Deborah Batt, Rural Decay, detail. Painting of geometric shapes in green, blue, and gold.

Was liegt jenseits des Kapitalismus?

Eine christliche Untersuchung

von David Bentley Hart

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Der Kapitalismus lässt sich nicht mit den Lehren Jesu von Nazareth vereinbaren – so behauptet der Übersetzer des Neuen Testaments David Bentley Hart. Christus verurteilte nicht nur die Gier nach Reichtümern, sondern deren Besitz selbst; und die ersten Nachfolger Jesu waren freiwillige Kommunisten. Unsere Welt wird von technologisierten Marktkräften beherrscht. Ist ein wirklich christliches Wirtschaften da noch möglich? Was, wenn überhaupt etwas, liegt jenseits des Kapitalismus?

I : Was ist Kapitalismus?

„Der Handel ist dem Wesen nach satanisch. Beim Handel geht es um die Rückzahlung von Darlehen, die unter einer bestimmten Voraussetzung gegeben wurden: Gib mir mehr zurück, als ich dir gebe.“ —Baudelaire, Mon cœur mis à nu

Ich habe keine ganz befriedigende Antwort auf die Fragen, die diese Überlegungen auslösen. Doch ich bin überzeugt, dass der richtige Ansatz zu einer Lösung recht deutlich erkennbar wird, wenn wir uns zuerst etwas Zeit für die Definition unserer Begriffe nehmen. Schließlich ist das Wort Kapitalismus heutzutage, vor allem in den USA, zu einem lächerlich pauschalen Wortgebilde geworden, das jede erdenkliche Form der Wirtschaftsbeziehung bedeuten kann, egal wie primitiv oder rudimentär sie auch sein mag. Ich gehe jedoch davon aus, dass wir es hier etwas präziser verwenden, um eine Epoche in der Geschichte der Marktwirtschaft zu kennzeichnen, die erst vor wenigen Jahrhunderten ernsthaft begonnen hat. Der Kapitalismus besteht nach der Definition vieler Historiker aus einer Reihe von finanziellen Vereinbarungen, die im Zeitalter der Industrialisierung entstanden sind und den Merkantilismus der Vorgängerzeit allmählich verdrängten. Nach der Definition von Proudhon im Jahre 1861 ist es ein System, in dem in der Regel diejenigen, deren Arbeit Gewinne erzielt, weder die Produktionsmittel besitzen noch die Früchte ihrer Arbeit genießen.

Deborah Batt, Rural Decay Malerei von geometrischen Formen in Grün, Blau und Gold.

Deborah Batt, Rural Decay, Ausschnitt
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Diese Form des Handels zerstörte weitgehend die Vertragsmacht der unabhängigen Facharbeiter, ließ die Handwerkszünfte aussterben und führte stattdessen die Massenlohnarbeit ein, die Arbeit auf eine Handelsware reduzierte. Auf diese Weise wurde ein Markt für die Ausbeutung billiger und verzweifelter Arbeiter geschaffen. Zunehmend wurde diese Form des Handels auch durch die Gesetzgebung gefördert. Sie schränkte die Möglichkeiten der Benachteiligten darauf ein, zwischen Lohnsklaverei oder völliger Bedürftigkeit zu wählen. (Man denke z. B. an die englische Enclosure-Bewegung, die ab Mitte des 18. Jahrhunderts auf eine Auflösung der Allmenderechte hinwirkte.) Durch all dies verschob sich darüber hinaus zwangsläufig die wirtschaftliche Bedeutung des Kaufmannsstands: Die Bedeutung der Lieferanten von Waren, die bei unabhängigen Handwerkern, landwirtschaftlichen Gütern oder kleinen lokalen Märkten in Auftrag gegeben und produziert wurden, ging auf kapitalistische Investoren über, die ihre Waren sowohl produzierten als auch verkauften. Dies wiederum entwickelte sich in der Folgezeit zu einem vollständig entwickelten Unternehmenssystem, das die Aktiengesellschaften des frühneuzeitlichen Handels in Motoren verwandelte, die auf der sekundären Ebene der Finanzspekulation enorme Kapitalmengen erzeugten: ein reiner Finanzmarkt entsteht, auf dem Vermögen für die geschaffen und von denen genutzt wird, die „nicht arbeiten, auch nicht spinnen“, sondern stattdessen einen unaufhörlichen Kreislauf von Investitionen und Verkäufen als eine Art Glücksspiel betreiben.

Aus diesem Grund könnte man sagen, dass der Kapitalismus seinen vollkommensten Ausdruck im Aufstieg von Unternehmensformen mit beschränkter Haftung gefunden hat. Dies sind Institutionen, die es ermöglichten, das Spiel in Abstraktion zu spielen, egal ob die Unternehmen, in die investiert wurde, letztlich erfolgreich sind oder scheitern. (Man kann von der Zerstörung von Lebensgrundlagen genauso viel profitieren wie von ihrer Erschaffung.) Ein solches Unternehmen ist etwas wirklich Heimtückisches: Vor dem Gesetz genießt es den Status einer juristischen Person – ein rechtliches Privileg, das früher nur Körperschaften gewährt wurde, die als gemeinnützig anerkannt waren, wie Universitäten oder Klöster –, nach dem Gesetz aber ist es verpflichtet, sich wie eine äußerst widerwärtige Person zu verhalten. Fast überall in der kapitalistischen Welt (in den USA zum Beispiel seit dem Urteil von 1919 im Fall Dodge gegen Ford) ist ein Unternehmen dieser Art verpflichtet, als Ziel nichts anderes als den maximalen Gewinn für seine Aktionäre zu verfolgen. Jede andere Überlegung, etwa was einen anständigen oder unanständigen Gewinn ausmacht, das Wohlergehen der Arbeiter, wohltätige Zwecke, für die man Gewinne abzweigen könnte, oder was auch immer der Gewinnmaximierung im Wege stehen könnte – ist verboten.

Das Unternehmen ist damit sozusagen moralisch zur Morallosigkeit verpflichtet. Und dieses ganze System toleriert nicht nur, sondern erfordert enorme Konzentrationen von Privatkapital und die Freiheit, darüber nach Gutdünken und von Vorschriften möglichst ungehindert zu verfügen. Es ermöglicht auch die Ausbeutung materieller und menschlicher Ressourcen in einem noch nie dagewesenen Maße. Unweigerlich mündet es in eine Kultur des Konsumerismus, weil es einen gesellschaftlichen Konsumstil fördern muss, der über den bloßen natürlichen Bedarf und wohl auch über die natürlichen Wünsche hinausgeht. Es reicht nicht aus, natürliche Wünsche zu befriedigen; eine kapitalistische Kultur muss unaufhörlich versuchen, neue Wünsche zu erzeugen, indem sie an das appelliert, was im ersten Johannesbrief „der Augen Lust” genannt wird.

Deborah Batt, Urban Village, Ausschnitt. Malerei von geometrischen Formen in Rot, Blau und Braun.

Deborah Batt, Urban Village, Ausschnitt
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Man kommt nicht umhin, zuzugeben, dass der Kapitalismus „funktioniert“. Das heißt, er produziert enormen Reichtum und ist selbst bei den abruptesten Veränderungen kultureller und materieller Umstände bemerkenswert anpassungsfähig. Wenn er gelegentlich ins Stocken gerät, entwickelt er neue Mechanismen, um die Wiederholung desselben Fehlers zu vermeiden. Er führt natürlich nicht zu einer gerechten Verteilung des Reichtums, das kann er auch nicht. Eine kapitalistische Gesellschaft toleriert nicht nur, sondern erfordert die Existenz eines Proletariats, nicht nur als Arbeitskräftereserve, sondern auch, weil der Kapitalismus auf eine stabile Kreditwirtschaft angewiesen ist. Eine Kreditwirtschaft erfordert wiederum ein bestimmtes Maß an Dauerschuldnern, deren Armut – durch aggressive Finanzierungs- und Zinspraktiken – von ihren Gläubigern in Kapital umgewandelt werden kann. Die ewige Überschuldung der arbeitenden Armen und der unteren Mittelklasse ist eine unerschöpfliche Ertragsquelle für die Institutionen, von denen die Investoren abhängen.

Man mag auch zugestehen, dass ab und zu die immensen Gewinne, die von den Wenigen kassiert werden, sich zum Wohle der Vielen auswirken können, aber das ist nicht die Regel, und im Allgemeinen ist genau das Gegenteil der Fall. Der Kapitalismus kann, je nach den Erfordernissen der Sachlage, erschaffen und bereichern oder zerstören und verarmen; er kann, je nach Notwendigkeit, Freiheit und Gerechtigkeit fördern oder Tyrannei und Ungerechtigkeit. Er hat keinerlei natürliche Bindung an die Institutionen der demokratischen oder liberalen Freiheit. Er besitzt überhaupt kein moralisches Wesen. Der Kapitalismus ist ein System, das nicht missbraucht, sondern nur mit mehr oder weniger Effizienz praktiziert werden kann. Aber aus einer vernünftigen moralischen Perspektive betrachtet ist das, was jenseits der Unterscheidung von Gut und Böse liegt, seinem Wesen nach natürlich böse.

Aus all diesen Gründen erscheint es mir weise, dass wir uns entschieden haben, nicht zu fragen, was nach dem Kapitalismus kommt, sondern was jenseits liegt. Soweit ich sehen kann, ist das, was nach dem Kapitalismus kommt, d.h. was auf ihn im natürlichen Lauf der Dinge folgt, schlichtweg nichts. Nicht etwa, weil ich glaube, dass der Triumph des bürgerlichen, von Privatunternehmen geprägten marktwirtschaftlichen Staates das „Ende der Geschichte“ darstellt, das endgültige rationale Ergebnis einer unerbittlichen materialistischen Dialektik. Noch viel weniger kann ich mir vorstellen, dass die Logik des Kapitalismus ihre Überlegenheit bewiesen hat und seine Herrschaft dazu bestimmt ist, ewig zu bestehen. Ich vermute sogar, dass er auf lange Sicht hin als System nicht aufrechtzuerhalten ist.

Meine Überzeugung gründet sich vielmehr darauf, dass zwischen unendlichem Appetit und endlichen Ressourcen ein Missverhältnis besteht. Der Kapitalismus ist von Natur aus eine monströs metastasierte Psychose, die letztendlich, wenn sie sich selbst überlassen bleibt, die gesamte natürliche Ordnung in eine entweihte, verheerte, vergiftete, geschändete Wüste verwandeln wird. Bereits jetzt ist der ganze Planet in eine Atmosphäre aus Mikroplastikteilchen getaucht und in einem sich verdichtenden Mantel aus CO2-Emissionen gehüllt, umspült von Schwermetall- und Giftstofffluten. Und ich erwarte nicht, dass ein Impuls in die Gegenrichtung – sagen wir, der Überlebensinstinkt, ein vernünftiger ethischer Konsequentialismus, die Sorge um die Natur oder eine spontane Ehrfurcht vor der Herrlichkeit der Schöpfung – seinen Vormarsch auf diesen unvermeidlichen Endpunkt hin erheblich aufhalten wird.

Im Wesentlichen ist der Kapitalismus ein Prozess, der vergängliche materielle Vorteile durch die dauerhafte Zerstörung der eigenen materiellen Grundlage verschafft. Er ist ein System des totalen Konsums, nicht nur im kommerziellen Sinne, sondern auch in dem Sinne, dass seine notwendige Logik reinster Nihilismus ist, ein Bekenntnis zur Umwandlung von konkreter materieller Fülle zu einem abstrakten absoluten Wert. Ich erwarte daher, dass der Kapitalismus – sollte nicht unerwartet ein Gegenspieler aus dem Nichts auftauchen – seine ihm inhärenten Energien nicht aufbrauchen wird, bis er die Welt selbst aufgebraucht hat. Dies wäre dann sogar sein endgültiger Triumph: die vollständige Überführung der letzten hartnäckigen Rückstände des lediglich intrinsisch Guten in die ungreifbare pythagoreische Ewigkeit des Marktwertes. Eine Kraft jedoch, die fähig wäre, diesen Prozess zu durchbrechen, müsste jenseits davon kommen.

Deborah Batt, Community, Ausschnitt. Malerei von geometrischen Formen in Rot, Blau und Gelb.

Deborah Batt, Community, Ausschnitt
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II : Jenseits des Kapitalismus

Bekanntlich war es den Juden untersagt, der Zukunft nachzuforschen… Den Juden wurde die Zukunft aber darum doch nicht zur homogenen und leeren Zeit. Denn in ihr war jede Sekunde die kleine Pforte, durch die der Messias treten konnte. – Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte

Der endgültige Horizont dieses „Jenseits“ ist, offen gesagt, leicht vorstellbar. Er ist mehr oder weniger dasselbe, wonach jeder vernunftbegabte Wille strebt, fast wie eine transzendente Sehnsucht: Der Sabbat der Geschichte, glückselige Anarchie, reiner Kommunismus, eine menschliche und irdische Realität, in der die Habgier keinen Anhaltspunkt mehr findet, weil nichts zurückgehalten wird, und nichts Schönes oder Nützliches unerreichbar ist, und in einer Gemeinschaft der vernünftigen Liebe alle Dinge mit allen geteilt werden. Sogar der schwärmerische neoliberale Naivling, der an die angebotsorientierte Ökonomie glaubt, ist, ohne es zu wissen, in seinen tiefsten transzendenten Absichten ein kommunistischer Anarchist. Irgendwo tief in ihm schläft und träumt ein kleiner Peter Kropotkin von einer von Gier und Gewalt gesäuberten Welt. Jeder sehnt sich nach dem irdischen Paradies, nach Eden als dem Ende und nicht dem unwiederbringlich vergangenen Anfang der Geschichte.

Aber Eden ist nicht das dialektische Thema der Geschichte, die endgültige Frucht einer verborgenen Vernunft, die inmitten der scheinbaren Widersprüche der Endlichkeit und durch sie hindurch heranreift. Eden liegt in jeder Hinsicht jenseits davon. Es existiert zeitlich nur als eschatologisches Urteil über die Gegenwart, einer ständigen Vorgeschichte der guten Schöpfungsordnung, die wir schon immer verraten haben. Wir sind uns Edens in erster Linie als einer Art Verdammungsurteils bewusst und erst danach als einer Hoffnung, die uns aufrecht erhält. Doch wie man dieses Urteil in eine geschichtsimmanente Instanz umsetzen kann, die genügend Macht hat, um die Herrschaft des Kapitals zu durchbrechen, ehe nichts mehr zu retten ist, ist die große Frage, um die sich alles wirklich gehaltvolle politische Denken der modernen Welt dreht.

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Sagt mir, sucht ihr wirklich Reichtum und finanziellen Gewinn bei den Mittellosen? Wenn dieser Mensch die Mittel hätte, dich noch reicher zu machen, warum ist er dann gekommen und hat vor deiner Tür gebettelt? Er kam auf der Suche nach einem Verbündeten, fand aber einen Feind. Er war auf der Suche nach Medizin und bekam Gift. Obwohl du eine Verpflichtung hast, die Armut von Menschen wie diesem zu lindern, verschlimmerst du noch seine Not, indem du danach trachtest, in der Wüste zu ernten.

Basilius von Caesarea, „Gegen die Zinsverleiher“

Es ist außerdem eine Frage, der Christen nicht ausweichen können. Zugegebenermaßen gibt einem die soziale und institutionelle Geschichte der Kirche wenig Hoffnung, dass sich sehr viele Christen dieser Frage je stark bewusst waren. Aber ob sie die vollen Konsequenzen ihres Glaubens anerkennen wollen oder nicht – Christen müssen bezeugen, dass dieses eschatologische Urteil tatsächlich bereits in der Geschichte erschienen ist, und zwar in einer konkreten materiellen, sozialen und politischen Form. In vielerlei Hinsicht ist das Johannesevangelium im Hinblick auf die schier unausweichliche Unmittelbarkeit des Urteils Gottes über jede weltliche Struktur der Sünde besonders beunruhigend. Dort nimmt die Eschatologie eine fast vollständig immanente Form an. Dort durchläuft Christus die Geschichte als ein Licht, in dem alle Dinge so offenbar werden, wie sie sind, und es ist unsere Reaktion auf ihn – unsere Fähigkeit oder Unfähigkeit, dieses Licht zu erkennen – die uns vor uns selbst offenbar macht. Ihn gesehen zu haben, bedeutet, den Vater gesehen zu haben, und ihn abzulehnen bedeutet somit, stattdessen den Teufel zum Vater zu erklären. Unsere Herzen werden offengelegt, die tiefsten Entscheidungen unseres innersten Wesens werden ans Licht gebracht, und wir werden als das offenbar, was wir sind – und was wir selbst aus uns gemacht haben.

Aber es ist nicht nur das Johannesevangelium, das uns dies deutlich macht. Die große eschatologische Allegorie von Matthäus 25 besagt dasselbe. Im Johannesevangelium bedeutet das Versäumnis, Christus nicht als das wahre Angesicht des Vaters zu erkennen, als den, der von oben kommt, unser Verdammungsurteil hier und jetzt. In Matthäus wird durch das Versäumnis, das Antlitz Christi – und damit das Antlitz Gottes – in den Erniedrigten und Unterdrückten, den Leidenden und Entrechteten zu erkennen, offenbar, wer die Hölle als seine Heimstatt wählt. Alle unsere Werke werden, wie Paulus sagt, durchs Feuer geläutert werden; und solche, deren Werke der Prüfung nicht standhalten, können nur „wie durchs Feuer“ gerettet werden. Auch lässt das Neue Testament keinen Zweifel daran, welches die einzigen politischen und sozialen Praktiken sind, die diesem Gericht standhalten können, ohne zu Asche zu verbrennen.

Was auch immer der Kapitalismus sonst sein mag: Er ist in erster Linie ein System, um so viel privates Vermögen wie möglich zu produzieren, indem es das gemeinsame Erbe der Menschheit an Schöpfungsgütern so weit wie möglich aufzehrt. Aber Christus verurteilte nicht nur eine ungesunde Fixierung auf Reichtum, sondern auch dessen Erwerb und Besitz an sich. Das offensichtlichste Beispiel dafür, das in allen drei synoptischen Evangelien zu finden ist, ist die Geschichte des reichen jungen Mannes und die Bemerkung Christi über das Kamel und das Nadelöhr.

Deborah Batt, Dwelling 10, Ausschnitt. Malerei von geometrischen Formen in Schwarz, Blau und Braun.

Deborah Batt, Dwelling 10, Ausschnitt
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Doch überall in den Evangelien kann man das bestätigt finden. Christus meint eindeutig, was er sagt, wenn er den Propheten zitiert: Er wurde vom Geist Gottes gesalbt, um den Armen die frohe Botschaft zu predigen (Lk 4,18). Für die Wohlhabenden ist die Botschaft, die er bringt, ausgesprochen düster: „Weh euch Reichen! Denn ihr habt euren Trost schon gehabt. Weh euch, die ihr jetzt satt seid! Denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht! Denn ihr werdet weinen und klagen.” (Lk 6,24–25) Wie Abraham zum reichen Mann im Hades sprach: „Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben … nun wirst du hier gepeinigt“ (Lk 16,25). Christus verlangt nicht nur, dass wir allen, die uns darum bitten (Mt 5,42), freimütig und üppig geben, sodass die eine Hand die Großzügigkeit der anderen nicht kennt (Mt 6,3); er verbietet ausdrücklich, irdischen Reichtum zu horten – nicht nur, ihn im Übermaß zu horten – und erlaubt stattdessen nur das Sammeln von Reichtum im Himmel (Mt 6,19–20). Er gebietet allen, die ihm folgen wollen, all ihren Besitz zu verkaufen und den Erlös als Almosen zu verschenken (Lk 12,33) und erklärt ausdrücklich: „Jeder unter euch: Wer sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein“ (Lk 14,33). Wie Maria verkündet, gehört zur Verheißung des Evangeliums, dass der Herr die Hungrigen mit Gütern füllt und die Reichen leer ausgehen lässt (Lk 1,53). Und Jakobus drückt es natürlich am drastischsten aus:

Wohlan nun, ihr Reichen: Weint und heult über das Elend, das über euch kommen wird! Euer Reichtum ist verfault, eure Kleider sind von Motten zerfressen. Euer Gold und Silber ist verrostet, und ihr Rost wird gegen euch Zeugnis geben und wird euer Fleisch fressen wie Feuer. Ihr habt euch Schätze gesammelt in diesen letzten Tagen! Siehe, der Lohn der Arbeiter, die euer Land abgeerntet haben, den ihr ihnen vorenthalten habt, der schreit, und das Rufen der Schnitter ist gekommen vor die Ohren des Herrn Zebaoth. Ihr habt geschlemmt auf Erden und geprasst und eure Herzen gemästet am Schlachttag. (Jak 5,1–6)

Vereinfacht gesagt waren die ersten Christen Kommunisten (das berichtet die Apostelgeschichte von der Gemeinde in Jerusalem und die Briefe des Paulus zeigen es hier und da) – nicht durch einen historischer Zufall, sondern durch ein Gebot des Glaubens. Als ich meine eigene jüngste Übersetzung des Neuen Testaments vorbereitete, fiel es mir oft schwer, das Wort koinonia (und verwandte Begriffe) nicht mit etwas Ähnlichem wie Kommunismus wiederzugeben. Was mich daran gehindert hat, waren nicht Zweifel an der Angemessenheit dieses Wortes, sondern zum Teil, weil ich die Lebensweise der frühen Christen nicht unbeabsichtigt mit den zentralstaatlichen „Kommunismen“ des zwanzigsten Jahrhunderts in Verbindung bringen wollte; zum Teil aber auch, weil das Wort nicht ausreicht, um alle moralischen, geistlichen und materiellen Dimensionen des griechischen Begriffs zu erfassen, wie ihn die Christen des ersten Jahrhunderts offenbar verwendeten. Es lässt sich schlichtweg nicht bezweifeln, dass es für das Evangelium, das sie verkündeten, absolut zentral war, darauf zu beharren: Privates Vermögen und sogar privates Eigentum sind einem Leben im Leib Christi fremd.

Bis weit in das patristische Zeitalter hinein waren sich die bedeutendsten Theologen der Kirche dessen noch bewusst. Und natürlich hat sich im Laufe der christlichen Geschichte die ursprüngliche Provokation der frühen Kirche in isolierten Ordensgemeinschaften fortgesetzt und flammte gelegentlich in örtlichen „puristischen“ Bewegungen neu auf: geistliche Franziskaner, russisch-orthodoxe „Uneigennützige“, die Catholic-Worker-Bewegung, der Bruderhof und so weiter.

Kleine Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, die christlichen Kollektivismus in irgendeiner Form praktizieren, sind natürlich ein sehr guter Ansatz. Sie sind derzeit vielleicht der einzige Weg, auf dem eine echte gemeinschaftliche Praxis der koinonia der frühen Kirche überhaupt durchführbar ist. Aber sie können auch eine ungeheure Ablenkung darstellen, vor allem, wenn ihre Isolation und gleichzeitige Abhängigkeit von der größeren politischen Ordnung fälschlich für eine ausreichende Verwirklichung des idealen christlichen Gemeinwesens gehalten wird. Dann wird jegliche prophetische Gesellschaftskritik, die sie einzubringen haben, in den Köpfen der meisten Gläubigen als lediglich eine besondere Berufung interpretiert. Sie mag dann als beispielhaft und sogar wertvoll gelten, vielleicht sogar als heiligende priesterliche Gegenwart innerhalb der größeren Kirche, aber genau deshalb nur für wenige Auserwählte möglich – nicht als ein Vorbild für die politische Praxis.

Darin liegt die größte Gefahr, denn die volle koinonia des Leibes Christi ist keine Option, die man anderen, ebenso plausiblen Alternativen gleichsetzen könnte. Sie ist kein privates Ethos und keine Wahlverwandtschaft. Sie ruft nicht zum Rückzug, sondern zur Revolution auf. Sie tritt in die Geschichte wirklich als ein letztes Gericht ein, das dennoch bereits vollzogen wurde; sie ist untrennbar mit dem außerordentlichen Anspruch verbunden, dass Jesus Herr über alle Dinge ist und in der Lebensweise, die er seinen Nachfolgern als Erbe hinterließ, das Licht des Königreichs wahrhaftig in diese Welt eingedrungen ist, nicht als etwas im Laufe einer langen historischen Entwicklung Entstandenes, sondern als Invasion. Das Urteil ist bereits gefällt. Das letzte Wort wurde bereits gesprochen. In Christus ist das Gericht gekommen. Christen sind also diejenigen, denen es nicht mehr erlaubt ist, sich eine andere soziale, politische oder wirtschaftliche Ordnung vorzustellen oder zu wünschen als die koinonia der frühen Kirche, keine andere gemeinschaftliche Moral als die Anarchie christlicher Liebe.

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Ihr Reichen, wie weit wollt ihr den Wahnsinn eures Reichtums treiben? Lebt ihr etwa allein auf Erden?… Die Erde war anfänglich allen gemeinsam, sie war für Arme und Reiche gleichermaßen gedacht. Welches Recht habt ihr, ein Monopol auf den Boden zu erheben? Die Natur weiß nichts von Reichen; alle sind arm, die aus ihr hervorgehen. Kleidung und Gold und Silber, Nahrung und Trinken und Bekleidung – wir alle werden ohne sie geboren; nackt empfängt die Erde ihre Kinder im Grab, und niemand kann dort sein Ackerland umfrieden.

Ambrosius von Mailand, „Über Naboth“

Deborah Batt, Further Development, Ausschnitt. Malerei von geometrischen Formen in Rot, Blau und Braun.

Deborah Batt, Further Development, Ausschnitt
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Natürlich muss die politische Tragweite dieser Wahrheit – zumindest was das Handeln in der Gegenwart betrifft – weiterhin durchdacht werden. Wie ich zu Beginn sagte, habe ich keine Antwort parat. Aber, wie ich ebenfalls bereits sagte, wir können zumindest unsere Begriffe definieren. Und wir können auf jeden Fall erkennen, welche politischen und sozialen Realitäten für jedes christliche Gewissen verabscheuenswert sein müssen: Ein kulturelles Ethos, das ein Leben unaufhörlichen Erwerbs nicht nur erlaubt, sondern es als eine Art moralisches Gut fördert; ein Rechtssystem, das dem unternehmerischen Imperativ der Profitmaximierung unterworfen ist, unabhängig davon, welche Methoden verwendet und welche Folgen verursacht werden; eine Politik der Grausamkeit, Spaltung, nationaler Identität und alle der anderen unzähligen Möglichkeiten, mit denen wir es schaffen, den Bereich dessen, was rechtmäßig „uns“ und nicht „ihnen“ gehört, abzugrenzen.

Vor allem müssen wir mit allen friedfertigen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, eine Vision des Gemeinwohls verfolgen, die davon ausgeht, dass die Grundlage von Recht und Gerechtigkeit nicht das unverletzliche Recht auf Privateigentum ist, sondern die ursprünglichere Wahrheit, die Männer wie Basilius der Große, Gregor von Nyssa, Ambrosius von Mailand und Johannes Chrysostom lehrten: Dass die Güter der Schöpfung allen gleichermaßen gehören und immenser privater Reichtum Diebstahl ist – Brot, gestohlen von den Hungrigen, Kleidung, gestohlen von den Nackten, Geld, gestohlen von den Mittellosen.

Aber wie man zu dieser Stunde eine wirklich christliche Politik verfolgen kann – vorausgesetzt zumindest, dass wir tatsächlich die Hoffnung hegen, die Gesellschaft zu verändern –, ist eine noch schwierigere Frage, die wir uns vielleicht nur dann stellen können, wenn wir zuerst wahrhaftig gelernt haben, uns von den materialistischen Grundannahmen zu befreien, an denen festzuhalten der Kapitalismus uns viele Generationen lang gelehrt hat.

Dennoch, im Lichte des Gerichts, das in Christus in die menschliche Zeit trat, darf ein Christ sich letztlich nach keiner anderen Gesellschaft sehnen, als nach einer, die wahrhaft kommunistisch und anarchistisch ist – in der ganz besonderen Weise, in der die frühe Kirche beides zugleich war. Selbst jetzt, in der Zeit unseres Wartens, hat, wer sich eine solche Gesellschaft nicht wahrhaftig vorstellt und herbeiwünscht, nicht die Gesinnung Christi.

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Wird nicht die Person, die einem anderen Menschen die Kleidung nimmt, ein Dieb genannt? Und sollte man dann nicht diejenigen genauso nennen, die einen Nackten nicht bekleiden, obwohl es in ihrer Macht steht? Dem Hungrigen gehört das Brot, das du zurückhältst, dem Nackten das Kleidungsstück, das du im Schrank verwahrst, dem Barfüßigen der Schuh, der bei dir verfault, dem Bedürftigen das Silber, das du vergraben hast. Du tust also vielen unrecht, denen du hättest helfen können.

Basilius von Caesarea, „Ich werde meine Scheunen niederreißen“

Von David Bentley Hart

David Bentley Hart ist Philosoph, Schriftsteller, Übersetzer und Kulturkommentator. Zu seinen jüngsten Büchern gehören The New Testament: Translation und sein nächstes Buch: That All Shall Be Saved: Heaven, Hell, and Universal Salvation (Yale University, 2019).

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