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    Wenn die Königin ihre Krone ablegt

    Im Gespräch mit Kira Geiss, Miss Germany 2023

    von Veronika Kabas

    Dienstag, 24. März 2026
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    Schönheit kann verwandeln, zieht Blicke auf sich und verspricht Glanz. Aber was passiert, wenn nicht nur ein Mensch durch Schönheit verändert wird – sondern sich unser Verständnis von Schönheit selbst wandelt? Darüber haben wir mit Kira Geiss gesprochen.

    Der sound eines herzschlags pocht über die Lautsprecher. Hand in Hand stehen die Finalistinnen in einer Reihe auf der Bühne. Es ist dunkel und nur ein paar Scheinwerfer sind auf die jungen Frauen gerichtet. Die beiden Moderatorinnen holen Luft und sprechen im Chor: „Miss Germany 2023 ist …“ Pause. Sie öffnen den Umschlag. Beugen sich über das Mikrofon und sagen einstimmig: „Kira Geiss!“ „Miss Germany“ ist ein Titel der Bilder hervorruft: Krone, Kleid, Körpermaße. Ein Lächeln, das bewertet wird, ein Körper, der Projektionsfläche ist. Jahrzehntelang war die Suche nach der Schönsten im ganzen Land von Normen, Maßen und oberflächlichem Vergleich geprägt. Doch seit 2019 hat sich das Format radikal verändert: von einer glitzernden Bühne für äußere Schönheit hin zu einer Plattform für Haltung und gesellschaftliche Wirkung. Wo früher Abendkleid und Bikini im Rampenlicht standen, treten heute Visionen, Projekte und persönliche Missionen ins Zentrum. Das neue Leitmotiv „Schärpe trägt, wer bewegt“ markiert sinnbildlich den Perspektivenwechsel: nicht mehr das makellose Erscheinungsbild entscheidet, sondern die Kraft, Themen sichtbar zu machen und Veränderung anzustoßen.

    Als Kira Geiss im März 2023 zur Miss Germany gewählt wird, lebt sie im Doppelzimmer auf einem Campus in der Nähe von Stuttgart und absolviert eine Ausbildung zur Religions- und Gemeindepädagogin. An einem klassischen Schönheitswettbewerb hätte sie nicht teilgenommen. Denn was der Druck zur Erfüllung oberflächlicher Normen bedeutet, hat die junge Frau am eigenen Leib erfahren. Kira erinnert sich, als Zwölfjährige vor dem Spiegel gestanden zu sein und dabei gedacht zu haben: „Du bist so hässlich.“ Ein Satz der sich festsetzt, eine Selbstwahrnehmung die sich zum Kampf gegen den eigenen Körper entwickelt. Ungesunder Vergleich wurde ihr ständiger Begleiter und ihre Gedanken drehten sich darum ihr Aussehen zu optimieren. Eine Dynamik die sich nicht nur aus alten Rollenbilder in der Gesellschaft speist, sondern zusätzlich durch soziale Medien angetrieben wird. Schönheit wird zur Ware, ein „Gefällt mir“ zum Kapital, der Körper wird Projekt und die eigene Identität penibelst kuratiert. „Viele in meinem Umfeld hatten nie Interesse gezeigt, wirklich tiefer schauen zu wollen, also gewöhnte ich mich mit der Zeit daran, die Oberfläche präsentabel zu halten.“

    Kira Geiss

    Kira Geiss. Foto von Theresa Wey. Verwendet mit Genehmigung.

    Kira gelingt es aus ihrem Umfeld und ihren Gewohnheiten auszubrechen. Sie erlebt wahre Annahme und tiefgehende Verbundenheit im Jugendkreis ihrer christlichen Gemeinde und ihre Erfahrung wird für sie zur treibenden Kraft in ihrem sozialen Engagement. Kira möchte anderen jungen Menschen helfen und erkennt die refor-mierte „Miss Germany“ Wahl als Möglichkeit ihrer Idee mehr Aufmerksamkeit zu verleihen. So bewirbt sie sich mit dem thematischen Schwerpunkt „der richtige Umgang mit Social Media und die Förderung der jungen Generation“. Heute wirkt sie zu dieser Thematik in der Politik, in Unternehmen, in Schulen, bei Konferenzen und in der Kirche. Ihre Reichweite nutzt Kira dazu, Kontraste zwischen Social Media und der Realität bewusst zu betonen. Sie setzt sich dafür ein, jungen Menschen einen reflektierten Umgang mit Social Media beizubringen und fordert dazu auf, regelmäßig zu prüfen, wem man folgt, sich zu fragen, was diese Inhalte mit dem eigenen Selbstbild machen und notfalls auch mal wem zu entflogen. Junge Menschen sollen so von Anfang an bewusst hinterfragen, wer das Recht hat, Einfluss auf sie zu nehmen.

    „Ein Mechanismus, der in den sozialen Medien eine tragische Rolle spielt, ist das Vergleichen.“ Kira betont, dass sie Vergleich grundsätzlich nicht für verwerflich halte. Musikstile miteinander zu vergleichen forme den eigenen Geschmack, sportlicher Vergleich kann Menschen zu ihren Höchstleistungen bewegen und auch das Vergleichen von Körpern birgt die Chance, Unterschiedlichkeiten wahrzunehmen und Vielfalt wertzuschätzen. Doch der unfaire Vergleich mit gefilterten Bildern, nachbearbeiteten Körpern und inszenierten Realitäten führt zu nichts als Unzufriedenheit und Selbstzweifel. Dabei gebe es kein Wachstum, keinen Ansporn, kein Über-den-Tellerrand-Hinausblicken. Kira spricht nicht kulturpessimistisch über Social Media und glaubt an das enorme Potenzial das darin liegt. Gleichzeitig bleibt eine Spannung: wie spricht man öffentlich über innere Schönheit, ohne selbst Teil der Vermarktung zu werden? Wie veröffentlicht man ein Journal mit dem Titel „Du bist kostbar und wunderschön“ ohne in den Sog des Selbstoptimierungsmarktes zu geraten? Geiss antwortet indirekt, ihr Journal soll helfen, innezuhalten, ehrlich zu fragen: Wie geht es mir eigentlich? Wo bin ich hart geworden mit mir selbst? „Es geht nicht um ein besseres Selbst, sondern um ein versöhntes.“ Ob diese Unterscheidung im digitalen Raum bestehen bleibt, ist offen. Vielleicht muss sie immer wieder neu errungen werden.

    „Heute finde ich mich nicht jeden Tag schön. Das wäre unehrlich. Aber ich zweifle nicht mehr an meinem Wert und das ist ein riesiger Unterschied.“ Obwohl Kira wohlwollende Worte schätzt, hat sie gelernt, sich nicht von Komplimenten anderen abhängig zu machen. Genauso wichtig wie liebe Worte anderer, sind für Kira die Worte, die sie an sich selbst richtet. „Ich habe geübt, mich selbst liebevoll anzuschauen, mir Komplimente zu machen und dadurch meinen inneren Dialog zu verändern. Schönheit beginnt für mich unter anderem bei der Art, wie man mit sich spricht.“ In Kiras Worten liegt eine Stärke, die erahnen lässt, dass sie zu kämpfen gelernt hat. Nagende Selbstzweifel zu bezwingen und sich auch durch äußere Einflüssen nicht im eigenen Wert minder zu fühlen ist eine Aufgabe, die fortlaufende Hingabe erfordert. Aus einer Studentin wurde über Nacht eine öffentliche Figur, die Interviews gibt, an Talkshows teilnimmt, politische Gespräche führt und durch ganz Deutschland reist. Mit der Sichtbarkeit wuchs auch eine leise drängende Frage: Bin ich genug?

    Denn auch wenn die „Miss Germany“ Wahl um einen Imagewechsel bemüht ist, halten sich altbekannte Vorurteile. Nach Vorträgen hört Kira Sätze wie: „Ich hätte nicht gedacht, dass du auch was im Köpfchen hast.“ Sie berichtet von Erfahrungen mit Fotografen oder Journalisten, die immer noch nicht verstanden haben, Frauen nicht mehr auf ihr Äußeres zu reduzieren. Solche Bemerkungen verraten das alte Narrativ, sich als Frau zwischen Aussehen und Intellekt entscheiden zu müssen. Hier wird Schönheit politisch. Es geht um ein Frauenbild, um Zuschreiben, um den engen Rahmen, in dem weibliche Attraktivität gedacht wird. Kira begegnet ihren Zweiflern mit Offenheit und Freundlichkeit und meist bringt der Dialog Früchte. Und wenn nicht, dann ent-scheidet sie sich zur Vergebung. Geiss spricht offen über die Verletzlichkeit, die Sichtbarkeit mit sich bringt und auch über Heilung. „Ich habe aktiv die Entscheidung getroffen, den Menschen zu vergeben, die mir schreckliche Dinge gesagt haben – und auch mir selbst.“ Vergebung ist hier ganz konkret: ein Loslassen fremder Maßstäbe und eine Befreiung des eigenen Körpers von Urteilen, die sich festgesetzt haben. „Zu verstehen, wie liebevoll Gott auf mich schaut, hat mir geholfen, liebevoller auf mich selbst zu schauen. Heute weiß ich, dass ich mir meinen Wert nicht verdienen kann sondern dass er gegeben ist. Schönheit ist kein Dauerzustand, Würde schon.“

    In einer Welt, die Selbstoptimierung zur Tugend erklärt, setzt so eine Ansicht einen anderen Maßstab. Würde ist nicht abhängig von Tagesverfassung, Applaus oder der Symmetrie eines Gesichts. Sie ist kein Zustand, sondern Zusage. Für Kira ist diese Haltung teil ihrer Routine geworden. Echte Akzeptanz bedeutet für sie nicht, sich einzureden, man müsse sich immer schön finden. Entscheidend ist, sich selbst trotzdem mit Respekt zu begegnen. „Ich kann einen miesen Tag haben und mich trotzdem liebevoll behandeln.“ Früher habe sie gefragt: was stimmt nicht mit mir? Heute fragt sie: Was brauche ich gerade? Diese kleine Verschiebung markiert einen Paradigmenwechsel. Während die erste Frage einen Fehler sucht, weckt die zweite Fürsorge. Die erste treibt zur Optimierung, die zweite öffnet Raum für Gnade. Wenn der eigene Wert nicht von Leistung oder Aussehen abhängt, verliert der Spiegel seine tyrannische Macht. Dann wird Schönheit vom Besitz zur Beziehung.

    Sowohl Kiras persönliche Reise, sowie auch die Reform von „Miss Germany“ stehen symbolisch für einen größeren Wandel: weg von Bewertung, hin zur Wirklichkeit. Weg vom Vergleich, hin zur Verantwortung. Es geht darum, Sichtbarkeit nicht als Selbstzweck zu nutzen, sondern als Möglichkeit, Veränderung anzustoßen. Worum es nicht geht, ist Schönheit oder unser Streben danach abzuschaffen. Das wäre auch nicht möglich, denn der Mensch braucht Schönheit. Schönheit, wie Kira Geiss sie versteht, ist mehrdimensional. Sie ist Charakter, Verletzlichkeit, Kreativität, die Fähigkeit zu lieben. Sie ist sinnlich erfahrbar – im Sonnenuntergang, im Duft von Kaffee, im Klang von Musik, im ehrlichen Gespräch. „Wir haben Schönheit viel zu lange auf etwas Sichtbares beschränkt“, sagt sie.

    Kira Geiss trägt einen Titel, der einst für eine sehr enge Vorstellung von Schönheit stand und nutzt ihn, um diese Vorstellung zu weiten. Eine „Schönheitskönigin“ die Würde höher hält als Makellosigkeit, ist ein kraftvolles Symbol. Ihre eigene Geschichte – vom zweifelnden Mädchen vor dem Spiegel zur öffentlichen Stimme für Selbstwert – macht Kira und das neue Verständnis einer „Miss Germany“ glaubwürdig. Gerade in einer Gegenwart, die von sozialen Medien und permanentem Vergleich geprägt ist, wirkt die Verschiebung vom äußeren Ideal hin zu individueller Mission wie ein Gegenentwurf zum Optimierungswahn. Die Kandidatinnen repräsentieren heute unterschiedliche Lebensentwürfe – Mütter, Unternehmerinnen, Aktivistinnen –, wodurch Vielfalt nicht nur behauptet, sondern gelebt wird. Der Wettbewerb wirkt dadurch weniger wie eine Krönung zur „Schönheitskönigin“ und mehr wie eine Auszeichnung für Mut, Engagement und gesellschaftliche Relevanz. Wenn Frauen nicht mehr auf Maße, Alter oder Familienstand reduziert werden, sondern als Unternehmerinnen, Aktivistinnen und Expertinnen auftreten, erweitert das die gesellschaftliche Vorstellung davon, was weiblicher Erfolg bedeuten kann.

    Schönheit, so könnte man nach einer Begegnung mit Kira Geiss sagen, ist nicht das was uns krönt. Sie ist das, was bleibt, wenn die Krone abgelegt ist: die Gewissheit gewollt zu sein und die Freiheit sich selbst und einander mit freundlichen Augen zu betrachten.


    Kira Geiss arbeitet als Moderatorin und Multimedia Journalistin, ist Mitglied im Bündnis für die junge Generation und hat in Magdeburg eine Jugendgemeinde gegründet. Seit 2023 trägt sie den Titel Miss Germany und setzt sich für den richtigen Umgang mit Social Media und die Förderung der jungen Generation ein. 2024 ist ihre Autobiografie Bittersüße Realität erschienen. Im Januar 2026 folgt ein Mädelsjournal mit dem Titel Du bist kostbar und wunderschön.
    Von Veronika Kabas Veronika Kabas

    Veronika Kabas ist Grafikdesignerin und Sozialpädagogin mit Spezialisierung auf Kunsttherapie.

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