Rioting in Hamburg July 2017

Gegen Blut und Gewalt

Ein Artikel aus dem Jahr 1921

von Eberhard Arnold

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  • Heidrun Thomas-White, Hamburg

    Vielen Dank für den Artikel! Ja, es war ganz schlimm, wirklich schrecklich und unfassbar!!!! Was aber danach geschah, war wirklich wunderbar! Da sind Hunderte von Menschen an die Orte des Geschehens gekommen und haben aufgeräumt und geputzt. Einfach so. Und viele, viele Menschen haben gespendet, viele haben Schokolade und Blumen für die Verletzten gebracht, andere haben die auswärtigen Polizisten eingeladen, sie zu besuchen, um ihnen unser schönes Hamburg zu zeigen. Sie haben ihnen z.B. angeboten, mit ihnen auf der Alster zu segeln. … Viele tolle Restaurants haben Einladungen ausgesprochen, und sogar die großen Hotels, in denen die Politiker gewohnt haben während des G20, bieten freie Übernachtungen und Frühstück an. Theater, Museen, Kabaretts, Hafenrundfahrten.... Und es hat bereits ein Konzert in unserer neuen Elbphilharmonie für 1000 Hamburger Polizisten und ihre Partner gegeben, ganz spontan organisiert. Als ich von all dem gelesen habe, war ich wirklich gerührt und habe mich sehr gefreut. Momentan werden die Angebote noch gesammelt. Das wollte ich schnell noch geschrieben haben.

  • Jörg Wappler

    Danke für den Artikel. Ganz so einfach ist die Antwort leider nicht, aber als Hilfe zum Verständnis kann ich ihn gut lesen. Ich merke, wie es schon einige Mühe kostet, zu versuchen zu verstehen, was in Hamburg um den G20 Gipfel passiert ist.

  • Christian Bartolf, Gandhi-Informations-Zentrum, Berlin

    Herzlichen Dank für den Artikel! Gewalt ist ein Hindernis auf dem Weg zur Wahrheit.

  • Antje Heider-Rottwilm, Church and Peace

    Danke für die Impulse! Dieser Artikel war wieder sehr hilfreich – wie aktuell!! Ich hab ihn gern auch an unsere Freunde in Hamburg weitergeleitet.

  • Martin Klotz-Woock, Basisgemeinde Wulfshagenerhütten

    Wir waren mit einigen Geschwistern in Hamburg beim G20 Gipfel und haben uns vor allem bei Veranstaltungen engagiert, die sich konstruktiv für eine gerechtere Welt einsetzen. Mit ihnen wissen wir uns sehr verbunden und haben erlebt, das uns die gleiche Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit und ein würdevolles Leben für alle Menschen im Herzen tragen.

  • Uwe Heimowski

    Dieser Artikel geht ganz schön unter die Haut! Sei es jetzt Hamburg beim G20 Gipfel oder Pegida in Dresden: Die Gewalt auf der Straße nimmt zu, die Gewalt in der Sprache im Internet ohnehin. Manches erinnert an die Zeit der 1920er Jahre. Aber es bleibt auch die gleiche Hoffnung: Christus und sein kommendes Friedensreich, das wir zeichenhaft leben und verkündigen.

Im Staatsleben, im Kampf der Völker und im Daseinskampf der Volksklassen kommt es immer wieder zu einer gewaltsamen Entladung der angehäuften Spannungen und Gegensätze, der gegenseitigen Bedrückung und Unterdrückung und nicht zuletzt auch zu Explosionen der wildesten, ungezügelten Triebe und der chaotischen, begehrlichen Leidenschaften. In den letzten Wochen hat sich dieser vulkanartige Ausbruch blutdürstiger Gier und unbarmherziger Maßnahmen von verschiedenen Seiten her so stark angehäuft, dass es notwendig ist, hier ein klares Wort zu reden.footnote

Mögen andere ihre Aufgabe darin erblicken, die staatlichen Ordnungen mit mörderischen Mitteln aufrecht zu erhalten. Mögen andere sich berufen glauben, für das Proletariat, für die Zukunft der Gerechtigkeit und des Friedens mit bluttriefender Faust zu kämpfen. Mögen andere es für notwendig halten, die deutsche Versklavung so bald wie möglich durch einen neuen, immer schrecklicheren Krieg abzuwehren. Mögen andere die Rasseinstinkte als ihr Heiligtum betrachten, und so der fremden Rasse den Krieg erklären.

Wir haben einen Lebensinhalt, der tiefer gewurzelt ist. Uns ist eine Lebensaufgabe auferlegt, die weiter blickt. Wir fühlen uns in dem großen „Wir sind“ eins mit der ganzen Christusgemeinde, in welcher keine Gruppe und kein Einzelner sich auf sich selber stellen kann. Der eine wie der andere ist Glied und Organ an dem einen beseelten Körper, dessen Geist, dessen Haupt und Herz der kommende Christus ist. So ist unser Lebenszeugnis auch nichts anderes als sein Leben selbst. Er hat uns das Geheimnis des Lebens aufgeschlossen, wenn er uns auf die Vögel in der Frühlingsluft, auf die Blumen auf der Wiese hingewiesen hat, wenn er nur von dem gesunden Baum gute Frucht erwartete, wenn er uns das Herz des Vaters offenbarte, der für die Guten und Schlechten seinen Regen und seine Sonne sendet. (Matthäus 5, 43-48; 6, 25-34)

Das Leben ist Wachstum und Werden. Das Leben ist Entfaltung der Liebe. Das Töten gehört nicht zum Leben, sondern zum Tod. Die Gewalt und der Zwang gehören nicht zum Wachstum, sondern zur Unterdrückung des Lebens. Uns ist das Zeugnis aufgetragen, für nichts anderes da zu sein als für das aufbauende Leben. Es kommt hier zunächst nicht darauf an, ob das Wachstum dieses Lebens als Evolution oder als Revolution in Erscheinung tritt. Es wird zugleich Entwicklung und Umwälzung sein. Denn Leben heißt: abstoßen, was sterben will. Und Leben heißt: verschenken, was Leben erweckt. Aber alle Entwicklung und Umwälzung ist nicht imstande, die tiefste Wurzel des Weltleides – die Weltschuld, das tödliche Gift des Bösen, des Hasses, der Gier, der Perversion und des Tötens – zu beseitigen. Die neue Geburt wird von dem wachstümlichen Leben hervorgebracht. Sie kommt von demselben Gott, der in allem Leben wirksam ist. Aber sie bedeutet für ein neues Werden gleichzeitig immer wieder ein Losreißen, eine Revolutionierung des Alten, eine schmerzhafte Befreiung. Diese neue Geburt braucht jeder einzelne Mensch ebenso wie die Gesamtheit aller Menschen.

Mögen andere ihre Aufgabe darin erblicken, die staatlichen Ordnungen mit mörderischen Mitteln aufrecht zu erhalten. Mögen andere sich berufen glauben, für das Proletariat, für die Zukunft der Gerechtigkeit und des Friedens mit bluttriefender Faust zu kämpfen.

Wir glauben an diese neue Geburt des reinen Lebens aus Gott. Wir glauben an die Zukunft der Liebe und der aufbauenden Menschheitsgemeinschaft. Wir glauben an den Frieden des Gottesreiches, an sein Kommen auf diese Erde. Dieser Glaube ist kein Spiel mit einem zukünftigen Gebilde, das heute nur in der Phantasie besteht. Nein. Derselbe Gott, der diese Zukunft bringt, schenkt uns heute sein Herz und seinen Geist. Er heißt „Ich bin der Ich bin“. (Exodus 20, 2) Sein Wesen ist heute dasselbe, wie es sich in seiner Zukunft erweisen wird. In Jesus hat er sein Herz offenbart. In dem gegenwärtigen Christus schenkt er uns seinen Geist. In seiner Gemeinde lebt er das Leben Jesu noch einmal wie in dem leibhaftigen Leben des Christus. Diese Gemeinde ist der verborgene Lebenskeim des zukünftigen Reiches. Ihr ist der Friedenscharakter und der Liebesgeist der Zukunft anvertraut. Deshalb zeigt sie sich in dieser Welt als Gerechtigkeit und Friede und Freude, auch in der Gegenwart.

Von diesem Lebenszeugnis aus wenden wir uns gegen Blut und Gewalt, von welcher Seite diese Todesmächte auch kommen mögen. Wir rufen die christlichen Zeugen des Auslandes auf, gegen die mörderischen Gewaltmaßnahmen des Pariser und Londoner Diktats mit allem Nachdruck aufzutreten. Denn dort wird wieder durch die Obrigkeit so vieler verantwortlicher Regierungen ein Massenmord mitten im sogenannten Frieden durchgeführt, der es von Neuem erschreckend beweist, dass es kein christliches Europa gibt.

Zugleich wenden wir uns gegen den Blutdurst solcher Geister wie Rudolf Lebiusfootnote in der Staatsbürgerzeitung. Dort greift man den pazifistischen Bund „Neues Vaterland“ an, weil dieser gegen die Kriegshypnose Front gemacht hat. Es wird zu offenkundigem Mord aufgefordert. Die Staatsbürgerzeitung schreibt:

„Der Liga gehören unter anderen an Maximilian Hardenfootnote, Professor Einsteinfootnote, Professor Försterfootnote, Herr von Gerlachfootnote. Hier liegt glatter Volksverrat vor. Wir würden jeden Deutschen, der diese Schufte niederschießt, für einen Wohltäter des deutschen Volkes erklären. Wir wundern uns überhaupt, dass sich niemand dazu bereitfindet. Fast zwei Millionen Deutsche haben ihr Leben für die Sicherheit des deutschen Volkes geopfert. Warum findet sich jetzt niemand, der das deutsche Volk von diesen Verbrechern befreit?“footnote

In aller Öffentlichkeit wird hier das niederträchtigste Verbrechen deshalb als Wohltat erklärt, weil die zu ermordenden Männer für den Frieden eingetreten sind.

Zugleich hört man in Deutschland immer häufiger von der baldigen Notwendigkeit eines Befreiungskrieges, von stillen Vorbereitungen auf diesen Krieg und von den bürgerlichen Waffenrüstungen gegen eine neue Revolution. Wir ersehen aus diesen Tatsachen, dass unser Zeugnis des Willens zum Frieden, der Liebe um jeden Preis – auch um den Preis des eigenen Lebens – niemals notwendiger gewesen ist als in der heutigen Zeit. Diejenigen haben sich geirrt, die uns vorwerfen, wir sprächen von Waffenlosigkeit, von Kriegsdienstverweigerung, von Wehrlosigkeit, von der Jesusnachfolge, die jede Gewalt ausschließt, die jede Schädigung des anderen unmöglich macht, zu einer Zeit, in der diese Frage gar nicht aktuell sei. Sie ist heute aktueller denn je, und es wird sich zeigen, dass zu dem Ausharren in der Haltung bedingungsloser Liebe die letzte Tapferkeit, der Mut bis in den Tod gehört.

Plakatwand am Rathaus in Plauen, 1921

Plakatwand am Rathaus in Plauen, 1921

Der blutige Aufruhr der letzten Wochen, dessen Verbindung mit der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands jetzt durch Dr. Levi den traurigen Nachweis erfährt, hat dies in krasser Form bewiesen.footnote Es hat sich hier gezeigt, dass auf der Sei­te der Revolution die Bereitschaft zu Blutvergießen und mörderischen Ver­bre­chen aller Art noch stärker zum Ausbruch treibt als auf der Seite der Reaktion. Wir haben mit dieser blutigen Gewalt der Kommunisten so wenig, so absolut gar nichts ge­mein, dass wir sie als den übelsten Verrat an den Friedens- und Ge­mein­schafts­for­derungen des Weltgewissens empfinden. Wer den Teufel durch Beelzebub aus­trei­ben will, wer die glimmende Glut der Völkerkriege durch das lodernde Feuer der Bür­ger­kriege löschen will, der gehört nicht auf die Seite dessen, der den Starken ge­bunden hat, als er wehrlos den Tod der letzten Befreiung erlitt. (Matthäus 12, 22-30)

Jesus wusste, dass er niemals als der Gewaltsamere, sondern als der Liebesstärkere über den Erdgeist würde siegen können. Deshalb überwand er die Versuchung, die Herrschaft der Weltreiche irgendwie an sich zu reißen. (Matthäus 4, 8-10) Seine Verkündigung war die der gegenwärtigen und zugleich kommenden Gottesherrschaft. In Jesu Leben und Wirken, in seinem Wort und in seinem Leid war der Wille Gottes Gegenwart und Gestalt. Deshalb konnte er in seiner Bergpredigt von den Liebesstarken, von den Friedenswirkenden, von den Menschen des Herzens sprechen, die das Land ererben und das Erdreich besitzen werden, denen das Gottesreich gehört. Er nahm die uralte Friedenspredigt und Gerechtigkeitsbotschaft des Zukunftsreichs Gottes auf. Er vertiefte das entscheidende Lebenswort: „Du sollst nicht töten!“, das den Mord als Urverbrechen am Leben für jeden Fall ausschließt. Er zeigte den Menschen, dass das rohe Anfassen und die brutale Vergewaltigung des Seelenlebens ebenso unter dieses Wort fällt, dass es ebenso Leib und Leben, und damit auch Gott verletzt, wie die Tötung des Leibes.

Es ist deshalb so tief zu bedauern, dass die entschiedenen Christen der Ge­mein­schafts­be­we­gung heute nicht dieses einfache, klare Zeugnis Jesu und des Ur­christen­tums haben, wie es lebendige biblische Gemeinden und Gemeinschaften anderer Jahrhunderte so stark verkündet und vertreten haben. Leider hat jetzt auch die Gemeinschaftszeitschrift „Auf der Warte“ einen Aufsatz „Du sollst nicht töten“, von Karl von Wachter, Kempten, aufgenommen, der den biblischen Realismus des Gottes­glaubens und Gottesreiches völlig vermissen lässt und so weit geht, dass er in seinen abschließenden Sätzen sagt:

„Vom Standpunkt der Bibel aus kommt also dem Krieg, richtig verstanden, eine der Langmut Gottes entsprechende, aufschiebende und erhaltende Bedeutung im göttlichen Weltplane zu, während der Weltfriede nicht nur, wie wir schon feststellen konnten, den Boden, d. h. die Möglichkeit für den Zusammenschluss der antichristlichen Mächte schaffen, sondern indem er, die Weiche umlegend, den Hass auf ein neues Gleis führt, das antichristliche Reich unmittelbar hervorrufen wird. Dann ist aber der Pazifismus den ‚kräftigen Irrtümern‘ zuzurechnen, vor denen die Bibel warnt, und seine Apostel den ‚Lügenpropheten‘, die ‚viele irreführen‘ werden.“footnote

Vieles in diesem Aufsatz ist zweifellos richtig gesagt. Menschen, die glauben, dass sie den Kriegen auf Erden ein Ende bereiten könnten, sind in der Tat Irrgeister, die einer krankhaften Täuschung und Selbstüberschätzung erlegen sind: Ganz sicher ist die grundlegende Verdorbenheit des menschlichen Herzens eine Tatsache, die es zu keinem dauernden Frieden unter den Völkern und unter den Menschen überhaupt kommen lässt. Wenn also der gesamte Aufsatz im „Türmer“footnote erscheint, wo es sich einfach um die geschichtliche Voraussetzung der Notwendigkeiten politischer Gewalt handelt, dann ist das begreiflich. Aber ein Blatt, das sich auf die Bibel beruft und die Gemeinde Christi vertreten will, sollte doch wissen, dass lebendige und entschiedene Christen den Krieg und den Beruf des Kriegers als mit dem Beruf des Christentums unvereinbar empfunden haben. Natürlich muss es in der heutigen Zeit Polizeitruppen geben. Der Dienst einer solchen Truppe ist immer noch moralischer als der Konkurrenzkampf zweier Geschäfte, von denen nur eins am Leben bleiben kann. Aber es geht hier tatsächlich um andere Fragen, um die Frage der Sendung des Christuszeugnisses, um die Gemeinde und ihren Auftrag. Wir wissen, dass Luther darüber so gedacht hat, wie es Karl von Wachter geschildert hat. Es ist aber nicht wahr, dass nicht nur für Luther, sondern auch für die ganze Zeit, der die Bibel als unbedingte Autorität galt, der Pazifismus eine unbekannte Größe war, dass erst ein rationalistisch verwässertes, unmännliches Christentum der Boden wurde, auf dem „der unmännliche Pazifismus“ sich entwickeln konnte.

Wir leugnen das radikal Böse nicht. Aber wir glauben nicht an das Böse, sondern an Gott.

Wir leugnen weder das radikal Böse, die Sünde, noch verleugnen wir das Weltende. Aber wir glauben nicht an das Böse, sondern an Gott und sein Weltende, an die Wiedergeburt der Erde und der Menschheit. Dieser Glaube ist kein Evolutionismus eines unaufhaltsamen Aufsteigens zu immer größerer sichtbarer Vollkommenheit; sondern er glaubt ebenso sehr an das Wachstum des Gotteskeimes in den Gewissen, im Geist Christi, in der Wiedergeburt der Einzelnen und in der Gemeinschaft der Gemeinde wie an die Umwälzung der Weltkatastrophe, des Weltgerichts in Krieg, Revolution und anderen letzten Schrecken, in dem Zusammenbruch der pervertierten und verdorbenen Zwangswelt. Dieser Glaube erwartet alles von Gott und von Gott allein; aber er ist sich gewiss, dass Gott in allen Menschen sein Samenkorn und sein Licht auswirkt und in seiner Christusgemeinde sein Herz und sein zukünftiges Reich offenbart. Sicherlich ist es richtig, dass die Spannung zwischen dem Antichristlichen und dem Christusleben heute überall, auch mitten in der christlichen Gemeinde, vorhanden ist. Diese Spannung wird umso stärker, je vorbehaltsloser man den Glauben an die völlige Liebe und an das Zukünftige und Kommende bewahrt. Aber der Glaube fürchtet sich nicht vor dem Zusammenprallen der antichristlichen und der christusgewirkten Geisteskräfte, sondern er erwartet und ersehnt ihn, weil endlich das Ende und das ganz Neue kommen muss.

Wir hoffen, dass uns Dr. Traubfootnote jetzt besser verstehen wird, nachdem er in seinen „Eisernen Blättern“ vom 20. März 1921 über das „neue Werk“ und den Neuwerkverlag geschrieben hat:

„Christus hat mit Völkerversöhnung ebenso wenig etwas zu tun gehabt, wie mit Krieg. Er wäre nie einem solchen internationalen Programm beigetreten, denn er liebte die Seele des Einzelnen und wirkte im Übrigen für sein Volk.“

Dr. Traub meint, dass sein Schädel es nicht zusammenbringen könne, wie wir uns in ein und demselben Blatt für Johann Tobias Beckfootnote und für russischen Kommunismus aussprechen können. Wir können das auch nicht, denn wir sprechen uns nicht für den russischen Kommunismus aus. Dr. Traub irrt sich, dass wir die Reformpläne der Dritten Internationalefootnote für die Jugendbewegung veröffentlicht haben. Wir haben im „neuen Werk“ keine „wild kommunistischen Zeiten reinen Idealismus“ gehabt. Wir sind nicht für Lenin eingetreten. Aber wir bringen es nicht zusammen, wie Dr. Traub sagen kann: „Jesus und Lenin gehen niemals zusammen!“ und wie er gleichzeitig dafür eintritt, dass man Bismarckfootnote und Ernst Moritz Arndtfootnote die Nähe des Christus zusprechen solle. Welcher grundsätzliche Unterschied besteht hier zwischen Bismarck und Lenin? Beide kämpfen aus Idealismus für Volksgemeinschaft und Menschheitsgemeinschaft.

Gewiss hat Bismarck täglich die Losungen der Brüdergemeine gelesen und tiefchristliche Worte gesagt, was wir von Lenin so nicht wissen, während wir in der Berliner Zentrale der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands Leute kennen, die dieselben Losungen und dasselbe Neue Testament lesen und im tiefsten Sinne aufrichtige Mystiker sind.

Sicher ist das Mittelalter nicht von vornherein antichristlich gewesen, weil es Gewalt angewandt hat wie Bismarck und Lenin – wenn es auch zweifellos in vielen Stücken Jesus und seine Botschaft nicht verstanden hat. Aber ebenso sicher ist in dem Gewissen der sozialistischen und pazifistischen Zukunftsforderung Christus lebendig wirksam. Wir freuen uns, dass Dr. Traub fühlt, dass ihm aus dem „neuen Werk“ eine Christusbegeisterung wie Feuer ins Gesicht schlägt: „Christus das A und das O!“ Aber wir begreifen nicht, wie er von „christusmystischem Bolschewismus“footnote sprechen kann, wenn er eben den Antimilitarismus, die Verurteilung jeden blutigen Kampfes, die Ablehnung der politischen Parteibestrebungen festgestellt hat. Wird hier das Schlagwort „Bolschewismus“ nicht völlig missbraucht und in sein Gegenteil verkehrt? Wir lehnen diese Bezeichnung für uns entschieden ab. Aber es ist ein Irrtum, wenn Dr. Traub meint, Jesus hätte nur der hungernden Seele Nahrung schenken wollen. Jesus hat sich um den Körper ebenso bemüht, wie um die Seele des Einzelnen. Jesus hat die zukünftige Weltordnung des Friedens und der Gerechtigkeit von Johannes dem Täufer und dem alttestamentlichen Prophetentum ebenso bestimmt übernommen wie die Verkündigung der Wiedergeburt des Einzelnen.

Arbeiter werden in Eisleben von der Polizei abgeführt, 1921

Arbeiter werden in Eisleben von der Polizei abgeführt, 1921

Weil wir wissen, dass es heute viele gibt, die die altbiblische Sprache nicht mehr oder noch nicht aufnehmen können, sagen wir dieselbe Botschaft in neuer Form, so oft es uns gegeben wird. Wir schließen deshalb auch dieses Bekenntnis mit Worten, die Hermann Hesse über das Lebenswort „Du sollst nicht töten!“ gesagt hat in seiner Zeitschrift Vivos Voco vom März 1919:

„Wir sind noch nicht Menschen, wir sind nur auf dem Wege zum Menschentum. - Jeder Schüler Laotses, jeder Jünger Jesu, jeder Nachfolger des Franz von Assisi war vor vielen Jahrhunderten weiter, unendlich viel weiter, als Gesetz und Vernunft der Kulturwelt heute sind.“

Aber der Satz: „Du sollst nicht töten!“ ist seit Tausenden von Jahren von Tausenden von Menschen treu in Ehren gehalten und befolgt worden. Dem Alten Testament ist ein Neues gefolgt, Christus war möglich, die teilweise Befreiung der Juden war möglich, die Menschheit hat Goethe, hat Mozart, hat Dostojewski hervorgebracht. Und immer war eine Minderheit von Wohlmeinenden da, von Gläubigen der Zukunft. Diese Minderheit hat Gesetze befolgt, die in keinem weltlichen Gesetzbuch stehen. Auch während dieses scheußlichen Kriegesfootnote haben Tausende von Menschen sich zu ungeschriebenen, höheren Gesetzen bekannt, haben als Soldaten Milde geübt und dem Feind Achtung gezeigt, oder haben sich standhaft geweigert zu hassen und zu morden und haben sich dafür einsperren und quälen lassen.

Um diese Menschen und Taten schätzen zu können, um den Zweifel an der Entwicklung des Tieres zum Menschen zu überwinden, muss man im Glauben leben. Man muss Gedanken ebenso hoch werten können wie Flintenkugeln oder Geldstücke, man muss Möglichkeiten lieben und in sich pflegen können, man muss in sich selbst Zukunftsahnungen und Entwicklungsreihen spüren und träumen können.

Der „Praktiker“, der in den Sitzungen und Kommissionen immer recht hat, hat außerhalb seiner Kommissionen immer und immer Unrecht. Recht hat immer die Zukunft, der Gedanke, der Glaube. Denn aus dessen Motor wird die Welt mit Kraft gespeist, aus keinem andern.

Wir Geistigen, wir Dichter, wir Seher, wir Narren und Zukunftsträumer sind es, welche die Bäume pflanzen, deren Früchte die Menschheit später ernähren werden. Viele von diesen Bäumen werden nicht gedeihen, viele Samen werden taub sein, viele unserer Träume werden sich als Irrtümer, als Irrwege, als fehlgeschlagene Versuche erweisen. Was schadet es?

Und immer wieder werden wir Gläubigen der Zukunft jene alte Forderung erheben: „Du sollst nicht töten.“ Auch wenn alle Gesetzbücher der ganzen Welt einmal das Töten verbieten werden, auch das Töten im Krieg und das Töten durch den Henker, wird die Forderung niemals verstummen. Denn sie ist die Grundforderung jedes Fortschrittes, jeder Menschwerdung.

Wir töten so viel! Wir töten ja nicht nur in den dummen Schlachten, in den dummen Straßenschießereien der Revolution, in den dummen Hinrichtungen – wir töten auf Schritt und Tritt. Wir töten, indem wir begabte junge Menschen aus Not in Berufe gehen lassen, für die sie nicht geeignet sind. Wir töten, indem wir vor Armut, Not und Elend die Augen zudrücken. Wir töten, indem wir aus Bequemlichkeit abgestorbenen Einrichtungen in Gesellschaft, Staat, Schule, Religion gelassen zusehen und Billigung heucheln, statt ihnen entschlossen den Rücken zu kehren. Wie für den konsequenten Sozialismus das Eigentum ein Diebstahl ist, so ist für den konsequenten Gläubigen unsrer Art jedes Nichtanerkennen von Leben, jede Härte, jede Gleichgültigkeit, jede Verachtung nichts anderes als Töten. Man kann nicht nur Gegenwärtiges töten, sondern auch Zukünftiges. Mit einem bisschen witziger Skepsis kann man in einem jungen Menschen eine Menge Zukunft töten. Überall wartet Leben, überall blüht Zukunft, und wir sehen immer nur wenig davon, vieles davon trampeln wir einfach nieder. Wir töten auf Schritt und Tritt.

Jeder einzelne von uns aber hat vor allen Dingen eine persönliche Aufgabe! Nicht das Ganze der Menschheit ein Stückchen zu fördern, nicht eine einzelne Einrichtung zu verbessern, nicht eine einzelne Art des Tötens abzuschaffen, ist meine und deine wichtigste Aufgabe, Mitmensch, so gut und notwendig dies alles auch ist. Unsere erste Aufgabe als Menschen ist: innerhalb unseres eigenen, einmaligen, persönlichen Lebens einen Schritt weiter zu tun vom Tier zum Menschen.


Aus: Eberhard Arnold, Leben im Licht, Plough Publishing House 2015. Hier klicken, um ein Freiexemplar zu bestellen.

Rioting in Hamburg July 2017 Gewalttätige Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg, Juli 2017

Fußnoten

  1. Gemeint ist der „Mitteldeutsche Aufstand“ von 1921
  2. Rudolf Lebius, 1868-1946, nationalistischer und antisemitischer deutscher Journalist und Politiker
  3. Maximilian Harden (richtiger Name: Felix Ernst Witkowski), 1861-1927, linksgerichteter deutsch-jüdischer Publizist, Kritiker, Schauspieler und Journalist
  4. Albert Einstein, 1879-1955, Physiker
  5. Friedrich Wilhelm Förster, 1869-1966, deutscher Philosoph, Pädagoge und Pazifist. Förster war eine von 33 Personen, denen unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen wurde. Förster und Arnold waren brieflich miteinander bekannt und befreundet.
  6. Hellmut von Gerlach, 1866-1935, deutscher Publizist und Politiker, Demokrat und Pazifist. Auch sein Name stand auf der ersten „Ausbürgerungsliste des Deutschen Reiches“ vom August 1933.
  7. In: Die Staatsbürgerzeitung, Berlin, 9.Januar 1921, S.1. Hervorhebung im Original.
  8. Paul Levi, 1883-1930, deutsch-jüdischer Jurist und gemäßigter kommunistischer Politiker, Mitbegründer der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) 1918/19. Levi war im Februar durch linksradikale Kräfte aus der Parteiführung der VKPD gedrängt worden, was eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung des Märzaufstands war. Levi legte seine Position in seiner Schrift „Unser Weg. Wider den Putschismus” dar, die kurz nach dem Aufstand erschien.
  9. In: „Auf der Warte“, Neumünster i.H., 6.März 1921, S.75-77. Hervorhebungen im Original
  10. Der Aufsatz Karl von Wachters war ursprünglich in „Der Türmer“ erschienen, einer deutsch-nationalistischen Monatsschrift. 
  11. Gottfried Traub, 1869-1956, deutscher Theologe und zunächst links-liberaler, später völkisch-nationalistischer Politiker, Herausgeber der Zeitschrift „Eiserne Blätter. Wochenschrift für deutsche Politik und Kultur”
  12. Johann Tobias Beck, 1804-1878, pietistischer Theologe
  13. Die „Dritte Internationale“, auch „Kommunistische Internationale“ genannt, war ein durch Lenin nach dem Ersten Weltkrieg gegründeter, internationaler Zusammenschluss kommunistischer Parteien. Ihr Ziel war die Herbeiführung einer weltweiten kommunistischen Revolution. Sie war mitbeteiligt an dem Ausbruch der Arbeiteraufstände im März 1921.
  14. Otto Bismarck, 1815-1898, preußischer Politiker, der durch Diplomatie und mehrere Kriege die Gründung des Deutschen Reiches (1871) herbeiführte. Zu Lebzeiten und bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges als Nationalheld verehrt.
  15. Ernst Moritz Arndt, 1769-1860, patriotischer deutscher Gelehrter, Schriftsteller und Politiker, der publizistisch und politisch gegen die Besatzung Deutschlands durch Napoleon kämpfte
  16. Bolschewismus ist die Bezeichnung des Kommunismus nach dem Vorbild Lenins. Kennzeichnend ist der Glaube an eine Elite von Berufsrevolutionären, die gewaltsam eine „Diktatur des Proletariats“ als Übergangsstadium zur klassenlosen Gesellschaft errichtet. Besonders in Deutschland wurde der Begriff hauptsächlich als Kampfbegriff gegen jegliche Formen des Kommunismus und Sozialismus verwendet.
  17. Gemeint ist der Erste Weltkrieg (1914-1918).
Von Eberhard Arnold Eberhard Arnold

Eberhard Arnold war ein Theologe, Erzieher, Verleger und Leiter der Bruderhofgemeinschaft.

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