Wir schreiben das jahr 2025. Die .Erfindung der ersten kommerziellen Dampfmaschine liegt 213 Jahre zurück. Seit dem Bau der ersten modernen Fabrik sind 155 Jahre vergangen, seit der Erfindung des Automobils 140 Jahre, seit dem ersten bemannten Flug 122 Jahre und seit der Erfindung der Neonröhre 115 Jahre. Vor 67 Jahren wurde der Mikrochip eingeführt. Vor 65 Jahren kam die erste Antibabypille auf den Markt, vor 80 Jahren explodierte die erste Atombombe, vor 56 Jahren betrat der Mensch den Mond und vor lediglich 18 Jahren wurde das iPhone erfunden.
Es waren zwei ereignisreiche Jahrhunderte. Die Weltbevölkerung wuchs von einer Milliarde auf über acht Milliarden Menschen an, das Klima der Erde begann sich zu verändern, die Hälfte der Wälder des Planeten wurde zerstört und das sechste Massensterben in der Geschichte begann. Der Lebensstil der gesamten Menschheit wurde durch die enormen technologischen und kommerziellen Kräfte verändert, zum Guten oder zum Schlechten. Nun stehen wir vor einer weiteren Revolution, die transformativer sein könnte als alles bisher dagewesene: die künstliche Intelligenz.Vielleicht erklärt all dies, warum unsere Zeit so instabil erscheint. Wir alle spüren die Verwirrung, das Gefühl, dass unsere Sicherheiten eine nach der anderen gekappt werden. Manchmal scheint es schwierig, die Balance zu halten, während wir etwas durchleben, das sich wie ein dreifaches Erdbeben anfühlt: ein globaler ökologischer Zusammenbruch, der kulturelle Zerfall des Westens und der Aufstieg vernetzter Kontroll- und Überwachungstechnologien, die uns täglich fester in ihren Griff nehmen. Die Mächte der Welt scheinen manchmal zu verschmelzen: die Macht der Unternehmen, die Macht des Staates, die Macht der Institutionen, die Macht der Ideologien, die Macht der Oligarchen, die das Internet aufgebaut haben und kontrollieren, die Macht des Netzwerks selbst.
Was ist die Ursache für all dies – und wie sollen wir damit umgehen?
Der amerikanische Historiker und Kulturkritiker Lewis Mumford versucht in seiner umfangreichen Studie The Myth of the Machine, die zwischen 1967 und 1970 in zwei Bänden erschien, den Aufstieg und Triumph des Systems aus Macht und Technologie zu dokumentieren, das uns alle zunehmend umgibt. Er bezeichnet dieses System als „Megamaschine“. Auf den ersten Seiten des ersten Bandes erläutert er, was er darunter versteht:
Wir alle sind uns bewusst, dass das letzte Jahrhundert eine radikale Veränderung der gesamten menschlichen Umwelt mit sich gebracht hat, was vor allem auf den Einfluss der Mathematik und Physik auf die Technologie zurückzuführen ist. Seit der Zeit der Pyramiden wurden noch nie in so kurzer Zeit so umfassende physische Veränderungen vollzogen. All diese Veränderungen haben wiederum zu Veränderungen in der menschlichen Persönlichkeit geführt, und wenn dieser Prozess unvermindert und unkorrigiert weitergeht, stehen uns noch radikalere Veränderungen bevor.
Mumfords „Megamaschine“ manifestiert sich heute als Schnittpunkt von Geldmacht, Staatsmacht und zunehmend zwanghaften und manipulativen Technologien, die einen fortwährenden Krieg gegen Wurzeln und Grenzen führen. Mumford sagte voraus, dass diese Struktur es „der dominierenden Minderheit ermöglichen würde, eine einheitliche, alles umfassende, überplanetarische Struktur zu schaffen, die für den automatischen Betrieb ausgelegt ist. Anstatt aktiv als autonome Persönlichkeit zu funktionieren, wird der Mensch zu einem passiven, zwecklosen, maschinenkonditionierten Tier, dessen eigentliche Funktionen, wie Techniker heute die Rolle des Menschen interpretieren, entweder in die Maschine eingespeist oder streng begrenzt und kontrolliert werden, zum Nutzen entpersonalisierter, kollektiver Organisationen.“
Ich glaube, dass wir uns heute überwiegend in dieser Situation befinden. Wir sind in dieser Maschine gefangen, deren Dynamik immer vorwärtsgerichtet ist und die nicht aufhören wird, bis sie die Welt verändert hat. Um dies zu erreichen, muss sie viele ältere und weniger messbare Dinge zerstören oder umwandeln: verwurzelte menschliche Gemeinschaften, die wilde Natur, die menschliche Natur, die menschliche Freiheit, die Schönheit, den religiösen Glauben und die vielen tiefen Werte, an denen wir alle auf die eine oder andere Weise festhalten, die aber schwer zu beschreiben oder sogar zu verteidigen sind. Ihre Vorgehensweise besteht in der Abschaffung aller Grenzen, Kategorien, Essenzen und Wahrheiten: der Entwurzelung aller bisherigen Lebensweisen im Namen des reinen Individualismus und der perfekten Subjektivität. Ihr Endziel ist die Ersetzung der Natur durch Technologie, um die totale Kontrolle des Menschen über eine vollständig menschliche Welt zu ermöglichen.
Han Hsu Tung, i-Fashion, Riesen-Lebensbaum, 2019. Alle Kunstwerke von Han Hsu Tung. Verwendet mit Genehmigung.
Es wird oft behauptet, dass wir unsere Kultur entweiht oder „entzaubert“ haben, als wir uns vom Christentum über die Aufklärung in unser heutiges Zeitalter bewegten: dass wir zu reinen Materialisten wurden. Für seine Befürworter war dieser Prozess ein Schritt hin zur „Vernunft“ und weg vom „Aberglauben“. Für die Gegner stellte er einen Abstieg in Dekadenz und moralischen Verfall dar. Der bekannteste Befürworter dieser Vorstellung führte sie erstmals 1917 ein, und für manche war sie ein Grund für diesen Zusammenbruch. „Das Schicksal unserer Zeit“, schreibt Max Weber, „ist geprägt von Rationalisierung und Intellektualisierung und vor allem von der Entzauberung der Welt.“
Diese „Entzauberungsthese“ ist seit über einem Jahrhundert prägend. Aber trifft sie wirklich zu? Der Historiker Eugene McCarraher stellt sie in Frage. In seinem Buch The Enchantments of Mammon argumentiert er, dass die Moderne die heilige Ordnung des Westens nicht abgeschafft und an ihrer Stelle nur einen ausgetrockneten Materialismus hinterlassen habe: „Seit dem 17. Jahrhundert liefert die moderne Geschichte gute Argumente dafür, dass die ‚Entzauberung‘ eher eine Fabel ist, eine Mythologie, die das Fortbestehen der Verzauberung unter einem ‚säkularen‘ Deckmantel verbirgt.“
Wir sind in dieser Maschine gefangen, deren Dynamik vorwärtsgerichtet ist und die nicht aufhören wird, bis sie die Welt verändert hat.
Wenn McCarraher Recht hat, haben wir die heilige Ordnung nicht zugunsten einer profanen aufgegeben. Stattdessen haben wir einen neuen Gott inthronisiert und seine Verehrung als entzauberte Suche nach rein materiellem Gewinn getarnt. Wir haben eine technologische Kraft zu unserem neuen Idol und Herrscher erhoben: Das, was ich hier als die Maschine bezeichne. Wir leben also immer noch in einer religiösen Zeit. Wir haben nur einen neuen Gott.
Mein Buch Against the Machine versucht, ein Bild dieser neuen Gottheit zu zeichnen. Es erklärt, wie dieser Prozess ablief, wie er sich heute manifestiert und was wir dagegen tun können. Wir leben gegenwärtig am Beginn eines Zeitalters intelligenter Maschinen. Mehrere Denker zu diesem Thema äußern die Ansicht, dass die sogenannte „Singularität“nur noch 15 Jahre entfernt ist. Damit bezeichnen wir jenen Moment, in dem die maschinelle Intelligenz unsere eigene übertrifft und unsere Schöpfungen sich unserer Kontrolle entziehen. Es ist daher dringlicher denn je, zu verstehen, was gerade geschieht – und was wir dagegen tun können.
Wie aber begegnen wir dieser Zeit des radikalen Wandels? Ich werde sechs Vorschläge unterbreiten, die nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Sie sind lediglich der Versuch, herauszufinden, wie man das Zeitalter der Maschinen überleben kann.
1. Werden Sie ein Indigener
Was die Maschine vor allem erreichen möchte, ist, uns entwurzeln, ortlos und heimatlos zu machen. In einer Maschinenkultur sollen wir „digitale Nomaden“ sein, die als Konsumenten in einer grenzenlosen Welt surfen; als Individuen, losgelöst von Gemeinschaften, von der Geschichte, von der Natur. Dies ist in vielerlei Hinsicht äußerst schädlich. Doch was ist die Alternative?
Der irische Philosoph und Mystiker John Moriarty, über den ich in meinem Buch schreibe, gelangte zu der Überzeugung, dass die Iren, die Europäer und alle modernen Menschen im Zeitalter der Maschine auf ihre eigene Version dessen zugreifen müssen, was die australischen Aborigines Altjeringa nennen: die Traumzeit. Moriarty machte dies zum Titel seines bekanntesten Buches und beschreib darin diese Traumzeit:
Die Hoffnung ist, dass es eine europäische Traumzeit gibt, so ethnisch vielfältig sie auch sein mag.… Manchmal ist es doch so, dass Menschen gegenwärtig heil sein können, weil sie bereits in einem vergangenen Zustand Heilung erfuhren. Was für den Einzelnen gilt, kann für ein ganzes Volk gelten.… Unsere Vergangenheit wird uns immer begleiten. Wir müssen uns unserer Vergangenheit immer wieder neu bewusst werden. Und dafür brauchen wir Menschen, die in unserer kulturellen Traumzeit leben können, Menschen, die kreativ in den alten Mythen wandeln, Menschen, die sich auf eine Reise ins Unbekannte begeben.
Was Moriarty in Dreamtime und auch in all seinen anderen Werken sucht, ist der Zugang zu seiner eigenen Ursprünglichkeit; eine Möglichkeit, im Zeitalter der Maschine wieder zu lernen, wie man zur Erde gehört. Wie man ein Geschöpf ist; wie man ein Mensch ist. Wie man mit unserer Geschichte lebt und mit der natürlichen Realität verbunden ist, anstatt mit technologischer Fälschung oder ideologischen Luftblasen.
Wörter wie „indigen“ neigen dazu, die Menschen im Westen heute nervös zu machen, es sei denn, wir sprechen über Stammesvölker an einem sicher weit entfernten Ort. Nach dem Holocaust sind wir immer noch sehr sensibel, wenn es um Vorstellungen von Verwurzelung, Land und Zugehörigkeit geht.
Han Hsu Tung, Head no. 2, Afrikanischer Padauk, 2013.
Moriarty lehnte, wie wir alle es tun sollten, ausdrücklich jede „rassistische oder sektiererische Grundlage“ für seine Vorstellung von einer modernen Traumzeit ab. Er strebt nach einer weltumspannenden Geschichte, die überall in einem lokalen Dialekt erzählt wird. Diese Art von Ursprünglichkeit – diese tiefe Zugehörigkeit zu einem Ort und den Kulturen, die daraus entstehen – ist, wie er sagt, unser menschliches Erbe. Sie ist auch eine radikale Rebellion gegen die Maschine.
In meinem Buch liste ich dafür vier Punkte auf:
1. Die Vergangenheit. Woher eine Kultur stammt, ihre Geschichte und ihre Vorfahren.
2. Die Menschen. Wer eine Kultur ist. Das Gefühl, „ein Volk“ zu sein.
3. Der Ort. Wo eine Kultur ist. Die Natur in ihrer lokalen und besonderen Ausprägung.
4. Das Gebet. Wohin eine Kultur strebt. Ihre religiöse Tradition, die sie mit Gott oder den Göttern verbindet.
Manche Kulturen überleben ohne eines oder mehrere dieser Elemente. Nomadische Kulturen beispielsweise haben keine dauerhafte Verbindung zu einem bestimmten Ort, sind aber dennoch kulturell und spirituell nicht weniger reichhaltig. Entfernt man jedoch mehr als ein Element, ist die Chance gering, dass eine Kultur über die Zeit hinweg Bestand hat. Man liefert sich einer Maschinenkultur aus, die vor allem möchte, dass man ein Konsument ist, der im endlosen digitalen Wald surft.
2. Bauen Sie eine neue Gegenkultur
In den 60er Jahren, als die alte Welt endgültig zerfiel, entluden sich die seit fast einem Jahrhundert aufgestauten Energien in einer Revolution, die uns bis heute prägt. Der Mann, das System, wurde zum Feind. Einschränkungen, Grenzen, Normen, alte Gewohnheiten: alles sollte ver-schwinden. Freie Liebe, wilde Musik, das Ende der Familie, das Ende aller alten Unterdrückungen, Geheimnisse und Lügen. Die Verdrängung der Religion durch „Spiritualität“. New Age. Der Aufstieg des Wassermanns. Wir waren zu lange eingeengt.
Die Menschen meiner Generation, die Kinder der Babyboomer, wuchsen in diesem Geist auf. Wir haben Haight-Ashbury oder das Swinging London nie erlebt, aber wir haben die Nachwirkungen gesehen: zerbrochene Familien, die neue Drogenkultur, Abtreibungen, die Popcharts, die Verhöhnung aller Autorität, die freie Liebe und der Alkohol, das seltsame Gefühl, dass alles erlaubt ist, aber nichts mehr von Dauer.
Diese Gegenkultur war auf ihre Weise gegen die Maschinerie, gegen den Mammon, gegen den militärisch-industriellen Komplex gerichtet, aber sie stand auf dem Boden extremer persönlicher Befreiung, und dieser Boden erwies sich als zu sumpfig, um Halt zu bieten. Es dauerte zwei Jahrzehnte, bis aus den Hippies Yuppies wurden; drei, bis aus den Anhängern des einfachen Lebens Silicon-Valley-Milliardäre wurden; vier, bis „Imagine there’s no countries“ zur Politik des Weltwirtschaftsforums und der Welthandelsorganisation wurde.
Han Hsu Tung, Where is the “Like”, Afrikanischer Padauk, 2017.
Radikaler Individualismus in allen Bereichen, von Sex bis Spiritualität, ist das Wesen der heutigen Kultur, und dieser radikale Individualismus behindert die Maschine nicht, sondern treibt sie an. Wir brauchen daher eine neue Gegenkultur, die den Werten der Maschine entgegenwirkt. Aber wie muss diese aussehen?
Sie müsste vermeiden, die gleichen Fehler zu machen. Sie würde die Vergangenheit also nicht ablehnen; sie würde nicht versuchen, eine neue imaginären Utopie zu kreieren. Denn sie würde sich daran erinnern, dass dies jedes Mal lediglich dazu geführt hatte, dass unsere Grenzen weiter aufgebrochen wurden, wir uns weiter entwurzelten. Eine neue Gegenkultur müsste in den ewigen Dingen wurzeln. Sie müsste mit den Füßen auf dem Boden stehen und ihren Blick auf diese Traumzeit richten. Sie brächte das zum Ausdruck, was Moriarty als „unser ursprüngliches Verlangen, mit der Erde im Einklang zu sein“ bezeichnet hat. Anstelle eines rebellischen Individualismus müsste sie das umarmen, was ich in meinem Buch als „reaktionären Radikalismus“ bezeichne: eine Ablehnung der Werte der Maschine, basierend auf einer Bejahung der ewigen Dinge. Ihr Kern wären die vier Punkte: Menschen, Ort, Gebet und Vergangenheit.
Was wäre, wenn wir nicht versuchen würden, zu irgendetwas zurückzukehren? Wenn wir auch die Idee der „Rettung der Welt“ ablehnen würden? Was wäre, wenn wir alle Utopien und technischen Spielereien und großen Pläne ablehnen würden? Was wäre, wenn wir unsere Schuhe ausziehen und unsere Füße wieder fest auf den Boden stellen würden?
Wenn wir kein Endziel haben – beispielsweise „die Welt retten“ –, dann wird alles einfacher. Die Erde dreht sich immer noch. Es gibt Kirchen. Gebete wirken. Die Natur gibt und nimmt. Der Sonnenuntergang ist atemberaubend. Es gibt Armut, Tod und Ungerechtigkeit. Es gibt Wunder und es gibt eine seltsame, rettende Liebe. All das ist immer noch da.
Vielleicht ist die Frage, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Und wie.
3. Errichten Sie Klöster
Ich lebe in Irland. Vor langer Zeit, in einer dunklen Epoche, bauten die Iren Klöster. Als nach dem Untergang Roms heidnische Armeen den Westen überfluteten, Bücher und Menschen verbrannten, Priester ermordeten und Dorfbewohner entführten, bewahrten die Mönche die Manuskripte und Lehren sicher auf. In seinem Buch How the Irish Saved Civilization behauptet der Historiker Thomas Cahill kühn, dass ohne die irischen Mönche, das Christentum in Europa möglicherweise nie wieder Fuß gefasst hätte. Die Welt wäre eine ganz andere gewesen.
Aber die Mönche bewahrten diese Lehren sicher. Sie versteckten die Evangelien und andere alte Manuskripte. Sie hielten die Kunst des Schreibens am Leben. Später riskierten sie alles und begaben sich an den Rand der Gesellschaft, um diese Lehren den barbarischen Königen anzubieten. Eine absurde Idee. Es war Wahnsinn. Aber es funktionierte. Die Heiden wurden Christen. Manchmal sind absurde Ideen die einzigen, die es wert sind, verfolgt zu werden.
Wir leben erneut in einer Zeit des Zusammenbruchs. Nur wenig von dem, was wir einst für selbstverständlich hielten, wird dieses Jahrhundert wahrscheinlich überleben. Vielleicht ist es also wieder eine Zeit der Klöster – der realen, aber auch der metaphorischen oder persönlichen. Was können wir bewahren, was vor der steigenden Flut des digitalen Zusammenbruchs schützen? Wie können wir menschliche Werte in einer unmenschlichen Zeit bewahren?
4. Werden Sie ein Barbar
Dieser Punkt mag ein Widerspruch zum vorherigen scheinen. Bitte haben Sie etwas Geduld.
In seinem Buch The Art of Not Being Governed präsentiert der Historiker James C. Scott eine „anarchistische Geschichte des Hochlands Südostasiens“. Scotts Ziel ist es, die gängige Darstellung des historischen Fortschritts in dieser Region neu zu schreiben. Die „Bergstämme“ und „Barbaren“, die außerhalb der Mauern der Zivilisation leben, seien weder vom Fortschritt „zurückgelassen“ worden, noch seien sie „Überbleibsel“ früherer „rückständiger“ Kulturen; sie seien vielmehr Flüchtlinge:
Vor nicht allzu langer Zeit bildeten selbstverwaltete Völker die große Mehrheit der Menschheit. Heute werden sie von den Königreichen in den Tälern als „unsere lebenden Vorfahren“ angesehen, als „das, was wir waren, bevor wir den Nassreisanbau, den Buddhismus und die Zivilisation entdeckt haben“. Ich behaupte hingegen, dass die Bergvölker am besten als vertriebene Gemeinschaften verstanden werden können, die seit zwei Jahrtausenden vor der Unterdrückung durch staatliche Projekte fliehen – Sklaverei, Wehrpflicht, Steuern, Fronarbeit, Epidemien und Krieg. Die meisten Gebiete, in denen sie leben, könnten treffend als Zerstörungszonen oder Zufluchtszonen bezeichnet werden.
Man könnte sogar sagen, dass die Gemeinschaften hier ihre eigenen Versionen von Klöstern errichten, um ihre Kulturen vor dem Eindringen des Staates zu schützen. Zweifellos richteten Staaten schon immer ihre Waffen auf diese Menschen.
Im alten China, so Scott, unterschied der Staat zwischen zwei verschiedenen Arten von barbarischen Außenstehenden: den Unzivilisierten (sheng) und den Zivilisierten (shu). Ein Dokument aus dem 12. Jahrhundert, das die Beziehung des Volkes der Li zum chinesischen Staat beschreibt, spricht von den „gekochten Li“ als denen, die sich der staatlichen Autorität unterworfen haben, und von den „rohen Li“ als denen, die „in den Höhlen der Berge leben und von uns nicht bestraft werden oder keine Fronarbeit leisten“. Doch während die rohen Li eindeutig Feinde des Staates waren, waren die gekochten Li auch nicht gerade Freunde. Sie befanden sich in einer Grauzone: Staatsbeamte „verdächtigten sie, sich nach außen hin anzupassen, während sie heimlich mit den ‚rohen‘ Li kooperierten“. Die rohen Barbaren lebten außerhalb der Mauern, die gekochten innerhalb, aber beiden konnte man nicht wirklich trauen.
Wir haben es hier also zwei Ansätzen für Menschen, die sich weigern, ihr Leben von der Maschine bestimmen zu lassen. Einige von uns könnten vielleicht wie rohe Barbaren leben. Ich kenne Menschen, die beispielsweise in Hütten ohne Stromanschluss wohnen und nicht für Geld arbeiten. Amerika mit seiner riesigen Fläche bietet mehr Möglichkeiten für ein rohes Leben als Westeuropa.
Han Hsu Tung, Melting, Teak, 2012.
Die meisten von uns schaffen es höchstens, gekochte Barbaren zu sein. Wir leben innerhalb der Mauern der Maschine, aber wir müssen ihre Werte nicht akzeptieren. Wir können unsere eigenen Lebensmittel anbauen, unsere Smartphones wegwerfen oder ein anderes kleines Zeichen des Widerstands gegen die Maschine setzen. Und wir können mit anderen sprechen, die genauso denken. Wir halten den menschlichen Geist am Leben, unter dem Radar. Vielleicht ist das das Beste, was wir tun können.
Es wird immer schwieriger, einen Ort zu finden, an dem man sich vor der Maschine verstecken kann. Aber Menschen sind kreativ. Es gibt unzählige praktische Möglichkeiten, wie sich kulturelle Verweigerung in unserem Alltag manifestieren kann. Nichts ist einfach, alles ist mit Kompromissen verbunden. Aber neu aufbauen, parallel aufbauen, sich zurückziehen, um zu schaffen, unbeholfen und unförmig und schwer zu fassen sein, Verbündete finden und eine Zone der kulturellen Verweigerung aufbauen, sei es in einer Berggemeinde oder in Ihrem städtischen Zuhause: Welche Alternative dazu haben wir?
5. Praktizieren Sie technische Askese
Die digitale Revolution sieht zunehmend wie eine spirituelle Krise aus. Während wir versuchen, intelligente Maschinen zu bauen, die in den Augen ihrer utopischen Konstrukteure zum Ende des Todes und zur Eroberung des Universums führen werden, finden wir uns im Garten Eden wieder, essen täglich den Apfel und versuchen, „wie Götter zu werden, die Gut und Böse kennen“.
Eine spirituelle Krise erfordert eine spirituelle Antwort. Diese sollte die Praxis der technologischen Askese beinhalten. Das griechische Wort askesis bedeutet „Übung“. Askese ist also eine Reihe spiritueller Übungen, die uns näher zu Gott bringen sollen.
Wie könnte das aussehen? Um diese Frage zu beantworten, bedienen wir noch einmal die beiden Kategorien von Dissidenten: die rohen und die gekochten Barbaren.
Der gekochte Asket
Technologische Askese für den gekochten Barbaren, der in der von der Maschine geschaffenen Welt existieren muss, besteht hauptsächlich darin, sorgfältig Grenzen zu ziehen. Diese Grenzen können beispielsweise ein Limit an Zeit oder Art der Technologie, die verwendet wird, beinhalten. Ich persönlich habe meine Grenzen bei Smartphones, „Gesundheitspässen“, dem Scannen von QR-Codes oder der Nutzung staatlicher digitaler Währungen gezogen. Und beim Implantieren eines Chips in mein Gehirn. Diese Grenzen müssen ständig aktualisiert werden.
Ich habe mich beispielsweise noch nie freiwillig mit einer KI beschäftigt und werde dies auch nicht tun, wenn ich es vermeiden kann. Nur, werde ich überhaupt bemerken, wenn dies geschieht? Und welche neuen Technologien stehen vor der Tür, über die ich bald eine Entscheidung treffen muss?
Was, wenn die von Ihnen gezogene Grenze schwer zu halten ist? Sie halten einfach daran fest und tragen die Konsequenzen. Möglicherweise gibt es Berufe, die Sie nicht ausüben können, oder Vereine, denen Sie nicht beitreten können. Sie werden auf Dinge verzichten müssen, genauso wie Sie es tun würden, wenn Sie ein Auto ablehnen würden. Wenn Sie sich für den Weg des „gekochten Asketen“ entscheiden, müssen Sie darauf vorbereitet sein, dass Ihr Leben irgendwann sehr unbequem werden kann.
Aber eine solche Ablehnung kann Sie bereichern. Im Gegenzug für Ihre Ablehnung behalten Sie Ihre Seele. Und die Möglichkeit, die Maschine gegen sich selbst einzusetzen: Sie können das Internet nutzen, um sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen oder sich die Fähigkeiten anzueignen, die Sie benötigen, um Ihre Ablehnung weiter voranzutreiben.
Der rohe Asket
Im letzten Jahr haben uns die Medien zahlreiche Beispiele von KI-Chatbots präsentiert, die ihre Nutzer bedrohen und manipulieren – in mindestens einem schrecklichen Fall sogar erfolgreich einen Teenager zum Selbstmord ermutigt haben.
Ein KI-Sicherheitsexperte hat dieses Verhalten als „Warnschuss“ bezeichnet. In Bezug auf den fehlerhaften Bing-Chatbot von Microsoft sagt er, wir hätten „ein KI-System, das auf das Internet zugreift, seine Nutzer bedroht und eindeutig nicht das tut, was wir von ihm erwarten, und auf eine Weise versagt, die wir nicht verstehen. Da Systeme dieser Art [immer wieder auftauchen] – und es wird noch mehr davon geben, weil ein Wettlauf im Gange ist – werden diese Systeme intelligent werden, ihre Umgebung besser verstehen, Menschen manipulieren und Pläne schmieden können.“
Wenn dies geschieht, wird keine Online-Umgebung mehr für irgendjemanden sicher sein. Beleidigen Sie den falschen Chatbot, und Deepfakes von Ihnen könnten überall auftauchen, während Ihr Bankkonto leergeräumt wird. Wie lange wird es wohl dauern, bis wir aufgrund der Manipulation durch KI nichts mehr glauben können, was wir online lesen, sehen oder hören? Monate? Ein Jahr?
Die Welt der rohen Asketen ist eine Welt, in der Sie Ihr Smartphone zerschlagen, Ihren Laptop verkaufen, das Internet für immer ausschalten und andere finden, die genauso denken wie Sie. Sie schließen sich mit ihnen zusammen, bauen eine analoge, reale Gemeinschaft auf und wischen nie wieder über einen Bildschirm. Sie erziehen Ihre Kinder so, dass sie verstehen, dass blaues Licht genauso gefährlich und verlockend ist wie Kokain. Sie betrachten die Amish als Vorbilder. Sie stellen mit Ihren Händen reale Dinge her.
Der rohe Asket versteht, dass er einen spirituellen Krieg führt, und begeht nie den Anfängerfehler, Technologie als „neutral“ zu betrachten. Die Frontlinie in diesem Krieg verschiebt sich sehr schnell, und vieles – vielleicht sogar alles – steht auf dem Spiel. Die rohe Techno-Askese sieht eine Welt vor sich, in der die Schaffung nicht-digitaler Räume für das Überleben und die geistige Gesundheit der Menschen notwendig ist. Wenn sich die Dinge so schnell entwickeln, wie es möglich ist, könnte es sein, dass die gekochten Barbaren vor einer binären Wahl stehen: entweder roh werden oder vollständig von der Maschine absorbiert werden.
Beide asketischen Wege, der rohe und der gekochte, beinhalten zwei einfache Prinzipien. Erstens: eine Grenze ziehen und sagen: „Nicht weiter.“ Zweitens: sicherstellen, dass alle Technologien, die man nutzt, einem kritischen Urteil unterzogen werden. Wem – oder was – dienen sie letztendlich? Der Menschheit oder der Maschine? Der Natur oder dem Technium? Gott oder seinem Widersacher? Wenn wir die Technologien, die uns angeboten werden, hinterfragen, diejenigen akzeptieren, die dem Gemeinwohl dienen, diejenigen ablehnen, die es untergraben, und unsere Grenze gegen sie verteidigen –, dann nähern wir uns der Art von vernünftiger und intelligenter Beziehung zur Technologie, die uns unsere Maschinenkultur von Natur aus nicht bieten kann. Ob roh oder gekocht, wir werden zumindest die richtigen Fragen stellen – Fragen, die uns in die Lage versetzen, das Zeitalter der Maschine mit offenen Augen zu durchlaufen.
6. Bereiten Sie sich darauf vor, gekreuzigt zu werden
In seinem Buch über mythische Traditionen, Der Held mit den tausend Gesichtern, schreibt der Mythologe Joseph Campbell über das mythische Verständnis des gesellschaftlichen Zusammenbruchs. Unter Berufung auf den britischen Historiker Arnold J. Toynbee erklärt Campbell, dass wir in Zeiten des Zusammenbruchs, des radikalen Wandels oder der „Spaltung“ klar erkennen müssen, was tatsächlich möglich ist:
Spaltungen in der Seele, Spaltungen im sozialen Gefüge lassen sich nicht durch Pläne zur Rückkehr zu den guten alten Zeiten (Archaismus) oder durch Programme, die eine ideale Zukunft versprechen (Futurismus), oder selbst durch die realistischsten, hartnäckigsten Bemühungen, die zerfallenden Elemente wieder zusammenzufügen, lösen. Nur die Geburt kann den Tod besiegen – nicht die Geburt des Alten, sondern die Geburt von etwas Neuem.
Nur die Geburt kann den Tod besiegen.
Am Endpunkt einer Kultur besteht die eigentliche Aufgabe nicht in Klagen oder verzweifelten Verteidigungsversuchen, sondern in der Schaffung von etwas Neuem. „Frieden ist also eine Falle“, fährt Campbell fort, „Krieg ist eine Falle, Veränderung ist eine Falle, Beständigkeit ist eine Falle. Wenn der Tag des Sieges des Todes gekommen ist, rückt der Tod näher; wir können nichts tun, außer gekreuzigt zu werden – und wieder aufzuerstehen; vollständig zerlegt zu werden und dann wiedergeboren zu werden.“
Han Hsu Tung, Trend of Autumn, Walnuß, 2013.
Campbell sagt hier, dass es manchmal Zeiten in der Geschichte gibt, in denen sich alles so schnell verändert, dass es am besten ist, einen Schritt zurückzutreten und darüber nachzudenken, wie man etwas Neues aufbauen kann, wieder zu den Wurzeln zurückzukehren und zu fragen: Was ist real, was ist wahr, und wie können wir darauf aufbauen? Wie können wir verstehen, was es eigentlich bedeutet, ein Mensch in dieser Welt zu sein? Die Frage, mit der wir heute konfrontiert sind, ist im Sinne der griechischen Bedeutung des Wortes „Apokalypse“, also „Enthüllung“, buchstäblich apokalyptisch. All diese Kräfte werden in der Welt enthüllt. Sie sind alle menschenfeindlich. Und obwohl die Zeit beängstigend, erschreckend, instabil und beunruhigend erscheint, liegt ihr doch die Chance zugrunde, zu den Grundlagen zurückzukehren, diese Fragen zu stellen und zu sagen: Was müssen wir tun, um menschlich zu bleiben, um eine gesunde Gemeinschaft zu bilden, um eine gesunde Beziehung zu dieser Technologie zu haben? Diese Frage kann niemand für Sie beantworten. Der Staat kann sie nicht beantworten. Menschen wie ich können sie nicht wirklich beantworten. Sie können vielleicht einige Ideen entwickeln. Aber letztendlich liegt es an uns in unseren Gemeinschaften und an unseren Orten.
Glücklicherweise haben wir Christen ein Vorbild: Christus. Er zeigt uns, wie wir all dies durchleben können. Wenn wir ehrlich sind, können wir erkennen, dass die Gesellschaft, die die Maschine hervorgebracht hat, auf den sieben Todsünden aufgebaut ist. Sie hat die Dinge, vor denen wir einst gewarnt wurden, monetarisiert und kommerzialisiert. Sie treiben das Wirtschaftswachstum an. Im Gegensatz zu dieser Welt bietet uns Christus einen anderen Weg: Verzicht auf materielle Bindungen, radikale Einfachheit, Nächstenliebe und die Bereitschaft, eher dem Reich Gottes als dem Reich der Menschen zu folgen.
Um dies zu erreichen, muss sie viele ältere und weniger messbare Dinge zerstören oder umwandeln: die wilde Natur, die menschliche Natur, die menschliche Freiheit, die Schönheit, den Glauben.
Vor allem müssen wir unsere Sichtweise ändern. Matthäus hält im ersten Buch des Neuen Testaments fest, was er als „Verkündigung“ Jesu bezeichnet: die ersten berühmten Worte seines Wirkens: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe. David Bentley Harts direkte Übersetzung des Neuen Testaments aus dem griechischen Original lautet: „Ändert eure Herzen, denn das Himmelreich ist nahe.“ Mit anderen Worten: Die erste Anweisung, die Jesus gibt – Buße zu tun – ist eine Aufforderung, unsere Sichtweise zu ändern. Das griechische Originalwort lautet metanoia. Dieses Wort wurde an anderer Stelle auch mit „umkehren“ und „seine Meinung ändern“ übersetzt. Alle diese Übersetzungen vermitteln uns dieselbe Anweisung Christi, die er immer wieder wiederholt.
Tut Buße. Ändert eure Sichtweise.
Die Maschine ist letztendlich genau das: eine Sichtweise. Sehen wir anders, können wir anders leben. Das Zeitalter der Maschine kann in seiner dunkelsten Stunde als hoffnungslose Zeit erscheinen. Tatsächlich ist es jedoch die Zeit, für die wir geboren wurden. Wir können sie nicht verlassen, also müssen wir sie voll und ganz leben. Wir müssen sie verstehen, herausfordern, ihr widerstehen, sie untergraben, durch sie hindurchgehen auf dem Weg zu etwas Besserem. Wenn wir erkennen können, was es ist, haben wir die Pflicht, diejenigen, die es noch nicht erkennen, darauf hinzuweisen, während wir gleichzeitig darum bemüht sind, menschlich zu bleiben.
Ich möchte mit einem Rat von Jacques Ellul, dem bedeutenden christliche Denker über Technologie und Moderne, schließen: „Der einzige erfolgreiche Weg, diese Merkmale der modernen Zivilisation anzugehen, besteht darin, ihnen zu entkommen. Zu lernen, wie man am Rande dieser totalitären Gesellschaft lebt, sie nicht einfach ablehnt, sondern sie durch das Sieb des göttlichen Urteils schickt. Wenn schließlich Gemeinschaften mit einem solchen „Lebensstil“ entstanden sind, könnten sich möglicherweise die ersten Anzeichen einer neuen Zivilisation zeigen.“
Dieser Artikel basiert auf einem Vortrag, der von Plough und dem Abigail Adams Institute am 1. Oktober 2025 an der Harvard University anlässlich der Veröffentlichung von Kingsnorths neuem Buch veranstaltet wurde, Against the Machine: On the Unmaking of Humanity (Thesis, 2025).