Morning over the bay

Die Geschichte der Taufbewegung in der Reformationszeit

Teil 1

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Am 10. November 1935, nur 12 Tage vor seinem unerwarteten Tod, gab Eberhard Arnold in drei Versammlungen am Vormittag, Nachmittag und Abend, diesen kirchengeschichtlichen Überblick. Bisher nur in der englischen Übersetzung 1970 unter dem Titel „The Early Anabaptists“ erschienen, möchten wir das deutsche Original hier zum ersten Mal für unsere deutschsprachigen Leser zugänglich machen. Für Quellenangaben bitten wir die englische Ausgabe zu benutzen.

zum Teil 2: Die Geschichte der Taufbewegung in der Reformationszeit

Wenn wir uns mit der Taufbewegung des Reformationszeitalters beschäftigen wollen, die man auch die Alt-Täuferbewegung der Reformationszeit nennt, so müssen wir uns klar machen, dass es sich dabei nicht um eine neue Bewegung handelt, die früher nicht dagewesen wäre.

Als ich Bertha W. Clark in Chicago besuchte, war ihre erste bedeutende Frage: Woher kam diese kleine aufflackernde Flamme der Taufbewegung? Was war ihr Ursprung, woher kam sie?woher kam an den verschiedensten Orten der Schweiz und Tirol diese kleine aufflackernde Flamme der Taufbewegung? Was war ihr Ursprung, woher kam sie? – Man hat diese Frage meistens so beantwortet: Diese vielen kleinen Flammen kamen daher, dass das große Licht der neu aufgeschlagenen Bibel in den deutschen Landen angekommen war. Zweifellos ist das zum größten Teil richtig. Und doch kann es nicht stimmen, denn die Bibel war nicht nur in lateinischer Sprache, sondern auch in deutscher Sprache bereits im 15. Jahrhundert sehr häufig herausgegeben worden, besonders die Evangelien.

Bei der Bibelfrage stoßen wir sofort auf die Waldenser und alle anderen Bewegungen, die ihnen ähnlich oder gleichartig sind. Es war der Archivrat Keller in Basel, der diese These aufgestellt hat, das Täufertum stamme aus den Bewegungen, die in ununterbrochener Kette seit dem Urchristentum mit den Evangeliums-Bewegungen in Zusammenhang stehen. Mag diese These auch angreifbar sein, es kann doch niemand an dem Buch Kellers „Die Reformation und die älteren Reformparteien“  (1885) vorübergehen.

Diese Zeit um 1885 war bahnbrechend für die Erkenntnis der Taufgeschichte. Es ist auch dieselbe Zeit, in der Beck und Loserth die Taufgeschichte mehr und mehr ans Licht zogen. Es ist auch dieselbe Zeit, in der Emil Egli, Pfarrer und Lizentiat in Zürich, seine „Aktensammlung zur Geschichte der Züricher Reformation in den Jahren 1519-1533“ und seine Arbeit über „Die Züricher Wiedertäufer der Reformationszeit“, sowie sein Geschichtsbüchlein „Die St. Galler Täufer“ herausgegeben hat. Es ist auch die Zeit, in der Cornelius die Ursprünge der Münsterischen Bewegung nachgewiesen hat.

Alle diese Schriftsteller haben zusammen mit einigen bedeutenden Kirchenhistorikern nachgewiesen, dass die Taufbewegung bisher infolge des einseitigen Kirchenstandpunktes ungerecht beurteilt worden ist. Für einen, der die Mystik der Zeiten beachtet, ist es sehr bedeutsam, dass in derselben Zeit die „Didache“, die „Lehre der zwölf Apostel“, und eine Fülle von Evangelien ebenfalls neu entdeckt worden sind.

Es war auch dieselbe Zeit, in welcher neue Erweckungsbewegungen in Verbindung mit Oxford in England, Deutschland und Amerika ausbrachen.

Wenn man diese Dinge beachtet, scheint es, als wenn Gott in Seiner Weltregierung in ganz verschiedenen Fäden der Zusammenhänge zu ganz bestimmten Zeiten einen ganz besonderen Eingriff auf die Geisteswelt unter den Menschen unternahm.

Keller wusste wohl, dass der Einwand gegen ihn erhoben werden könnte, es sei nicht nachweisbar, dass die Täufer mit dem Urchristentum in einer ununterbrochenen Sukzession verbunden seien. Es sagt: „Hier liegt aber dieselbe Situation vor, die uns bisher von den Täufern der Reformationszeit ein völlig falsches Bild gegeben hat.“

Die bisherigen Geschichtsschreiber haben immer nur die Namen und Daten notiert, welche für die große Politik der Staaten oder Kirchen von positiver Bedeutung waren. Was in der Stille vor sich ging, und was die Herzen und die Lebenshaltung der Menschen beeinflusst hat, ohne Staat und Staatskirchen zu ändern, wurde nicht aufgezeichnet.

Die bisherigen Geschichtsschreiber haben immer nur die Namen und Daten notiert, welche für die große Politik der Staaten oder Kirchen von positiver Bedeutung waren.

Infolgedessen finden wir unter den Geschichtsschreibern der Zeit Jesu so gut wie nichts von der Existenz Jesu, dem Sohn der Maria. Es handelt sich eigentlich nur um zwei umstrittene Stellen bei Josephus und Tacitus. Und so wurde von den Bewegungen, die sich auf die vier Evangelien Jesu stützten, nur dann historisch Notiz genommen, wenn ihre Führer mit Staat und Staatskirchen zusammenstießen. Diesen Zusammenstoß haben sie aber vermieden, denn es lag ihnen nichts daran, künstlich Märtyrer zu werden, sondern sie wollten ihre Arbeit tun. Wohl waren sie jederzeit bereit, Märtyrer zu werden, wenn es unvermeidlich war, in dem Sinne, dass sie die Wahrheit verletzt hätten, wenn sie das Martyrium vermieden hätten.

So ist also auch die Täufergeschichte der Reformationszeit in den Akten der verschiedenen staatlichen und staatskirchlichen Behörden nur so weit aufzufinden als der Zusammenstoß mit den großen Gewalten stattgefunden hat. Es ergibt sich daraus, dass die Bewegung um vieles stärker gewesen sein muss, als sie in den Aufzeichnungen der Akten zutage tritt. Dasselbe gilt von den altevangelischen Bewegungen und ihren Zusammenhängen, die von dem ersten Jahrhundert bis in das sechzehnte Jahrhundert reichen.

Keller führt den Ursprung der Waldenser-Bewegung auf die „Armen Christi“ zurück, die weit vor dem 12. Jahrhundert bestanden haben. Das Jahr 1218 ist wichtig. Aber schon von 1150 an kann man die Bewegung nachweisen, die gewöhnlich mit dem Namen „Waldenser-Bewegung“  bezeichnet wird. So ist z.B. aus dem Jahre 1150 folgendes bekannt: „In Köln wurden unter Berufung auf das Markus-Evangelium 16,16 die Erwachsenen getauft und gingen für diese ihre Taufe mit Begeisterung in den Tod.“

Im 12. und 13. Jahrhundert also finden sich gewaltige Bewegungen, die die Bezeichnung „Apostolische Brüder“ beanspruchen. Keller schließt nun aus diesem Namen, dass diese Bewegungen mit dem 5. Und 6. Jahrhundert in Zusammenhang gestanden haben, weil damals Bestimmungen über die Häretiker erlassen wurden, die auf ganz dieselben Bewegungen schließen lassen. Die Abweichung von der „wahren Glaubensregel“ wurde schon damals als Sünde und Häresie, als Staatsverbrechen ausgesprochen wie später im Jahre 1150. Einige sagen, diese Bewegung, die man die Waldenser-Bewegung zu nennen pflegt, und die sich selbst einfach „Christliche Brüder“ (Christen und Brüder) nannte, reiche bis 315 nach Christi Geburt bis zu der Zeit des Papstes Sylvester zurück.

Damit kommen wir in die engste Nähe zu Tertullian und zu den Montanisten.

Im Jahre 1250 erfahren wir folgendes über die Schilderung eines römischen Inquisitors. Der Inquisitor sagt:

„Sie sind am gefährlichsten für die Kirche, weil sie am weitesten hinaufreichen, dass man sagen kann, sie bestehen bereits seit der Zeit des Papstes Sylvester (ca.315).“

Zweitens sagt der Inquisitor: „Es gibt fast kein Land, in welchem sich die Bewegung nicht findet.“

Drittens aber sei diese Bewegung so gefährlich, weil sie keine Lästerungen aussprechen, sondern eine große Frömmigkeit sie auszeichne. Dieser Inquisitor sagt damals weiterhin:

„Diese Häretiker sind an ihrem Lebenswandel und an ihrer Redeweise zu erkennen. Ihr Lebenswandel ist gesetzt und bescheiden, ohne Hochmut. Sie tragen keine kostbaren Kleider, aber auch keine unordentliche Kleidung. Sie treiben keine Unwahrheit und vermeiden jeden Eid oder Betrug. Sie erstreben keinen Reichtum. Sie sind keusch und führen ein reines Leben. Sie sind mäßig in Speise und Trank. Sie gehen in keine Schänke zum Tanz oder ähnlichen ausgelassenen Vergnügungen. Sie sind fleißig, lehren und lernen viel. Man erkennt sie an ihrer bescheidenen Redeweise, die jede Übertreibung vermeidet. Man hört bei ihnen kein unnützen Worte, keine üble Nachrede über die Mitmenschen. Sie vermeiden jeden Schwur.“

Daraus zieht der Inquisitor den Schluss, dass sie umso gefährlicher seien. David von Augsburg, ebenfalls ein berühmter Inquisitor im 13. Jahrhundert berichtet:

„Die Armen von Lyon, die welche sich Christen und Brüder und Apostel Christi nennen, und auch stets die ‚Armen‘ genannt wurden, sind umso gefährlicher, je mehr sie den Schein der Frömmigkeit als ihren Schmuck tragen und demütig und bescheiden erscheinen.“

Weil sie nun durch die Inquisition aufs stärkste verfolgt wurden, mussten sie sich möglichst in die Stille zurückziehen. Deshalb erscheinen im 14. Jahrhundert die Namen „Winkeler“ und „Grubenheimer“. Leute, die in den Winkeln zuhause sind, die man in den Wäldern findet. Gleichzeitig tragen sie auch die Namen „die Feinen, die Reinen, die Vollkommenen“. Merkwürdigerweise ist das Wort Ketzer aus dem Wort „rein“ entstanden, die „Katharer“. Ferner werden sie genannt „die Spirituales“, die Menschen des Geistes, und „die Enthusiastae“. Aus alledem kann man verstehen, um welche Bewegung es sich handelt.

Der Name, der auf diese alten Bewegungen angewandt wurde mit seinen verschiedenen Schattierungen, wird auch auf die Täufer angewandt. Das gilt von allen Namen, die ich vorhin erwähnt habe. Es gilt auch von so originellen Namen wie „Grubenheimer“ und „Magistri barbati“, übersetzt „die Meister des Bartes“. Auch dieser Name wird auf die Waldenser-Bewegung wie auf die alte Täuferbewegung angewandt.

Es wäre noch sehr viel über diese Vorgeschichte der Brüder zu sagen. Aber es ist kein Zweifel, dass die Bewegung zur Zeit des Petrus Waldus, der törichterweise als der Stifter der Waldenser gilt, mit derjenigen zur Zeit des Arnold von Brescia, der 1155 in Italien gestorben ist, zusammenhängt. Petrus Waldus nur ein neuer Reformer und Wortführer der Bewegung, aber nicht der Gründer. Die Waldenser gehörten also zu jener Bewegung, die auf die Schüler und Jünger und Apostel Jesu Christi zurückführt. Sie waren der Ansicht, dass zur Zeit des Kaisers Konstantin und des Papstes Sylvester im 4. Jahrhundert von 315 an das Urchristentum endgültig beseitigt war, während bis dahin die urchristlichen Kräfte noch mit dem großkirchlichen Kräften in Kampf gestanden hatten, - eine These, die die moderne Wissenschaft durchaus bestätigt, wenn sie auch geneigt ist, das Datum noch weiter zurück zu legen, bis Tertullian. Auch der Papst Nikolaus spielt öfter eine Rolle.

Ihre Freiheit war auf dem Evangelium aufgebaut. Eine andere Freiheit wollten sie nicht. Deshalb war ihre Losung die Nachfolge Christi, die „Imitatio Christi“.

Die Waldenser und die ihnen verwandten Bewegungen beriefen sich auf die Vollmacht der Apostel, zu binden und zu lösen. Sie beriefen sich ferner auf die apostolische Aussendung, in völliger Armut und Besitzlosigkeit durch die Lande zu wandern und den Menschen das Evangelium zu verkündigen. Sie standen dem Staat in starker Freiheit gegenüber. Sie wussten, dass sie vom Staat verfolgt werden mussten, dass das notwendig war, und zwar wohlgemerkt, von jeder Art von Staat. Freiheit und Evangelium war die Losung dieser Männer wie Arnold von Brescia und Petrus Waldus. Unter Evangelium verstanden sie die Worte Jesu, besonders die Bergpredigt und das Leben Jesu mit seiner Erlösung. Ihre Freiheit war auf dem Evangelium aufgebaut. Eine andere Freiheit wollten sie nicht. Deshalb war ihre Losung die Nachfolge Christi, die „Imitatio Christi“.

So gehören innerhalb der katholischen Kirche zu dieser Bewegung im weitesten Sinne Franz von Assisi und Thomas á Kempis, wie es historisch bewiesen werden kann. Freilich hat Franz von Assisi die Armut der Nachfolge Christi ohne die Freiheit des Evangeliums vertreten. Freilich hat Thomas á Kempis die Nachfolge ohne die Freiheit des Evangeliums vertreten. Aber trotzdem gehörten sie zu dem weiteren Umkreis  der gewaltigen Wirkung dieser Bewegung.

Um 1177 drang diese Bewegung sehr tief nach Deutschland ein, besonders nach Frankfurt, Nürnberg und nach Böhmen. Schon damals zeigte sie die Zeichen der Taufe der Erwachsenen, die strengste Meinung von der Ehe, die Ablehnung der großen Kirche, die Bereitschaft, für ihre Überzeugung mit Begeisterung in den Tod zu gehen.

 

Die Brüder hatten ihren eigenen Bischof, ihren eigenen Vorsteher unter den Wanderpredigern. Sie beanspruchten eine apostolische Sukzession. Sie sagen, dass um 1215 ihre erste Epoche apostolischer Sukzession in eine zweite Epoche apostolischer Sukzession übergeführt hätte. Um diese Zeit war gerade die größte Verfolgung über sie hereingebrochen. In Straßburg allein waren im Jahr 1212 fünfhundert Personen verhaftet worden, Leute aus allen Ständen. Daraus ist erwiesen, wie stark die Bewegung in Straßburg damals gewesen sein muss, was übrigens auch ein sehr aufschlussreiches Licht auf die Tätigkeit des Meisters Ekkehart in Straßburg wirft. Sie sagten aus, dass sie viele in der Schweiz, Italien, in Deutschland und in Böhmen seien.

Damals wurden achtzig Personen mit dem Feuertod bestraft. Ihr Vorsteher und Bischof hieß Johannes. Er wurde verbrannt, und er erklärte 1212 angesichts des Todes: „Wir sind alle Sünder, aber nicht um unseres Glaubens willen und nicht um der Laster willen, die man uns ohne Grund vorwirft. Wir erwarten Verzeihung für die Sünde von Gott, aber ohne menschliche Hilfe und nicht durch die Vermittlung der Priester.“

Es muss hinzugefügt werden, dass die „Armen Christi“, mit welchem Namen auch die Franziskaner bezeichnet wurden, die die „Minores“, die „Minderen“, die „Proletarier“ hießen, eine Verbindung zwischen den Waldensern und den Beginen und Begarden beweisen.

Aber sie erwählten auch für sich selbst die Armut und die Eigentumslosigkeit. Die äußerste Einfachheit ihrer Kleidung ohne Anpassung an die Mode wurde gefordert.

Diese Letzteren haben schon lange Zeit vor 1370 bestanden. Sie sind dem Dritten Orden des heiligen Franz ähnlich gewesen. Die Beginen sind die Frauen, die Begarden die Männer. Die Beginen haben als Schwestern, die Begarden als Brüder gemeinsame Haushabe geführt, haben in Gütergemeinschaft gelebt. Besonders nahmen sie sich armer, schwacher, geistig und körperlich benachteiligter Personen an. Aber sie erwählten auch für sich selbst die Armut und die Eigentumslosigkeit. Die äußerste Einfachheit ihrer Kleidung ohne Anpassung an die Mode wurde gefordert. Deshalb bürgerte sich bei ihnen eine gewisse Einheitlichkeit der Tracht ein, ohne dass es eine wirkliche Klostertracht gewesen wäre. Sie pflegten die Heimatlosen, Armen, Schwachen und Kranken und sind infolgedessen die Vorgänger der Diakonen und Diakonissen gewesen. Und sie kümmerten sich um die Erziehung. So waren sie Vorgänger der Landerziehungsheime. Sie hatten also Arbeitsgemeinschaften.

Wir hören schon 1230 von solchen Kongregationen, in welchen Arme zusammenlebten und gemeinsam für Arme arbeiteten. Man nannte das ironisch von Seiten der Gegner „Armenhäuser“ und „Arbeitshäuser“, ein Spott, der auch heutigen Bruderhöfen widerfahren könnte. Sie selbst aber nannten ihre Gemeinschaftshäuser „Gotteshäuser“.

Sie haben das soziale Problem durch Gütergemeinschaft und Arbeitsgemeinschaft gelöst und das pädagogische Problem lösten sie durch besondere Erziehungsstätten und Schulen.

Sie haben also das soziale Problem besonders ernst angefasst, wie das religiöse Problem. Sie lösten es durch Gütergemeinschaft und Arbeitsgemeinschaft. Und mit dem religiös-sozialen Problem haben sie das pädagogische Problem angefasst und lösten es durch besondere Erziehungsstätten und Schulen. Infolgedessen hatten sie unter dem Volk auch den Beinamen: „Die guten Leute der Jugend“. Sie hießen auch „die guten Jungs“. Sie selbst aber nannten sich Apostel, nicht erst seit der Zeit des Petrus Waldus, der um 1176 in Frankreich wirkte. Der Erzbischof Heinrich von Köln sagte 1306, dass jene schon seit alten Zeiten „Beginen, Begarden und Apostel“ genannt wurden.  Auch „Gottesfreunde“ heißen sie, besonders in der Gegend des Rheins. Sie werden genannt „Apostolische Brüder“, „Bärtige Männer“ und „Zeugen“. Groß war also die Bewegung, um die es sich hier handelte.

Dasjenige, was diese Bewegungen vertreten haben, war folgendes. Sie bekannten sich zur Inspiration des Geistes Christi, sie bekannten sich dazu, dass die Bibel, vor allem die Evangelien besonders inspiriert wären, wie auch ihre Ausgesandten. Insbesondere bekannten sie sich zu den Worten Jesu, zu seinen Befehlen und Aufträgen. Sie glaubten daran, dass er bei ihnen war gemäß seiner Verheißung: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt“. Sie glaubten daran, dass der heilige Geist als der Geist der Wahrheit in den Christus geweihten Herzen Platz genommen hätte. So glaubten sie, dass derselbe Geist in den Evangelien und in den apostolischen Worten wirksam wäre. So hielten sie sich besonders an die Worte Christi, die sie als sie „evangelischen Gebote“ betrachteten, wie die katholische Kirche dieselben Worte den „evangelischen Rat“ nennt.

Groß war also die Bewegung, um die es sich hier handelte. Das ganze Leben Christi war ihnen Vorbild.

Das ganze Leben Christi war ihnen Vorbild. Ihm wollten sie nachfolgen und denselben Weg gehen, den er gegangen war, und deshalb befolgten sie das „evangelische Gebot“ oder den „evangelischen Rat“, dass sie sich selbst verleugnen und Jesus nachfolgen sollten. Deshalb nannten sie sich auch gern die „Nachfolger Christi“. Ihr Leben sollte sich nicht unterscheiden von Jesu Leben, wie es Jesus selbst geführt hat, der inneren Art nach als auch der äußeren Lebenshaltung nach. Ihrer inneren Haltung nach glaubten sie an den Geist der Wahrheit. Dieser Geist der Wahrheit würde allen seinen Jüngern verliehen. Er bewirkt Besserung uns Stärkung des Willens, die in der Freiheit des Willens besteht. Er schärft das innere Auge in der Unterscheidung des Guten und Bösen, des Christlichen und des Antichristlichen. Er erleuchtet das Herz in innerster Offenbarung. Er schreibt das Wort Gottes in das Herz und ins Gewissen. Durch den Geist Christi im Herzen wird die Erlösung Jesu und die Nachfolge Christi Wirklichkeit.

Das innere Licht ist das Salzkorn der Kraft Christi für die apostolischen Brüder. Das innere Licht erinnert uns beständig an alles, was Jesus gesagt hat, besonders auch an seine Bergpredigt. Die Bergpredigt ist diesen Brüdern das „Evangelium katexochen“, das Evangelium in schärfster Bestimmtheit und klarster, weitester Fassung. Deshalb haben die Brüder stets diese Worte betont: „ Alles, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen!“

Die Barmherzigkeit und die Reinheit sind die Kennzeichen dieser neuen Haltung zu den Menschen.

Die Barmherzigkeit und die Reinheit sind die Kennzeichen dieser neuen Haltung zu den Menschen. Wenn ich den Menschen dasselbe erweisen will, was ich von ihnen erhoffe, kann ich nicht reicher sein als meine Mitmenschen. Ich kann sie auch nicht richten und hässlich beurteilen. Ich kann sie auch nicht töten, ganz gleich, welcher Geist dieses Töten gebietet. Ich kann auch die Todesstrafe als solche von mir aus nicht anerkennen und nicht ausüben. Also kann ich kein Staatsamt bekleiden, denn ich lebe nur für das Reich des Friedens und der Liebe, wie Jesus dafür gelebt hat. Keine Rache, weder eine persönliche Rache noch eine staatliche Rache kann von mir aus vertreten werden. Selbst die Notwehr kann ich als Nachfolger Jesu nicht vertreten. Ich bin durch die Nachfolge Jesu aber auch zu einer solchen Wahrhaftigkeit zu und solchem Vertrauen verpflichtet, dass ich nicht schwören kann und von niemand den Schwur annehmen kann. Ich bin zu einem solchen Vertrauen berufen, dass ich meine Feinde mit besonderem Vertrauen lieben muss. So sagt ein Waldenser: „Das ist eine kleine Liebe, die nur die Freunde liebt. Das ist die große und weite Liebe, die auch den Feind liebt. Deshalb können wir nicht Scheltwort mit Scheltwort und Böses mit Bösem vergelten.“

Das alles aber wird bei den Brüdern unter Mitwirkung der Gemeinde vertreten. Die unmittelbare Wirkung der Gnade ist verbunden mit der Gemeinde. Wer Christus folgt und seine Worte befolgt, gehört zur Gemeinde. Die wahre Liebe ist nur dort möglich, wo Gott geliebt wird, es ist die Liebe zur Gemeinde, die Liebe zu den Feinden.

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Von Eberhard Arnold Eberhard Arnold

Eberhard Arnold war ein Theologe, Erzieher, Verleger und Leiter der Bruderhofgemeinschaft.

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