Was gibt iranischen Christen Hoffnung?
Konvertiten im Gespräch darüber, warum sich Iraner zu Jesus hingezogen fühlen, in der Diaspora wie auch im Iran.
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Konvertiten im Gespräch darüber, warum sich Iraner zu Jesus hingezogen fühlen, in der Diaspora wie auch im Iran.
[.article__paragraph--cap][.small-caps]Eine gruppe[.small-caps] iranischer Flüchtlinge hat .sich in unserem Wohnzimmer in Utrecht, .Niederlande, versammelt. Unser alle zwei Wochen stattfindendes Nachbarschaftsessen ist gerade zu Ende gegangen, die letzten Gäste gehen, und die Spülmaschine läuft. Die Iraner bleiben noch etwas länger, um einen Bibelkreis auf Farsi abzuhalten. Auf dem Tisch stehen schwarzer Tee, Kekse und große Datteln. Es herrscht mehr Trubel als je zuvor. Die Iraner freuen sich darauf, zusammenzukommen und die neuesten Nachrichten auszutauschen. Die Menschen sind zutiefst besorgt und zugleich voller Hoffnung. Wird endlich ein Wandel eintreten? Wird die Diktatur verschwinden? Und würde das ausreichen, um einem von Traumata zerrissenen Land Frieden zu bringen?[.article__paragraph--cap]
Wir leben in einer Gemeinschaftswohnanlage, die mit einer kleinen Kirche verbunden ist. In den letzten Jahren erlebten wir, wie eine ganze Reihe von Iranern in unserem Netzwerk zum Glauben fand. Wir arbeiten mit vielen Flüchtlingen zusammen und unterstützen sie. Meist lernen wir sie kennen, wenn sie nach einer Arbeit, einem Zimmer oder rechtlicher Beratung für ihr Asylverfahren fragen, doch viele haben einen großen Wissensdurst in Bezug auf die Bibel. Viele der Iraner, denen wir begegnen, kämpfen mit Schmerz und tiefgreifenden Fragen zum Thema Vergebung. Dies hat meist weniger mit politischer Verfolgung zu tun als mit persönlichen und familiären Situationen. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Verhältnissen, einige haben eine Hochschulausbildung, während andere ihre Bildung auf der Straße erhielten.
Mohamed Reza Behbudi ist einer von ihnen, ein neuer Freund, mit dem ich jedes Mal Schach spiele, wenn wir uns treffen. Er ist ein hart aussehender Mann mit unglaublich gütigen Augen. „Im Iran war ich der König des Dschungels“, sagt er. Sein verwittertes Gesicht und seine abgebrochenen Zähne verraten noch immer etwas von dem Leben, das er früher geführt hat.
Wir haben gestohlen, getrunken, Drogen genommen – einfach alles. Es war eine dunkle Zeit. Ich habe viel Zerstörung miterlebt. Ich habe fast alle meine Freunde durch Gewalt, Drogen, Selbstmord oder die Todesstrafe verloren. Und ich musste aus dem Land fliehen und meine Familie zurücklassen.
In Europa setzte er diesen Lebensstil fort und verbrachte schließlich mehrere Jahre im Gefängnis.
Danach ging ich in die Niederlande. Eines Tages saß ich auf einer Parkbank und erhielt aus heiterem Himmel von jemandem, der dort saß, eine Bibel. Das hat mein Leben verändert. Ich ging in die Kirche und machte mich auf die Suche nach Gott. Ich ließ mich auch taufen.

Behbudi lacht auf entwaffnende Weise.
Gott hat mir noch eine Chance gegeben, und ich werde sie nicht erneut verspielen. Ich habe mit dem Alkohol und den Drogen aufgehört. Ich möchte meine gesamte Denkweise ändern. Das ist nur dank christlicher Freunde möglich, die mir eine Unterkunft bieten oder mich mit aufbauenden Worten unterstützen, wenn ich mich überfordert fühle. Doch Gott macht den entscheidenden Unterschied. Früher hatte ich immer Angst. Wie bekomme ich eine Wohnung, wie finde ich einen Job, wie erhalte ich Papiere? Doch jetzt, egal was passiert, selbst wenn ich keine Aufenthaltsgenehmigung bekomme, bin ich dankbar, dass ich lebe! Gott wird mich dorthin führen, wo ich sein muss.
Er möchte unbedingt jedem von dem Weg erzählen, den er gefunden hat.
Ich erzähle davon den Asylsuchenden, die ich im Lager treffe, den Obdachlosen auf der Straße und meinen Familienangehörigen am Telefon. Ich rufe sie sehr oft an. Sie sind alle überrascht; jeder weiß, wie ich früher war. Sie wollen wissen, warum ich mich so sehr verändert habe. Und meine Schwester möchte diesem Weg nun auch folgen! Ich lese mit ihr online in der Bibel. Der Weg Jesu bringt Licht, nicht nur ein wenig, sondern sehr viel.
Behbudi wurde durch Shima Sabghi Teil unserer Kirchengemeinde. Sabghi, eine Iranerin, die bei uns wohnt, hat ein großes Herz für alle Flüchtlinge und ist als Missionsmitarbeiterin tätig. Sie hilft Menschen dabei, Arbeit, eine Unterkunft oder einen Arzt zu finden. Aber sie betet auch mit den Menschen, wann immer es ihr möglich ist, und leistet Seelsorge. Während ich dies schreibe, bereitet sie gerade eine Schüssel Reis mit Safran für eine Kirchengruppe zu. Auch Sabghis eigenes Leben war kein leichtes.
Ich bin eine Frau aus dem Osten. Unser Leben als Frauen dort ist von Minderwertigkeitsgefühlen geprägt. Man kann gar nicht hoch genug einschätzen, wie tief dieser Schmerz sitzt. Alle Familien, die ich kenne, liebten zuerst ihre Söhne. Als Mädchen musste ich mich zunächst meinen Eltern gegenüber beweisen. Zuerst musste ich zeigen, dass ich hart arbeiten konnte oder besonders klug war. Wenn ich mit meinem Cousin Hassan spielte, schauten ihn alle liebevoll an. So wächst man mit der Identität einer Arbeiterin, einer Helferin auf. Wir Frauen sind alle mit dem Gefühl aufgewachsen, Außenseiterinnen zu sein. Und wir sind gewillt, alles zu tun, um diese Anerkennung zu erhalten, doch tief in uns spüren wir Groll und Wut.
Meine Familie war wohlhabend, und ich verfügte über gute Beziehungen in allen Bereichen. Doch als ich bei der Arbeit mit Korruption konfrontiert wurde und Ärger mit der Polizei bekam, musste ich fliehen. Ich musste alles zurücklassen. Mir blieb nichts außer meinem Schmuck – bis mir jemand diesen stahl. Nach einer langen Odyssee voller Lager und Polizeikontrollen fand ich mich in einem kleinen Raum wieder, ohne Papiere, weinend. Ich erinnere mich, dass ich nicht einmal die Sonne sah – so dunkel war mein Herz. Und dann schrie ich zu Gott. Ich war immer eine fromme Muslimin gewesen; ich war sogar in Mekka gewesen. Doch in diesem Moment kam mir plötzlich der Gedanke, einen iranischen Pastor anzurufen, von dem ich gehört hatte. Er nahm sich viele Stunden Zeit, um mir das Evangelium zu erklären. Das veränderte mich völlig. Es dauerte nicht lange, bis ich mein Leben Jesus übergab. Ich besuchte einen Bibelkurs in meiner Nachbarschaft, der von Niederländern geleitet wurde und sich mit Angst befasste. „Sorgt euch nicht, sondern sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, dann wird euch alles andere dazugegeben.“ Ich war so glücklich. Das war der Schlüssel, ich spürte es. Aber was muss dafür ich tun? Bekomme ich dann alles, bekomme ich auch meine Mutter zurück und mein Land? Ich glaube, ich habe mindestens drei Monate lang ununterbrochen über diese Worte nachgedacht.
Wenn man sich innerlich verändert, verändert sich auch das Äußere, auch wenn das Jahre dauern kann. Ich bin nun seit zehn Jahren Christin. Inzwischen habe ich einen Ehemann und eine kleine Tochter, und ich bin Mitglied der Hausgemeinschaft, in der ich einst an jenem ersten Bibelkreis teilgenommen habe. Das hat Gott bewirkt, nicht ich. Doch eine Entscheidung meinerseits war ausschlaggebend: An jenem Tag in meinem kleinen Zimmer habe ich akzeptiert, dass ich machtlos und arm bin. Das hatte ich zuvor nie gelernt. Ich war immer stark und klug und gut vernetzt. Erst als alles, absolut alles, verloren war, schaute ich in den Spiegel und sah die Leere in meinem Herzen. Das war der Schlüssel zur Veränderung.
Sabghi ist zudem Mitglied einer iranischen Gemeinde in Amsterdam, Naviderahaie („Gute Nachricht“). Der Pastor, Peyman Shabanlari, fährt scheinbar unermüdlich quer durch das Land, um Iraner aufzusuchen, sie zu stärken, zu beraten oder ihnen einen Segen zu spenden. Er ist ein freundlicher Mann mit einem vollen Bart, der vor über 30 Jahren in die Niederlande geflohen ist. Heutzutage erlebt er, wie unzählige Iraner zum Glauben kommen. Nicht immer aus den besten Motiven, sagt er. „Viele Iraner lassen sich taufen, weil es ihnen hilft, eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten. Aber das ist nicht immer schlecht! Ich habe auch so angefangen, als ich in einem Flüchtlingslager lebte. Doch zwei Jahre später begann ich wirklich, die Bibel zu lesen, und dann wurde ich wiedergeboren. Das passiert vielen Menschen.“
Mit Blick auf die Lage im Iran ist Shabanlari der Ansicht, dass die Erfahrung, unter einer repressiven Theokratie zu leben, eine neue Offenheit geschaffen hat. „Es gibt eine breite Bewegung von Menschen, die überhaupt keine Religion mehr wollen. Sie suchen nach einer neuen Identität.“ Manche finden sie im Atheismus, sagt er. Manche wenden sich ihrer alten Religion, dem Zoroastrismus, zu. Andere wiederum finden sie in Jesus. Viele Iraner leiden unter dem strengen islamischen Recht und dessen Folgen. Sie sind berührt von dem Bild eines liebenden Vaters, der sie liebt. „Das ist wirklich eine Entwicklung der letzten 25 Jahre“, fährt er fort. „Früher gab es kaum Christen, heute sind es sehr viele.“ Schätzungen reichen von 300.000 bis zum Zehnfachen dieser Zahl. „Viele Bekehrungen finden im Iran selbst statt, wo dies streng verboten ist. Oft glauben sie ganz allein oder gemeinsam mit einigen wenigen Familienmitgliedern.“
Europäische Kirchen haben bei dieser Erweckung eine Rolle gespielt, sagt Shabanlari.
Elam Ministries ist ein Farsi-Studienzentrum in London, das in den 90er Jahren gegründet wurde. Und dann entstand 2003 in den Niederlanden die Fatherhouse-Bewegung, die Iraner als Jünger und Leiter ausbildete und befähigte. Sie spielte eine sehr wichtige Rolle beim Aufbau von Gemeinden im Iran. Insbesondere Pfingstgemeinden in den Niederlanden unterstützten dies. Überall in den Niederlanden sind lokale iranische Gemeinden und Bibelkreise entstanden.
Naviderahaie, die von Shabanlari gegründete Gemeinde, zählt Dutzende von Gläubigen, die sich samstags in Amsterdam versammeln. Zudem hat sie über hundert aktive Mitglieder im Iran, die an ihren Online-Bibelstudien, Gebetsgruppen und Ehekursen teilnehmen. „Und die meisten Mitglieder haben auch einige christliche Familienangehörige in ihrem Umfeld.“ Die Lektionen behandeln Themen wie Vergebung, Wahrhaftigkeit und Beziehungen – mit anderen Worten: Jüngerschaft.
Der Hintergrund dieser Gemeinden ist evangelikal. Sie beten mit erhobenen Händen und singen Lieder nach dem Vorbild amerikanischer Pfingstgemeinden. „Aber wir bezeichnen uns als überkonfessionell“, sagt Shabanlari. „Wir sind dankbar für das, was uns westliche protestantische und katholische Kirchen gegeben haben, aber wir wollen die Aufteilung in Konfessionen nicht übernehmen. Wir glauben, dass wir eins sein müssen.“
Die größte Herausforderung in der iranischen Kirche ist Vertrauen, sagt Shabanlari.
Wir sind alle mit einem tiefen Gefühl der Ablehnung aufgewachsen. Ich bezeichne es als einen Geist, der unsere Kultur durchdringt. Er ist tief in der Religion verwurzelt, mit der wir aufgewachsen sind. Selbst innerhalb der islamischen Welt fühlen wir uns minderwertig; als Schiiten werden wir auf Arabisch „die Verstoßenen“ genannt.
Damit verbunden sind patriarchalische Strukturen und eine diktatorische Politik, die bei vielen Menschen persönliche Traumata hinterließen. Die Menschen lernten, ein inneres Selbst, das oft verletzt ist, von einem äußeren Selbst zu trennen, das stets perfekt wirken muss.
Die Menschen sind so empfindlich, dass es fast unglaublich ist. Es ist sehr kompliziert. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass die meisten neuen Gläubigen wieder weggehen, weil sie durch etwas verletzt wurden. Manchmal bin ich davon sehr erschöpft. Was mir Hoffnung gibt, ist die zweite Generation von Christen. Die Kinder iranischer Gläubiger haben diesen Kampf nicht mehr. Wir müssen dies ertragen, sie werden die Früchte ernten.
Auch in unserer niederländischen, multikulturellen Gemeinde erleben wir oft, dass Iraner wieder weggehen. Doch es bildet sich eine kleine Gruppe starker Gläubiger heraus – Menschen mit viel Lebenserfahrung, die beschlossen, trotz Missverständnissen zusammenzuhalten und ihre Herzen von Christus verändern zu lassen. Sabghi sagt:
Jede Kultur bringt Muster mit sich, von denen wir befreit werden sollten, wenn wir Jesus nachfolgen. In unserer Kultur ist das vor allem das Gefühl der Ablehnung. Zum Beispiel zwischen Männern und Frauen. Wir alle haben geglaubt, dass Männer das Sagen haben und dass Frauen Männer mit ihrer Schönheit manipulieren müssen. Dies lässt sich nicht einfach durch einen Sturz des islamischen Regimes lösen. Wir alle haben daran mitgewirkt. Wir müssen dafür Buße tun. Gott kann uns verändern. In unserer Gemeinde helfen wir Männern und Frauen, einander wieder in die Augen zu schauen und einander um Vergebung zu bitten. Ich weiß, dass dies die Menschen verändert. Ich sehe eine Wärme in ihren Augen, die ich zuvor nicht gesehen habe.
Letztendlich wird das derzeitige islamische Regime im Iran fallen, sagt Shabanlari.
Davon bin ich überzeugt. Die Gewalt von heute ist die Folge unseres eigenen Verhaltens. Wir wollten nicht so leben, wie Gott es wollte. In Jeremia 49 heißt es, dass Gott den Bogen von Elam – dem heutigen Iran – zerbricht und das Volk zerstreuen wird. Doch diese Zerstreuung geschieht nicht ohne Grund. Ich glaube, wir werden zerstreut, um die Wahrheit zu finden und sie nach Hause zurückzubringen. Jeremia sagt, dass wir am Ende der Zeit nach Elam zurückkehren werden und dass Gott dort seinen Thron errichten wird. Das bedeutet nicht, dass eine theokratische Regierung entstehen muss, sondern dass Gottes Reich in den Herzen der Iraner herrschen wird.