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    bokeh light in forest

    Lázár

    von Hendrikje Machate

    Dienstag, 24. März 2026
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    Lázár | Roman | Nelio Biedermann | (Rowohlt, 313 Seiten)

    Wir folgen in dieser an der eigenen Familiengeschichte des kaum über zwanzigjährigen Schweizer Autors angelehnten Generationensaga einer ungarischen Baronenfamilie, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch alles Besitz- und Standesgemäße ihr Eigen nennt – von den üblichen familiären Schattenseiten einmal abgesehen –, um im Verlauf der Weltkriege und gesellschaftlich zersetzender Ideologien nahezu alles zu verlieren: Vermögen, Ansehen, Lebensführung, Identität. Wie ein Rauschen zieht das Jahrhundert an den Figuren vorbei, lässt sie auftauchen, verschwinden, sterben, ohne den meisten von ihnen je lange Halt zu geben.

    Dabei blitzen immer wieder wunderschöne, von Literaturkenntnis geprägte Details auf: Beobachtungen, Bemerkungen, poetische Miniaturen, die ebenso rasch vergehen, wie diese Familie zwischen den historischen Verwerfungen zerrieben wird. Das Buch stellt keine offensichtlichen Fragen und bietet keine Antworten; es erzählt – meist flüssig und mit bemerkenswerter Nonchalance. Wem das genügt, der kann anhand dieser Adelsfamilie den Topos vom Verfall des Feudalwesens einmal neu Revue passieren lassen. Totalitäre Systeme machen alle gleich und lassen keinen Anspruch auf „das Edle“ bestehen. Was bleibt, sind Tischmanieren, Namensdistinktion, Abkunftsnachweise – ein dünner Firnis über einer innerlich leeren Lebensführung, ohne tiefere Verankerung in Glaube oder moralischem Anspruch.

    Gerade weil man das Buch rasch und mühelos durchliest, bleibt man unschlüssig über seine langfristige Qualität. Man kann zur Kenntnis nehmen, dass die Filmrechte bereits veräußert wurden, dem jungen Autor zu seinem Erfolg gratulieren und ihm eine glänzende Zukunft prognostizieren – und dennoch bleibt erstaunlich wenig zurück, das über die Lektüre hinaus beschäftigt. Gewiss, es gibt skurrile Charaktere, phantastische Szenen, poetische Metaphern und moralische Ambiguität; doch es fehlt an Weite und an einer Vertiefung der aufgeworfenen Rätsel, die sich meist eher anekdotisch als symbolisch entfalten. Der Roman ist weder trivial noch bloße Unterhaltungsliteratur, aber Emotion, Zeitgeschichte und Charakterentwicklung werden überwiegend nur angerissen. Manche durchaus originell angelegte Figuren verblassen unakzentuiert im Hintergrund. Am stärksten ist der Roman dort, wo er die Grenze zum Phantastischen berührt, wo Traum und Trauma ineinander übergehen. Man fühlt sich bisweilen wie ein Voyeur in fremden Familienchroniken und Tagebüchern. Viele Figuren begegnen dem Leser nur flüchtig; der Eindruck, den sie hinterlassen, ist weniger psychologisch als atmosphärisch – ein Windhauch aus Absonderlichkeit und Gewöhnlichkeit.

    Lazar

    Seine Figuren suchen naiv nach einer leichten, nie versiegenden Liebe; ihre erotische Sehnsucht wirkt wie ein verzweifeltes Aufbegehren gegen den Tod. Eindrucksvoll ist schließlich, dass Biedermann sein Werk handschriftlich verfasst haben will – eine bewusste Abkehr von der Allgegenwärtigkeit des Digitalen seiner Generation. So souverän und empathisch er bereits schreibt, mag man ihn kaum kritisieren. Man erwartet nicht mehr von ihm, als er hier schon bietet, darf aber gespannt sein, ob er künftig dem Verlangsamen und dem Auskosten seiner Bilder und Gedanken mehr Raum gibt.

    Von Hendrikje Margareta Machate Hendrikje Machate

    Hendrikje Margareta Machate studierte Philosophie, Germanistik und Geschichte.

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