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Auge in Auge statt Zahn um Zahn
Der Verein SEEHAUS arbeitet mit jungen Straftätern im Strafvollzug in freien Formen, begleitet aber auch Opfer von Straftaten – wie geht das zusammen?
von Ulrich Weinhold
Dienstag, 24. März 2026
Sie nennen ihn „Mo“. Er hieß schon als Kind im Mittleren Osten oft „Mo“. Auch auf der Balkanroute, die ihn mit seiner Familie unter gefährlichen Umständen bis nach Deutschland führte. Er war „der Mo“ in der Erstaufnahmeeinrichtung – und bald auch auf den Straßen der Kleinstadt in Baden-Württemberg, die für Teenager mit „Duldung“ und wenig Sprachkenntnissen kaum Gutes bereithielt. Sie nannten ihn auch „Mo“, als sie ihn beschimpften, die Ehre seiner Familie und seiner Mutter verletzten. Als sie genau wussten, wie man ihn „triggert“. „Mo“ wurde zu einer Tat hingerissen, die so schnell stattgefunden hatte, dass er selbst in der U-Haft manche Nacht wach lag und sich fragte, wie er zu solch einem Angriff fähig gewesen war. War er „Mo“, das „Monster“?
Auch hier, im Seehaus im Jugendstrafvollzug in freien Formen, ist er „Mo“. Aber er beginnt, mehr an sich zu sehen. Weil er gesehen wird. Weil man sich mit ihm als Mensch abgibt, ihm, der viel zu oft mit seinem Messer angegeben hatte. Aus der Justizvollzugsanstalt Adelsheim, der zentralen Jugendhafteinrichtung für Baden-Württemberg mit fast 400 Insassen, ist er einer von 20 Jugendlichen, die ins Seehaus dürfen. Er darf mit sechs anderen jugendlichen Strafgefangenen bei einer Familie mit ihren Kindern leben – in Wohngruppen mit FSJ-lern, Dualen „Studis“ und vielen Ehrenamtlichen, die mit ihm nach Feierabend Kurse oder Sport machen: so darf er lernen, Verantwortung für die mehr als 30 Rinder zu übernehmen, die inzwischen auch zur Biohof-Arbeit des Seehaus e.V. gehören.
Foto zur Verfügung gestellt von Ulrich Weinhold. Verwendet mit Genehmigung.
Auch Monika wird von ihren Freundinnen „Mo“ genannt. Sie war lebenslustig, eine sportliche junge Frau: eigener Friseursalon, großartige Wohnung, Skiurlaub und Flugreisen. Ein attraktiver Mann an ihrer Seite, der vom Heiraten und einer gemeinsamen Zukunft sprach. Bis an einem einzigen Sommerabend alles anders wurde. Sie wollte eigentlich nur schnell tanken, dann weiter zum Baggersee, wo ihre Freundinnen schon warteten: „Mädelsabend“ mit einem Aperol-Spritz, bisschen Baden, ein schöner mediterraner Imbiss, einfach mal abschalten.
Super gezapft, Auto abgesperrt, in den Shop zum Bezahlen. Den Mann mit Helm nimmt „Mo“ nicht wahr. Als sie an der Kasse gerade die Mastercard an das Lesegerät hält, spürt sie etwas rundes Kaltes am Rücken. Jemand mit merkwürdig gedämpfter Stimme fordert das Bargeld aus der Kasse. Der junge Mann im Tank-Shop bekommt Panik, es wird laut. Monika realisiert, dass in diesen Sekunden ihr Leben enden könnten. Sie bekommt Angst, wahnsinnige Angst. „Mo“ sieht sich selbst: von oben in der Ecke des Ladens schaut sie herab auf die attraktive junge Frau, die jetzt mit angstverzerrtem Gesicht am Tresen steht. Sieht hinter sich diesen Typ in schwarzen Lederklamotten, mit einer Pistole an ihrem Rücken und einer Sporttasche in der anderen Hand. Und diesem schwarzen Motorradhelm, den sie nie wieder vergessen wird.
Im Seehaus begegnen sich Opfer und Täter. Opfer von Straftaten, die in den sechs Opferberatungsbüros rund um Stuttgart traumasensibel beraten wurden, erhalten die Möglichkeit, ihre Erlebnisse aufzuarbeiten. Bekommen die Chance, Täter von Straftaten damit zu konfrontieren, was sich nach der Straftat alles verändert. Wenn man wie Monika wegen des Schocks den Friseursalon wochenlang nicht öffnen kann. Wenn man nicht mehr ohne Angst zur Tankstelle fahren kann. Am meisten tut „Mo“ weh, dass viele Leute sagen, sie hätte doch Glück gehabt: es sei ihr doch gar nichts passiert. „Sekundärviktimisierung“ heißt das unter Fachleuten, hat sie in den Vorbereitungstreffen gelernt. Nur wenige ahnen, dass ihre schwere Traumatisierung auch ihre Beziehung belastet. Ihr Freund hat sich zurückgezogen, weil er die ständigen Angstattacken nicht mehr ertragen konnte. Monika will ihr altes Leben zurück, sie kämpft darum.
Das Seehaus hilft ihr dabei. Im Programm „Opfer und Täter im Gespräch“ trifft Monika auf „Mo“ und einige andere „Seehaus-Jungs“. Sie erzählt ihre Geschichte, berichtet von der Tat, den weitreichenden Folgen. Sie konfrontiert die Jugendlichen, darf ihrem Schmerz Worte geben. Die „Jungs“ hören aufmerksam zu, erzählen von sich. Sie reden über ihren kriminellen Lebenslauf, Auge in Auge mit Opfern. „Mo“ erzählt, warum er für Ehre und Respekt immer kämpfen musste.
Restorative Justice, Eine radikale Vision von Rehzi Malzahn.
180 Seiten, ISBN 9783896570475..
„Mo“ und „Mo“: zwei Kämpfer begegnen sich – und machen auf ihre Weise Frieden mit ihrer Geschichte. Die Bibel sagt: „Selig sind die Friedensstifter, denn sie sollen GOTTES Kinder heißen“. Restorative Justice ist der Versuch, Gerechtigkeit wieder herzustellen. So gut es eben geht in einer gefallenen Welt. Manchmal geht es besser, als man denkt. „Mo“ und „Mo“ reden an dem Abend lange miteinander. Eine Begegnung auf Augenhöhe. Beide empfinden die Befreiung, Erlebnisse aus eigener Sicht erzählen zu können und damit gesehen und gehört zu werden. Zum Abschied macht Monika ein Selfie von den beiden – und umarmt den jungen Mann. „Mo“ beginnt, Frieden zu finden.
Der Verein Seehaus e.V. half mit den Buch-Klassiker Restorative Justice neu ins Deutsche zu übertragen. Restorative Justice stellt nicht Strafe sondern Heilung in den Mittelpunkt. Es zeigt wie ein anderer Umgang mit Unrecht möglich ist.