Papst Benedikt XVI
Kann das schöne echt sein, oder ist es letztendlich nur eine Illusion? Ist die Realität vielleicht im Grunde genommen böse? Die Befürchtung, dass es letztendlich nicht der Pfeil des Schönen ist, der uns zur Wahrheit führt, sondern dass die Lüge, alles Hässliche und Vulgäre, die wahre „Realität“ ausmacht, hat die Menschen zu allen Zeiten beunruhigt. Gegenwärtig drückt sich dies in der Behauptung aus, dass es nach Auschwitz nicht mehr möglich wäre, Gedichte zu schreiben; nach Auschwitz wäre es nicht mehr möglich, von einem guten Gott zu sprechen. Die Menschen fragten sich: Wo war Gott, als die Gaskammern in Betrieb waren? Dieser Einwand, der schon vor Auschwitz, als man sich all der Gräueltaten der Geschichte bewusst wurde, vernünftig erschien, zeigt, dass ein rein harmonischer Schönheitsbegriff jedenfalls nicht ausreicht. Er kann der Konfrontation mit der Schwere der Fragen nach Gott, Wahrheit und Schönheit nicht standhalten. Apollo, der für Platons Sokrates „der Gott“ und der Garant ungetrübter Schönheit als „das wahrhaft Göttliche“ war, reicht absolut nicht mehr aus.
Auf diese Weise kehren wir zu dem Paradox zurück, von Christus sagen zu können: „Du bist der Schönste unter den Menschenkindern“ (Ps 45,2) und: „Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm“ (Jes 53,2). In der Passion Christi hat die Erfahrung des Schönen eine neue Tiefe und einen neuen Realismus erhalten. Der Eine, der die Schönheit selbst ist, ließ sich ins Gesicht schlagen, bespucken, mit Dornen krönen. In seinem so entstellten Gesicht erscheint jedoch die echte, extreme Schönheit: die Schönheit der Liebe, die „bis zum Äußersten“ geht; deshalb offenbart sie sich größer als Lüge und Gewalt.
Gibt es jemanden, der Dostojewskis oft zitierten Satz nicht kennt: „Die Schönheit wird die Welt retten“? Allerdings wird häufig vergessen, dass Dostojewski sich hier auf die erlösende Schönheit Christi bezieht. Wir müssen lernen, ihn zu sehen. Wenn wir vom Pfeil seiner paradoxen Schönheit getroffen werden, dann werden wir ihn wirklich kennenlernen, und zwar nicht nur, weil wir andere über ihn sprechen hörten. Dann werden wir die Schönheit der Wahrheit gefunden haben, der Wahrheit, die erlöst.
Auswahl aus Pope Benedict XVI, “The Feeling of Things, the Contemplation of Beauty,“ 2002. Lightly abridged. Copyright © Dicastero per la Comunicazione – Libreria Editrice Vaticana. Übers. aus dem Engl.
Augustinus von Hippo
Spät habe ich dich geliebt, o Schönheit, so alt und doch immer neu, spät habe ich dich geliebt. Und siehe, du warst in meinem Innern und ich draußen; und draußen suchte ich dich und stürzte mich in meiner Häßlichkeit auf die schönen Gebilde, die du geschaffen. Du warst bei mir, aber ich nicht bei dir. Weit weg von dir zog mich, was doch keinen Bestand hätte, wenn es nicht in dir wäre. Du hast mich laut gerufen und meine Taubheit zerrissen; du hast geblitzt und geleuchtet und meine Blindheit verscheucht. Du hast mir süßen Duft zugeweht; ich habe ihn eingesogen, und nun seufze ich nach dir. Ich habe dich geschmeckt, und nun hungere und dürste ich nach dir. Du hast mich berührt, und ich bin entbrannt in deinem Frieden.
Augustinus von Hippo, Confessiones, bkv.unifr.ch.
Foto von David Zumpe. Verwendet mit Genehmigung.