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Hässliche Wächter der Schönheit
Die Wasserspeier von Notre-Dame blicken aus einer einzigartigen Perspektive auf die Welt.
von Sergio Bermudez
Dienstag, 24. März 2026
Verfügbare Sprachen: English
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„Warum bin ich nicht aus Stein wie du?“
— Quasimodo in Victor Hugos Der Glöckner von Notre-Dame
Vor drei jahren verschlug es mich nach Paris. Mein Französisch ist noch immer holprig, aber die Stadt ist mir inzwischen vertraut. Es ist ein seltsames Gefühl, einen Ort Heimat zu nennen, der für so viele Menschen ein Inbegriff von Romantik ist. Als ich ankam, wusste ich nicht, was mich erwarten würde. Wie so viele hatte ich über Paris in den verschiedenen Epochen gelesen. Notre-Dame zum ersten Mal zu sehen, war surreal. Mich empfing nicht das ikonische Bild aus Filmen, Videospielen oder dem Disney-Klassiker Der Glöckner von Notre Dame, sondern eine Baustelle: Gerüste, eine massive Metallabsperrung vor der Fassade und Kräne, die über die Türme ragten. Die Front der Kathedrale schien hinter all dem hervor wie ein Schatten ihrer selbst und zugleich ein Versprechen dessen, was sie wieder werden könnte. Das ist nun einige Jahre her. Seitdem kam ich oft vorbei. Anfangs verfolgte ich jede kleine Veränderung sehr genau mit dem Gefühl, als würde nur ich die Verwandlung in ihrer Gesamtheit miterleben.
Die Kathedrale präsentiert sich nun wieder offen. Die letzten Absperrungen sind gefallen, und stattdessen warten Scharen von Menschen darauf, einzutreten. Nur wenige Kräne stehen noch um die letzten „kleinen“ Details zu vollenden; Notre-Dame ist wieder auferstanden. Es war ein eigenartiges Erlebnis, dieses Gotteshaus endlich wieder betreten zu können.
Mein erster Besuch war ein ganz gewöhnlicher Sonntagsgottesdienst, keine große Eröffnung. Ich verstand kaum etwas von den französischen Lesungen und der Predigt, aber die Messe ist überall gleich und fühlte sich vertraut an. Ich wollte mich auf das Geschehen konzentrieren, wurde aber immer wieder von Leuten abgelenkt, die an den Seiten entlang liefen und die Architektur fotografierten, und von den Ordnern, die vergeblich versuchten, diese hinter der Absperrung zu halten, um das Heilige zu wahren. Zwei Italienerinnen nutzten einen unbeobachteten Moment, schlüpften unter dem Seil hindurch, setzten sich zu uns und machten schnell ein paar Selfies, bevor sie gemeinsam mit den anderen Touristen verschwanden.
Foto von Adam auf Flickr. Mit Genehmigung verwendet.
Auf gewisse Weise verstehe ich das. In der großen Kirche spürt man etwas Erhabenes – diese Schönheit, diese Wurzeln, die so tief in die Vergangenheit reichen und all die Geschichten, die viel älter sind als unsere Eltern und Großeltern. Daran teilzuhaben, und sei es nur für einen Augenblick, zieht einen unwiderruflich an. Nachdem ich das Innere gesehen hatte, betrachtete ich das Äußere ganz neu. Der helle Stein, die Gewölbebögen, die Turmspitzen – all das gehört zu dem, was wir „Gotik“ nennen. Alles weist zum Himmel empor. Und dann sind da natürlich noch die Gargoylen, die Wasserspeier.
Geht man an der Kathedrale entlang, tauchen am Rand des Blickfelds diese Kreaturen auf. Sie grinsen, fletschen die Zähne, knurren und scheinen über unser Leben zu sinnieren. Sie fixieren uns mit ihren Blicken und verfolgen jede unserer Bewegungen. Sie sind vielleicht nicht das Erste, was auffällt, aber in unseren Gedanken und unserer Wahrnehmung sind sie immer präsent. Sie sind zum Synonym für Notre-Dame und das Konzept der gotischen Architektur geworden.
Gargoylen bilden einen bewussten Gegensatz zur erhabenen Schönheit der Kathedrale. Bemerkenswerterweise konnte der heilige Bernhard von Clairvaux ihnen nichts abgewinnen. Er schrieb: „Was bedeuten diese unreinen Affen, diese seltsamen wilden Löwen und Ungeheuer? Zu welchem Zweck sind hier diese Geschöpfe platziert, halb Tier, halb Mensch, oder diese gefleckten Tiger?“
In einer Hinsicht ist der Zweck klar. „Gargoyle“ leitet sich vom französischen gargouille ab, was übersetzt „Hals“ oder „Schlund“ bedeutet. Manche sagen, das Wort ahme das gurgelnde Geräusch nach, das entsteht, wenn das Wasser herausströmt. Die ursprüngliche Bestimmung der Gargoylen bestand also darin, Regenwasser von den Dächern abzuleiten, um Wasserschäden zu verhindern. Viele Kirchen besitzen noch immer Gargoylen, die auf diese Weise funktionieren, andere hingegen nicht. In der Fachsprache heißen sie „Grotesken“. Auf die Frage des Heiligen Bernhard gibt es keine endgültige Antwort. Wir wissen nicht, warum sie dort platziert wurden.
Manche sagen, sie mahnen vor dem Übel der Welt (daher ihr Blick von der Kirche nach außen). In Barcelona erzählte man mir über einen Wasserspeier, er zeige auf den Ort, an dem sich einst ein Bordell befand. Andere sehen in ihnen „steinerne Prediger“, die Menschen, welche nicht lesen konnten, die Hässlichkeit der Sünde vor Augen führen und zeigen sollen, dass wahre Schönheit nur in Gott zu finden ist. Gerade dieser Kontrast, dass die Grotesken und das Heilige Seite an Seite bestehen, faszinierte Victor Hugo und inspirierte ihn zu seinem berühmten Roman über die Kathedrale und den einsamen Glöckner, der sich danach sehnt, am Leben in Paris teilzuhaben.
Victor Hugo war fasziniert von den Grotesken. Für ihn bestand ihr Wert nicht nur darin, dass sie „steinerne Prediger“ für die ungebildeten Massen waren. Er betonte, dass gerade ihre Hässlichkeit und ihre schrecklichen Fratzen sie so wertvoll machten. Erst wenn wir ihren schaurigen Grimassen begegnen und unter ihren steinernen Blicken hindurchgehen, erschließt sich uns die Schönheit und das Göttliche des Erhabenen.
Das wort „grotesk“ hat im Laufe der Zeit viele Bedeutungen erfahren. Ursprünglich bezeichnete es Ornamente, die als übernatürliche und fantasievolle Ausschmückungen galten und besonders in der Renaissance verbreitet waren. Im weiteren Verlauf wurde der Begriff zunehmend abwertend gebraucht, um solche Ausschmückungen als etwas Absurdes und Ungehobeltes zu bezeichnen. Doch eines bleibt allen Bedeutungen gemeinsam: „Grotesk“ beschreibt stets das Verzerrte, das Mischwesenhafte. Mit der Zeit kam auch die Hässlichkeit als prägendes Element hinzu.
Jahre bevor er den Glöckner von Notre Dame schrieb, verfasste Victor Hugo ein Theaterstück über Oliver Cromwell. Das Stück ist sehr lang und benötigt ein immenses Ensemble, weshalb es nur selten aufgeführt wurde. Berühmt wurde es jedoch vor allem durch das Vorwort, das als Manifest der Romantik gelten könnte. Darin hebt Hugo die zentrale Rolle des Grotesken hervor und beschreibt, wie es mit dem Erhabenen zusammenhängt.
Die allumfassende Schönheit, die die Antike allem verlieh, birgt eine gewisse Eintönigkeit; derselbe Eindruck, ständig wiederholt, wirkt ermüdend. Erhabenes auf Erhabenes bietet kaum einen Kontrast, und hin und wieder brauchen wir selbst vom Schönen eine Atempause. Das Groteske erscheint dagegen als Haltepunkt, als vermittelndes Glied, als Ausgangspunkt, von dem aus wir das Schöne mit frischem und wachem Blick neu entdecken .
Jahre später veröffentlichte Hugo seine Geschichte eines einsamen Buckligen, der oben auf der großen Kathedrale wohnt, mit den Grotesken als einzigen Gefährten. Auch in der Gegenwart bleibt die Bedeutung der Grotesken bestehen, während sie auf die Stadt blicken und die Reichen, die Armen und alle dazwischen bei ihrem Treiben beobachten. Ihr Grinsen könnte man als spöttisches Urteil deuten, aber es gibt auch eine andere Sichtweise. Von ihrer erhöhten Warte aus blicken die Grotesken herab und sehen sich selbst in uns. Die Hässlichkeit, die wir in uns tragen, und jene, die uns von einer Welt voller Urteile auferlegt wird. Und sie begreifen, dass diese Dinge uns nicht definieren, genauso wenig, wie sie sie definieren.
Foto von Justin Mier auf Flickr. Mit Genehmigung verwendet.
Niemand sieht sich gern als Ungeheuer oder als hässlich und verformt, doch genau das ist das Wesen der Sünde, und keiner bleibt von ihr verschont. Sie hinterlässt Spuren, die unseren Geist und unsere Seele verzerren. Erst wenn wir das begreifen, können wir hoffen, dass eine Form ohne Hässlichkeit möglich ist. Hugo schreibt: „Was wir das Hässliche nennen, ist dagegen Teil eines großen Ganzen, das sich unserem Blick entzieht und das in Harmonie steht, nicht mit dem Menschen, sondern mit der gesamten Schöpfung.“
Vielleicht liebe ich Monster einfach zu sehr, aber ich sehne mich danach, die Welt mit dem Blick der Grotesken zu sehen. Sie suchen nicht wie wir nach dem Hässlichen. Sie betrachten sich nicht im Spiegel. Sie klagen nicht über die Form ihrer Körper. Sie ärgern sich nicht über ihre Kleidung und suchen nicht nach Fehlern. Und sie erwarten das auch nicht von anderen. Stattdessen richten sie ihren Blick nach außen, auf die Schöpfung. Das hat etwas Gelassenes und Schönes. Sie müssen nicht in die Kirche blicken. Wir müssen das. Sie entdecken eine Schönheit in der Welt, die unserem Blick verborgen ist.
Obwohl ich erst seit Kurzem in Paris lebe, habe ich die Stadt lieb gewonnen. Alle Menschen, ob Besucher oder Einheimischer, sind auf die eine oder andere Weise Grotesken. Außerhalb der alten Kirchen kann man einer Frau begegnen, die für ein paar Münzen Opernarien singt oder einem Mann, der in der Métro in seinem eigenen Urin schläft. Sie sind alle gleich, und man könnte argumentieren, dass sie in Harmonie existieren. Wenn man das nicht begreifen kann, liegt das Problem eher bei uns als bei ihnen. Natürlich sind manche Begegnungen angenehmer als andere. Ich will nicht urteilen, welche besser sind. Aber erst durch all diese Begegnungen kann wahre Schönheit erkannt werden.
Schönheit ist weder eine Frage des Geschmacks noch der Ästhetik. Sie ist ein Mittel, durch das wir versuchen, das Erhabene zu erfassen. Sie ist eine vielschichtige Wirklichkeit, die in einem fieberhaften Traum existiert, den bisher nur Wahnsinnige und Dichter verstanden haben. Die Kunst kann, ebenso wie der Mensch, das Erhabene nicht nachbilden oder einfangen. Sie kann uns jedoch daran erinnern, dass uns der Funke des Göttlichen innewohnt.
Das kann man nur erkennen, wenn man es mit den Augen der Grotesken sieht. Wer dies nicht vermag, muss doch, wenn auch widerwillig, die Notwendigkeit dieser Perspektive anerkennen. Gerade der Kontrast unseres Alltags gibt uns den Anstoß, besser zu werden, zu schaffen und zu lieben, auch wenn es uns manchmal schwerfällt.
Ich möchte auf den hypothetischen Mann von vorhin zurückkommen, der in der Métro schläft. (Ich habe tatsächlich Männer in dieser Lage gesehen, aber aus Respekt vor ihrer Würde wollen wir uns einen hypothetischen Mann vorstellen.) Vielleicht hat er in diesem Moment, zusammengesunken in der Ecke eines U-Bahn-Wagens, während er alles mit einem widerlichen Geruch erfüllt, einen Frieden oder sogar eine Freude gefunden, die ihm im Wachzustand verwehrt bleibt? Wir werden nie erfahren, wovon dieser imaginäre, aber doch reale Mensch träumt oder warum er in der U-Bahn schläft. Aber während wir uns von der Pfütze seiner Bemühungen entfernen, die über den Boden rinnt, aus Angst, in seine Entscheidungen hineingezogen zu werden, können wir einen Moment innehalten, um über die Schönheit eines Menschen nachzudenken, der einen flüchtigen Moment des Friedens gefunden hat, und ihm sogar alles Gute wünschen, bevor wir an der nächsten Haltestelle den Wagon wechseln. So können wir die Perspektive einnehmen, die eine der Grotesken haben könnte.
Foto von Ajith auf Flickr. Mit Genehmigung verwendet.
Niemand kann uns vorwerfen, dass wir zurückschrecken oder wegsehen. Aber nach dieser ersten Reaktion ist etwas Reflexion nötig. Der Kontrast zwischen einem bedürftigen Menschen, der für einen Augenblick Frieden findet, und unserem Unbehagen bietet eine Gelegenheit, über Schönheit nachzudenken. Vielleicht ist es unser Unvermögen, die Welt mit den Augen der Grotesken zu sehen, das uns wegschauen lässt. Unsere eigene Verzerrung verstellt uns den Blick auf den göttlichen Meister und hindert uns daran, seine Werke zu bewundern – selbst wenn wir ihren Platz im großen Plan nicht ganz verstehen.
Wenn wir Schönheit hinterfragen, müssen wir auch fragen: Was ist hier eigentlich hässlich? Wir kennen die Lage dieses hypothetischen Mannes nicht. Wir verspüren vielleicht den Wunsch, eine Erzählung über einen rechtschaffenen Mann zu erfinden, der in Not geraten ist, aber trotz seines körperlichen Versagens seine Tugend bewahrt hat. Viele würden darin einen Angriff auf die anständige Gesellschaft sehen, auf jene, die feine Kleider tragen und ihre Körperfunktionen beherrschen. Was uns fremd ist, kann verzerrt werden, bis es allerlei Ängste und Gefahren für uns, unsere Kinder und unsere Angehörigen verkörpert. Viele tun genau das.
Wenn Schönheit wahr und gut sein soll, muss sie für alle gelten. Sie muss schwierig, kompliziert, grob oder schwer wahrnehmbar sein. Sie muss es wert sein, dass man um sie ringt. Und sie muss in uns allen existieren, ungeachtet unserer ersten Reaktionen. Wenn wir das nicht erkennen, liegt der Fehler bei uns. Wir haben die zentrale Lehre der „steinernen Prediger“ nicht begriffen.
Es ist schwierig und erfordert Zeit und Geduld, und womöglich werden sich die Grotesken von Notre-Dame eher wandeln als ich, doch Paris zu sehen, ja die ganze Schöpfung mit dem Blick einer Groteske zu betrachten, das fühlt sich wie ein edles Vorhaben an. Wenn sich meine Lehrer über die Ränder der Kathedrale lehnen und sie beschützen, indem sie diese komplizierte Erde mit Wasser vom Himmel tränken, erinnern sie mich vielleicht nicht so sehr an die Sünden außerhalb des Glaubens, sondern an die in seinem Innern. Wenn ich an dieser berühmten Kirche an der Seine vorbeikomme, denke ich darüber nach, blicke nach oben und sehe, wie der Regen auf Paris herabfällt.