grass-grown stone stairs with stone walls on either side

Der verlorene Sohn

von Giovanni Papini

Sonntag, 27. Februar 2022
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Ein Mann hatte zwei Söhne. Die Frau war ihm gestorben; aber diese zwei Kinder waren ihm geblieben. Dieser Mann liebte seine Söhne, nicht bloß, weil sie seines Blutes waren, sondern überhaupt; er war nun einmal so, liebend. Alle zwei hatte er gern, den Großen und den Kleinen; ein bisschen lieber noch vielleicht den Kleinen; aber der Unterschied war so unmerklich, dass er sich der Tatsache gar nicht bewusst war. Alle Väter und alle Mütter haben eine Schwäche für den Jüngsten; er ist eben der Kleine. War’s nicht jüngst noch, dass er dem Vater auf dem Hals und auf dem Rücken ritt?

Immerhin, jener Mann bevorzugte keinen. Seine zwei Söhne waren ihm wie die zwei Augen, wie die zwei Hände; gleich lieb, einer rechts und der andere links; er gab acht, dass jeder seine Freude hatte und keinem etwas abging. Indes, auch von den Söhnen eines Vaters hat jeder seinen eigenen Kopf. Das gibt’s fast nie, dass zwei Brüder ganz übereinstimmen; ja nicht einmal ungefähr.

Der Ältere war ein ernsthafter junger Mann, klug, gesetzt; er war schon wie ein fertiger Mann, reif, fast wie ein Verheirateter, ein Familienvater. Er hielt den Vater in Ehren, aber eher wie einen Herrn, nicht eigentlich wie einen Vater; es gab bei ihm keine Gefühlsregungen und Ausbrüche. Er tat seine Arbeit genau, war aber auch mit den Knechten genau und etwas bitter; er war wohltätig wie sich’s gehört, aber das arme Volk hatte er nicht gern ums Haus. Wenn’s nach ihm gegangen wäre, wäre für die Armen nie etwas dagewesen, obwohl das Haus vollgestopft war mit den Gaben Gottes. Dem Bruder gegenüber trug er Wohlwollen zur Schau, aber inwendig kochte das Gift der Missgunst. Wenn man von brüderlicher Liebe spricht, meint man etwas Anderes, als was man benennt. Brüder haben einander selten gern. Im Alten Testament der Bibel fängt es bei Kain schon an; mit Jakob, der seinen Bruder betrügt, geht’s weiter; Joseph wird von seinen Brüdern verkauft; Absalom ermordet den Ammon, Salomon lässt den Adonias erwürgen. Viele Tropfen Bluts liegen am Weg des Bruderneides, der hasst und lügt. Wenn man von Liebe sprechen will, sollte man nicht brüderliche Liebe sagen, sondern väterliche Liebe; die zwei Wörtchen passen eher zusammen.

Wenn man von Liebe sprechen will, sollte man nicht brüderliche Liebe sagen, sondern väterliche Liebe; die zwei Wörtchen passen eher zusammen.

  Der zweite Sohn war anders. Er war nun einmal jünger und hielt seine Jugend nicht für eine Schande; er plätscherte darin wie im warmen Wasser. Er hatte die Sehnsüchte und die Begierden, die Anmut und die Unart seines Alters. Dem Vater gegenüber wechselnd wie der Mond; er konnte ihm wochenlang ein mürrisches Gesicht zeigen, und dann wieder hätte er sich ihm fast an den Hals geworfen vor Freude an ihm. Lieber als die Arbeit war ihm der Zeitvertreib mit guten Freunden. Er sagte nicht leicht nein, wenn die zum Glas riefen; er schaute nach den Mädchen, achtete auf seine Kleidung, wollte gern als etwas Besseres auftreten. Aber er hatte ein gutes Herz: er zahlte, wenn der andere kein Geld hatte; gab unter der Hand einem Armen; konnte nicht haben, dass jemand weinte. In der Nachbarschaft, im Kreis der Ordentlichen und Anständigen, bei den Rechtschaffenen und Gesetzten, bei den Frommen und Genauen war man nicht gut auf ihn zu sprechen; da sah man die eigenen Kinder nicht gern in seiner Gesellschaft.

Es hieß, der Vater sei ein braver Mann, aber schwach und blind. Der Junge führte große Reden, die sich für ein wohlerzogenes Kind aus guter Familie nicht gehörten:  das Leben in dem kleinen Nest hänge ihm zum Hals heraus; man müsste sein Glück suchen, irgendwo in einem Land, wo die Leute Geld haben; weit weg, wo es große, noble Städte gibt, fremden Wein, Seide und Silber; wo man feine Damen sieht, in Duftwolken gehüllt - für ein wenig Geld kann man sie haben. Draußen auf dem Land hieß es bei der Stange bleiben; da gab es keine Möglichkeit, sich auszuleben. Im Haus war nur die Rede von den Feldern, vom Pflügen, von der Weide, vom Vieh: das war ja kein Leben mehr, das hieß ja verkümmern.

Eines Tages - oft schon hatte er's im Sinn gehabt, aber im letzten Augenblick sich wieder nicht getraut -, eines Tages nahm er seinen Mut zusammen und sagte zum Vater: „Gib mir mein Teil, mein Erbe; ich beanspruche dann weiter nichts mehr.“

Solche Rede tat dem Alten weh, er sagte aber nichts darauf; ging ins Stübchen, damit ihn niemand weinen sah. Dann fiel eine Zeitlang kein Wort mehr über die Sache; keiner der beiden kam darauf zurück. Aber der Junge litt, wurde verbissen, verlor alle Heiterkeit und allen Schwung, - er wurde ganz blass. Der Vater sah, wie er litt; litt auch; am stärksten bei dem Gedanken: ich soll ihn verlieren. Aber schließlich gewann die Liebe zum Kind die Oberhand über die Eigenliebe. Er ließ alles Vermögen von Sachverständigen schätzen, und jeder Sohn erhielt sein gesetzliches Teil, der Vater behielt das übrige für sich. Nun säumte der Junge nicht mehr; er verkaufte, was sich nicht mitnehmen ließ; bekam eine ordentliche Summe zusammen; ohne jemand ein Wort zu sagen, ritt er eines Abends davon. Dem älteren Bruder kam das gar nicht ungelegen: „Der kommt so bald nicht wieder!“ dachte er, „Nun bin ich der einzige, niemand sonst hat noch etwas zu sagen, und das, was der Vater noch hat, kann mir nicht entgehen.“

Der Vater hingegen weinte in aller Heimlichkeit alle seine Tränen; alle Tränen, die seine alten, runzligen Lider hatten; jede Falte seines alten Gesichtes wurde ein Tal mit seinem Bächlein; sein altes Gesicht wurde tropfnass von Tränen. Von jenem Tag an war er nicht mehr er selber. Alle Liebe zum Sohn, der ihm geblieben, musste er zusammennehmen, um das Herzeleid dieser Trennung zu überstehen. Eine Stimme sagte ihm: „Vielleicht hab’ ich ihn doch nicht für immer verloren, meinen Jüngsten; vielleicht gibt mir Gott die Gnade, dass ich ihn noch einmal küssen darf, bevor ich sterbe!“ Diese schwache Hoffnung half ihm irgendwie den Gram tragen.

Eine Stimme sagte ihm: „Vielleicht hab’ ich ihn doch nicht für immer verloren, meinen Jüngsten; vielleicht gibt mir Gott die Gnade, dass ich ihn noch einmal küssen darf, bevor ich sterbe!“

Unterdessen eilte der Flüchtige der reichen Stadt seiner Wünsche zu. Bei jeder Wendung der Straße tastete er nach den Säcken, die rechts und links am Sattel hingen. Bald kam er an und das Fest begann.  Er mietete ein stattliches Haus, kaufte fünf oder sechs Sklaven; kleidete sich wie ein Fürst; bald fanden sich Freunde und Freundinnen ein, die mit ihm zu Tisch gingen mittags und abends und von seinem Wein tranken und die schönsten Frauen, die es in der Stadt gab, waren sein. Jetzt verlor er alles Maß; er ließ dem Größenwahn und der Sinnlichkeit freien Lauf; er war im Sommer seines Lebens; das ist eine gefährliche Zeit, gefährlich wie ein Steg ohne Geländer.

Er ließ dem Größenwahn und der Sinnlichkeit freien Lauf; er war im Sommer seines Lebens; das ist eine gefährliche Zeit, gefährlich wie ein Steg ohne Geländer.

Lange konnte das nicht gut gehen. Die Geldsäcke des Verschwenders hatten einen Boden wie alle Säcke; es kam der Tag, wo er beim Hineinlangen kein Gold und kein Silber, auch kein Kupfer mehr fühlte, sondern Leinwand oder Leder. Da verschwanden die Freunde, es verschwanden die Frauen. Sklaven, Betten, Tische wurden verkauft; eine Hungersnot kam über das Land; der Verlorene Sohn sah sich dem Hunger preisgegeben mitten unter einem Volk von Verhungernden. Der Unglückliche ging schließlich aufs Land zu einem Herrn, der ein Gut besaß; dem bot er sich so lange an, bis er ihn als Schweinehirten einstellte; der Bursche war jung und gesund, und Schweinehirten waren im Altertum nicht leicht zu haben. Sogar in den Ländern, wo man doch manchen Tieren göttliche Ehren erwies, war es allein den Schweinehirten verboten, einen Tempel zu betreten; kein Vater gab seine Tochter so einem zur Frau, und um alles Gold der Welt hätte keiner die Tochter eines Schweinehirten genommen.

Aber der Verlorene Sohn hatte keine Wahl. Lohn gab’s keinen und Essen wenig, denn niemand hatte viel. Nur für die Schweine gab’s keine Not; denn die können alles fressen. Und in jenem Lande gab’s Johannisbrot genug; davon wurden sie dick und fett. Der arme Hungerleider schaute den Tieren neidisch zu, wenn sie im Boden wühlten und die Wurzeln und Schoten zwischen den Zähnen brachen; er bekam Lust, sich auch mit diesen Dingen den Magen zu füllen. Die Tränen stiegen ihm auf, wenn er an den Überfluss im Vaterhaus dachte. Und manchmal, wenn der Hunger übermächtig wurde, riss er eine Schote unter dem Rüssel eines Schweines weg und kaute an dem holzigen Stück, während sein Herz sich in Reue zerknirschte. Und selbst dabei durfte ihn der Gutsherr nicht überraschen. Er trug einen schmutzigen Sklavenkittel; der roch nach Stall. Die Füße in abgetretenen Sandalen, die Löcher notdürftig mit Binsen geflickt; auf dem Kopf ein Lappen ohne Form und Farbe. Und sein hübsches Gesicht war jetzt abgezehrt und lang, totenblass, in der Farbe zwischen Blei und Kot.

Er fragte sich: „Wer trägt jetzt wohl die sauberen Hemden, hausgesponnen und hausgewebt, die ich dem Bruder zurückgelassen habe?“ Die Knechte seines Vaters waren zu dieser Stunde besser gekleidet als er - und aßen mehr als er.

Und er ging in sich und sagte: „Wie viele Knechte im Hause meines Vaters haben Überfluss, während ich Hungers sterbe!«

Bis dahin hatte er den Gedanken ans Heimgehen, sooft er daran dachte, von sich gewiesen. In diesem Zustand heimgehen, nachdem er aufs Vaterhaus gepfiffen, nachdem er dem Vater das Leid zugefügt und alles dem Bruder überlassen hatte? Heimgehen ohne einen Pfennig in der Tasche, ohne den Ring, das Zeichen der Freiheit? Entstellt und beschmutzt von diesem Hungerdienst! Die klugen Nachbarn und der brave Bruder behielten also recht! Er müsste niederknien vor dem Alten, den er ohne Gruß verlassen hatte! Zurückkehren zur Schüssel, in die er gespuckt hatte! Dorthin, wo ihm nichts mehr gehörte!

Aber nein, etwas gehörte ihm ja immer noch: der Vater. Er war ja aus dem Vater hervorgegangen in einem Augenblick der Liebe. Wenn er ihn auch nicht mehr als Kind annimmt, so doch gewiss als Knecht.

„Vater, ich habe gesündigt vor dem Himmel und vor dir. Ich bin nicht mehr wert, dein Kind zu heißen.“

Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: „Vater, ich habe gesündigt vor dem Himmel und vor dir. Ich bin nicht mehr wert, dein Kind zu heißen; lass mich einen deiner Knechte sein. Ich komme nicht zurück als dein Kind, sondern als ein Dienstbote, als ein Arbeiter; ich erwarte keine Liebe; auf die habe ich kein Recht.  Nur ein Stück Brot lass mich essen in deiner Küche!“ Die bloßen Füße voll Schrammen und Blasen trugen ihn kaum auf dem Weg nach Hause; es trug ihn nur der Glaube an die Vergebung.

Und endlich eines Tages, an einem Nachmittag, kam er auf der Höhe an, von der aus man das Elternhaus sieht. Er wagte nicht anzuklopfen, nicht zum Fenster hineinzurufen, nicht hineinzugehen. Er schlich ums Haus und schaute, ob nicht jemand herauskäme. Sein Vater trat heraus und sah ihn von weitem. Der Sohn ist nicht mehr, der er gewesen ist; wie hat er sich verändert! Aber der Vater mit seinen Augen, wenn sie auch schwach geworden sind vom Weinen, der musste ihn kennen. Und er läuft ihm entgegen, drückt ihn an die Brust, küsst und küsst ihn, wird nicht müde, seine alten, welken Lippen auf das heruntergekommene Gesicht zu legen; auf die Augen, die nicht mehr den alten Ausdruck haben, dem Vater aber sind sie immer noch schön; auf die staubigen Haare, dem Vater aber sind sie immer noch weich und süß; auf das Fleisch, es ist immer noch seines.

Rembrandt--Return of the Prodigal Son

Der Sohn ist beschämt und schluchzt; die Küsse kann er nicht erwidern. Kaum hat er sich frei gemacht aus der Umarmung, da wirft er sich auf die Knie und sagt zitternd den Spruch, den er auswendig kann: „Vater, ich habe gesündigt vor dem Himmel und vor dir; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen.“

Aber auch wenn der Sohn sich erniedrigt, so weit, dass er nicht mehr der Sohn sein will: so fühlt der Alte in diesem Augenblick mehr denn je, dass er der Vater ist. Es ist ihm, als würde er jetzt zum zweiten Male Vater dieses Kindes. Er gibt ihm nicht einmal Antwort auf seine Rede. Mit weich verschleierten Augen, aber mit so heller Stimme wie nur je ruft er den Dienstboten: „So bringt das beste Kleid, das schönste, und zieht es ihm an, einen Ring steckt an seine Finger, Schuhe tut an seine Füße! Der Sohn des Hauses soll nicht in so schlechtem Aufzug das Haus betreten, nicht als ein Bettler. Das schönste Gewand, das beste Schuhzeug! Einen Ring an den Finger! Und holt das Mastkalb und schlachtet es; wir wollen essen und feiern! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und hat sich wiedergefunden. Das Mastkalb ist zwar für den Festtag; aber was für ein Tag könnte ein höheres Fest für mich sein als dieser? Gibt es noch ein schöneres Fest als dieses? Ich habe geweint um meinen Sohn wie um einen Toten, und da steht er nun lebendig vor mir...  Er war fern von mir und ist jetzt nahe; er hat gebettelt an fremden Türen und ist jetzt wieder Herr im eigenen Hause; er hat Hunger gelitten und setzt sich nun an seinen Tisch.“

Wir wollen essen und feiern! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig!

­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­Die Dienstboten führten den Befehl aus; das Kalb wurde geschlachtet, zerlegt und aufs Feuer gelegt, aus dem Keller holte man den ältesten Wein.  In der guten Stube wurde das Festmahl vorbereitet. Und Diener gehen hin, die Freunde des Vaters einzuladen, und die Musikanten zu holen. Und als alles fertig war, der Sohn gebadet hatte, und der Vater ihn wieder und wieder geküsst hatte, wie um sich zu versichern, dass sein Kind wirklich da war und nicht ein Traumgespenst, da begann die Feier; der Wein wurde eingeschenkt, und die Jubellieder angestimmt.

Der ältere Sohn war auf dem Feld, bei der Arbeit; und wie er sich dem Hause nähert, hört er Singen und Lärm, hört das Händeklatschen und die Tanzenden. Er fragt sich: „Was ist nur geschehen? Ist mein Vater zum Narren geworden? Ist unversehens ein Hochzeitszug bei uns eingekehrt?“ Er mag keine Überraschungen und neue Gesichter; deswegen mag er nicht hineingehen, um zu sehen, was los ist. Er ruft einen Knecht und fragt, was der Lärm soll.  »Dein Bruder ist gekommen; dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn gesund und heil wiederhat.«

Bei diesen Worten wird der Ältere bleich; nicht vor Freude, sondern vor Neid und Wut. Der alte Groll kocht wieder auf.  Er weigerte sich, ins Haus zu treten und blieb empört draußen stehen. Da kam der Vater heraus und rief: „Komm doch, dein Bruder ist zurückgekehrt und fragt nach dir; er möchte dich sehen, wir wollen uns miteinander freuen!

Aber der Mustersohn konnte seine Worte nicht zurückhalten; zum ersten Mal in seinem Leben sagte er dem Vater sein Missvergnügen offen ins Gesicht.  »So viele Jahre diene ich dir wie ein Knecht; nie habe ich dein Gebot übertreten, und du hast mir nie auch nur ein Böcklein gegeben, dass ich mich mit meinen Freunden vergnüge. Und jetzt, da dieser dein Sohn zurückkommt, der dein Geld in Hurenhäusern vertan hat, da hast dµ das Mastkalb dafür gegeben.«

Aber der Vater verzeiht auch diesem Kind, wie er dem anderen verziehen hat.

Mit diesen Worten enthüllt er die ganze Niedrigkeit seiner Seele, die bisher verborgen war unter der Heuchelei seiner Bravheit. Er hält dem Vater seinen Gehorsam vor; wirft ihm Geiz vor - nicht einmal ein Böcklein hast du mir gelassen. Aus seiner Vaterliebe macht er der Sohn ohne Liebe, ihm ein Verbrechen. „Dieser dein Sohn!“ Sagt er; er nennt ihn nicht Bruder, kennt ihn nicht mehr.

Aber der Vater verzeiht auch diesem Kind, wie er dem anderen verziehen hat. „Mein Sohn, du bist ja immer bei mir, und was mein ist, ist auch dein. Aber wir müssen uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig; er war verloren und ist wieder da.“ Braucht es andere Gründe zur Freude? Welche Gründe könnten stärker sein als dieser? „Mag er getan haben, was er getan hat, ich kann doch nicht vergessen, dass er mein Kind ist. Er ist fortgegangen und wiedergekommen; er war tot und ist wieder lebendig. Ich will sonst nichts. Um dies Wunder zu preisen, kommt's mir nicht auf‘s  Mastkalb an.  Du hast mich nie verlassen; immer habe ich mich an dir freuen können; alle meine Ziegenböcklein gehören ja dir, wenn du sie verlangst. Du hast jeden Tag an meinem Tisch gegessen. Aber der da war fort so viele Tage, so viele Wochen und Monate. All die Zeit habe ich ihn nur im Traum gesehen. So lange hat er keinen Bissen mehr mit mir gegessen.  Darf ich nicht ein Siegesfest halten an diesem Tage?“

Hier brach Jesus ab; er hat die Geschichte nicht weitererzählt; war auch nicht notwendig. Der Sinn der Parabel ist abgeschlossen. Die Erklärer mögen grübeln und tüfteln:  der Verlorene Sohn ist der neue, in der Erfahrung des Schmerzes geläuterte Mensch, der Daheimgebliebene ist der Pharisäer, der das Gesetz erfüllt, aber die Liebe nicht kennt. 

Jesus hat nicht Rätsel aufgegeben. Am Schluss der Parabel hat er selbst ausgesprochen: „Über einen Sünder, der Buße tut, ist im Himmel mehr Freude als über alle die Gerechten, die sich auf ihre fadenscheinige Gerechtigkeit etwas einbilden, mehr als über all die Reinen, die ihre äußerliche Reinheit zur Schau tragen; mehr als über alle die Eiferer, die unter der strengen Gesetzerfüllung nur ihre innere Gleichgültigkeit verbergen.“

Die wirklichen Gerechten werden freilich ins Himmelreich aufgenommen; aber um sie geht es ja nicht; um sie braucht man nicht zu bangen und zu zittern. Aber wenn einer drauf und dran gewesen ist, verlorenzugehen; wenn einer ungewöhnlich viel hat leiden müssen um die Erneuerung seiner Seele, um den Sieg über das Tier, das in ihm war; dann ist's am Platz, Jubellieder anzustimmen.

»Wer von euch, der hundert Schafe besitzt und eines davon verloren hat, lässt nicht die neunundneunzig in der Wüste und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und wenn er's gefunden hat, nimmt er's voll Freude auf seine Schulter; und daheim ruft er seine Freunde zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe das Schaf gefunden, das verloren gewesen ist.«

Von Giovanni Papini (9. Januar 1881- 8. Juli 1956)

war ein italienischer Schriftsteller. In „Das Leben des Herrn“ (Storia di Cristo - 1921) erzählt er das Leben Jesu, nach dem Vorbild der Evangelien

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