Still from 1966 War and Peace movie

Tolstois Plädoyer gegen den humanen Krieg

von Samuel Moyn

September 15, 2020

Verfügbare Sprachen: English

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Nachdem er sich mehrere Jahre dem Glücksspiel und dem schönen Geschlecht hingegeben hatte, trat der russische Schriftsteller Graf Lew Nikolajewitsch Tolstoi 1851 im Alter von zweiundzwanzig Jahren in die Armee ein. Der junge Aristokrat brach die Universität ab, unterzog sich der Kadettenprüfung und verbrachte anschließend drei Jahre im Kaukasus. Mit dem Ausbruch des Krieges 1854 wurde Lew Tolstoi, der inzwischen Nachwuchsoffizier geworden war, in den Westen verlegt. Nach einem Einsatz an der rumänischen Front in einem Konflikt, der durch den Widerstand der Westmächte gegen die Absichten von Zar Nikolaus I. für das osmanische Reich ausgebrochen war, wurde Tolstoi auf die Halbinsel Krim entsandt, wo er fast ein Jahr in der malerischen, zu jener Zeit von einem multinationalen Armeebündnis belagerten Schwarzmeerstadt Sewastopol und ihrer Umgebung zubrachte. Dort verteidigte er eine befestigte Bastion während eines dramatischen, zehntägigen Beschusses, was in ihm eine lebenslange Abneigung gegenüber der Humanisierung physischer Gewalt durch bescheidene Reformen und halbherzige Verbesserungen entstehen ließ.

Über die Belagerung schrieb Tolstoi drei Erzählungen, in denen sich seine Überzeugung herauskristallisierte, dass der Krieg selbst und nicht die Art und Weise, wie er geführt wird, das moralische Übel sei, über das man sich Sorgen machen müsse. Die Sewastopoler Skizzen, die den landesweiten Ruhm des jungen Schriftstellers begründeten, beginnen damit, dass der Erzähler ein Bild der belagerten Stadt im Dezember 1854 zeichnet, als er in einem Moment der Ruhe unsanft in den Amputationsraum für verwundete Soldaten geführt wird. „Sie werden Zeuge furchteinflößender Anblicke sein, die Sie bis in die Wurzeln Ihrer Seele erschüttern werden“, schreibt er. „Sie werden den Krieg nicht als schöne, wohlgeordnete und glänzende Formation sehen, mit Musik und Trommelklang, wehenden Fahnen und Generälen auf tänzelnden Pferden, sondern als den Krieg in seiner wahren Gestalt – voller Blut, Leiden und Tod.“ Während diese erste Erzählung mit der nationalistischen Hoffnung auf einen Sieg Russlands endet, veranlasste ihn die darin zum Ausdruck gebrachte Sorge um die verwundeten Soldaten bereits zu düsteren Reflexionen über die Richtigkeit dieses Unterfangens.

Standbild aus dem Film Krieg und Frieden von 1966

Die Standbilder entstammen dem Film Krieg und Frieden des sowjetisch-russischen Regisseurs Sergei Fjodorowitsch Bondartschuk, Sowjetunion, 1966. Der Film wurde restauriert und 2019 von Janus Films neu herausgebracht. Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Janus Films

In der zweiten, im Mai 1855 angesiedelten Erzählung sind aus dieser Sorge quälende Zweifel geworden. Nach Monaten der Belagerung dröhnen die Ohren des Erzählers vom Knall der Gewehrschüsse und dem Donner des Kanonenfeuers, die tagtäglich zwischen den Schutzwällen und Schützengräben widerhallen. „Der Engel des Todes schwebte unaufhörlich“ über ihnen, denn in einer festgefahrenen Konfrontation „erweist sich der Streit, den die Diplomaten nicht beilegen konnten, als noch weniger geeignet, mit Hilfe von Schießpulver und menschlichem Blut gelöst zu werden.“

Diese zweite Kriegserzählung schließt mit einem Ereignis, dem Tolstoi selbst beiwohnte. Nach zweitägigen Kämpfen vereinbaren die überlebenden Offiziere einen Waffenstillstand zu einem vermeintlich humanen Zweck: es jeder Seite zu gestatten, ihre Toten und Verwundeten zu versorgen. „Auf der russischen Bastion und entlang des Schützengrabens wurden weiße Fahnen gehisst.“ Die Szenerie ist zweifellos abstoßend: „Hunderte von Männern mit Flüchen und Gebeten auf den ausgetrockneten Lippen, wälzten sich und stöhnten, einige von ihnen inmitten der Leichname im blühenden Tal.“ Diese Leichname waren „die sterblichen Überreste von Männern, die zwei Stunden zuvor noch von Hoffnungen und Wünschen erfüllt waren.“

Voller Sarkasmus schildert die Erzählung die Bereitschaft der kriegführenden Armeen, sich während der Kampfhandlungen auf einen Moment der Menschlichkeit zu einigen. Die Offiziere beider Seiten plaudern unter der unangemessen „strahlenden“ Sonne höflich über Tabak, während die Leichen abtransportiert werden. Die humane Behandlung der Verwundeten und Toten lindert das Übel des Krieges nicht, so Tolstois Überlegung, und bringt erst recht keinen Frieden. „Es wäre anzunehmen, dass diese Männer – Christen, die an das gleiche große Gesetz der Liebe glauben –, wenn sie ihres Tuns gewahr werden, augenblicklich niederknien, um Buße zu tun. … Doch keinesfalls! Man wird die Fetzen weißen Tuches beiseite räumen – und die Maschinerie von Tod und Leid wird erneut zu dröhnen beginnen; erneut wird das Blut Unschuldiger fließen und die Luft wird von ihrem Stöhnen und Fluchen erfüllt sein.“ Die humanitäre Anwandlung ist in dem todbringenden Geschehen lediglich eine Pause Wert – und macht es, indem sie es schönfärbt, möglicherweise sogar noch schlimmer.

 „Wir sollten die Verlogenheit abschütteln und zulassen, dass Kriege Kriege sind und kein Spiel.“ Fürst Andrej in Krieg und Frieden

In den meisten Fällen ist es richtig, eine schlechte Praktik zu reformieren, deren Abschaffung unwahrscheinlich scheint. Im Grunde ist es fast immer richtig, eine Reform anzustreben, selbst wenn man sich gleichzeitig als Abschaffungsbefürworter engagiert. Doch Tolstoi ging noch weiter, indem er den Versuch, das Übel humaner zu gestalten, als einen folgenschweren Fehler anprangerte. Mag sein, dass er sich irrte. Aber selbst dann sind seine Einwände absolut zutreffend, sobald wir die Humanisierung von Kriegen anstreben und dabei unsere ehrgeizigen Hoffnungen auf ihre Ausrottung aufgeben. Ganz besonders treffen seine Bedenken auch auf die aktuelle Situation der USA zu, die sich in einem „nichtendenden Krieg“ befinden – einem Krieg, der zumindest teilweise aufgrund seines humanen Anstrichs seit fast zwei Jahrzehnten andauert.

Standbild aus dem Film Krieg und Frieden von 1966

Tolstois Überzeugungen in Bezug auf den Krieg entwickelten sich in zwei Phasen, einer ersten vor seiner Konversion zum Christentum und einer zweiten danach. Wir können seine inneren Auseinandersetzungen in der ersten Phase mitverfolgen, wenn wir einer seiner berühmtesten Figuren zuhören, Fürst Andrej, der charmanten Hauptfigur aus Krieg und Frieden, der als Offizier im russischen Feldzug gegen Napoleon dient. „Eines würde ich tun, wenn es in meiner Macht stünde:“, erklärt Andrej in einem hitzigen Gespräch am Vorabend einer Schlacht, „Ich würde keine Gefangenen machen.“ Er fährt fort:

„Das allein würde den gesamten Krieg völlig verändern und ihn weniger grausam machen. So wie die Dinge liegen, haben wir den Krieg gespielt – das ist das Abscheuliche daran! Wir täuschen Edelmut vor und all diesen Unsinn. … Wenn es diesen Edelmut im Krieg nicht gäbe, würden wir nur in den Krieg ziehen, wenn es sich, wie jetzt, lohnt, in den sicheren Tod zu ziehen. … Krieg ist keine Gefälligkeit, sondern die schrecklichste Sache der Welt; und wir sollten das begreifen und aufhören, Krieg zu spielen. Wir sollten uns dieser grauenvollen Notwendigkeit voller Härte und Strenge stellen. Darauf allein kommt es an: Wir sollten die Verlogenheit abschütteln und zulassen, dass Kriege Kriege sind und kein Spiel.“

Fürst Andrej zufolge, dem sich dieser Vorschlag als Offenbarung eröffnete, gilt es, im Krieg hart zu sein, statt sich einer falschen Humanität hinzugeben, die das fortwährende Sterben moralisch verurteilt. Er fordert einen Krieg ohne Gnade: Wenn in einer Schlacht ein Feind gefangen genommen oder er die Waffen niederlegen und sich ergeben würde, würde ihn das nicht vor dem Tod bewahren. Eine Intensivierung des Krieges, so glaubt Andrej, würde trotz all seiner, kurzfristig gesehenen Brutalität auf lange Sicht zu mehr Menschlichkeit und weniger Leid führen – gerade deshalb, weil sie zu mehr Frieden führen würde. Die Humanisierung des Krieges hingegen könnte zu weniger humanen Ergebnissen führen. Sie könnte sogar Kriege schüren, da sie den Kriegsbeginn erleichtert: eine weniger schicksalhafte und folgenschwere Entscheidung, da das Risiko geringer erscheint.

Die Humanisierung des Krieges hingegen könnte zu weniger humanen Ergebnissen führen. Sie könnte sogar Kriege schüren, da sie den Kriegsbeginn erleichtert.

Es ist eine interessante Fügung, dass nur ein Jahr, nachdem Tolstoi 1863 die Arbeit an Krieg und Frieden begann (der Roman erschien 1869), die Großmächte Europas einen ersten internationalen Vertrag aushandelten, der auf eine humane Behandlung im Krieg abzielte. Diese erste Handvoll Regeln, aus der schließlich ein ganzes Regelwerk wurde, schrieb Kontrollen für die Kriegshandlungen vor. Und im Unterschied zu früheren, auf die Bibel zurückgehenden Grundsätzen über das richtige Verhalten im Krieg, ging es in diesem Abkommen zum ersten Mal gezielt um einen „humaneren“ Krieg.

Bei diesem zukunftsweisenden Rechtsinstrument handelte es sich um die Genfer Konvention von 1864. Sie legte fest, wie Soldaten zu behandeln waren, wenn sie auf dem Schlachtfeld verletzt wurden, und wie die Versorgung der Soldaten nach dem Ende der Gefechte zu regeln war. Tolstoi, der zu jenem Zeitpunkt sein Romanwerk überarbeitete, könnte davon gehört haben; er lässt Fürst Andrej auf diese neue und einzigartige Bemühung anspielen: „Sie sprechen zu uns von Kriegsregeln, von Ritterlichkeit, von Waffenstillstandsflaggen, von Barmherzigkeit gegenüber den Unglückseligen und so weiter“, erklärt Andrej. „All das ist Unsinn!“ Die von Fürst Andrej in Krieg und Frieden vertretene Haltung könnte als unmittelbare Kritik an dem internationalen Vorhaben, den Krieg humaner zu gestalten, verfasst worden sein.

Standbild aus dem Film Krieg und Frieden von 1966

Aylmer Maude, Freund, Übersetzer und Biograf Lew Tolstois, schrieb, dass Andrejs Ansicht an dieser Stelle „derjenigen nahekommt, die Tolstoi vertrat, als er den Roman verfasste.“ Doch Fürst Andrejs Auffassung ist natürlich unglaubwürdig. Vorhersagen, wonach Kriege durch ihre Brutalität weniger grausam oder seltener oder beides würden, werden jedem, der sich mit den Kriegen des zwanzigsten Jahrhunderts ein wenig auskennt, zutiefst unplausibel erscheinen. Dennoch ist Andrejs eigentümliche Lobrede auf die Brutalität als widersprüchliches Zeugnis dafür bedeutsam, dass eine Friedensbewegung an Zuspruch und Ansehen gewann, die wiederholt ihre Skepsis gegenüber der Genfer Konvention und anderen Versuchen zum Ausdruck brachte, Kriege weniger grausam zu gestalten, anstatt sie ganz abzuschaffen. Vielleicht diente Andrejs schockierender Vorschlag Tolstoi als ironische Zwischenstation auf seinem Weg zum Pazifismus.

Steckt in dem Vorstoß von Fürst Andrej mehr als eine bloße Provokation? Zumindest konterkariert er die Überzeugung derjenigen, die widerwärtige Praktiken menschlicher gestalten wollen – ihre Überzeugung, dass sie die Welt unzweifelhaft zu einem besseren Ort machen. Manchmal gelingt es ihnen, manchmal nicht. Sicher ist nur, dass humane Absichten allein bei Weitem nicht ausreichen. Misstrauisch gegenüber Versuchen, Kriege weniger brutal zu gestalten, riet Tolstoi hinsichtlich der Ergebnisse zur Bescheidenheit. Eine Bescheidenheit, die von seinen idealistischeren Zeitgenossen nicht geteilt wurde. So behauptete beispielsweise Gustave Moynier, einer der Gründer des Roten Kreuzes, in einer nahezu perfekten Umkehrung der Sicht von Fürst Andrej, dass humanisierende Gesetze wie die Genfer Konvention wie „geheime Vermittler der Befriedung“ wirken. „Die ‚Zivilisierung des Krieges‘ … versetzte diesem einen tödlichen Schlag“, versprach er seinen Geldgebern. Das sollte sich jedoch als schmerzlicher Irrtum erweisen.

Tolstoi wurde ein Wortführer des Friedens, der darauf beharrte, dass ein humanerer Krieg ein Widerspruch in sich sei, der das Risiko in sich berge zu zementieren, was der Abschaffung bedürfe. Inmitten der blutigen Ereignisse in Sewastopol kam Tolstoi „eine großartige Idee, eine fantastische Idee“, „der ich mein Leben zu widmen bereit bin.“ In seinem Tagebuch erklärte er: „Diese Idee besteht in der Gründung einer neuen Religion, die dem Entwicklungsstand der Menschheit angemessen ist – der Religion Christi, jedoch von Glaubensvorstellungen und Mystik gereinigt, einer pragmatischen Religion, die keine zukünftige Glückseligkeit verspricht, sondern Glückseligkeit auf Erden bringt.“ Doch vorläufig lockten ihn noch Glücksspiel und Hurerei.

Als sich Tolstoi zwei Jahrzehnte später, nach der Fertigstellung von Anna Karenina im Jahre 1877, dieser Vision zuwandte, übersetzte er die Evangelien selbst und erhob die Botschaft der Bergpredigt zu einer persönlichen Religion, die seiner Ansicht nach das Christentum selbst transzendierte (und mit Sicherheit die russisch-orthodoxe Kirche, die ihm dies mit seiner Exkommunizierung dankte). Es war ein Glauben, der nahezu ausschließlich auf dem Rat Jesu beruhte, dem Bösen „nicht [zu] widerstreben“, sondern die andere Backe hinzuhalten (Mt 5,39). Sein Pazifismus zwang den russischen Romancier, jedwede einst für Fürst Andrejs Theorie gehegte Sympathie aufzugeben, der zufolge mehr Gewalt dazu beitragen könne, Kriege zu verhindern, und veranlasste ihn letztlich, sich der Gewaltlosigkeit zu verschreiben, wobei er der Humanisierung des Krieges gegenüber skeptisch blieb.

Tolstois brillantester Kunstgriff bestand darin, den humanen Krieg mit den offensichtlicheren Übeln der Humanisierung anderer Formen physischer Gewalt zu vergleichen.

Im Sinne seiner moralischen Argumentation und Überzeugungskraft bestand Tolstois brillantester Kunstgriff darin, den humanen Krieg mit den offensichtlicheren Übeln der Humanisierung anderer Formen physischer Gewalt zu vergleichen. In einem Brief, der übersetzt und überall auf der Welt nachgedruckt wurde und im Januar 1897 in der New York Times unter der Überschrift „Tolstoi schreibt über den Krieg und fordert: Er muss der Sklaverei folgen und verschwinden“ erschien, argumentierte er, dass es ein gravierender moralischer Fehler gewesen sei, die Sklaverei weniger grausam zu gestalten, und dass sie keiner Abmilderung, sondern ihrer Ausrottung bedurft habe. Ihre Humanisierung, so nobel ihre Absicht auch gewesen sein möge, habe die Gefahr in sich geborgen, die Einigung auf ihre Abschaffung zu verzögern.

Es habe eine Zeit gegeben, schrieb Tolstoi, in der niemand daran geglaubt habe, dass die Sklaverei jemals enden könne: „Nicht nur die Heiden der Antike, Platon und Aristoteles, sondern auch die uns zeitlich am nächsten stehenden Menschen und Christen, konnten sich eine Menschheit ohne Sklaverei nicht vorstellen.“ Der Gedanke, dass es Sklaverei bei uns immer geben werde, war zu allen Zeiten eine gängige Sichtweise. Warum sollte man dann nicht versuchen, diese scheinbar dauerhafte Institution weniger grausam, ja humaner zu gestalten? Dieser schreckliche Fehler, so warnte Tolstoi, werde nun mit dem Krieg wiederholt: „Die Fürsprecher dieses Irrtums geben dabei vor, sich der Monstrosität und Grausamkeit des Systems, das sie verteidigen, bewusst zu sein, verkünden [jedoch], dass seine Beseitigung gegenwärtig unmöglich sei.“ Rückblickend erscheint die Humanisierung der Besitzsklaverei wie ein grauenvoller Fehler. Warum hüten wir uns dann nicht davor, ihn zu wiederholen, wenn es um den Krieg geht?

Standbild aus dem Film Krieg und Frieden von 1966

Doch Sklaverei und Krieg waren nicht die einzigen Formen physischer Gewalt, die Tolstois Auffassung zufolge durch eine Humanisierung auf noch niederträchtigere Art fortbestehen könnten. Die zu jener Zeit populär werdende Vorstellung vom humanen Töten in den Schlachthöfen habe die Gewalt ebenfalls beschönfigt und vermutlich sogar gesteigert – insbesondere, weil es zeitgleich mit der Stigmatisierung bestimmter, an Tieren verübter Gräueltaten zu einem steilen Anstieg der Schlachtzahlen gekommen sei. Fürst Andrej brachte diese Scheinheiligkeit in brillanter Form zum Ausdruck, als er sich beschwerte, die Humanisierung des Krieges entspräche haargenau dem „Edelmut und Feingefühl einer Dame, die ohnmächtig wird, wenn sie sieht, wie ein Kalb getötet wird: Sie ist so gutherzig, dass sie kein Blut sehen kann, genießt jedoch das in einer Soße servierte Kalbsfleisch.“ Seine Kritik gilt einem klassischen Fall von Unaufrichtigkeit: Man ist durch die Gewalt ausreichend beunruhigt, um den damit einhergehenden Schmerz zu verabscheuen, aber nicht, um auf ihre Vorteile zu verzichten.

Tolstoi verwendete die Analogie zwischen Tierschlachtung und humanem Krieg 1892 auch in einem Vorwort zu einer der ersten Abhandlungen über vegetarische Ethik. So veranlasste ihn ein Besuch des Schlachthofs in der nahe seinem Gut gelegenen Stadt Tula, bei dem er „die mit der Diskussion um den Vegetarismus verbundene Fragestellung mit eigenen Augen in der Wirklichkeit sehen“ wollte, die unheilvolle Dynamik des Festhaltens an einer Humanisierung erneut anzuprangern. Dabei galt sein Interesse nicht dem Grauen des Schlachtens, einem althergebrachten Verfahren, sondern dem Novum, es im Namen der Menschlichkeit freundlicher und moralisch unbedenklicher zu gestalten. Er fuhr nach Tula und nicht in eine Schlachterei auf dem Lande, um sich selbst ein Bild von dem „neuen und verbesserten System“ zu verschaffen, „das in großen Städten mit dem Ziel eingesetzt wird, den Tieren so wenig Leid wie möglich zuzufügen.“ Doch Tolstois Besichtigung enthüllte, dass die scheinbare moralische Verbesserung der Fleischproduktion in erster Linie dazu diente, das Gewissen der Verbraucher zu beruhigen. Denn sie konnten sich einreden, bessere Menschen zu sein, während sie in Wirklichkeit das gleiche Ausmaß an Gewalt unterstützten wie zuvor, wenn nicht sogar mehr.

Nach der Schilderung seines Besuches im Schlachthof kommt Tolstoi auf die Überlegung zurück, die Fürst Andrej fast drei Jahrzehnte zuvor angestellt hatte. Er beschreibt „eine gütige, kultivierte Dame“, die „so sensibel ist, dass sie Tieren nicht nur selbst kein Leid zufügen, sondern auch den Anblick von Leid nicht ertragen kann.“ Kein Wunder, dass ihr eine humanere Produktionsweise – vorzugsweise eine, die für sie unsichtbar blieb – gelegen kam. Dennoch „kann sie es nicht vermeiden, Tieren Leid zuzufügen – denn sie verspeist sie.“ Vielmehr wird sie in der Gewissheit, dass Fleisch für ihr Überleben unerlässlich ist, und mit einem Gewissen, dem der Schmerz erspart bleibt, die in ihrem Namen verübte Gewalt mitansehen zu müssen, „die Kadaver dieser Tiere in dem vollen Vertrauen darauf verzehren, dass sie das Richtige tut.“

Tolstois Ansichten über die negativen Folgen einer Humanisierung des Krieges sind, im Kontext der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts betrachtet, nicht überzeugend. Die beiden Weltkriege und die heißeren Konflikte des Kalten Krieges haben auf anschauliche Art gezeigt, dass sowohl Zivilisten – die in großer Zahl starben – als auch Soldaten unseres Schutzes bedürfen. Nichtsdestotrotz hat Tolstoi bestimmte Aspekte der Kriege des einundzwanzigsten Jahrhunderts in beunruhigender Weise vorausgesehen. Insbesondere sollten wir seine Bedenken beherzigen, dass unsere intensiven Bemühungen, Kriege human zu gestalten, paradoxerweise die von uns zu treffenden moralischen und politischen Entscheidungen darüber, ob, wann und wo ein Krieg zu beginnen oder fortzusetzen ist, verdrängen können.

Es ist zweifelsohne beunruhigend, dass die Zügelung des Krieges mit einem nichtendenden Krieg einhergeht und nicht mit dem Beginn des Friedens.

Seit dem Vietnam-Krieg bereitet die Brutalität ihrer Kriege den US-Amerikanern große Sorgen. Die Aufdeckung des Massakers von Mỹ Lai im Jahr 1969, die der Antikriegsbewegung großen Auftrieb verlieh, ließ schließlich Forderungen nach einer humanitären Kontrolle von Kriegen laut werden. Doch die breiten Debatten um die Kriege in Afghanistan und im Irak – nicht über die Frage, ob diese Kriege geführt und fortgesetzt werden sollten, sondern über die Misshandlung einschließlich Folter von Gefangenen in sogenannten „schwarzen Anlagen“ wie in den Gefängnissen von Guantánamo und Abu Ghraib – hatten nicht die gleiche Wirkung. Unter Präsident Barack Obama bestand die Antwort auf das Stigma der Inhaftierungen darin, zur Tötung aus der Luft oder durch kleine Spezialeinheiten überzugehen, mit der Folge, dass der Krieg zu einem alltäglichen, wiewohl unterschwelligen Teil unseres heutigen Lebens geworden ist. Infolge der weniger unmenschlichen Kriegsführung, des beispiellosen Bemühens, das Leben der Zivilbevölkerung zu schonen, und aufgrund des Ausbleibens beständiger Schlagzeilen über Folter und Misshandlungen verschwand der Krieg aus dem Blickfeld und den Köpfen vieler US-Amerikaner – gerade so wie die blutige Realität des Rindertötens durch das Schlachten des Viehs in entlegenen Todeszonen aus dem Blickfeld und den Köpfen derer verschwindet, die Rindfleisch verzehren. Neue Werkzeuge und Verfahren, die eingesetzt werden, um das massenhafte Töten humaner zu gestalten, können auch zu dessen Verschleierung beitragen und auf diese Weise seine Intensivierung ermöglichen.

Sein bedeutendes, unter dem Eindruck des zurückliegenden Vietnam-Krieges geschriebenes Werk Just and Unjust Wars (Deutsch: Gerechte und ungerechte Kriege) schloss der US-amerikanische Philosoph Michael Walzer mit einer vorsichtigen Kritik an den Bedenken gegenüber dem noblen Ziel, Kriege zu humanisieren. „Es ist der Sache nicht dienlich, die Regeln der Kriegsführung ins Lächerliche zu ziehen“, schrieb er und fügte hinzu, dass Tolstoi deren Bedeutung nicht verstanden habe. Denn die Humanisierung des Krieges, so Walzers Argument, mache die Fortsetzung des Widerstandes gegen den Krieg überhaupt erst möglich: Ungezügelte Gewalt hingegen könne dazu führen, dass niemand mehr übrigbleibt, ihn zu kritisieren. „Die Zügelung des Krieges ist der Beginn des Friedens“, fügte Walzer hinzu.

In unserer Zeit hat sich dies allerdings nicht bewahrheitet. Was die US-amerikanischen Kriege betrifft, behielt vielmehr Tolstoi Recht, und Walzer irrte sich: Es ist zweifelsohne beunruhigend, dass die Zügelung des Krieges mit einem nichtendenden Krieg einhergeht und nicht mit dem Beginn des Friedens. Angesichts dessen – und vorausgesetzt, dass, vor dem Hintergrund der Langlebigkeit der Übel und Feinde in der Welt, nicht Tolstois Ausweg des Pazifismus selbst die Antwort ist – lautet die Botschaft des Schriftstellers, dass wir, wenn wir uns mit humanen Kriegen abfinden, unser Leben aufs Spiel setzen. Und nicht nur das unsere.


Übersetzt aus dem Englischen von Natalie Krugiolka

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