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Christsein im Imperium

Jesusnachfolge als Vision einer neuen Welt

von Hans Häselbarth

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Im vergangenen Jahr erschien das empfehlenswerte Buch der Bonhoeffer-Biografin Renate Wind: Christsein im Imperium. Jesusnachfolge als Vision einer neuen Welt (Gütersloh 2016). Immer hat die im Titel angedeutete Spannung die Kirchengeschichte geprägt. Davon ausgehend soll hier in Kürze beschrieben werden, wie aktuell dieses Thema gerade heute wieder geworden ist.

Grundmotiv Gier

Über Jahrhunderte beherrschte einst das Römische Reich die bekannte Welt durch seine Legionen, durch seine moderne Technik, durch den Handel und Verkehr auf Seewegen und guten Straßen mit aller Welt, mit seiner Wirtschaftskraft, durch das Heer der Sklavenarbeiter, durch seine straffe politische und bürokratische Organisation - und vor allem durch seinen zentralen Kaiserkult.

Sein Grundmotiv ist die Gier … das Sicherheitsbedürfnis der Besitzenden, zu denen auch wir gehören.

Das Imperium, das heute über uns herrscht, ist nicht mehr auf ein Reich beschränkt. Es ist das kapitalistische System mit seinen Hochburgen im Westen und im Osten. Es stützt sich auf das weltweit vernetzte Bündnis der Finanzwelt, der Agrarwirtschaft, der Rohstoff- und Industriekonzerne, der IT- Branche, der Militärs und der Politik. Sein Grundmotiv ist die Gier, sein Beharrungsvermögen das Sicherheitsbedürfnis der Besitzenden, zu denen auch wir gehören.Dieses Machtgeflecht bringt nicht nur Fortschritt, sondern vertieft auch das Elend der Welt: den Hunger, die Abschottung, die wachsende Schere zwischen Arm und Reich, die ausufernde Korruption, das Zögern in der Bekämpfung der Klimaveränderung, das Anwachsen der Flüchtlingsströme, die Ausbeutung der Natur (sichtbar am Ausverkauf des Bodens, am Aussterben von bedrohten Arten, an der Überfischung der Meere). Durch seine umfassende Macht und Kontrolle erzeugt es in vielen Wutbürgern Ohnmachtsgefühle über „die da oben“. Das fördert den Populismus, die Sehnsucht nach starken Führern und gefährdet unsere Demokratien!

Reich Gottes

Im Kontrast dazu gewinnt in der Nachfolge Christi jedoch die Vision einer neuen Welt an Klarheit: das Reich Gottes. Zu ihm gehören wir, nach seinen Maßstäben wollen wir leben! Äußerlich bildeten Staat und Kirche nach der sog. Konstantinischen Wende im 4. Jahrhundert mehr oder weniger eine Einheit, bei uns in der Gestalt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Bis 1918 war damit die Kirche in die Staatsgebilde eingebunden. Doch durch die Erfahrung der Schrecken des Ersten Weltkrieges und (theologisch) durch den Impuls der Dialektischen Theologie wurde vor einem Jahrhundert die Kritik am Bündnis von Thron und Altar immer lauter. Gott und das Reich Gottes, wie es die zentrale Botschaft Jesu in den Evangelien bezeugte, erschien nun als das „ganz Andere“. Die sog. Und-Verbindungen wurden fraglich: Christ und Kultur, Volkstum und Glaube, Christ und Krieg, Glaube und Vernunft.

Damit werden wir wieder – wie in den Anfängen – die „Leute des Neuen Weges“.

Zwar erhielten die Kirchen in Deutschland nach der Katastrophe des Zusammenbruchs 1945 noch einmal weiten öffentlichen Einfluss und Mitsprache, doch inzwischen sind wir mehr und mehr eine Minderheit in einer säkular geprägten Gesellschaft geworden, noch geduldet aber mit schwindendem Einfluss. Dadurch wird für uns der Unterschied zwischen den zwei Regimenten Gottes deutlicher, mit denen er die Welt regiert. Diesen Eindruck verstärken auch die Christenverfolgungen in vielen islamischen Ländern. Unsere eigentliche Heimat ist zuerst das Reich Gottes und wir warten auf den neuen Himmel und die neue Erde. Die Kirche aller Konfessionen kann damit in einem tieferen Sinn zur „Freikirche“ werden. Damit werden wir wieder – wie in den Anfängen – die „Leute des Neuen Weges“. Erst wenn wir die Anbiederungen an die Macht und die Kompromisse verlassen, werden wir wirklich diese alternative Gestalt finden und leben. Dann können wir uns authentischer und mit neuem Profil der Welt zuwenden und der Stadt Bestes suchen. Aus der derzeitigen „Babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ heraus zu finden, das ist ein wichtiger Perspektivwechsel, ja sogar ein reformatorischer Impuls.

Die Bergpredigt

Nun könnten wir entdecken, dass dieser Weg der Nachfolge in der Schrift schon längst vorgezeichnet ist. Da begegnet uns in den Evangelien die zentrale Jesusbotschaft vom Kommen des Reiches Gottes. Seine Geburtsgeschichte zeigt, dass er nicht als Imperator, sondern als absolut gewaltloser Mensch zu uns gekommen ist. Seine Leidensübernahme und sein Kreuzweg zeigen uns, wie wir mit aktiver Leidensübernahme dem „Kaiserkult“ im herrschenden Imperium widerstehen können. Ebenso deutlich wird das im Bild von Jesus, dem Guten Hirten - im Kontrast zu den Hirten, die sich selber weiden. Und gegen die Resignation, dass doch alles beim Alten bleibt, stehen die Berichte von Zeichen und Heilungswundern Jesu: als Hinweise auf die neue Welt, die bereits begonnen hat. Seine Lehre in der Bergpredigt, eingeleitet durch die Seligpreisungen, beschreibt jene alternative Lebensweise, in der die Leidenden und die Armen glücklich genannt, und in welcher die Feindesliebe ein entscheidendes Merkmal der Jesusnachfolge wird. Welt der Gewalt zu verhelfen. Wer sollte es sonst tun? Diese Sicht soll hier besonders vertieft werden.

Das Anderssein als Bürger im Reich Gottes besteht in Liebe und Gewaltlosigkeit.

Was hindert uns, Jesu Botschaft vom Frieden endlich kompromisslos ernst zu nehmen? Da gilt es, unsere Bekenntnisgrundlage, etwa im Blick auf Artikel 16 des Bekenntnisses von Augsburg mit seiner Rechtfertigung der Todesstrafe und der militärischen Kriegführung neu zu bedenken. Wir können eingestehen, dass CA 16 als Zeugnis historisch bedingt war, für uns aber nicht länger verbindliche Lehre sein kann. Das muss heute ohne Wenn und Aber öffentlich ausgesprochen werden. Unsere Rolle als Minderheit im Land kann uns die Freiheit eröffnen, die Friedensbotschaft Jesu noch klarer als bisher zu bezeugen. Viele Menschen erkennen nicht ihre eigene Gewalt-Gläubigkeit und merken nicht, dass Gegengewalt fast automatisch die Gewalt steigert. Ein Selbstverständnis als Friedenskirche würde hellhörig machen in einer Welt, die von zunehmendem Hass und Gewalt geprägt ist. Das hätte eine starke Signalwirkung in der christlichen Ökumene wie in der nichtchristlichen Welt! Wie sähe eine solche Neuorientierung in unserer Kirche praktisch aus?

Möglichkeiten

Wir können uns etwa dafür einsetzen, die staatlichen Etat-Mittel für zivile Friedensdienste im In-und Ausland, sowie für Friedensforschung und Friedenspädagogik auf Kosten des Wehr-Etats großzügig aufzustocken; die Militärseelsorge auf eine rein kirchliche Grundlage zu stellen; die Kontrollgesetze für Waffenexport und Waffenhandel zu verschärfen, ja Herstellung und Export schließlich ganz abzuschaffen. Viel wäre zu verändern im großzügigen Aufbau von Freiwilligendiensten und in Angeboten der Konfliktbearbeitung. Klar, wenn wir dabei Wünsche an die Politiker richten, müssen wir als Kirche mit gutem Beispiel vorangehen.

Viel wäre zu verändern im großzügigen Aufbau von Freiwilligendiensten und in Angeboten der Konfliktbearbeitung.

Sie kann es sich zur Aufgabe machen, Friedensfachkräfte auszubilden, Friedenswerkstätten einzurichten und Friedenstheologie als Fach einzuführen. In ökumenischer Gemeinsamkeit können wir ein Frühwarnsystem für entstehende Konflikte einrichten und Schutzverantwortung für bedrängte Minderheiten mit nichtmilitärischen Mitteln übernehmen. Im Religionsunterricht können wir für alle Altersstufen einen Schwerpunkt auf die Geschichte von Friedenszeugen setzen. Zitate und Kurzbiografien würden eine Gemeinschaft der Heiligen, eine Ahnenreihe mit Vorbildcharakter aufzeigen. Das wäre ein wichtiger Beitrag zur Volkserziehung. Liebe und Gewaltfreiheit sind doch, trotz aller Schwächen, die Markenzeichen der Christen. Wagen wir eine Re-Formation in diesem Sinn - hin zu Jesus!

Christus siegt

Werfen wir zuletzt einen Blick auf das Buch der Offenbarung. Es beschrieb einst deutlich für Christen die Alternative zum Imperium und war also Widerstandsliteratur. Aber ebenso wurde es ein Trostbuch für den kleinen Kreis bedrängter Christen in Kleinasien. Sie sollten aufwachen, das herrschende System des Römischen Reiches durchschauen und alle Kooperation beenden. Sie waren ja nicht „Babylon“, nicht der „Hure“, nicht dem „Tier aus dem Abgrund“ hörig – diese sind ja schon besiegt – sie sind nun Bürger im Reich Gottes!

Christus sieget, Christus regieret, Christ triumphieret

So ist das letzte Buch der Bibel eine Apokalypse im Sinn einer Deutung und Enthüllung. Darin ist nicht eine ferne Zukunft, sondern die damalige Gegenwart und damit auch unsere heutige entschlüsselt. Die apokalyptischen Reiter sind keine Zukunftsgestalten, sondern sie prägen die Welt, wie sie damals erlebt wurde und wie wir noch heute die Leiden der Zeit erleben. Der Seher von Patmos setzt dieser alten Welt am Ende die neue Stadt Gottes entgegen, in der alle Tränen getrocknet sind und das Gegenüber von Armen und Reichen aufgehoben ist. Die Imperien dieser Zeit mögen uns noch so sehr ängstigen, doch uns gilt als Trost der österliche Freudenruf: „Christus sieget, Christus regieret, Christ triumphieret“.

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Von Photo of Hans Haselbarth Hans Häselbarth

Hans Häselbarth ist Pfarrer der Lutherischen Landeskirche in Bayern und lebt seit seiner aktiven Dienstzeit in Rothenbürg bei Selbitz. Er wurde 1936 in Dresden geboren und ist aufgewachsen in Mittelfranken. Nach seiner Schulzeit studierte er evangelische Theologie in Tübingen, Göttingen, Bonn, Berlin und Neuendettelsau.

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