An den fernen Exilanten

Dirk Brockschmidt
Dirk Brockschmidt studierte Literaturwissenschaften und Jura. Er ist Zweiter Vorsitzender des Literaturvereins Münster und schreibt freiberuflich.
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Wenn sich die barbarischen Horden
ungefragt unser Deutschland borgen,
wenn sie lärmen, prahlen, morden,
blind für Gestern, taub für Morgen—
regt sich einer, kaum vernommen:
Unser Geist ist nicht verkommen.
Und wer fort muss, fern den Auen,
durch die Nacht ins Fremde zieht,
wird im Herzen dennoch schauen,
was kein fremder Himmel nimmt.
Nur im Sturz und im Verlieren
kann das Eigne triumphieren.
Du, Meister Treuster—
Du warst „Wir“
mehr als Ruhm und mehr als Beute;
trugst es glühend fort von hier
durch die Finsternis der Meute.
Deutsch blieb, was in Dir brannte;
als das Land sich selbst verkannte.
Nicht im Rufe, nicht im Schreien,
nicht im falschen Heldenschein,
nicht im Zwang, sich selbst zu weihen,
wo nur Masken Worte leih’n—
nein, im Schweigen alter Sphären
wird sich wahres Wesen klären.
Du sprichst: „Wo du bist, ist deutscher Geist“—
wie ein Spruch aus tiefen Zeiten,
der durch Nacht und Exil kreist,
fern von Märkten, fern von Streiten.
Nicht dem Volk der lauten Zeichen
will Dein fernes Wort sich zeigen.
Nicht im Blute keimt der Same,
nicht im Ruf der Menge laut;
nur wer leidend ohne Name
seinem innern Stern vertraut,
mag aus Nacht und Selbstverlieren
noch das Eigene heimwärts führen.
Wo einer steht, wenn andre fallen,
fern vom Lärm der Zeiten allein,
wo aus tief verschütteten Hallen
noch ein altes Wort kann sein—
dort, im Dulden und Entsagen,
wird sich deutscher Geist noch wagen.
Also sei Dir dies erwiesen:
Geist ist weder Ort noch Wort—
er ist Glut in Nacht und Krisen,
ist ein stilles „Dennoch“dort.
Nicht: wo Du bist, sei er gewesen—
in uns wird Deutschland genesen.
[.smalltext]Das Gedicht ist der Versuch einer Antwort auf Karl Wolfskehls Gedicht „An die Deutschen“, das er im Exil verfasste, um seine Verbundenheit mit der deutschen Geschichte und Kultur auszudrücken, die auch ihm geraubt wurde. Wolfskehl fühlte sich zutiefst als Deutscher – in einer unlösbaren, stolzen Synthese mit seinem Judentum. Beides waren für ihn keine Gegensätze, sondern, wie er selbst schrieb, „Ströme einander befruchtenden Lebens“. Als Jude und Mitglied des George-Kreises floh Wolfskehl 1933 nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten aus Deutschland.[.smalltext]