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Oase des Schönen
Was Kirchengebäude über unseren Glauben verraten
von George Elsbett
Dienstag, 24. März 2026
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In europa wurden viele kirchen vor Jahrhunderten gebaut, die meisten stehen zurecht unter Denkmalschutz. Ich denke hier an Wien. Kaum ein Tourist wird sich einen Besuch in unsere Kathedrale, dem Stephansdom, entgehen lassen. Der Dom ist unfassbar schön, herrlich. Aber auch hier werden Besucher merken, ob das, was wir dort tun, der Herrlichkeit des Gebäudes entspricht oder nicht. Anders gesagt: Ob die Schönheit des Gebäudes sein sakramentales Wirken entfalten kann, hängt zwar nicht nur, aber eben auch von den Feiernden ab.
Wo Gemeinden Kirchen neu bauen oder gestalten können, wird diese Verantwortung besonders sichtbar. Unsere eigene Kirche entstand in einem ehemaligen Hotel. Man muss durch ein Café gehen, um überhaupt in die Kirche zu kommen. Durch Glastüren sieht man von der Straße bis hin zum Altar und dahinter zum Altarbild. Dieses besteht aus einer neun Meter hohen und fünf Meter breiten LED Wall, deren Gestaltung sich an die Lichtverhältnisse anpassen kann. Die Kapelle ist schlicht. Natürliche, authentische Materialien gestalten den Raum, wie etwa der Boden aus Eiche oder der Mittelgang aus hellem Stein. Die Lichtkuppel, die sich über fast die gesamte Decke erstreckt, schenkt tagsüber natürliches Licht. Es gibt wenig Ablenkung. Alles ist nach vorne und nach oben ausgerichtet. Zwischen Himmel und Erde schwebt das aus Lindenholz geschnitzte Kreuz inmitten von Wolken - das biblische Symbol für die „Schechinah“, die Gegenwart des Herrn im Tempel. Unterschiedliche Lichtstimmungen schaffen Atmosphäre.
Kapelle mit Lichtkuppel. Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Stefan Drowak.
Hinter der Gestaltung liegen viele Überlegungen, Konversationen, Diskussionen und letztendlich Entscheidungen, die wir uns nicht leicht gemacht haben. Denn auch der Raum kann für unser geistliches Leben eine entscheidende Rolle spielen.
Der Leib ist Ausdruck des Geistes. Das ist eine zutiefst christliche Überzeugung. Auch wenn es immer wieder Versuche gab, eine (platonische) „Leib schlecht – Geist gut“ Widersprüchlichkeit in die christliche Weltanschauung einzuschleusen. Beheimatet ist diese dort nicht. Im Gegenteil. Es ist schwer, sich etwas weniger Christliches vorzustellen. Denn: „Das Wort ist Fleisch geworden.“ (Joh 1,14)
Das Unsichtbare im Sichtbaren zu betrachten ist Konsequenz der Schöpfungsordnung. So zu denken heißt sakramental denken.
Der Leib war schon immer Raum des Geistes. „Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist.“ (Joh 1,3)
„…alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen.“ (Kol 1,16) Deswegen wird die ganze geschaffene Welt biblisch gesehen als Offenbarungsort Gottes möglich. In den materiellen Dingen kann der Mensch etwas von deren Schöpfer erkennen: „Daher sind sie unentschuldbar.“ (Röm 1,20)
Das Unsichtbare im Sichtbaren zu betrachten ist Konsequenz der Schöpfungsordnung. So zu denken heißt sakramental denken. Durch das Sichtbare wird das Unsichtbare nicht bloß symbolisiert, sondern geheimnisvoll gegenwärtig. Wie ist das zu verstehen?
Die Schöpfung ist mehr in Gott, als Gott in der Schöpfung ist (Thomas von Aquin). Das gesamte Universum ist Ausdrucksort des Geistes. Versteht man Schöpfung nicht nur als einmaligen Akt, sondern als fortwährendes Ins-Dasein-Rufen und Bewahren vor dem Nichts, dann kann in der Schönheit eines Sonnenuntergangs etwas von dem aufscheinen, der hier und jetzt in der Schöpfung wirkt. Papst Franziskus bringt das in Laudato si auf dem Punkt: „Das Universum entfaltet sich in Gott, der es ganz und gar erfüllt. So liegt also Mystik in einem Blütenblatt, in einem Weg, im morgendlichen Tau, im Gesicht des Armen“.
Noch radikaler aber tritt dies durch die Menschwerdung zu Tage. Durch das Fleisch-werden des Wortes tritt der Leib durch die Vordertür der Glaubensreflexion ein. Der Leib des Menschen Jesu ist Offenbarung Gottes. Wer auf das menschliche Gesicht von Jesus von Nazareth schaut, schaut dabei in die menschlichen Augen des lebendigen Gottes selbst. Wenn Thomas die Wundmale berührt (vgl. Joh 20,27-28), berührt er die zweite Person der Dreifaltigkeit. Die sinnliche Erfahrung wird die Leiter, die den Menschen zum Geist hinaufführt. Gott begegnet leibhaft. Und durch die Einverleibung in Christus wird der Mensch selbst Sakrament, Wohnort des Geistes, sein Tempel.
Cafe Karol.
Der Mensch, als freies Wesen, ist das einzige sichtbare Geschöpf, das um seiner selbst willen geschaffen wurde. Da Freiheit Voraussetzung für Liebe ist, kann nur der Mensch die Liebe, die Gott ist, leibhaft widerspiegeln. Gott ist in allem Sichtbaren gegenwärtig, aber nur im Menschen nimmt er Wohnung. Nur der menschliche Leib ist fähig „Tempel des Heiligen Geistes“ (1 Kor 6,19) zu werden. In ihm soll die bräutliche Beziehung Christus – Kirche aufleuchten. Das Kirchengebäude ist davon leibhaftes Abbild, oder sollte es sein.
Der Leib ist dem Geist nicht äußerlich, sondern seine Selbstaussage. Die Verklärung Jesu offenbart, was dem menschlichen Leib in der Auferstehung verheißen ist: der „pneumatische Leib“ (vgl. 1 Kor 15,44). Die Vergöttlichung des Leibes wird an ihm sichtbar. Was für Christus wesenhaft geschieht, wird uns anteilhaft geschenkt.
Schönheit argumentiert nicht – sie ist. Und sie weist über sich hinaus. Herzbewegende Schönheit lässt das Unsichtbare sichtbar und erfahrbar werden.
Schon jetzt geschieht dies unvollkommen: „Wir alle aber schauen mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn.“ (2 Kor 3,18) Dann aber, wenn wir nicht mehr rätselhafte Umrisse sehen, sondern von Angesicht zu Angesicht (visio beatifica) (siehe 1 Kor 13,12), wird all das, was menschlich in uns ist, vom Göttlichen durchdrungen, verwandelt, veredelt. Was das für den Menschen bedeutet - nicht nur für seine „Seele“, sondern für seine gesamte psychosomatische Wirklichkeit – übersteigt unsere Vorstellungskraft: „was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört“ (1 Kor 2,9).
Raum für Kinderkatechese.
Kirche ist Fortführung der Inkarnation in der Zeit. Sie ist sichtbares Zeichen und wirksames Mittel der Vereinigung zwischen Gott und den Menschen. Sie ist „Leib Christi“ (1 Kor 12,27) und als solche zugleich geistliche und leibhaft sichtbare Wirklichkeit. Der Ruf, dem Lamm zu folgen (Offb 14,4), muss sichtbar werden - nicht nur im Inneren des Einzelnen oder der Gemeinschaft, sondern auch an den Orten, an denen sie sich versammelt.
Der Königin von Saba „stockte … der Atem“ (1 Könige 10,5) als sie die Weisheit Salomos sah. Einige Male stockte mir der Atem, als ich das beeindruckende Beispiel eines Menschen sah, wie er oder sie ihre Beziehung mit Gott lebte und was für Auswirkung das auf ihr Umfeld hatte. Es stockte mir zudem der Atem auf mancher Bergtour und in manch mittelalterlicher Kathedrale. Die Schönheit reißt aus der Enge des Ichs heraus. Sie sagt: „Es gibt mehr als nur das Banale.“ Sie öffnet dem Herzen eine Tür zu Gott, ohne die Freiheit zu bedrängen. Schönheit argumentiert nicht – sie ist. Und sie weist über sich hinaus.
Das Altarbild ist eine LED-Wall, die verschieden gestaltet werden kann. Zur Zeit Wolken, ein Symbol für die Gegenwart Gottes.
Der Mensch bleibt stehen vor dem Sonnenuntergang, nicht der Hund. Weil er – bewusst oder unbewusst – den Schöpfer ahnt. Die ganze Welt ist Werk seiner Hände (vgl. Jes 64,7) und Geschenk des Vaters. Und doch braucht der Mensch Orte der Geborgenheit. Räume, in denen er zur Ruhe kommt. Wenn eine Gemeinde sich versammelt, tut es gut, einen solchen Ort zu haben – und Orte zu schaffen, die ausschließlich Gott gewidmet sind. Weil er es wert ist. Weil es schön ist.
Der Mensch ist weder Engel noch bloßes Vernunftwesen. Das Leibliche und damit den gesamten Raum des Emotionalen aus dem christlichen Erfahrungsraum zu verbannen – musikalisch, rituell, architektonisch – führt zur Entmenschlichung. In Story, stellt Robert McKee die Behauptung auf, dass die Griechen etwas verstanden hatten, wovon erfolgreiche Filme heute noch zehren: eine Idee mit einer Emotion zu umwickeln, um eine Erfahrung zu schaffen. Menschen – besonders junge – suchen heute weniger abstrakte Antworten als tragfähige Glaubenserfahrungen.
Wie wir unsere Kirchen bauen, offenbart das, was wir glauben. Das Leibliche aus dem christlichen Erfahrungsraum zu verbannen – musikalisch, rituell, architektonisch – führt zur Entmenschlichung.
Warum ist das wichtig und was hat das mit der Schönheit unserer Kirchen zu tun? Weil gerade der Kirchenraum sakramental fungieren kann. Herzbewegende Schönheit lässt das Unsichtbare sichtbar und erfahrbar werden. „Der Mensch bedarf des Schauens, des schauenden Innehaltens, das zum Berühren wird, um der Geheimnisse Gottes innezuwerden. Er muss die ‚Skala‘ des Leibes betreten, um auf ihr den Weg zu finden, zu dem der Glaube ihn einlädt.“
„Lex orandi, lex credendi“ – wie du betest, so wirst du glauben und glaubst du tatsächlich. Oder anders: Dein Gebet offenbart, was du glaubst. Etwas Ähnliches könnte man von unseren Kirchen sagen. Wie wir sie bauen, offenbart das, was wir glauben.
Das „Wohnzimmer“ bietet Möglichkeit zum Austausch nach den Gottesdiensten.
Sicherlich ist die Gestaltung unserer Kirche nicht perfekt. Aber wir haben uns Mühe gegeben etwas Wertvolles zu schaffen, ohne unser Budget völlig zu sprengen. Wir wollten dem Herrn das Beste geben, das wir hatten. Dankbar darf ich hören, wie Menschen vom Ort berührt werden. Zugleich ist mir die Verantwortung bewusst, die wir als Gemeinde haben, lebendige Steine aus Fleisch und Blut zu werden, die im eigenen Leben widerspiegeln, was hier gebaut wurde.
Menschen – besonders junge – suchen heute weniger abstrakte Antworten als tragfähige Glaubenserfahrungen.
Wir haben uns in 4 Monaten fast verdoppelt. Nicht nur wegen der Schönheit des Kirchengebäudes, aber auch. Immer wieder erhalten wir das Feedback, wie „schön“ die Kirche sei. Sie ist ein leiser Zufluchtsort in einer lauten Stadt. Eine Oase des Friedens. Warm ist es, sogar im Winter. Wärme strahlt auch das Holz aus, zugleich Heimat, Geborgenheit, Sicherheit, Vertrautheit: Gott, der uns nahe gekommen ist in seinem Sohn.
Der steinerne Mittelgang, der sich von der Straße durch das Café, am Lichthof vorbei in die Kirche hinein bis zum Altar erstreckt, verweist auf die Einladung, zu Ihm zu kommen und auf den Felsen (Mt 7,24) zu bauen, der er ist. Das hohe Dach und die Kuppel erinnern uns: Jesus ist Freund, aber zugleich Herr der Gestirne. Er ist Lamm (Joh 1,36), aber eben auch der Löwe von Judah (Gen 49,9). Er ist der Diener, der tröstet und aufrichtet. Aber er ist auch der König (Joh 19,37), der uns vom Kreuzesthron einlädt „Mitarbeiter für die Wahrheit“ (3 Joh 1,8) zu werden, in die Welt hinauszugehen und alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen (Mt 28,19) und an unserem eigenen Leib zu ergänzen, was an seinem eigenen Leiden noch fehlt (vgl. Kol 1,24). Die große Empore an drei Seiten ermöglicht, dass viele Menschen dabei sein können und doch alle sehr nahe am Geschehen und gemeinsam mitfeiern: wir sind Gemeinde, gemeinsam vereint vor dem Altar, für die Welt. Wir tragen einander, wie die Säulen die Kirche, weil wir uns zuerst von Ihm getragen wissen.
Musikproberaum.
Schönheit ist wichtig. Der Herr stellte sicher, dass sogar die Lilien des Feldes schöner gekleidet waren als Salomo in all seiner Herrlichkeit (vgl. Mt 6,28). Es war dem Herrn wichtig. Er hat uns „wunderbar gestaltet“ (Ps. 139,14). Weil Ihm auch das wichtig war. Er hat seine Braut gereinigt in seinem Blut (Vgl. 1 Joh 1,7) und ohne Fehl und Makel vor ihm erscheinen lassen (Vgl. Eph 5,26-27), strahlend schön, Königin ist sie geworden (vgl. Ez 16,12-13). Weil Er es wollte. Vielleicht haben wir nicht die Mittel eine Kathedrale wie Notre Dame de Paris zu bauen, aber das darf keine Ausrede werden für Mittelmäßigkeit in der Gestaltung unserer Kirchen, Abbilder seiner Braut, Zeichen und Mittel der Verbindung mit Gott und untereinander. „Das Untergewand war aber ohne Naht von oben ganz durchgewoben … wir wollen es nicht zerteilen, sondern darum losen“ (Joh 19,23-24). Jesus trug nicht irgendeinen Fetzen. Sein Gewand war sicherlich nicht so edel wie das von Königen, aber es war schlicht, würdevoll, schön. Lasst uns von Ihm lernen.