Gerade als barney boller Mitte 20 den Durchbruch als Künstler schaffte, zog er sich zurück. Es ist eine faszinierende Geschichte. Barney selbst sieht das anders. „Man kann sich seiner künstlerische Fähigkeiten nicht brüsten“, sagt er, „zumindest nicht, wenn man ehrlich hinsichtlich der Quelle seines Talents ist. Allein die Möglichkeit, Teil dieses Prozesses zu sein, ist ein Wunder und ein Geheimnis. Und wenn dir Menschen sagen, dass deine Kunst auf Gott, den ultimativen Künstler, verweist, ist das eine unbeschreibliche Freude und ein Segen. Das ist das wahre Herzstück eines Künstlers, nicht die anderen Aspekte.“

Als jüngstes von neun Kindern von Magdalena und Christoph Boller wuchs Barney in der New Meadow Run Bruderhof-Gemeinschaft in Pennsylvania auf. Sein Vater war ein begabter Töpfer, Tischler und Drechsler, der es liebte, deutsche Volkslieder auf seiner ramponierten Geige zu spielen; seine Mutter war Kunsthandwerkerin und Kindergärtnerin und konnte wunderbar Geschichten erzählen. Seine Geschwister zeigten eine Vielzahl von Talenten in Kunst, Handwerk und Musik.

Barney Boller, Torpedo, Bronzeskulptur, 1998. Alle Fotos zur Verfügung gestellt von Barney Boller.

Seine Freizeit verbrachte der große, schlaksige Junge in den Wäldern und Feldern, wo er mit seinem Taschenmesser Spazierstöcke schnitzte oder Pfeile und Bögen bastelte. Er fing Eichhörnchen und Kaninchen und sezierte sie, um Felle, Sehnen und Organe zu untersuchen. Er versuchte sich im Präparieren von Tieren und half beim Schlachten von Rehen, um die Häute für die Gerbung zu bearbeiten. Im Winter verbrachte Barney viele Stunden im Töpferatelier seines Vaters Christoph, wo dieser Geschirr herstellte, um es an Freunde zu verschenken oder für Spendenaktionen zu verkaufen. Christoph war in Paraguay unter ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und war stets bemüht, anderen zu helfen. Einmal kaufte er mit dem Ertrag seiner Töpferwaren mehrere Milchkühe für eine neu gegründete christliche Gemeinde unter den indigenen Aymara im Altiplano von Bolivien.

Die Versuche seinem Sohn das Töpfern beizubringen, scheiterten. Regelmäßig flog der Ton von der Töpferscheibe und landete auf dem Boden. Also gab Barney Tassen und Teekannen auf und modellierte stattdessen Entwürfe für Armbrustabzüge.

arney war ein lebhaftes Kind, voller kreativer Ideen. Er hatte eine schwierige Schulzeit, aber träumte davon, Chirurg zu werden. Nach der Highschool arbeitete er in der Rifton Fabrik des Woodcrest Bruderhofs in New York, wo er medizinische Geräte zusammenbaute. Dabei zog die Schweißerei seine Aufmerksamkeit auf sich. Barney versicherte dem Vorarbeiter, dass er ein guter Schweißer sei. „Das stimmte nicht“, gesteht er. Aber er bekam den Job. „Ich musste über Nacht ein professioneller Schweißer werden. In der ersten Woche arbeitete ich bis spät in die Nacht und korrigierte meine Fehler, wenn niemand da war.“

Falls der Vorarbeiter es bemerkt hatte, sagte er nichts. „Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, der beste Schweißer aller Zeiten zu werden – nicht nur gut, sondern der Beste“, erinnert er sich. „Arrogant? Ja, sicher. Aber es war auch meine Art, mein Selbstwertgefühl zu bestätigen.“

Barney Boller, Caught Napping, Stahl- und Edelstahlskulptur, 1996.

Barney blieb beharrlich. Er besuchte Kurse in Metallurgie, legte staatliche Schweißprüfungen ab, erwarb Zertifikate und reiste sogar nach England, um sich akkreditieren zu lassen. Der Gedanke ans Medizinstudium war längst verblasst. Als Leiter der Schweißabteilung entwickelte er ein Schulungsprogramm und besuchte Messen im ganzen Land.

Eines Tages waren alle Musterstücke, an denen er so hart gearbeitet und die er ausgestellt hatte, verschwunden. „Wahrscheinlich hatte einer meiner Freunde genug von meiner Prahlerei“, vermutet Barney. So beschloss er, kein weiteres Muster zu schweißen, sondern etwas Lebensnahes. Er formte Blechreste zu Schuppen, presste Stahl zu einem Schnabel und schuf seine erste Skulptur: ein Wesen, das wie eine Kreuzung aus einem Greif und einem Gürteltier aussah.

Ab da entwickelten sich die Dinge rasant. Ein lokaler Geschäftsinhaber sah das Werkstück und zahlte eine stattliche Summe dafür. Barney schuf weiter. Seine frühen Werke waren skurrile Kreaturen, verspielte Produkte seiner Fantasie. „Anfangs konzentrierte ich mich darauf, meine Fertigkeiten im Schweißen zu demonstrieren oder sogar Grenzen zu überschreiten, um das Unvorstellbare und Unmögliche zu versuchen“, sagt er.

Die Tierwelt wurde seine Thema. Er formte Adler im Sturzflug, schnitt Feder für Feder Flügel zurecht und stellte ihre Beute dar – Kaninchen, erstarrt in den schrecklichen Krallen. Jedes Werkstück nahm Wochen in Anspruch. „Nichts davon war einfach“, erinnert er sich. „Aber meine Jahre in der Natur und meine Liebe zu Vögeln und Tieren kamen mir sehr zugute. Um Gottes Kreativität gerecht zu werden, musste ich Anatomie studieren und die perfekte Anordnung von Muskeln, Haaren oder Federn herausfinden.“

„Es war bereichernd, Fähigkeiten zu entdecken, von denen ich nicht wusste, dass ich sie besaß. Meine technischen Fertigkeiten – die ich mir durch harte Arbeit angeeignet hatte – waren der Schlüssel, um das zu erschließen, was in mir schlummerte. Nach und nach kam mein kreativer Instinkt zum Vorschein – als würde er aus dem Winterschlaf erwachen. Ich wusste, dass ich diese Gaben nicht als mein Verdienst ansehen konnte.“

Als barney beschloss, dem Bruderhof .beizutreten, war ihm bewusst, dass dies bedeutete, persönliche Ambitionen und Karrierepläne aufzugeben und stattdessen ein Leben im Dienste einer gemeinsamen Sache zu führen. Die Gemeinschaft ist jedoch ein großartiger Nährboden für Talente und Begabungen, und als Barneys Gabe offensichtlich wurde, erhielt er Zeit und Unterstützung, um sich seiner Kunst zu widmen. Sein Bruder Hans wurde sein Manager.

Ende der 1990er Jahre wandte sich Barney vom Schweißen ab und begann, seine Kreationen in Bronze zu gießen. „Das eröffnete mir eine völlig neue Welt“, erklärt er. „Ton befreite mich von den Einschränkungen des Stahls. Ich entdeckte die gleiche Freude, die mein Vater empfunden haben muss. Eine lokale Gießerei goss meine Bronzen, aber dank meiner Metallbearbeitungsfähigkeiten montierte und vollendete ich sie selbst. Dadurch konnte ich mit verschiedenen Säurebehandlungen experimentieren, um unverwechselbare Patina zu erzielen.“

Mittlerweile fanden seine Skulpturen große Beachtung, gewannen Preise und schmückten Museen und Privatsammlungen auf der ganzen Welt. Er gewann den ersten Preis bei der Florida Wildlife Exposition. Bei der Northeast Wildlife Expo in Providence, Rhode Island, wurde er als Gastbildhauer geehrt. Seine Werke wurden in der Watson’s Wildlife Art Gallery in Delaware ausgestellt. Öffentliche Installationen entstanden im Benson Sculpture Garden in Colorado. Aufnahme in die ständige Sammlung des Glasgow Museum of Art, Schottland. Auktionsverkäufe über Christie's, London, und Sotheby's, New York. „Es war ein regelrechter Rausch“, gibt er zu. „Aber ich habe auch gesehen, wie das Ego Künstler zerstören kann. Ich habe schnell erkannt, dass Ruhm kein Selbstzweck ist. Wenn Selbstliebe deine Motivation ist, besiegelst du dein eigenes Schicksal.“

Barney Boller, Caught Napping, Stahl- und Edelstahlskulptur, 1996 (detail).

Ehe und die Vaterschaft verlagerten seinen Fokus. Das Reisen verlor seinen Reiz. Auszeichnungen interessierten ihn nicht mehr. Es wurde seine Motivation, durch seine Kunstwerke Gottes Schöpfung zu ehren. 

Als der Milliardär Joseph A. Hardy III auf Barney aufmerksam wurde, bot er ihm ein atemberaubendes Honorar für eine Reihe von Skulpturen – die größten davon ein Paar fast acht Meter hohe Hirsche – für seinen PGA-Golfplatz. Barney fertigte ein kleines Tonmodell an, Hardy flog nach New York und sie schüttelten sich die Hände.

Dann änderte sich alles. Bei Barneys Vater wurde Krebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert. Die Prognose: ein paar Wochen. Barney stand vor einer Entscheidung: den Auftrag seines Lebens anzunehmen oder die ihm verbleibende Zeit an der Seite seines Vaters zu verbringen. „Ich hatte mich mit Leib und Seele der künstlerischen Arbeit verschrieben“, sagt er. „Aber ich wusste, was das Wichtigste war.“ Er lehnte den Auftrag ab.

Barney verbrachte die letzten vier Monate seines Vaters als sein Pfleger. „Vielleicht hat nur er wirklich verstanden, was es mich kostete, meine Träume aufzugeben“, sagt er. „Wir kamen uns auf eine Weise näher, die ich mir nie hätte vorstellen können, und ich entdeckte, dass der Wert der Liebe zwischen Vater und Sohn jeden Traum und jede künstlerische Leistung bei weitem übertraf.“ Aus beruflicher Sicht „war es eine unkluge Entscheidung, aber wenn ich noch einmal vor der Wahl stünde, würde ich sie wieder treffen.“

Barney mit seinem Vater in der Töpferwerkstatt, 2002.

Nach dem tod seines Vaters im Jahr 2002 widmeten Barney und seine Frau Rhoda ihre Energie ihrer wachsenden Familie. Sie zogen mehrmals um, und Barney probierte andere Arbeiten aus, fernab von Stahl und Bronze. Im Jahr 2016 zogen sie in den Norden des Bundesstaates New York, um dort das Feriengelände einer Kirche auf mehreren hundert Hektar unberührter Natur zu betreuen. Barney fand sich wieder inmitten von Bären, Kojoten, Elchen, Fischen und Adlern, die seine kreative Arbeit inspiriert hatten.

Barney Boller, Marlin & Mahi-Mahi, Schwarzkirsche mit Sockel aus Weißkiefer. Fotos mit Genehmigung von 4Mile Carving Company

Seine Frau Rhoda riet Barney, sich im Kettensägen-Schnitzen zu versuchen. „Sie weiß, dass kreative Betätigung mir Frieden bringt“, sagt er. „Ich hatte Holzschnitzen immer für ein weniger anspruchsvolles Handwerk gehalten, aber ich wurde schnell eines Besseren belehrt. Anders als beim Formen mit Ton oder Metall schneidet man beim Schnitzen Material weg. Ein falscher Schnitt kann unmöglich zu korrigieren sein. Außerdem besteht ständig die Gefahr des Splitterns.“ Er blieb beharrlich, entschied sich dafür, sein eigenes Kirsch- und Eichenholz anstatt traditionelle weiche Schnitzhölzer zu verwenden, fügte mit Handwerkzeugen feine Details hinzu und entwickelte Verfahren, um Skulpturen zu trocknen und ein Splittern zu verhindern. Heute gewinnen Barneys Holzschnitzereien wieder Preise. Für ihn ist das jedoch nicht wichtig. „Ich sehe mich mehr als Handwerker denn als Künstler“, sagt er und fügt hinzu: „Aber vielleicht ist das ja ein und dasselbe, wenn man mit dem Herzen dabei ist. Die Möglichkeit, das, was in mir aufsteigt, dreidimensional zu gestalten, begeistert und motiviert mich immer wieder. Und wenn meine Anstrengungen anderen helfen können, die unnachahmliche Kunstfertigkeit des Schöpfers in der Schönheit der Natur tiefer zu schätzen, dann bin ich glücklich.“

Barney Boller, Hungarian Vizsla, Schwarzkirsche.