Christus trägt das Kreuz  (Ausschnitt) Jan Sanders van Hemessen (ca.1500-1575)

Einer für Alle

von Johannes E. von Holst

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Kajaphas, einer von ihnen, der in jenem Jahr der Oberste Priester war, sagte: »Ihr begreift rein gar nichts! Seht ihr nicht, dass es euer Vorteil ist, wenn einer für alle stirbt und nicht das ganze Volk vernichtet wird?«

Der Rat des Hohenpriesters

Dort in der Versammlung des Hohenrates wird auf die Frage: Was sollen wir tun? – eine treffende Antwort gefunden. Der Hohepriester Kaiphas hatte lange den aufgeregten Reden zugehört. Da erhob er sich und sprach: »Ihr begreift rein gar nichts! Seht ihr nicht, dass es euer Vorteil ist, wenn einer für alle stirbt und nicht das ganze Volk vernichtet wird?« – Mancher hatte das schon so bei sich gedacht, doch nicht gewagt, es auszusprechen. Kaiphas aber scheut vor nichts zurück. Ob sie Recht oder Unrecht tun, ob sie das Gesetz vollbringen oder Blutschuld auf sich laden, das ist ihm gleich. Sein Entschluss steht fest. Die irdische Macht muss gerettet werden, ob auch der Himmel darüber verloren geht. Soll das aufgeregte Volk zur Ruhe kommen und die Gewalt der Obersten gesichert werden, so muss Christus sterben. Das ist das radikale Mittel. Wie es immer in Versammlungen geht, so auch hier, - die Energie siegt. Der Vorschlag des Kaiphas dringt durch und der Mord des Messias, das furchtbarste Verbrechen der Menschheit, wird beschlossen. Der Sinn aber und die Meinung dieses mörderischen Beschlusses kann, nach den Ausführungen des Kaiphas, in den Satz zusammengefasst werden: Einer für Alle.

Die irdische Macht muss gerettet werden, ob auch der Himmel darüber verloren geht.

Doch – Einer für Alle, - so erklang es auch in den lichten Tiefen des Gottesherzens. Kaiphas musste weissagen, weil er Hoherpriester war. Ohne es zu wissen und zu wollen, musste er den ewigen Gnadenrat Gottes offenbaren. Alle Menschen haben gesündigt und den Tod verdient, aber Gott will sich sein Lieblingsgeschöpf durch Satans Macht und List nicht rauben lassen. Sein Herz erbarmt sich über seine verlorenen Kinder.

Der Eine

Darum hat er den Einen bereitet: der Aller Haupt, der allein rein und des Todes nicht schuldig ist, der aber dennoch für Alle sterben will, weil er, sterben kann ohne unterzugehen. Weil er das Leben, weil er die Liebe  ist gilt sein Tod vor der ewigen Gerechtigkeit für Alle, weil er mehr ist, denn Alle und weil Alle Eins sind in ihm. Deswegen stirbt er und so sind in seinem Tod Alle mitgestorben, und wenn er lebt, so leben Alle in ihm. Dieser Eine aber ist der Gottes- und Menschensohn Jesus von Nazareth.

Aber setze über Krippe und Kreuz die Inschrift: „Einer für Alle“, wie klar wird dann alles!

Einer für Alle, das ist nun der Trost und Halt aller Gläubigen geworden. Ohne dieses Wort, wäre das Leben und Sterben aller Menschen ein finsteres Rätsel! Aber setze über Krippe und Kreuz die Inschrift: „Einer für Alle“, wie klar wird dann alles! – Wie dürften wir es wagen uns Gottes Kinder zu nennen! Wenn Christus nicht für uns geboren wäre, wenn er nicht für uns gebüßt hätte, wie dürften wir an die Vergebung unserer Sünden glauben? Wenn er nicht für uns gestorben wäre, wie könnten wir dem Tod ruhig entgegen gehen? Ja: „Christus für uns“ – „Einer für Alle“, - das ist die große Heilstatsache, wodurch die Welt errettet, die Menschheit neugeboren, unser Leben gesegnet und geheiligt und unser Tod überwunden wird. Wer dieses Eine im Glauben erfasst, der hat Alles, was ihm im Diesseits und im Jenseits Not tut, Friede auf Erden, Seligkeit im Himmel.

A wooden cross in the mountains
Von Johannes E. von Holst

Johannes Ernst von Holst (1828-1898) war evangelischer Pfarrer und Stadtprediger in Riga und veröffentlichte diese Andachten 1895

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