Kunst und Glaube
Hendrikje Machate über Kunst und Glaube.
Try 3 months of unlimited access. Start your FREE TRIAL today. Cancel anytime.
START FREE TRIAL NOWKunst und Glaube
Hendrikje Machate über Kunst und Glaube.
Kunst und Glaube: Eine Theologie des kreativen Schaffens | Makoto Fujimura | (Fontis, 240 Seiten)
[.article__paragraph--cap][.small-caps]Das Original,[.small-caps] Art and Faith. A Theology of Making, erschien 2021 bei Yale University Press. Dass die Übersetzung von Anja Findeisen-MacKenzie erst fünf Jahre später vorliegt, sagt mehr über den hiesigen Buchmarkt als über das Buch. Ein Maler, der Theologie schreibt, passt in keine Abteilung, und genau darin liegt der Gewinn. Makoto Fujimura hat hier eine Lücke in der Theologie erobert.[.article__paragraph--cap]
Fujimura, an der Tokyo University of the Arts ausgebildet, arbeitet im Nihonga-Verfahren. Edle pulverisierte Mineralien werden Schicht um Schicht aufgetragen, jede muss trocknen, bevor die nächste folgt; ein Bild entsteht über Monate. Man liest dem Buch an, dass seine Sätze in diesen Wartezeiten entstanden, durchtränkt von einer Weisheit, die zuerst mit dem Leib gedacht wurde. Mit Jacques Maritain nennt er das „Erkenntnis durch Konnaturalität“, Wissen, das man nur verkörpert erwirbt, weil Erleben auch Begreifen ist. So ist das Buch geschrieben. Außerordentlich dicht, springend zwischen Literatur- und Kunstbezügen, Werkstatt und Biografie, hin und wieder sich wiederholend und doch mit rotem Faden, aphoristisch, voller wundervoller, tiefer Sätze.
Die Theologie hat viel über Gottes Schaffen und die Erlösung gesagt; wenig darüber, was geschieht, wenn der Mensch selbst zum Schöpfer wird. Fujimura setzt dagegen eine „Theologie des Machens“. Schöpferisches Tun ist weder Freizeitbeschäftigung noch Transportmittel für eine Botschaft, sondern Teilnahme an Gottes Neuschöpfung, zu der jeder berufen ist. Sein Gegenbegriff heißt Nützlichkeit. Wo Kunst zum Werkzeug wird, auch zum frommen, hört sie auf, Kunst zu sein. Marias Nardenöl ist Verschwendung; genau deshalb steht es im Evangelium. Marktökonomie und Umweltverschmutzung verbindet er mit der Verarmung des Menschen an seinen Gaben, der er eine Gabenökonomie entgegensetzt. Die Heilige Schrift, die er rauf und runter zitiert, sieht er als Poesie.
Daraus folgt ein Gedanke, der so nicht dasteht, aber abzuleiten ist: Wir sollen als Christen nicht Kulturkampf führen, sondern Kultur pflegen. Er hat dafür den Begriff Culture Care geprägt und meint ihn wörtlich, wie man einen Garten pflegt, nicht wie man eine Stellung hält.
Und dann Kintsugi, das Kitten zerbrochener Keramik mit Gold. Was immer man wusste, wie psychologisch man es deutete, hier wird es Theologie. Nicht als Trostbild, sondern als Aussage über die Neuschöpfung. Der Auferstandene trägt seine Wunden noch; das Neue entsteht nicht neben dem Zerbrochenen, sondern aus ihm: „Durch die Risse unserer kaputten Wege, mit einem Herz, aus dem Stücke herausgebrochen sind und zersplittert am Boden liegen, gehen wir durch Gottes Gnade unseren Weg hinein in die neue Schöpfung.“
Gewiss kann es überzeichnet wirken, alles unter dem Gesichtspunkt des Schaffens zu beurteilen. Wird der schöpferische Prozess nicht selbst heilig? Fujimura sieht den Einwand und antwortet so ehrlich, dass man es nicht als Ausrede liest. Nicht umsonst wird er in beiden Vorworten gelobt, dem ursprünglichen von N. T. Wright und dem von Johannes Hartl. Von Kunstliebhabern zu Kunstschaffenden zu werden, ist ein Akt des Wachstums im Glauben. Keine Ästhetik für Betrachter, sondern ein Buch für alle Schaffenden und die, die es noch nicht sind.
Was bleibt, ist selten: ein theologisches Buch, das Hoffnung und Freude gibt, die Langsamkeit verteidigt und zum Erschaffen motiviert. Und daran erinnert, dass die Fülle am Anfang schon da war.