Christus trägt das Kreuz  (Ausschnitt) Jan Sanders van Hemessen (ca.1500-1575)

Palmsonntag

Einzug in Jerusalem

von Johannes E. von Holst

Samstag, 9. April 2022
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Jesus war mit seinen Jüngern inzwischen in die Nähe von Jerusalem gekommen. Kurz bevor sie Bethphage und Bethanien erreichten, zwei Ortschaften am Ölberg, schickte Jesus zwei Jünger voraus mit dem Auftrag: »Geht in das Dorf da vorne! Gleich am Ortseingang werdet ihr einen jungen Esel finden, der dort angebunden ist. Auf ihm ist noch nie jemand geritten. Bindet ihn los und bringt ihn her! Sollte euch jemand fragen, was ihr da tut, dann sagt einfach: ›Der Herr braucht das Tier, aber er wird es bald wieder zurückschicken.‹« Sie machten sich auf den Weg und fanden den Esel draußen auf der Straße an ein Hoftor angebunden. Sie banden ihn los; aber einige Leute, die dabeistanden, fragten: »Was macht ihr denn da? Warum bindet ihr den Esel los?«  Sie antworteten so, wie Jesus es ihnen gesagt hatte. Da ließ man sie gewähren.  Die Jünger brachten den jungen Esel zu Jesus, legten ihre Mäntel auf das Tier, und er setzte sich darauf.  Viele Leute breiteten ihre Kleider als Teppich vor ihm aus, andere legten Zweige auf den Weg, die sie von Bäumen auf den Feldern abgerissen hatten.  Vor und hinter ihm drängten sich die Menschen und riefen: »Gelobt sei Gott, und gepriesen sei, der in seinem Auftrag kommt! Gesegnet sei das Königreich unseres Vorfahren David, das nun kommt! Gelobt sei Gott hoch im Himmel!« Markus 11,1-10,

Während der Herr sich im stillen Bethanien aufhielt, herrschte in Jerusalem eine gewaltige Aufregung. Hunderttausende von Festpilgern waren zum Passahfest herangezogen und überfüllten die ohnehin stark bevölkerte Königsstadt. Aller Gedanken und Gespräche waren von der einen Frage bewegt: wird der Prophet von Nazareth, der große Todesbezwinger, der vom Hohenrat Gebannte auch zum Fest kommen, wird er’s wagen?

Aller Gedanken und Gespräche waren von der einen Frage bewegt: wird der Prophet von Nazareth, der große Todesbezwinger, der vom Hohenrat Gebannte auch zum Fest kommen, wird er’s wagen?

large green palm branches with sun shining through

Da verbreitet es sich rasch, dass er schon in Bethanien sei und sich soeben zum Einzug in Jerusalem bereitmache. Die Feinde sind ergrimmt, die Anhänger fühlen sich ermutigt, die Gleichgültigen werden aufgerüttelt, und große Scharen buntgemischten Volkes ziehen auf den Ölberg hinaus und harren seiner in höchster Spannung. Da ertönt der Ruf: „ER ist da!“  Der Friedenskönig erscheint auf der Höhe, reitend auf einem Esel, umgeben von seinen Jüngern und vielen anderen Nachfolgern und Anhängern. Die bisher unterdrückte Verehrung für diesen wunderbaren Gottesmann bricht bei seinem Anblick in den gedrängten Volksmassen mit unwiderstehlicher Gewalt hervor. Sie erkennen in ihm den verheißenen Davidssohn, den ersehnten König-Messias. Sie breiten ihre Kleider auf seinen Weg, brechen grüne Zweige von den Palmenbäumen und schwenken sie fröhlich in der Luft. So empfangen und begleiten sie ihren großen und doch so unscheinbaren König. Eine von oben stammende Begeisterung bemächtigt sich der Seelen. Lobgesänge werden angestimmt: „Hosianna dem Sohne Davids, gelobet sei der da kommt in dem Namen des Herrn, Hosianna in der Höhe!“ Von Scharen zu Scharen pflanzen sich diese Psalmentöne fort: „Gelobet sei das Reich unseres Vaters David, gelobet sei der da kommt, ein König im Namen des Herrn!“ So geht es weiter und immer mächtiger ertönen die begeisterten Gesänge und klingen fort bis zu den Toren der Hauptstadt, ja bis in die Hallen des Tempels hinein: „Hosianna dem König von Israel, Friede im Himmel, Ehre in der Höhe!“ Welche Zeiten des Heils hätten mit diesem Tage über Israel aufgehen können, wenn so das ganze Volk seinem König gehuldigt und ihm Treue gehalten hätte bis in den Tod! Aber je höher die Wogen der Volksfreude gehen, umso grimmiger wird der Hass der Feinde. Erbost am Wege stehend rufen sie dem Herrn zu: „Meister, strafe doch deine Jünger!“ Er aber nimmt des Volkes Huldigung an und weiset diese verbissenen Ältesten zurück mit den Worten: „Wo diese schweigen, werden die Steine schreien!“ Doch wetterwendisch ist das Volk, - aber unerschütterlich bleibt der Hass der Widersacher.

Der König zieht ein in seine Stadt, aber seine Krone wird eine Dornenkrone und das Kreuz auf Golgatha wird sein Thron.

Der König zieht ein in seine Stadt, aber seine Krone wird eine Dornenkrone und das Kreuz auf Golgatha wird sein Thron. Wie huldigst du, meine Seele, deinem König? Wie begleitest du, Gemeinde der Erlösten deinen Heiland auf seinem Todesgange, wie bewahrst du ihm die gelobte Treue?

Von Johannes Ernst von Holst (1828-1898)

war evangelischer Pfarrer und Stadtprediger in Riga und veröffentlichte diese Andachten 1895.

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