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Ich kann Paris nicht ausstehen. Ich bin groß, und alles dort ist zu klein. Die Pariser scheinen Schmutz und schlechte Laune als lebensnotwendig zu betrachten. Die Freiheit (und neue Formen der Unfreiheit), die James Baldwin in Paris vorfand, wo Nordafrikaner, nicht Schwarze, ganz unten in der sozialen Rangordnung standen, gehört der Vergangenheit an. Wie Manhattan sind die zentralen Arrondissements vollständig von der Elite erobert worden: von Franzosen, die seit Generationen Wohlstand besitzen, von kosmopolitischen Frankophilen und natürlich von den vielen Touristen.
Aber ich erinnere mich gerne an meine Abneigungen, und so habe ich kürzlich einige Tage an der École Normale Supérieure und Sciences Po verbracht, den französischen Pendants zu Princeton und Yale. Seit Generationen werden an diesen Institutionen die bedeutendsten französischen Schriftsteller, Politiker und Wissenschaftler ausgebildet – ebenso wie die loyale Opposition zur französischen Elite – von Louis Pasteur bis Nicolas Sarkozy, von Marcel Proust bis Jean-Paul Sartre. In Frankreich ist die Klassenzugehörigkeit noch starrer als in den Vereinigten Staaten und wird durch Bildungseinrichtungen aufrechterhalten, die in einer Gesellschaft, die dafür bekannt ist, Monarchen zu enthaupten, im Stillen eine Art Aristokratie sichern.
Ich war in Frankreich, um über Black Theology zu lehren. Wäre das Thema Religion im Allgemeinen oder Theologie gewesen, hätte ich wahrscheinlich nicht an Frankreichs Elite-Hochschulen – vergleichbar mit Princeton und Yale – gesprochen. Noch stärker als in den USA oder Großbritannien hat Frankreich zweihundert Jahre lang Diskussionen über Religion unter dem Banner der laïcité unterdrückt, einer Trennung von Kirche und Staat, die so extrem ist, dass religiöse Themen nahezu vollständig aus der staatlichen Hochschulbildung verbannt wurden. Die französischen Eliten teilen jedoch mit den weißen amerikanischen Eliten eine wohlwollende Neugier bezüglich schwarzer Amerikaner, was die Möglichkeit eröffnet, etwas über unsere Besonderheiten zu erfahren – solange das Gespräch in sicherer Entfernung von Frankreich selbst stattfindet.
Foto von Franck Prevel / Getty Images.
Da ich eine gewisse Vorliebe für sanfte Provokation habe, erkundigte ich mich bei meinen Gastgebern nach Houria Bouteldja – jener französisch-algerischen Muslimin, die angeblich Brücken zwischen der politischen Theologie schwarzer Christen in den USA und der islamischen politischen Theologie nordafrikanischer Migranten in Frankreich baut. Im Café gegenüber der École Normale Supérieure rang mein Gastgeber, ein linksorientierter Philosophieprofessor, sichtlich mit seinem Gesichtsausdruck und wechselte eilig das Thema. Im vegetarischen Bistro später lenkte mein französisch-marokkanischer Gastgeber von Sciences Po – ein Weltbürger reinsten Wassers, der spielend zwischen Französisch, Englisch und Arabisch jonglierte – das Gespräch elegant um alle Fragen zu Bouteldja herum. Erst eine junge Wissenschaftlerin, die sich stark mit einer radikalen Politik identifiziert, die in ihrem nordafrikanischen Erbe wurzelt, antwortete offen während wir einen Kaffee tranken: Bouteldjas Verschmelzung von Religion und Politik sei schlicht zu extrem. Es verursachte ihr ein Unbehagen, für das ihr die Worte fehlten.
Warum bringt Houria Bouteldja selbst die radikalsten Schriftsteller und Intellektuellen zum Verstummen?
Am 17. Oktober 1961 zogen 30.000 friedliche Demonstranten durch die Straßen von Paris und forderten die Unabhängigkeit Algeriens. Die Polizei ging gewaltsam gegen die Demonstranten vor, tötete viele von ihnen und warf ihre Leichen in die Seine. 110 Leichname wurden später aus dem Fluss geborgen, einige Schätzungen gehen von bis zu 300 Toten aus. Die Namen vieler Ermordeter bleiben bis heute unbekannt; eine Entschuldigung der französischen Regierung steht bis heute aus.
Als ich von dem Massaker vom 17. Oktober 1961 erfuhr – peinlicherweise erst vor ein paar Monaten –, dachte ich, dass ich die Zahlen wohl falsch gelesen hatte. Mein Vergleichsmaßstab war die Gewalt in den USA jener turbulenten Zeit: das Kent-State-Massaker mit vier Todesopfern durch die Nationalgarde; das Orangeburg-Massaker mit drei Todesopfern durch die Polizei. Das Bürgerrechtsdenkmal in Montgomery, Alabama, verzeichnet 41 Namen von Menschen, die zwischen 1955 und 1968 im Kampf gegen rassistische Ungerechtigkeit starben. Mitten in Paris, 300 Meter von Notre-Dame entfernt, tötete die Polizei mehr als 100 Menschen.
Der US-amerikanische Rassismus des 20. Jahrhunderts zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Zweiteilung aus – er wirkt im Inneren anders als nach außen, und genau darin liegt seine perfider Zauber. In den USA leben Millionen Schwarzer unter der alltäglichen Androhung rassistischer Gewalt, die als fortwährende Erinnerung an ihre untergeordnete Stellung dient. Außenpolitisch zeigt sich derselbe Rassismus in Kriegshandlungen mit Zehntausenden Toten. In Frankreich dagegen liegt der Zusammenhang zwischen dem grundlegenden Problem rassistischer Kategorisierung, insbesondere der Behandlung von Nordafrikanern, und dem Erbe des Kolonialismus offen zutage. Es verwundert kaum, dass die in Afrika entwickelten Strategien der Gewalt und Entmenschlichung auch in Frankreich selbst Anwendung fanden. Dennoch fehlte Frankreich bis vor kurzem ein tieferes Verständnis für den eigenen Rassismus.
Oft werden erst im Spiegel einer fremden und doch wesensgleichen Welt die Konturen unserer eigenen Realität wirklich sichtbar.
Sowohl Malcolm X als auch Martin Luther King Jr. erkannten, dass der Kampf um Gerechtigkeit nur dann Erfolg haben konnte, wenn die künstliche Trennung zwischen dem Rassismus innerhalb der USA und der amerikanischen Gewalt im Ausland als falsch entlarvt würde. Gegen Ende der 1960er Jahre, beflügelt durch afrikanische Unabhängigkeitsbewegungen, forderten zahlreiche Schwarze Aktivisten in Amerika Selbstbestimmung statt Integration in einen Staat und eine Gesellschaft, die sie als grundlegend und unheilbar rassistisch betrachteten.
2005 gründete Houria Bouteldja, inspiriert vom radikalen Schwarzen Aktivismus Amerikas der 1960er Jahre, die politische Bewegung „Indigene der Republik" in Frankreich. Diese forderte Autonomie für die afrikanischstämmige Bevölkerung Frankreichs und legte offen, wie der Kolonialismus nicht nur die Politik, sondern auch die Selbstwahrnehmung von Minderheiten prägte, die den eigenen kulturellen Hintergrund verleugnen und sich dem weißen, laizistischen Staat anpassen sollten. Der Begriff „indigen“ – ursprünglich ein kolonialer, abwertender Begriff – wurde von Bouteldja und ihren Mitstreitern umgedeutet und zum Symbol des Stolzes erhoben. Sie knüpfte damit auch an jene Tradition Schwarzer amerikanischer Literatur an, die provokativ eigene Ursprünglichkeit behauptet – verkörpert in Werken wie Richard Wrights Native Son und James Baldwins Notes of a Native Son.
Die Gründung der „Indigenen der Republik" fiel 2005 mit massiven sozialen Unruhen zusammen: In den vernachlässigten Vorstädten von Paris rebellierte die Jugend, legte Brände, zerstörte über 8.000 Autos und geriet in gewaltsame Konfrontationen mit der Polizei. Die Bilanz: mehr als 2.000 Festnahmen. Obgleich die „Indigenen der Republik" diese Revolte nicht auslösten, wurden sie zum Sprachrohr der aufbegehrenden Jugendlichen. Sie entlarvten die französische Doppelmoral, die Gleichheit predigte, während sie in Wahrheit die verarmte Jugend, besonders die mit afrikanischem Migrationshintergrund dann als Bürger zweiter Klasse behandelte – wenn sie überhaupt als Bürger behandelt wurden.
In der französischen Öffentlichkeit wurde Bouteldja zu einer polarisierenden Figur. Eine Klage wegen „Rassismus gegen Weiße“ gegen sie scheiterte 2009; drei Jahre später besprühten politische Gegner sie auf ihrem Arbeitsweg mit roter Farbe. Ihre pauschale Anklage gegen die weiße Bevölkerung für koloniale Gewalt und Rassismus – von Kritikern als „rassistischer Antirassismus“ bezeichnet – entfremdete sie sogar von vielen linken Intellektuellen Frankreichs. In der Tradition von Malcolm X, Frantz Fanon und Aimé Césaire stehend, rechnet Bouteldja schonungslos mit jenen ab, die sich als progressiv verstehen, ohne die koloniale Vergangenheit kritisch zu hinterfragen. Besonders scharf kritisiert sie französische Feministinnen und LGBT-Aktivistinnen, denen sie vorwirft, koloniale („weiße“) Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität zu übernehmen und afrikanischen Einwanderern aufzuzwingen.
Die wahren Rassisten sind nach Bouteldjas Ansicht die Eliten: Sie kontrollieren Strukturen, die aus dem Erbe des Rassismus entstanden sind und den Rassismus aufrechterhalten. Die weiße Arbeiterklasse ist der Sündenbock, sie wird in Wirklichkeit von den Eliten unterjocht.
Muslimisch zu sein ist für fast alle afrikanischen Einwanderer in Frankreich Teil ihrer Identität – und Bouteldja behauptet, dass Islamfeindlichkeit und Rassismus letztlich zwei Bezeichnungen für dasselbe Phänomen sind. In ihrem Aufruf zur Selbstbestimmung fordert sie ihre muslimischen Glaubensgeschwister dazu auf, ihren Glauben offen und stolz zu leben und zu bekennen. Gleichzeitig deckt sie auf, wie der französische Staat den Islam zu zähmen versucht. Die Wahrheit des Islams, so Bouteldja, zeigt sich erst dann, wenn er nicht mehr durch koloniale Interessen und Denkmuster verschleiert wird. Bei einer interreligiösen Veranstaltung zur Befreiungstheologie brachte sie es auf den Punkt: „Al-‘Adl – Der Gerechte – ist einer der Namen Gottes. Mein Vater (Gott schenke ihm Seine Barmherzigkeit) hat mir vermittelt, dass der Islam in seinem Wesen ein Ideal der Gerechtigkeit darstellt.“ Für die französische politische Kultur, die vom rechten bis zum linken Spektrum dogmatisch am Laizismus festhält, dürfte Bouteldjas Forderung nach einer Verbindung von islamischer Theologie und Politik ihre bedrohlichste These sein.
Die Indigenen der Republik mit Bouteldja als Wortführerin etablierten sich als formelle Organisation obwohl sie nie an Wahlen teilnahm. Sie setzten stattdessen auf Straßenproteste, Debatten und Flugblätter. Besonders in den sozialen Netzwerken fanden sie großen Anklang bei Einwanderern sowohl aus Nordafrika wie aus den Ländern südlich der Sahara. Die anfängliche Skepsis der französischen Linken schwand 2016, als mit „La France Insoumise“ eine Partei entstand, die sich an internationalen Vorbildern wie Bernie Sanders in den USA, Jeremy Corbyn in Großbritannien und der spanischen Podemos orientierte. Diese neue Partei sprach gezielt sowohl die weiße Landbevölkerung als auch die von Einwanderern geprägten Pariser Vororte an – und nahm dabei einige Ideen und viel von der Energie der Indigenen der Republik auf. Bouteldja und andere zentrale Figuren verließen 2020 offiziell die von ihnen gegründete Bewegung und widmen sich seither einem Medienprojekt namens „Paroles d'honneur“, das YouTube-Videos und ein Printmagazin produziert.
In diesem Kontext erschien Bouteldjas neues Buch Rednecks and Barbarians: Uniting the White and Racialized Working Class. Wie „La France Insoumise“ zielt Bouteldja auf die Bildung von Allianzen ab, allerdings mit einer Denkweise, die in karibischen und Schwarzamerikanischen Traditionen verwurzelt ist. Wie Martin Luther King Jr. und Malcolm X vertritt sie den Standpunkt, dass Politik und Religion einander bedürfen: „Der indigene Vorschlag muss mehr als politisch oder wirtschaftlich sein; er muss spirituell sein.“
Rednecks and Barbarians wird von zwei Leitsprüchen eröffnet – einem aus der Offenbarung des Johannes und einem Ausspruch des Propheten Muhammad. Hier zeigt sich Bouteldjas Bestreben, Quellen zusammenzuführen, die sowohl Christen als auch Muslime ansprechen, und in beiden sieht sie den drängenden Ruf nach göttlicher Gerechtigkeit in Zeiten der Not. Den Kern ihres Ansatzes bezeichnet sie als „revolutionäre Liebe“. In unserer Welt, wo Machtstrukturen ineinandergreifen und Kapitalismus mit Rassismus im Bunde steht, findet die Vernunft alleine keinen Ausweg. Bouteldja vertritt die Ansicht, dass nur der Glaube – oder etwas Vergleichbares – uns antreiben kann, für Gerechtigkeit zu kämpfen. Eine wichtige Inspirationsquelle ist für sie Simone Weil, deren Worte sie als Handlungsauftrag versteht: „Vielleicht muss sich Frankreich jetzt entscheiden, ob es an Großmachtsphantasien festhalten oder seine Seele wiederfinden will.“
Bouteldja ist jedoch keine Theologin. Sie treibt ihre strenge, dialektische Geschichtsanalyse bis an die Grenzen des Möglichen und wendet sich dann – statt dort haltzumachen – dem Spirituellen und Ästhetischen zu, um Perspektiven zu erschließen, die über die bloße Vernunft hinausreichen. Im ersten Kapitel von Rednecks and Barbarians zeichnet sie die Geschichte des modernen Staates nach und zeigt auf, dass Kolonialismus und Rassismus schon immer dessen Fundament bildeten – selbst wenn dieser Staat sich als Hüter von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit inszeniert. Das zweite Kapitel entwickelt eine parallele Erzählung über die linken Gegenspieler des Staates. Bouteldja zeigt auf, dass auch die Geschichte der französischen Linken im Kern davon handelt, wie Menschen, die vorgeben, für soziale Transformation und Gerechtigkeit zu kämpfen, letztlich den rassistischen, kolonialen Status quo bewahren helfen. In beiden Kapiteln verfolgt sie einen dialektischen Erzählansatz: Sie identifiziert Momente der Hoffnung, Augenblicke, in denen der Antirassismus zu triumphieren – dann aber doch vom rassistischen System vereinnahmt und entschärft werden.
Während Bouteldja in ihrem früheren Werk für die „Selbstbestimmung der Indigenen“ angesichts des Würgegriffs des Rassismus plädierte, verlagert Rednecks and Barbarians den Schwerpunkt. Hier befasst sich Bouteldja damit, wie der Antirassismus vom Staat institutionalisiert wurde und wie Staat und kulturelle Eliten den Rassismus dem Weißen Arbeitermilieu („Rednecks“) zuschreiben. Die wahren Rassisten sind nach Bouteldjas Ansicht die Eliten: Sie kontrollieren die Strukturen, die aus dem Erbe des Rassismus entstanden sind und ihn aufrechterhalten. Das von den Eliten unterjochte Weiße Arbeitermilieu ist der Sündenbock.
In einer persönlichen Anekdote beschreibt sie, wie sie bei einer Essensbestellung überrascht war, als plötzlich ein weißer Lieferant vor ihr stand. Der Anblick dieses Mannes in einer Rolle, die sonst Migranten vorbehalten ist, weckte in ihr spontanes Mitgefühl – sie lief ihm nach und gab ihm zusätzliches Trinkgeld. Diese instinktive Reaktion interpretiert sie als Ausdruck einer unbewussten Solidarität zwischen den „Barbaren“ (Migranten) und den „Rednecks“ (dem weißen Prekariat). Afrikanische Einwanderer können weißen Arbeitern als Leidensgenossen mit ähnlichen wirtschaftlichen Problemen begegnen – letzteren fehlt jedoch die Verwurzelung in Traditionen, die ihnen Halt geben könnte.
Hier stoßen linke Denkmuster an ihre Grenzen. Zwar erkennen viele die Misere der Weißen Arbeiterklasse, doch jeder nicht-ökonomische Lösungsansatz gilt ihnen als Tabubruch. Bouteldja benennt diese Blockade – und will sie durchbrechen. Die Linke, so ihre Diagnose, „klammert sich an ihre unbefleckte Reinheit; sie scheut jedes Risiko und verliebt sich stattdessen in ihr eigenes Spiegelbild.“ Bouteldja fordert uns auf, die spirituellen Ressourcen zu finden, damit wir „bereit sind, unsere Hände schmutzig zu machen und durch die Scheiße zu waten.“
Bouteldja verdeutlicht anhand eines Beispiels, wie ihr Ansatz in der aktuellen Politik umsetzbar wäre: Frankreich sollte die Europäische Union verlassen. Die EU ist in ihrer Sicht eine Bastion kultureller Eliten, deren Politik sowohl afrikanischen Einwanderern als auch der Weißen Arbeiterschaft schadet. Der Widerstand gegen die EU könnte genau jene Bündnisse schmieden, die sie als entscheidend ansieht. Ob Frankreich außerhalb der EU tatsächlich gerechter würde? Das bleibt, wie sie zugibt, offen. Dennoch erscheint es plausibel, dass sich der politische Handlungsspielraum vergrößern würde – mit mehr Möglichkeiten für afrikanische Migranten und die Weiße Arbeiterschaft, ihre Interessen zu vertreten, politische Alternativen zu erproben und schließlich eine Zukunft jenseits der heutigen Machtverhältnisse zu entwerfen.
Am vergangenen 17. Oktober fiel in Paris ein leichter, beständiger Nieselregen. Da ich meinen Regenschirm vergessen hatte, hielt Bouteldja ihren über uns beide, während wir zum Ufer der Seine gingen, um an einer Gedenkveranstaltung für die Demonstranten teilzunehmen, die 1961 getötet worden waren.
Vor einer Stunde hatte ich Bouteldja an ihrem Arbeitsplatz besucht. Hauptberuflich ist sie weder Aktivistin noch Autorin; sie verdient ihren Lebensunterhalt in der französischen Verwaltung, wo sie die Konferenzräume eines Kulturzentrums an Unternehmen vermietet. („Die kosten richtig viel“, bemerkte sie beiläufig.) Tagsüber arbeitet sie in einem Labyrinth aus Großraum- und Einzelbüros, doch selbst dort fällt sie auf. Als wir uns trafen, hob sie sich mit ihrem traditionellen algerischen Gewand und Kopftuch deutlich von der Gleichförmigkeit der üblichen Bürokleidung ab. (Das französische Bestreben, islamische Kopftücher zu verbieten, ist ein zentraler Streitpunkt im Kampf gegen Islamfeindlichkeit. Bouteldja trägt manchmal ein Kopftuch, manchmal auch nicht.) Sie führte mich in einen der Räume, die sie vermietet, der einen grandiosen Ausblick auf die berühmtesten Sehenswürdigkeiten von Paris bietet. Als ihr Blick auf das Panthéon fiel, kommentierte sie trocken: „Dort liegen all die großen Verbrecher begraben.“
Bei einem Tee in ihrem Büro-Abteil tauschten wir uns über Schwarze amerikanische Denker aus. Wir teilten die Einschätzung, dass Angela Davis eine wichtige und einflussreiche Stimme ist – sie war als Rednerin bei einer Veranstaltung der „Indigènes de la République", Bouteldjas politischer Bewegung, aufgetreten. Allerdings meinte Bouteldja, dass Davis den Anschluss an die heutige Zeit verliere, während ich fand, dass Davis zu stark an den atheistischen Überzeugungen ihrer kommunistischen Jugend festhalte. Im persönlichen Gespräch zeigt Bouteldja die gleiche Präzision und Entschiedenheit wie in ihren Texten. Ihr Selbstvertrauen wirkt entwaffnend. Man kann sich ihren Ideen und Argumenten kaum entziehen.
Als wir ihr Büro verließen, teilte Bouteldja noch ein Lachen mit ihren Kollegen über die kleinen Absurditäten des Arbeitslebens. Beim Vorstellen glaubte ich, einen Hauch von Stolz in ihrer Stimme zu hören – ein Amerikaner hatte sie aufgesucht. Der Regen begleitete uns zur jener Brücke, von der französische Polizisten die Körper der hundert algerischen Demonstranten in die Seine geworfen hatten. Knapp fünfzig Menschen hatte sich versammelt: Nordafrikaner, Alt-Linke und junge weiße Aktivisten. Bouteldja war allen bekannt und tauschte hier und dort ein paar Worte aus, war aber nie im Zentrum einer Schaar von Bewunderern. Am Rand filmte ihr Medienprojekt „Paroles d'honneur“ ein Video für die sozialen Medien – sie selbst blieb im Hintergrund.
Nach einer stillen halben Stunde fing eine Gruppe Musiker an zu spielen. Anders als bei Demonstrationen in den USA, wo vielleicht nur ein paar junge Leute mit selbstgebauten Trommeln aufspielen, gab es hier Trompeten, Posaunen und Klarinetten. Bouteldja sprach mit den Musikern und erklärte mir, sie würden gleich ein traditionelles algerisches Volkslied spielen. Das Lied war schnell und festlich, und viele der Umstehenden kannten die Worte. Nach dem Höhepunkt erklangen ringsum die für Nordafrika typischen hohen Trillerrufe. Plötzlich stürmte ein älterer Mann nach vorne, gestikulierte vor den Musikern und schrie sie an. Mit leisem Lächeln übersetzte Bouteldja: er finde, wir sollten hier trauern statt fröhlich zu singen. Nachdem er seine Beschwerde vorgebracht hatte, ging er davon, und die mitreißende Musik setzte wieder ein. So standen wir da, eine kleine Gruppe im Regen – trauernd und zugleich feiernd, im Angesicht einer neuen Welt, die kommen wird.