Als ich noch im Kinderwagen saß, .nahm meine Mutter mich regelmäßig mit dem Express-Bus von unserem Viertel in Canarsie, Brooklyn, nach Manhattan zum Metropolitan Museum of Art mit. Später erzählte sie mir, dass es ewig gedauert habe, von einem Saal des MET zum nächsten zu gelangen, weil ich sie vor fast jedem Gemälde bat anzuhalten und mir etwas darüber zu erzählen. Ich kann mich nicht daran erinnern, Kunst jemals nicht geliebt zu haben. Nun mit fast 40 Jahren bin ich immer noch nicht sicher, ob ich Kunst aus meinen eigenen Gründen liebe oder ob ich Kunst liebe, weil meine Mutter sie liebte.

Meine Mutter wurde 1951 in eine römisch-katholische Familie geboren und auf den Namen Denise Barbara Lanthier getauft. Sie sang lateinische Choräle im Chor einer riesigen Kirche im romanischen Stil an der Flatlands Avenue in Brooklyn. Irgendwann war die Gemeinde so gewachsen, dass sie dieses prächtige Gebäude verlassen musste und fortan die Messe in einem Kino feierte. Etwa zur gleichen Zeit schaffte das Zweite Vatikanische Konzil ihre geliebten lateinischen Gesänge ab. Und so kam es, dass meine Mutter nicht mehr in einer der schönsten Kirchen der Stadt in einer wunderschönen alten Sprache die Liturgie sang, sondern in einem tristen Kino einem Priester zuhörte, der in einer Sprache predigte, die die Einwohner Brooklyns als Englisch bezeichneten. Sie begann, Fragen zu stellen.

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Als junge Frau flüchtete sich meine Mutter in Kunstmuseen und den Judaismus. Sie schlenderte durch die Galerien des Brooklyn Museum, genoss die Kunst und stellte sich vor, wie sie in den riesigen Sälen rauschende Feste besuchte. Dann machte sie einen kurzen Spaziergang zum weltweiten Hauptsitz von Chabad, und stellte sich in die Schlange, um vom Rabbiner einen Dollar zu erhalten, weil sie den Segen Abrahams suchte. Sie liebte die Bibelgeschichten, die ihre Mutter vor dem Schlafengehen vorlas, insbesondere die Stellen aus den hebräischen Schriften. Ihr Familienleben war manchmal schwierig, und ich denke, sie liebte diese Erzählungen, weil sie Geschichten von wundersamen Rettungen enthielten – Gott wählte stets Menschen aus, holte sie aus ihrer Situation heraus und führte sie in ein erfüllteres Leben. Gleichzeitig wurde sie aufgrund ihrer zunehmenden Bildung zu einer Außenseiterin in ihrer Umgebung. Sie fühlte sich von den jüdischen Familien in ihrer Nachbarschaft besser verstanden. Jüdische Freunde sagten ihr sogar, sie habe eine jüdische Seele. Sie träumte davon, von einem jüdischen Paar adoptiert zu werden – oder war sie bei der Geburt gar vertauscht worden?

Sie versuchte, zum Judentum zu konvertieren, jedoch ohne Erfolg. Zum einen musste sie immer die anspruchsvollste Variante von allem wählen. Sie wollte sich ausschließlich Chabad anschließen, der chassidischen Bewegung, die für ihren lautstarken Glauben an einen kommenden Messias bekannt ist. Chabad bietet (fast) ohne Fragen zu stellen eine jüdische Ausbildung an. Meine Mutter erhielt eine ausgezeichnete Formation, aber danach wusste sie nicht, wie es weitergehen sollte. Sie durchlief eine spirituelle Odyssee mit vielen Beinahe-Erlebnissen – sie wäre beinahe einem Ashram beigetreten, bis der Guru seine Absicht verkündete, Ehen zwischen den Mitgliedern zu arrangieren; sie wäre beinahe von Mitgliedern der Vereinigungskirche (den „Moonies“) entführt worden, bis sie drohte, eine Tür einzuschlagen; und sie hätte beinahe einen netten jüdischen Jungen geheiratet, bis sich herausstellte, dass er doch nicht so nett war, und sie die Verlobung löste. Ich bin mir nicht sicher, wie viele Menschen die christliche Kirche verlassen, um mit Chabad auf den Messias zu warten. Es können nicht viele sein. Meine Mutter wünschte sich einen Messias. Ihre Beziehung zu Jesus war nie eine der Ablehnung, sondern der Enttäuschung. Den Juden war ein König versprochen worden. Soweit sie das beurteilen konnte, war Jesus nicht dieser König.

Ende 20 war sie spirituell orientierungslos und lebte in Kalifornien. Sie hatte akzeptiert, dass sie niemals eine chassidische Jüdin werden würde. Die 1970er Jahre neigten sich dem Ende zu und überall in Amerika wurden die Menschen wiedergeboren, was auch immer das bedeutete. Eines Abends telefonierte sie mit ihrer Schwester in New York. Diese war völlig außer sich wegen etwas, das sie das Sündergebet nannte: Wenn meine Mutter Jesus nicht in ihr Herz aufnähme, würde sie in die Hölle kommen. Zu dieser Zeit hielt meine Mutter dies für die neueste Salve in einer langen Geschichte von Geschwister-Machtkämpfen. Und doch war zum ersten Mal seit langer Zeit eine Tür geöffnet – wenn auch nur eine kleine.

Georges La Tour, Anbetung der Hirten, Öl auf Leinwand, 1644 (detail). Illustration von Wikimedia Commons (public domain).

Meine Mutter besaß eine bemerkenswerte Gabe: Selbst wenn sie wenig Interesse oder Verständnis für etwas hatte und anderer Meinung war, hinderte sie das nicht daran, einen zu ermutigen. Und sie liebte es, Weihnachtsgeschenke einzukaufen. In jenem Jahr fand sie für ihre Schwester ein Buch mit dem Titel The Christmas Story in Masterpieces, vorgestellt von David Rossoff. Es handelte sich um einen Bildband mit Reproduktionen europäischer Gemälde aus der Renaissance und späterer Zeit. In den Augen meiner Mutter war es das perfekte Geschenk. Wenn ihre Schwester schon alles auf diese Jesus-Sache setzte, konnte sie dabei zumindest etwas über Kultur lernen.

Als meine Mutter das Buch durchblätterte, stieß sie auf Gemälde aus dem Weihnachtszyklus, begleitet von Zitaten aus dem Matthäusevangelium. Dann blätterte sie um und sah Georges La Tours Anbetung der Hirten. Das Gemälde ist recht einfach. Das Christuskind, offenbar von Kerzenlicht beleuchtet, wird in einer Weidenkrippe gezeigt, während ein Lamm versucht, etwas Heu unter dem schlafenden Baby hervorzuziehen. Christus ist von fünf Figuren umgeben, die meisten nur von der Hüfte aufwärts zu sehen – die Jungfrau Maria, drei Hirten und der Heilige Josef, der die Kerze hält. Das Licht scheint auf alle Figuren, obwohl der mittlere Hirte bezeichnenderweise größtenteils im Dunkeln steht. Die Anbetung der Hirten war nie ein beliebtes Motiv. Wenn man eine Anbetung der Heiligen Drei Könige malte, konnte man Gold, Kronen und Kamele darstellen – spannende Dinge, die interessant anzusehen waren und für die man seinem Auftraggeber einen Aufpreis berechnen konnte. Wenn man eine Anbetung der Hirten malte, malte man hauptsächlich Hirten – schmutzige, übelriechende Hirten. Aber genau darum ging es. Wie Philip K. Dick sagte: „Die Symbole des Göttlichen tauchen in unserer Welt zuerst in der unteren Gesellschaftsschicht auf.“ Eine Bildunterschrift auf der gegenüberliegenden Seite bot eine plausible Interpretation des Gemäldes: „Ein grinsender Bauernjunge im Hintergrund berührt seine Mütze, als würde er einen vorbeigehenden Würdenträger grüßen, vielleicht unfähig, die Bedeutung dessen zu verstehen, was er sieht.“

Georges La Tour, Anbetung der Hirten, Öl auf Leinwand, 1644 (detail). 

Meine Mutter erzählte mir diese Geschichte so oft, dass ich sie noch immer in ihrer Stimme hören kann. „Mir wurde klar, dass ich der Bauernjunge mit dem spöttischen Lächeln war! Ich habe Jesus nie missachtet. Warum auch? Er war ein guter Morallehrer, der getötet wurde. Ich betrachtete das Buch zu Ende und als ich es schloss, rief ich fast unwillkürlich: ‚Oh mein Gott – Jesus ist der Messias!‘“

Manche Menschen finden leicht zu Jesus. Manche werden auf der Straße nach Damaskus vom Pferd geworfen und anschließend unter lautem Protest in das Reich Gottes hineingezogen. Und dann gibt es Denise Lanthier, die bei Abraham neu beginnen und sich durch die gesamte Erlösungsgeschichte, dargestellt in alten europäischen Meisterwerken, arbeiten musste.

Diese Erleuchtung stellte das Leben meiner Mutter völlig auf den Kopf. Sie sprach das Sündergebet, zog zurück nach New York und begann Kunstgeschichte zu studieren– inspiriert von ihrer Erfahrung mit La Tour. Als sie meinen Vater kennenlernte, einen netten jüdischen Jungen namens David Rubin, verlagerte sie ihren Schwerpunkt auf frühkindliche und Grundschulbildung. Mein Vater hatte Jesus einige Jahre zuvor angenommen, als ihm jemand beim Billardspielen empfahl, Jesaja 53 zu lesen. Sie heirateten christlich, obwohl sie ihr Gelübde unter einer Chuppah ablegten und der Pastor bei ihrer Hochzeit im Namen Yeshuas betete. 1983 wurde sie Denise Lanthier Rubin und 1986 Mutter, im selben Jahr, in dem sie ihren Masterabschluss machte. So wuchs ich in einem Haus auf, in dem wir jüdische und christliche Feiertage begingen und in dem mir von Kindesbeinen an beigebracht wurde, Jesus, den Messias Israels, zu lieben.

Meine mutter verstarb unerwartet im Sommer 2025. In den Tagen und Wochen danach dachte ich viel über La Tours Anbetung der Hirten nach und darüber, warum Gott sich ihr ausgerechnet durch dieses Bild offenbart hatte. Vielleicht half es, dass das Gemälde unbekannt war. Das Buch, das sie ihrer Schwester schenkte, war voller großartiger Werke von Botticelli und El Greco, aber die kannte sie bereits. Vielleicht half auch, dass das Gemälde einfach gut ist. Außergewöhnlich gut. La Tour ist kaum bekannt, aber das ist unser Versäumnis, nicht seines. Sein Lieblingskunstgriff war es, eine Szene mit Kerzenlicht zu beleuchten und die Kerze dann hinter dem Arm oder der Hand einer Figur zu verstecken, sodass das warme Leuchten nicht von einer Flamme, sondern vom Christuskind, einem Blatt Papier oder sogar von den Gesichtern von Glücksspielern auszugehen schien. Beeinflußt von Caravaggio schienen La Tours Bilder manchmal wie eine stille Kritik an Caravaggios Melodramatik. Caravaggio beleuchtet alles auf eine Weise, die oft mit Theaterstrahlern verglichen wird. La Tours Beleuchtung ist diegetisch, sie kommt von einer Lichtquelle innerhalb des Gemäldes.

Ein Kunstgeschichte-Student im ersten Studienjahr würde vielleicht eine theologische Interpretation aus diesen beiden unterschiedlichen Beleuchtungsstilen entwickeln: die Lichtquelle bei Caravaggio, so hoch und weit entfernt von den Figuren, deute sicherlich auf Gott selbst hin, während La Tour sich auf die schlichte Menschlichkeit seiner Motive konzentriere; Caravaggios Licht sei transzendent, La Tours hingegen immanent. Zusammen mit dem Theologen und Musiker Jeremy Begbie finde ich es langweilig, diese Kategorien gegeneinander auszuspielen. Betrachten wir diese Künstler stattdessen anhand von zwei Kategorien, die Begbie vorgeschlug, um die Vision der göttlichen Transzendenz, wie sie im neuen Testament offenbart wird, zu erklären: Gottes Andersartigkeit und Gottes Unfassbarkeit. Caravaggios Licht fängt die erste Kategorie auf ziemlich offensichtliche Weise ein. Das Licht berührt die Figuren, jedoch aus einer entfernten Quelle, buchstäblich jenseits des Bildrahmens. Das Licht ist anders, auch wenn es alles erhellt.

Georges La Tour, Anbetung der Hirten, Öl auf Leinwand, 1644. 

In La Tours Anbetung ist das Licht sowohl anders als auch unbegreiflich. Anders, weil bei genauerer Betrachtung das Licht in seinem Gemälde nicht ganz unserer Welt angehört. Zunächst ist es leicht, den warmen Schein der Kerze in Josephs Hand zuzuschreiben. Aber sein Versuch, das Licht abzuschirmen, scheint nicht zu funktionieren, und das Licht fällt größtenteils auf Jesus – so sehr, dass es tatsächlich so aussieht, als käme das Licht vom Kind. Damit wirft der Künstler eine Frage auf: Kommt das Licht vom Kind oder von der Flamme? Oder vielleicht von beiden? Es ist leicht, das Wunderbare auf materielle Ursachen zurückzuführen, selbst wenn es mehr Beweise für ein Wunder als für das Alltägliche gibt. Der Betrachter kann die Kerze nicht wirklich sehen – das Wachs und die Flamme werden hauptsächlich angedeutet, während das Kind vollständig sichtbar ist. Ich denke, das ist Teil der Idee hinter dem Gemälde. Wenn Sie eine materialistische Erklärung wünschen, gehen Sie ruhig davon aus, dass die Kerze die Szene beleuchtet. Kerzen leuchten nicht so hell, aber das tun die meisten Kinder auch nicht. Vielleicht ist das Baby wirklich nur ein Baby. Vielleicht übersehen Sie aber auch die tiefere Bedeutung.

All dies macht die Anbetung zu einer besonders brillanten Meditation über die Menschwerdung Gottes, basierend auf dem Johannesevangelium. In Christus war das Licht, und dieses Licht war das Leben der Menschen. Wenn das Licht die Göttlichkeit symbolisiert, dann erinnert Joseph durch das Bedecken der Flamme mit seiner Hand auf wunderschöne Weise an die Menschwerdung Gottes. So sehr er auch versucht, es zu kontrollieren, das unaufhaltsame Licht Gottes scheint dennoch durch das menschliche Fleisch hindurch. Rückblickend ging es bei der Auseinandersetzung meiner Mutter mit Gott immer um die Wahrheit darüber, wer Jesus war. Die meiste Zeit ihres Lebens hatte sie geglaubt, er sei nur ein Baby gewesen. Und dann, plötzlich, strahlte das wahre Licht in der Dunkelheit, und die Dunkelheit konnte es nicht überwinden. Natürlich begegnete Jesus meiner Mutter zu Weihnachten.

Ich entdeckte das gemälde Jahre später im Louvre, während meines Auslandsstudiums in Europa. Ich hatte eine Pilgerreise zu dieser ruhigen Galerie unternommen, die von den Touristenmassen, die kommen, Fotos von der Mona Lisa zu machen, meist ignoriert wird. Für mich war La Tours Anbetung weitaus wichtiger. In meinem Elternhaus hing nie eine Reproduktion des Gemäldes, aber ich vermute, dass das Gemälde einen anhaltenden Einfluss auf meine Mutter hatte, vielleicht über das hinaus, was sie mir mitteilte.

Als ich mich kürzlich wieder mit dem Gemälde beschäftigte, bemerkte ich gewisse Parallelen nicht nur zu ihrer Rückkehr zum Glauben, sondern auch zu der Berufung, der sie den Rest ihres Lebens widmete – der Bildung. Die tiefgreifendste Parallele betrifft das, was die philosophische Theologin Judith Wolfe als „Wahrnehmungs-schulung“ bezeichnet: sich selbst und seine Kinder Gott, seinem Wort und seiner Kirche auszusetzen, um die Sinne zu schulen, die Dinge richtig zu sehen. Die Anbetung war eine gezielte Einladung, fast schon eine Herausforderung, richtig zu sehen – wenn man nur dazu in der Lage wäre. Meine Mutter war ihr Leben lang Pädagogin und vor allem dafür bekannt, Kunst und Latein zu unterrichten, insbesondere Grundschüler. In der Nacht, in der sie starb, arbeitete sie an einem Latein-Unterrichtsplan, ein Detail, das für diejenigen, die sie kannten, völlig einleuchtend ist. Sie war Mitbegründerin einer klassischen christlichen Schule, weil sie die klassische Bildung liebte, allerdings nicht die Art, die mit zeitgenössischen politischen Bewegungen verbunden ist.

Stattdessen liebte sie das Trivium, weil es Kindern beibrachte, das Gute, Schöne und Wahre zu erkennen und zu verstehen. Sie interessierte sich nie für den Jargon der höheren Denkfähigkeiten oder dafür, „Kindern das Denken beizubringen“, was zu Beginn ihrer Karriere sehr in Mode war. Für sie war Bildung niemals eine körperlose intellektuelle Übung. Es ging ihr immer um die Schulung der Wahrnehmung, darum, Kindern zu helfen, das Schöne zu lieben. Ich erinnere mich daran, wie sie in einer Unterrichtsstunde über Kirchengeschichte mit Achtklässlern über vor-nicänische Häresien diskutierte, während die Schüler Tee oder heiße Schokolade tranken und Gregorianische Gesänge aus einem CD-Player hörten. Die Sinne waren stets angesprochen. Wie Judith Wolfe in The Theological Imagination hervorhebt, fördert diese Art der Bildung etwas, das wir als „Geschmack“ bezeichnen – einen Geschmack für Gott und vielleicht auch ein Gespür dafür, wo man ihn am besten finden kann.

Wenn es in der Bildung darum geht, richtig sehen zu lernen, gibt es keinen besseren Weg, als sich mit Kunst zu beschäftigen. Doch mit welcher Art von Kunst? Der Geschmack meiner Mutter war ausgezeichnet. Ich habe darüber nachgedacht, was sie mir in diesen Museen gezeigt hat, sogar schon damals, als ich noch im Kinderwagen saß. Ihre Lieblingskünstler waren jene der Frührenaissance, obwohl sie oft darauf hinwies, dass die Grenze zwischen dem Spätmittelalter und der Renaissance eigentlich nur ein Produkt des norditalienischen Chauvinismus und der Mythenbildung war. Sie fühlte sich zu Fra Angelico, Fra Filippo Lippi und natürlich Botticelli hingezogen. Sie schätzte Künstler, die besonders einfühlsame Darstellungen von Frauen und Kindern schufen, und sie liebte flämische Wandteppiche und die insulare Manuskripttradition.

Sie bevorzugte die Romanik gegenüber der Gotik, Barockmusik gegenüber Klassik, die Lindisfarne-Evangelien gegenüber dem Book of Kells. Sie sammelte Shaker-Möbel und Amish-Quilts, doch paradoxerweise verehrte sie auch die byzantinische Kunst – insbesondere die Ikonen, die Heiligen in ihren juwelenfarbenen Gewändern vor warmem, vergoldetem Hintergrund. Sie schätzte Altarbilder aller Art. Am meisten, und vielleicht vorhersehbar, liebte sie Darstellungen der Verkündigung, der Geburt Christi und alles, was mit Engeln zu tun hatte. Um ihren Geburtstag herum, am 29. Dezember, bestand sie darauf, nach Manhattan zu fahren, entweder um das Cloisters Museum zu besuchen oder um „den Baum“ zu sehen – für sie war das nicht der Weihnachtsbaum im Rockefeller Center, sondern der Baum im mittelalterlichen Hof des Metropolitan Museums an der Fifth Avenue, geschmückt mit stattlichen neapolitanischen Engeln.

Das MET war das Lieblingsklassenzimmer meiner Mutter, und ich war der Anführer ihrer Schüler. Ich stelle mir gerne vor, wie sie in den griechischen und römischen Galerien des MET stand, ihre Schüler ihr wie eine Schar Entenküken folgten. Die beste Kunst war Kunst, die die Heilige Schrift illustrierte. Sie erzählte ihren Schülern, dass viele Christen im Mittelalter nicht lesen konnten und daher die Gemälde, die Buntglasfenster, manchmal sogar das Kirchengebäude selbst ihre Bibel waren. Christliche Kunst richtig zu sehen bedeutete also, die Heilige Schrift zu verstehen – dem fleischgewordenen Wort zu begegnen und schließlich seine Bedeutung zu begreifen. Das heißt nicht, dass sie glaubte, Bilder seien mit übernatürlichen Kräften ausgestattet – zumindest nicht im mystischen Sinne des Übernatürlichen. Meistens verdrehte sie sanft die Augen und schüttelte den Kopf, wenn man ihr vorschlug, dass der Kontakt mit Ikonen Krankheiten heilen könne. In ihren späteren Lebensjahren schien sie diese Möglichkeit weniger abzulehnen, aber sie war für sie nie sehr wichtig, weil sie am Wesentlichen vorbeiging. Zu behaupten, ein Kunstwerk könne auf diese Weise heilen, bedeutete, das Bild auf ein bloßes Objekt zu reduzieren. Die wahre Kraft des Bildes lag in seinem Inhalt und seiner Bedeutung und darin, wie der Künstler diese Bedeutung dem Betrachter vermittelte.

Rückblickend wird mir klar, dass meine Mutter von Anfang an Theologie betrieben hatte. Gemälde, Fenster und Wandteppiche waren ihre Texte, aber ihr Thema war immer ihr Schöpfer. Aus ihrem eigenen Leben wusste sie, dass man Christus in einem Kunstwerk finden konnte, oder vielmehr, dass Christus einen finden würde. Deshalb liebte sie die Kunst und lehrte andere, sie zu lieben und richtig zu sehen – nicht nur zu betrachten, sondern an dem Wunder teilzuhaben, damit wir nicht lächeln und unseren Hut ziehen, ohne zu verstehen, was wir sehen