichen Glauben nach dem Zerfall der althergebrachten Form der flächendeckenden Religion erklärbar?

Versuch einer Erklärung

Der Einfluss des Islams und vor allem des Ramadans ist nicht zu übersehen. Viele dieser Jugendlichen wachsen mit muslimischen Freunden, Nachbarn und Klassenkameraden auf. Diese gehen mit ihren religiösen Überzeugungen und Praktiken offen um. Das hat zur Folge, dass Religion in der Gen Z kein Tabu mehr ist, über das man höchstens im privaten Umfeld mit Gleichgesinnten sprechen darf. In manchen Schulen entsteht sogar ein neues Normal. Religiös zu sein ist nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Der Unterschied zu meiner eigenen Jugend, die noch gar nicht so lange her ist, könnte kaum größer sein. Damals hatte ich sogar in der Ministrantengruppe Hemmungen über meinen Glauben zu reden, weil ich Angst hatte dafür lächerlich gemacht zu werden. Jetzt hingegen habe ich in einer Klasse einer Berufsschule erlebt, dass Jugendliche, die nicht an Gott glauben als Außenseiter gelten. „Gottlos“ zu sein ist uncool geworden. Das ist sicher nicht überall und in allen Schulen der Fall, aber es dürfte auch nicht die einsame Ausnahme darstellen. Jedenfalls scheint es klar, dass der öffentlich gefeierte Ramadan ihrer muslimischen Altersgenossen unter vielen Jugendlichen aus ehemals katholischen Familien das Verlangen danach geweckt hat auch eine heilige Zeit des Fastens zu begehen. Dass das tatsächlich der Fall ist, merkt man unter anderem an den Fragen, die sie stellen und die vielfach um das Begriffspaar verboten/erlaubt kreisen. Auch das Aschenkreuz als äußerlich sichtbares Zeichen dieser gemeinsam begangenen Fastenzeit ist in diesem Zusammenhang anziehend.

Darüber hinaus spielen auch die wachsende Unsicherheit und zunehmende Perspektivlosigkeit dieser Generation eine gewichtige Rolle. Fragt man Jugendliche, wie sie die Zukunft einschätzen, muss man sich auf brutal desillusionierte, um nicht zu sagen hoffnungslose Aussagen gefasst machen. Der Wappenspruch des Hauses Stark aus Game of Thrones fasst das Lebensgefühl der Gen Z prägnant zusammen: Winter is coming. In ihren Augen befinden sich unsere westlichen Gesellschaften in einem wirtschaftlichen, moralischen, politischen und metaphysischen (Spät-) Herbst und sollten sich auf den unweigerlich kommenden frostigen Winter einstellen. Das spätmoderne Lebens- und Gesellschaftsmodell hat ausgedient. Religion wird wieder als Option wahrgenommen und zumindest ein Teil dieser Generation sieht im Glauben eine zu wenig genutzte Ressource, die sowohl im persönlichen als auch im öffentlichen Bereich sicheren Halt und aussichtsreiche Perspektiven bieten kann. Gerade der spirituelle und moralische Aspekt des Glaubens, der Aufruf zur Innerlichkeit und zur Bekehrung wird geschätzt. Das erklärt, warum gerade die Fastenzeit für diese Generation ansprechend ist.

Aufgefangen wird diese diffuse neue Offenheit für Religion zuerst immer auf Social Media. Für diese Generation gilt: Jede Suche beginnt online. Auch die Suche nach Gott. Auf Französisch gibt es neben zahlreichen Accounts freikirchlicher und katholischer Gen Z Influencer, also Jugendliche die für Jugendliche religiöse Inhalte online stellen, auch ein paar einflussreiche und prominente Kanäle, die von Priestern und Ordensleuten geführt werden. Junge Frauen und Männer, die sich für den Glauben interessieren, finden dadurch auf den Sozialen Medien, die ihre erste und oft auch einzige Wissensquelle darstellen, zahlreiche qualitativ hochwertige Videos mit verlässlichem Inhalt. Für die Zukunft des Glaubens ist das von kapitaler Bedeutung.

Neben der virtuellen Realität spielt aber auch die gute alte analoge Wirklichkeit eine entscheidende Rolle. Der Weg, der auf den mobilen Bildschirmen der digital natives beginnt mündet über kurz oder lang in einer echten Kirche aus Holz und Stein oder er verläuft sich. Die sprichwörtliche Kirche im Dorf ist weithin sichtbar und stellt einen Bezugspunkt dar. Die steinernen Zeugen des Glaubens vorangegangener Generationen sprechen auch die Gen Z an. Allerdings braucht es oft Zeit bis junge Menschen zum ersten Mal die Schwelle einer Kirche überschreiten. Die Scheu ist groß. Oft kommen sie zuerst nur außerhalb der Gottesdienstzeiten. Immer wieder sagen sie, dass sie sich nicht legitim fühlen oder nicht einmal sicher sind, ob sie als (Noch-)Nichtchristen überhaupt in eine Kirche gehen dürfen. Umso schwieriger ist es, den Schritt zu wagen, einem Gottesdienst beizuwohnen. Die Angst, durch Unkenntnis der Riten und Antworten aufzufallen ist groß. In diesem Zusammenhang wird deutlich, wie wichtig eine warme und zuvorkommende Willkommenskultur in der Kirche ist.

Der Auftrag der Kirche in einer postreligiösen Welt

Welche kirchlichen und seelsorglichen Veränderungen bewirkt dieses Phänomen der Zuwendung von Jugendlichen zum Glauben? Was fordert es von der Kirche? Einige Punkte sind im Laufe des Erklärungsversuchs schon zutage getreten. Die Kirche ist gefragt als Ort der Gotteserfahrung, wo Spiritualität und Gebet gelebt werden, als Leuchtturm, der klare Orientierung bietet, als Verkünderin, die auch online die frohe Botschaft verkündet, als offene Gemeinschaft, in der sich jeder willkommen fühlt. Darüber hinaus besteht eine große Herausforderung in der Ausbildung von ausreichenden Begleitern für die vielen Katechumenen und Neuanfänger, also Männer und Frauen, die zuhören können, die aber auch die Fähigkeit haben, über ihren eigenen Glauben zu reden.

Mir kommt vor, es bricht eine Zeit an, in der der Auftrag der Kirche dem entspricht, was Jesus im Kapitel 15 des Lukasevangeliums beschreibt. Die Aufmerksamkeit gilt nicht den 99 Schafen bzw. den neun Drachmen, sondern dem einen Schaf und der einen Drachme, die verloren waren. Dasselbe gilt für den verlorenen Sohn. Die 99 Schafe und die neun Drachmen können als die große Masse an Menschen, die ohne den Glauben gut auskommen gesehen werden. Aber dann ist da noch dieses eine Schaf, diese eine Drachme, ich übersetze: dieser eine junge Mensch, der sich verloren fühlt. Da ist der verlorene Sohn, die verlorene Tochter. Sie zu suchen, sie zu erwarten, sie zu finden, sie mit offenen Armen aufzunehmen und vor allem Freude über sie zu empfinden, statt den 99 oder den neun nachzuweinen, das scheint mir der Auftrag der Kirche heute zu sein. Menschlich-soziologisch gesehen macht das eine Schaf die 99 nicht wett, aber Gott zählt nicht wie wir, das Evangelium rechnet nicht wie wir.