Als Kind hielt ich jedes Jahr im März und April in der Landschaft im Hinterland von New York Ausschau nach den Boten, die das kommende Osterfest ankündigen: die ersten Schneeglöckchen, die hellgrünen Triebe des Kohls, die neugeborenen Lämmer.
Nach meinem Umzug in die südliche Hemisphäre vermisste ich diese Anzeichen sehr. Nach mehr als zwei Jahrzehnten hier habe ich jedoch gelernt, dass die Jahreszeitenwechsel in der Region New South Wales subtiler sind. Hier kommt Ostern nicht mit dem Frühling, sondern mit dem Herbst. Und auch hier gibt es Vorboten. Tatsächlich scheinen die Metaphern der Natur das Verständnis dafür zu verstärken, dass man sich selbst sterben muss, um eine reichhaltige Ernte zu erzielen.
Als neu angekommene Amerikaner in Down Under bemühten mein Mann Chris und ich uns, in unserer neuen Heimat Wurzeln zu schlagen. Aber sobald Ostern näher rückte, sehnte ich mich nach den mir vertrauten Symbolen für „neues Leben“. Symbole, die mir Freude bereiteten und mit denen ich mich identifizieren konnte: schlüpfende Küken, frisches grünes Gras und Kirschblüten.
In diesem Land der „umgekehrten” Jahreszeiten, als Ostern näher rückte und der Sommer in den Herbst überging, legten sich die schwierigeren Themen Tod, Sterben und Langsamkeit wie ein Schatten über die Landschaft. Das erweckte in mir eine Sehnsucht nach meiner Heimat und dem Frühling.
Die Ureinwohner dieser Region betrachten diese Zeit des Jahreszeitenwechsels als das Ende der „Sonnenzeit” und den Beginn der „Frostzeit”. Doch statt einer vierzigtägigen Wüste wird die Grenze zwischen März und April durch die „Fruchtzeit“ oder Erntezeit markiert. Wenn wir bedenken, wie der Apostel Paulus Jesus als „Erstling der Entschlafenen“ bezeichnet (1 Kor 15,20–23) und die Wochen vor Ostern nutzen, um unser Herz und unseren Verstand zu kultivieren, hat die Fastenzeit das Potenzial, zu einer fruchtbaren Zeit zu werden.
Fotos: Norann Voll.
Während der Fastenzeit umgeben uns weitläufige Felder mit reifen Sonnenblumen, Weinberge mit vollen Trauben und Zichorienblüten am Wegesrand. Die Eukalyptusbäume, die unsere Wälder dominieren, werfen ihre abgestorbene Rinde in großen Stücken ab. Die Sonnenblumen und Trauben liefern Öl und Wein, die Zichorien versorgen den Boden mit Nährstoffen und die abgeworfene Rinde erneuert die Gesundheit der Bäume. Zusammen mit der Rinde ermöglicht der Prozess des Loslassens dem Baum, sich von Flechten, Pilzen und Parasiten zu befreien.
In ähnlicher Weise stärkt und belebt der fastenzeitliche Prozess der Buße, des Opfers, des Gebets und des Pilgerns unsere Seelen; Es ist eine Zeit der heiligen Ernte.
Es erinnert mich daran, wie mein Vater, ein Landwirt, mir beibrachte, mich eng an die Jahreszeiten zu halten – Aussaat, Warten, Wachstum, Geburt, Tod – und das Wunderbare inmitten des Schmerzhaften, das Wunderbare neben dem Wilden anzunehmen.
Wie kein anderer Ort hat mich Australien gelehrt, mit dem Unbehagen von Ostern zu leben.
Vor Jahren rief uns ein nahe gelegenes Bio-Weingut an, weil sie Hilfe für die frühmorgendliche Weinlese benötigten. Es war kurz vor der Fastenzeit. Der Zuckergehalt der Trauben war genau richtig, es gab keinen Regen und keinen Frost, und die Lastwagen standen bereit, um die Trauben von den Hügeln in die Stadt zu transportieren, wo sie sofort gekeltert werden sollten. Aber der Manager des Weinguts hatte nicht genügend Arbeitskräfte, um bei der Ernte zu helfen.
Wir fuhren durch herrliche Eukalyptuswälder mit zerklüfteten, runden Felsformationen und kamen vor Tagesanbruch an. Es waren ein Dutzend andere Arbeiter aus der Gegend da, von denen wir keinen kannten. Unsere erste Aufgabe bestand darin, die Sauvignon-Blanc-Trauben auf dem „Hill of Dreams“ zu pflücken, dem Hügel, auf dem der Besitzer die ersten Reben gepflanzt hatte. Wir begannen mit der Arbeit – schnitten die Trauben mit kleinen, scharfen Scheren ab, füllten Eimer und kippten sie in Holzkisten auf der Ladefläche eines kleinen Traktors.
Die Sonne ging auf, neugierige einheimische Bienen kamen, um die Lage zu erkunden, und wir zogen vom „Hill of Dreams“ weiter zu anderen Reben und anderen Trauben. Wir beendeten die Arbeit in der Mittagshitze, unsere Hände klebten vom Zucker und unsere Rücken schmerzten leicht, als wir uns auf die Veranda des Gehöfts setzten und mit den anderen Arbeitern Sandwiches und kaltes Bier genossen, während die beladenen Lastwagen durch den Wald davonfuhren, um in einer etwa drei Stunden entfernten Stadt gekeltert zu werden.
Das Traubenpflücken vor Ostern wurde zu einer jährlichen Tradition. Wir kamen stets früh zum Weinberg, ohne andere Personen dort zu kennen, arbeiteten fleißig mit unseren Händen, lernten Namen und Geschichten kennen und feierten anschließend gemeinsam, wenn die Lastwagen wegfuhren.
Bis zu dem Jahr, in dem es brannte.
Es war ein Rekordjahr für den Weinberg – eine lange Dürre war den seltenen Rebsorten Nebbiolo und Gewürztraminer, die auf Granitboden gedeihen, zugute gekommen. Es gab keine Spur von Schimmel oder Fäulnis auf den perfekten Trauben und die Quelle, die zur Bewässerung genutzt wurde, war nicht ausgetrocknet.
Doch eines Nachts entzündeten Brände, die das dichte Plateau rund um den Weinberg heimgesucht hatten, den benachbarten Kiefernwald. Das Team kämpfte die ganze Nacht zusammen mit den örtlichen Feuerwehrleuten gegen die Flammen, aber Glut aus dem Wald fiel auf den Weinberg. Viele Reben verbrannten und ein Großteil der Trauben wurde durch den Rauch beschädigt. In diesem Jahr halfen wir bei einer anderen Art von Ernte. Die verkohlten Reben waren voller Früchte, und obwohl sie zerstört waren, mussten die Trauben von den Reben entfernt werden.
Wir meldeten uns freiwillig, um die scheinbar perfekten, aschfarbenen Trauben abzuschneiden – und sie auf den Boden fallen zu lassen. Die verbrannten Zweige und Trauben wurden ebenfalls abgeschnitten, bis in einigen Fällen nur noch ein einziges hartnäckiges Stück Rebe am Leben war.
Ich hatte mich immer über die Worte Jesu gewundert: „Jede Rebe, die Frucht bringt, beschneidet er, damit sie mehr Frucht bringt“ (Joh 15,2).
Jetzt verstand ich sie besser. Um zu heilen, musste es erst einmal wehtun. Tag für Tag arbeiteten wir uns Reihe für Reihe vor. Nichts konnte gerettet werden. Dennoch beendeten wir jeden Tag mit einem Mahl, bei dem wir uns an frühere Ernten, das Feuer und die Zukunft erinnerten. Manchmal sangen wir, um uns aufzumuntern. Wenn wir uns jeden Abend am Wasserhahn des Gehöfts die Hände wuschen, blieb die Asche an unseren Fingerspitzen zurück.
Diese „Ernte“ ließ mich erkennen, dass ich mich an alte Sichtweisen klammerte, denn im Hinblick auf die Freude der Ostertage ist die Fastenzeit eine Zeit des „Noch-Nicht“, des unangenehmen Wartens, der brachliegenden Fruchtbarkeit, des unwillkommenen Zurückschneidens. Es ist eine Zeit des Sammelns und Loslassens, des Fokussierens und der Erneuerung, der Hoffnung und der Heilung – gleichermaßen und mit so viel Mut, wie erforderlich. So oft ist es eine Art des Wartens, in der wir zusehen müssen, wie unsere irdischen Pläne zerfallen, während ewige Pläne Gestalt annehmen.
So wie die Früchte des Landes geerntet, gepresst und miteinander geteilt werden müssen, müssen wir zulassen, dass unsere Herzen verarbeitet, erneuert und umgewandelt werden. Und wir müssen dies nicht nur zulassen, sondern diese Fastenzeit nutzen, um dies zu ersehnen. Das ist nicht einfach.
Manchmal erfordert es die Dualität des Feuers – sowohl die Zerstörung als auch die Erlösung. Ich kann diese perfekte, mit Asche bedeckte Traube sein, die abgeschnitten werden muss und dennoch Teil der Ernte ist. Ich kann diese hochgewachsene, vom Rauch zerstörte Rebe mit glänzenden Blättern sein, die unter der Schere des Erntehelfers fallen muss und dennoch zu einer zukünftigen Ernte beiträgt.
Dieses Feuer liegt nun sechs Jahre zurück. In den Jahren seitdem wurden die Reben neu gepflanzt und die Spaliere wieder aufgebaut. Heuer wurde uns mitgeteilt, dass es die reichhaltigste Ernte seit den Bränden war.
Lassen wir diese Zeit zwischen Sonne und Frost zu einer Zeit der Fruchtbarkeit werden.