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Der Stall

von Giovanni Papini

December 2, 2020

Verfügbare Sprachen: español, English

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Jesus ist in einem Stall geboren worden. Ein Stall, ein wirklicher Stall, ist nicht die leichte, heitere Halle, die die Maler für den Sohn Davids gebaut haben, wie in Scham darüber, dass ihr Gott in schmutzigem Elend gelegen haben soll. Ein Stall ist auch nicht das Krippchen, das die Zuckerbäckerphantasie der Gipsformer in neuerer Zeit erfunden hat; das saubere, nette Krippchen, süß bemalt, mit dem weichen, frisierten Strohkissen, dem verzückten Esel und der verwunderten Kuh, unter einem mit Girlanden verzierten Dach, rechts die Püppchen der Heiligen Drei Könige in ihren großen Mänteln und links die Hirten in Kapuzen. … das mag man den Kindern zum Spielzeug geben …; aber der Stall, in dem Jesus geboren worden ist, ist das nicht.

Der wirkliche Stall ist finster, es stinkt darin, sauber ist darin nur der Fresstrog.

Ein Stall, ein wirklicher Stall, ist der Aufenthaltsort für die Tiere , das Gefängnis der Tiere, die für den Menschen arbeiten müssen. Der urweltliche arme Stall in den Ländern der Vorzeit, in den armen Ländern, im Lande Jesu Christis ist keine Halle mit Säulen, ist auch nicht die wirtschaftlich eingerichtete Stallung … auch nicht ein feines Weihnachtshüttchen. Ein Stall ist nichts als vier raue Wände, ein schmutziges Pflaster, ein Dach aus Balken und Schindeln. Der wirkliche Stall ist finster, es stinkt darin; sauber ist darin nur der Fresstrog, in dem der Besitzer den Tieren Körner und Häcksel aufschüttet.

Die Frühlingswiese, taufrisch in den klaren Morgenstunden, dann vom Wind gewellt, bald im Regen, bald im Sonnenschein, duftend – sie ist gemäht worden; das Eisen hat das grüne Gras gefällt und die hohen, feinen Halme; gefallen sind die schönen, offenen Blumen, die weißen, roten, gelben, blauen; alle sind hingewelkt, verdorrt; alle sind das gleiche fahle Heu geworden. Die Tiere haben die Überreste des Mais und des Junis auf Wagen heimgeschleppt.

Jetzt liegen die Blumen und die Gräser – die Gräser vertrocknet, die Blumen immer noch duftend – dort im Trog, gegen den Hunger der Sklaven, die dem Menschen dienen. Die Tiere füllen davon die Mäuler, mit den breiten schwarzen Lefzen darein langend; später kommt dann die Blumenwiese wieder ans Licht, auf der Streu, auf der die Tiere schlafen, in nassen Mist verwandelt.

Der schmutzigste Ort in der Welt ist der erste Wohnraum des einzigen Reinen.

In so einem wirklichen Stall ist Jesus in die Welt gesetzt worden. Der schmutzigste Ort in der Welt ist der erste Wohnraum des einzigen Reinen unter den Geborenen gewesen. Der Menschensohn, den die wilden Tiere, Menschen genannt, verschlingen werden, hatte zur ersten Wiege einen Trog, aus dem die Tiere die Wunderkinder des Frühlings rafften, um sie zu kauen und wiederzukäuen.

Nicht zufällig ist Jesus in einem Stall zur Welt gekommen. Ist die Welt nicht ein ungeheurer Stall, in dem die Menschen dem Stoffwechsel obliegen? Wo sie alles Schöne, Reine, Göttliche auf den Wegen einer höllischen Alchimie in Kotform überführen? Dann strecken sie sich auf die Düngerberge hin und nennen das – das Leben genießen!

Auf dieser Erde, in diesem Zufallsstall, der ein Stall bleibt allen Verschönerungen und allen künstlichen Wohlgerüchen zum Trotz, ist eines Nachts Jesus erschienen, geboren von der Jungfrau ohne Makel, gerüstet nur mit seiner Unschuld.

Die ersten Anbeter Jesu sind Tiere gewesen , nicht Menschen. Es zog ihn später unter den Menschen immer zu den Einfachen hin, unter den Einfachen zu den Kindern; noch einfacher als die Kinder, noch harmloser als sie haben ihn zunächst die zahmen Haustiere aufgenommen. Demütig, wie sie sind, obwohl die Wesen, denen sie dienen, noch schwächer und schlechter sind als sie, haben Rind und Esel es erlebt, dass Völker vor ihnen niederknieten. Das Volk Jesu, das heilige Volk, das Jahwe aus der ägyptischen Knechtschaft befreit hatte, das Volk, das sein Hirt in der Wüste gelassen hat, um zur Zweisprache mit dem Ewigen hinaufzusteigen – dies Volk hatten den Aaron gezwungen, ihm ein goldenes Kalb zu machen, auf dass es etwas anzubeten habe.

Es zog ihn später unter den Menschen immer zu den Einfachen hin.

Der Esel war in Griechenland dem Ares heilig, dem Dionysos und dem Apollo Hyperboreus. Die Eselin des Balaam hatte mit ihrer Rede den Propheten gerettet, weiser als der Weise. Ein König von Persien, Ochos, stellte im Tempel des Phta einen Esel auf und ließ ihm göttliche Ehren erweisen.

Wenige Jahre vor Christi Geburt hatte Oktavian, der zukünftige Herr des römischen Reiches und damit auch Christi selber, etwas Ähnliches getan. Als er sich zu seiner Flotte begab vor der Schlacht bei Aktium und die Küstenhöhe hinabstieg, begegnete er einem Mann mit einem Lasttier; der Mann rief den Esel mit dem Namen Nikon, was bedeutet „der Siegreiche“; nach dem Sieg baute Augustus einen Gedächtnistempel, und darin ließ er einen bronzenen Esel aufstellen.

Bis dahin also hatten sich Könige und Völker vor Rind und Esel geneigt. Es waren Erdenkönige, Völker, die sich für den Staub entscheiden hatten. Jesus kam nicht zur Welt, um ein Erdenkönig zu sein, und nicht, um dem Staub den Vorzug zu geben. Mit ihm hört die Anbetung von Tieren auf, die Nachgiebigkeit des Aaron und der Aberglaube des Augustus haben ein Ende. Die wilden Tiere in Jerusalem werden in zerreißen, aber einstweilen hauchen ihn die Tiere in Bethlehem an mit ihren warmen Atemstößen.

Später wird Jesus auf einem Esel reiten, da er zum letzten Ostern sich in die Stadt des Todes begibt.

Später wird Jesus auf einem Esel reiten, da er zum letzten Ostern sich in die Stadt des Todes begibt. Aber er ist ein größerer Prophet als Balaam; er ist gekommen, alle Menschen zu retten und nicht bloß die Hebräer; er wird von seinem Weg nicht weichen, wenn auch alle Maultiere von Jerusalem gegen ihn ihr Iah erheben.

A painting depicting Christ lying naked and helpless on the stable floor with ox and ass looking upon him. Gemälde von Gentile da Fabriano „Anbetung der Könige“ (Adorazione dei Magi)
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