grass-grown stone stairs with stone walls on either side

Die Wolke

von Giovanni Papini

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Wieder gingen sie nach Jerusalem, diesmal für immer die Netze hinter sich lassend; es begann nun die Reise, auf der sie nur noch Blut aufhalten konnte.

Am gleichen Ort, wo er im Schatten blühender Zweige ins tiefste Menschenelend hinuntergestiegen war, wollte er nun, nach der mit Entehrung und Wiedergeburt ausgefüllten Pause, in die Herrlichkeit Gottes hinaufsteigen. Vierzig Tage hindurch, von der Auferstehung an, bliebe er noch inmitten der Menschen, ebenso viel wie er nach dem sinnbildlichen Tode im Wasser in der Wüste geblieben war. Obwohl sein Leib als der gleiche wie früher erschien, erschien sein Leben jetzt gegenüber der Scheinwelt des Taubes als höchste Erhebung – so lichtfern und übermenschlich war es – bereit, ganz vergeistigt wieder zur Höhe hinaufzufahren, aus der er rund dreißig Jahre vorher heruntergestiegen war, einen Verbindungsweg zu bahnen zwischen der in Finsternis liegenden Erde und dem Überschwang des Himmels.

Noch mehr als einmal erschien er, um seine hohen Ver­sprech­ungen neu zu bestätigen

Er führte jetzt nicht wie einst mit den Aposteln ein gemeinsames Leben; er war nun einmal aus dem Leben der Lebendigen herausgelöst; aber noch mehr als einmal erschien er, wie sie beisammen waren, um seine hohen Versprechungen neu zu bestätigen; …

Zum letzten Mal sahen sie ihn auf dem Ölberg, wo er vor seinem Tode die Zerstörung des Tempels und der Stadt und die Anzeichen seiner Wiederkunft vorausgesagt hatte, und wo er von Satan im Grauen der Nacht und der Todesangst, triefend von Schweiß und Blut, zurückgelassen worden war, ehe Satan besiegt  entweichen musste. Es war einer der letzten Abende im Mai; die Wolken standen golden über der goldenen Stunde, wie himmlische Inselkränze im Schmelz der untergehenden Sonne; es war, als stiegen sie, ungeheure, duftenden Opferrauchsäulen, von der Warmen Erde zum sich herabsenkenden Himmel hinauf…

Herr, ist dies nun die Zeit, wo du das Reich Israel wieder­her­stellen wirst?

Da stellten die Jünger noch einmal an Jesus die Frage, die sie am gleichen Ort schon an ihn gerichtet hatten an jenem Abend, wo er ihnen mit der Doppelprophezeiung antwortete. Was sollten sie noch erwarten, wo er wiedergekommen war nach seiner Verheißung?

„Herr, ist dies nun die Zeit, wo du das Reich Israel wiederherstellen wirst?“ …

Christus antwortete:  „Es steht euch nicht zu, Zeit und Stunde zu kennen; der Vater hat sie seiner Macht vorbehalten. Aber ihr werdet die Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist über euch kommt, und werdet mir Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis an die Grenzen der Erde.“

Nachdem er das gesagt hatte, hob er beide Hände zum Segen über sie. Und vor ihren Augen schwebte er von der Erde auf, und plötzlich umhüllte und verbarg ihn eine leuchtende Wolke wie am Verklärungsmorgen. Die Zurückbleibenden konnten ihren Blick nicht vom Himmel wenden; sie starrten noch immer, regungslos vor Staunen, hinauf, als zwei Männer in weißen Gewändern sie aus der Lähmung aufrüttelten:

„Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch hinweg in den Himmel ist aufgenommen worden, er wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn sahet in den Himmel fahren.“

„Ich bin bei euch bis ans Ende dieser Zeit.“

Da beteten sie schweigend an. Dann kehrten sie in die Stadt zurück, leuchtend vor stiller Freude, im Gedanken an den kommenden Tag: den ersten Werktag eines Werkes, das jetzt , nach zwei Jahrtausenden, noch nicht zu Ende getan ist. Jetzt sind sie allein, sie, wie er es gewesen ist; allein gegen eine ungezählte Schar von Feinden – sie hat ihren Namen von der Welt. Aber der Himmel ist jetzt nicht mehr so vollständig getrennt von der Erde, wie er es vor der Ankunft Christi gewesen ist. Die mystische Leiter des Jakob ist nicht mehr der Traum eines einzelnen; sie steht fest auf der Erde, auf dem Land, das sie unter den Füßen haben; es gibt einen Fürsprecher droben, der vergisst die zur Ewigkeit berufenen Eintagsmenschen nicht, ... „Ich bin bei euch bis ans Ende dieser Zeit.“ Das ist eine seiner letzten Verheißungen gewesen, seine größte. Er ist zum Himmel aufgefahren; aber der Himmel ist ja nicht mehr bloß die leere Wölbung, an der die Gewitterwolken entstehen und vergehen, flüchtig und geräuschvoll wie die Reiche, und an der die Sterne schweigend strahlen wie heilige Seelen. Der Menschensohn ist noch unter uns: er, der ganz Licht war im Licht des Himmels; er, der von der Erde aufgereckt unter dem dunkel gewordenen Himmel starb; er, der wiedergekommen ist, um in der Abendsüße zum Himmel aufzufahren; er, der einst wiederkommen wird auf den Wolken des Himmels: er ist gegenwärtig in der Welt, die er hat freimachen wollen; er hat unserer Worte acht, wenn sie wirklich aus tiefer Seele kommen; unserer Tränen hat er acht, wenn sie wirklich unser Herzblut sind, bevor sie uns salzig aus den Augen quellen; er ist unsichtbar und gütig unser Gast, er wird uns nie verlassen. Denn die Erde ist nun durch seinen Willen eine Vorausnahme des Himmelreiches; sie gehört schon zum Himmel. Unser aller raue Nährmutter sie, ein Ball so klein wie ein Pünktlein im Unendlichen: so, wie sie ist, schließt sie Unendlichkeitshoffnung in sich. Christus hat sie, sein ewiges Eigentum, wieder an sich genommen. Er ist uns heute noch inniger verbunden als einst, da er das Brot von den Feldern aß. Kein Gottesversprechen kann verfallen; jedes Bläschen der Maiwolke, die ihn verborgen hat, ist noch hienieden; der Himmel, zu dem wir unsere müden, sterblichen Augen Tag für Tag erheben, ist derselbe Himmel, aus der er wieder niedersteigen wird im schreckenden Glanz seiner Herrlichkeit.

Meister von Hohenfurth: Himmelfahrt Christi

Meister von Hohenfurth: Himmelfahrt Christi

Von

Giovanni Papini (9. Januar 1881- 8. Juli 1956) war ein italienischer Schriftsteller. In „Das Leben des Herrn“ (Storia di Cristo - 1921) erzählt er das Leben Jesu, nach dem Vorbild der Evangelien.

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