Sich einander versprechen
Zwischen Dialekten, Missverständnissen und zärtlich übernommenen Wörtern finden drei Paare ihre ganz eigene Sprache – und damit ein Stück gemeinsames Zuhause.
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Zwischen Dialekten, Missverständnissen und zärtlich übernommenen Wörtern finden drei Paare ihre ganz eigene Sprache – und damit ein Stück gemeinsames Zuhause.
[.article__paragraph--cap][.small-caps]Gerade dort,[.small-caps] wo zwei Menschen vermeintlich dieselbe Sprache sprechen, werden die feinen Unterschiede sichtbar, die uns erahnen lassen, wie viel in unserer Sprache mitschwingt. Wir haben mit drei Ehepaaren gesprochen, die alle Deutsch sprechen und doch nicht dieselbe Sprache wie ihr Partner. Sie kommen aus Österreich, Deutschland, der Schweiz und Südtirol. Ihre Geschichten erzählen von Heimat und Fremdheit, von Missverständnissen und Vertrautheit – und davon, wie viel wir einander lassen und voneinander mitnehmen.[.article__paragraph--cap]
Bevor wir die Sprache des anderen hören, tragen wir längst eine eigene in uns. Sie ist geprägt von der Landschaft, in der wir aufwachsen, von den Menschen, die uns großziehen, und von den Wörtern, die dort selbstverständlich sind. Manchmal ist die Sprache, die man von klein auf spricht, so eng mit der eigenen Herkunft verbunden, dass sie sich beinahe wie ein Teil der eigenen Person anfühlt. Hannes ist in Südtirol mit einem starken Dialekt aufgewachsen.
Hannes: In unserer Familie sprechen wir miteinander Hochdeutsch. Für Anna ist das ihre Muttersprache, für mich eigentlich eine Fremdsprache. Dialekt ist in Südtirol sehr fest in der Volkskultur verankert, und klassisch Deutsch gelernt hat man bei uns nur in der Schule. Dass man umgangssprachlich Hochdeutsch spricht, gibt es in Südtirol de facto nicht.
Hochdeutsch war für ihn zunächst eine Sprache, die er gelernt hatte. Eine Sprache der Schule, später der Notwendigkeit.
Hannes: Als ich nach Wien kam, hat mich niemand verstanden, und so musste ich notgedrungen Hochdeutsch sprechen. Das war eine wirklich schwierige Umstellung für mich, weil es eine ganz andere Art zu sprechen war. Bis sich das für mich natürlich angefühlt hat, hat es Jahre gedauert. Mittlerweile kann ich mich im Hochdeutschen recht selbstverständlich ausdrücken. Trotzdem glaube ich, dass ich auf Hochdeutsch anders spreche und auch eine andere Persönlichkeit habe. Im Dialekt spreche ich schneller, melodischer und lockerer – und das wirkt sich natürlich auch darauf aus, wie ich wahrgenommen werde.
Bei Anna P. ist die Geschichte beinahe umgekehrt. Sie kommt aus der Steiermark, wuchs aber mit Hochdeutsch auf. Ihre Herkunft ist deshalb nicht ohne Weiteres aus ihrer Sprache herauszuhören.
Anna P.: Ich hatte nie einen besonders starken Bezug zum steirischen Dialekt und habe auch eher das Gefühl, dass ich mich schnell meiner Umgebung anpasse, wenn ich Dialekt spreche. Südtirol und Hannes' Sprache kennenzulernen, hat mir deutlich gemacht, dass ich mir manchmal auch wünsche, sprachlich mehr in meiner Heimat verwurzelt zu sein. So fühle ich mich sprachlich ein bisschen heimatlos.
Die Sprache von Anna I. und Martin wandert zwischen mehreren Regionen. Anna I. kommt aus dem Weinviertel, hat in Wien gelebt und lebt heute mit Martin in der Schweiz, wo sie versucht, Schweizerdeutsch zu sprechen.
Anna I.: Ich habe schon in Österreich irgendwie eine Mischung aus Hochdeutsch und Dialekt gesprochen, und jetzt hat meine Sprache noch einen Schweizerdeutschen Einschlag bekommen. Martin spricht zuhause Schweizerdeutsch und ist auch sehr stolz auf seinen Dialekt.
Sprache kann also Herkunft sichtbar machen. Aber sie kann auch verbergen, woher jemand kommt.
Constantin: Ich würde mich selbst als Sprachchamäleon bezeichnen. Marie-Sophie und ich leben mit unseren Kindern in Augsburg und sprechen hier Hochdeutsch. Ich komme ursprünglich aus Tirol, doch werde ich hier kaum als Österreicher erkannt.
Vielleicht ist es gerade das, was Sprache so interessant macht: Sie ist nie nur eine Frage des Wortschatzes. In ihr steckt die Erinnerung daran, wer wir einmal waren – und zugleich die Fähigkeit, uns zu verändern.
Wenn zwei Menschen einander kennenlernen, hören sie nicht nur einander zu. Sie hören auch eine Herkunft. Ein Dialekt kann sympathisch oder irritierend klingen, vertraut oder fremd. Manchmal verliebt man sich sogar ein wenig in einen Klang, bevor man ihn vollständig versteht.
Anna I.: Ich fand Martins Sprache immer mega schön. Den Klang, die Melodie, die herzigen Endungen, das Verkleinern der Dinge. Das „Bärgli“, das „Hüsli“, das „Luäge“. Ich denke, ich hätte mehr Mühe, wenn er einen norddeutschen Dialekt hätte. Im Schweizerdeutsch gibt eigentlich nur ein Wort, das ich überhaupt nicht mag. Wenn Mütter zu ihren Kindern sagen „Geh dir das Maul (sprich: Muul) abwischen“, dann fühle ich mich jedes Mal, als würden sie mit einem Tier reden. Das ist für mich sehr irritierend.
Martin dagegen musste erst einmal entdecken, was hinter Annas österreichischem Hochdeutsch steckt.
Martin: Sie hat für mich am Anfang einfach Österreichisch geredet, was mir auch immer sympathisch war. Als ich dann zum ersten Mal im Weinviertel war und ihren Vater reden gehört habe, habe ich kein Wort verstanden, und der Klang war für mich auch erstmal gewöhnungsbedürftig. Mittlerweile mag ich den Weinviertler Dialekt sehr und liebe auch die Art, wie dort gelebt wird.
Dann sind da die Wörter, die vertraut aussehen, aber etwas anderes bedeuten.
Anna P.: Da hatten wir am Anfang schon ziemlich viel Spaß, die unterschiedlichen Wörter zu entdecken. In Südtirol bedeutet „ei“ „rauf“ und „oi“ „runter“ und unser „Ei“ heißt dafür „Goggele“. Was am längsten für Missverständnisse zwischen uns gesorgt hat, war, dass man in Südtirol nicht nur zum Bett „Bett“ sagt, sondern auch zur „Bettdecke“. Das wusste ich schon lange und trotzdem hat es mich verwirrt, als Hannes bei IKEA gesagt hat: „Wir sollten noch ein Gästebett kaufen“ und ich überlegte, wo wir denn ein weiteres Bett aufstellen sollten.
Manchmal aber liegt das Missverständnis nicht im Wort, sondern in der Art, wie etwas gesagt wird.
Marie-Sophie: Ich kann viel besser streiten, weil Deutsch sehr hart ist. Ich finde, auf Österreichisch ist immer alles gleich ein wenig abgefedert. Es klingt weicher, freundlicher. Das Deutsche ist sehr exakt und man kommt auch schneller auf den Punkt. Österreichische Kommunikation ist teilweise stärker vom „Drumherumreden“ geprägt – was für eine deutsche Person wiederum missverständlich sein kann. Ein Beispiel war für mich der Satz „nur ned hudeln“, gerade als es ums Heiraten ging. Im Nachhinein weiß ich, dass Constantin das damals durchaus taktisch gespielt hat, damit ich nichts ahne. Aber damals hat mich diese österreichische Zurückhaltung schon verunsichert.
Und manchmal wird der Dialekt des anderen zu einer Art Freiraum.
Marie-Sophie: Constantin ist sehr sprachaffin und kann wahnsinnig gut verschiedene Dialekte imitieren. Wenn er bewusst in den Dialekt geht, hat das was total Spielerisches. Ich hab das Gefühl, es ist wie ein Freiraum, wie wenn man in ein Schauspiel geht. Und manchmal denke ich auch, Dialekt ist wie ein Blanko-Scheck für das, was man auf Hochdeutsch vielleicht nicht sagen kann.
Constantin: Wenn ich nach Hause komme und einen Grant habe, hat es sich bei uns mittlerweile fast zu einer Gewohnheit entwickelt, dass ich das erst einmal auf Wienerisch rauslasse. Ich grantle dann auf Wienerisch vor mich hin. Und Marie-Sophie weiß dann eigentlich sofort, dass es gar nicht so ernst zu nehmen ist.
Eine fremde Sprache bleibt also nicht unbedingt fremd. Sie kann vertraut werden, geliebt werden, zum Spiel werden. Und manchmal bekommt sie innerhalb einer Beziehung sogar Bedeutungen, die sie außerhalb dieser Beziehung gar nicht hätte.
Ein Paar beginnt, seine eigene sprachliche Mitte zu finden. Hochdeutsch, ein Dialektgemisch oder zwei verschiedene Sprachen, die nebeneinander bestehen. Anpassung geschieht dabei oft unmerklich. Man übernimmt ein Wort, eine Betonung, eine Redewendung.
Constantin: Ich denke, sprachliche Anpassung hat mit dem Persönlichkeitsprofil zu tun. Wenn ich mich als Sanguiniker, der gern von anderen gemocht wird, sprachlich anpasse, dann stelle ich damit eine Verbindung her. Ich versuche, mich auf mein Gegenüber einzustellen, damit der andere mich als gleichwertiges Gegenüber wahrnimmt.
Auch Martin spielt gerne mit der Sprache und hat sich Annas Sprache so weit angenähert, dass er in Österreich manchmal stärker österreichisch spricht als sie selbst.
Anna I.: Er sagt dann „des passt schon“ und „des geht sich aus“.
Und manchmal geht die Anpassung in die andere Richtung. Man übernimmt Wörter, ohne sich bewusst dafür zu entscheiden.
Anna P.: Zum Beispiel sage ich statt „mir ist kalt“ jetzt auch schon „ich hab’ kalt“, ohne dass es mir komisch vorkommt.
Bei Hannes und Anna ist die gemeinsame Sprache trotzdem eindeutig geblieben.
Hannes: Es ist auch interessant, dass wir, obwohl Anna mittlerweile auch gut Südtirolerisch versteht, immer noch Hochdeutsch miteinander reden. Wir stellen es uns schwer vor, das jetzt noch zu ändern, unser gemeinsamer Kontext war einfach immer Hochdeutsch.
Die gemeinsame Sprache ist also nicht unbedingt die Sprache, die beide am besten beherrschen. Sie ist die Sprache, in der eine Beziehung begonnen hat – und in der sich ihre Geschichte eingeschrieben hat. Und die Kinder tragen diese Geschichte weiter.
Marie-Sophie: Unsere Familiensprache ist eigentlich Hochdeutsch. Wir finden es aber ganz witzig, wenn unsere Kinder manchmal anfangen zu schwäbeln, weil sie es aus der Schule mitbringen. Dann sagen sie zum Beispiel „Gummibärle“.
Sprache ist nie nur Sprache. In ihr steckt auch eine Vorstellung davon, wie man miteinander umgeht. Wie direkt man sein darf. Wie lange ein Abschied dauert. Wie wichtig ein Name ist. Ob man sich in einer Diskussion zurücknimmt oder laut wird. Ob man etwas ausspricht oder lieber andeutet. Manchmal merkt man solche Unterschiede erst, wenn man mit jemandem zusammenlebt, der die Dinge anders macht.
Marie-Sophie: Ein gutes Beispiel für unsere unterschiedlichen Kommunikationsweisen ist das Verabschieden. Wenn wir zum Beispiel auf einer Veranstaltung sind und ich sage: „Lass uns gehen“, dann meine ich: Jetzt gehen wir.
Constantin: Für mich ist das eher ein Prozess. Man verabschiedet sich nicht einfach einmal und geht. Man geht nochmal von Tisch zu Tisch, sagt Tschüss, „Bussi baba“, redet noch einmal mit allen, verabschiedet sich wieder und irgendwann geht man dann tatsächlich.
Auch in der Schweiz hat das, was als Höflichkeit gilt, eine eigene Sprache.
Anna I.: Wenn du in der Schweiz jemandem die Hand gibst, zum Beispiel beim Begrüßen, oder auch beim Anstoßen und beim Verabschieden, dann sagt man jedes Mal den Vornamen dazu. „Hoi Anna, Zum Wohl Anna, Tschau Anna.“ Das bedeutet, du erinnerst dich an die Person und ich empfinde es als sehr wertschätzend. Aber für mich war das am Anfang so ein Stress, die Namen nicht zu kennen.
Hinter sprachlichen Formen liegen Vorstellungen vom Zusammenleben. Das zeigt sich auch in größeren Dingen – darin, wie Menschen Autorität verstehen, wie sie diskutieren und wie sie sich als Teil einer Gemeinschaft begreifen.
Martin: Die Schweiz ist sehr direkt demokratisch aufgebaut. Bei uns gibt es eine über Jahrhunderte gewachsene Kultur, wo sich jeder einbringt, Meinungen äußert und auch mal miteinander streitet. In Österreich merk ich oft, dass man lieber gar nicht drüber redet. Das sind kulturelle Prägungen, die man spürt – auch wenn Anna hier kein österreichisches Paradebeispiel ist.
Auch zwischen Südtirol und Österreich werden solche Unterschiede spürbar.
Hannes: Das ist natürlich persönlichkeitsbedingt, aber bestimmt auch durch Sprachkultur beeinflusst. Wir bemerken Unterschiede in der Art, wie wir sprechen und wie wir Konflikte austragen. Südtiroler sind dabei doch deutlich italienischer geprägt, wo man sehr direkt und impulsiv wird und in gewisser Weise keine Angst vor Gefühlen hat. In Südtirol kann man schnell laut werden, ohne dass es problematisch ist. Wir sind hitziger, temperamentvoller. In Österreich ist man da im Vergleich bedachter und feinfühliger.
Ein gemeinsames Leben verändert den Blick. Nicht nur auf den anderen, sondern auch auf das eigene Zuhause.
Anna I.: Für mich war das Weinviertel früher nicht besonders reizvoll, doch es hat was für sich und ich lerne es durch Martin wieder besser schätzen. Man kriegt einen neuen Zugang, wenn man einen Partner aus einem anderen Kulturkreis hat, weil man automatisch damit konfrontiert wird, was anders ist. Ich hätte nie gedacht, dass wir, obwohl wir uns so nah sind, so viele Unterschiede in der Kultur haben.
Und manchmal zeigt der andere einem nicht nur die eigene Heimat neu. Wenn Hannes Südtirolerisch spricht, hört Anna nicht nur einen Dialekt. Sie hört den Menschen, der er war, bevor sie ihn kannte.
Anna P.: Ich merke dann schon, dass er jetzt wirklich zuhause und wirklich er selbst ist. Die Südtiroler haben für mich eine sehr eingeschworene Art, wenn sie miteinander reden. Es ist nicht nur die Sprache, sondern die Art und Weise, wie man miteinander spricht, das Rundherum. Ich denke, wenn wir in Südtirol wohnen würden, dann würde ich mich nicht so heimisch fühlen, weil ich das einfach nie so gut imitieren könnte.
Und vielleicht ist das ein schöner Widerspruch: Man muss die Sprache des anderen nicht vollständig beherrschen, um durch sie etwas über ihn zu verstehen.
Martin: Ich hab ja am Anfang mit Anna Hochdeutsch gesprochen (Anna: Echt?!) und hatte dabei Schwierigkeiten, mich voll und ganz auszudrücken – vor allem in der Beziehung. Das, was bei mir im Herzen drinnen ist, ist halt Mundart. Mittlerweile ist es so, dass ich mich, zum Beispiel wenn ich Vorträge halte, auf Hochdeutsch sicherer fühle. Ich glaube, das ist, weil ich Hochdeutsch mit Anna verbinde.
Man kann ein ganzes Leben miteinander verbringen, ohne dieselben Wörter zu benutzen. Man kann sich aneinander gewöhnen, ohne gleich zu sprechen. Man kann den Dialekt des anderen vielleicht nie vollkommen beherrschen und trotzdem genau hören, wann er besonders er selbst ist. Der andere bringt keine Sprache mit, die die alte ersetzt. Er bringt Wörter mit, die man vorher nicht kannte, Klänge, die einem fremd waren, eine andere Art, etwas zu sagen. Manche davon verschwinden wieder. Andere bleiben. Sie werden zu Erkennungszeichen, die nur innerhalb der Familie ihre volle Bedeutung haben. So entsteht zwischen zwei Menschen eine Sprache, in der beide vorkommen. Eine Sprache, in der der Dialekt des einen manchmal zum Trost wird, das Wort des anderen zum Insiderwitz, eine fremde Redewendung irgendwann selbstverständlich klingt. Eine Sprache, die von Herkunft erzählt und zugleich davon, dass Herkunft nicht unveränderlich ist.
Sich einander zu versprechen bedeutet auch, sich Raum zu geben. Den anderen nicht dazu zu bringen, so zu sprechen, wie man selbst. Sondern neugierig zu bleiben auf das, was in seinen Wörtern mitschwingt – auf die Landschaft, aus der sie kommen, auf die Menschen, die sie geprägt haben, und auf den Menschen, der sie heute ausspricht. Denn am Ende müssen zwei Menschen nicht dieselbe Sprache sprechen. Sie müssen nur eine Sprache finden, in der beide zu Hause sein können.