Morning over the bay

Weltkriegsveteran und Kämpfer für den Frieden

von Christopher Zimmerman

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  • Jürgen Mozer

    Ich darf mich als glücklich schätzen, Siegfried Ellwanger und seine Frau Renata persönlich gekannt zu haben, während eines mehrtätigen Aufenthaltes auf dem Bruderhof in Robertsbridge. Er und seine Frau haben mich persönlich und in einer Art und Weise empfangen, so dass ich denken musste, der Glaube kennt keine Grenzen, als ob wir schon lange Freunde waren. Ich habe zusammen mit anderen Menschen, die auf der Suche nach dem Sinn des Lebens waren, zusammen gelebt, gearbeitet und gebetet und gesungen. Beindruckt hat mich am Meisten die Zusammentreffen zum Mittag - und Abendessen in einer großen Halle, wo es keinerlei Sprachbarrieren gab. Misstrauen kennt man auch auf dem Bruderhof nicht. Ich kann jedem, der auf der Suche nach dem Ich, Hier und Jetzt und dem Sinn des Lebens ist, einen Aufenthalt auf dem Bruderhof in England sehr ans Herz legen und Ihr werdet es nicht bereuen. Liebe Grüße von Jürgen.

Als Siegfried Ellwanger am 19.September mit 86 Jahren starb, fiel einigen, die ihn besser kannten, die besondere Bedeutung auf, die dieser aus „Sieg“ und „Frieden“ zusammengesetzte Name für das Leben des Weltkriegsveteranen hatte.

Genau wie Millionen andere in seiner Generation trat Siegfried mit zehn Jahren in die Hitlerjugend ein und genoß die Atmosphere von Kameraderie und Gemeinschaft, die er dort vorfand.

„Wir marschierten in Uniform mit Fahnen, Fanfaren, Landsknechtstrommeln; Lagerfreizeiten wurden veranstaltet; Sonnwendfeiern; Fackelzüge, Singen im Kreis ums Lagerfeuer; Sport und Mutproben spielten eine wichtige Rolle, ebenso auch Kameradschaft. „Einer für alle – alle für einen“ – „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ – das waren unsere Schlagworte, die uns begeisterten.
Der Lehrer erzählte uns vom Führer, von einer neuen, wunderbaren Zukunft für das deutsche Volk. Wir hörten von der Hingabe ans Vaterland. Lachend und stolz dafür in den Tod zu gehen – was konnte es Größeres geben?“

Im Schatten lauerten die finsteren Seiten des Nationalsozialismus. Jüdische Klassenkameraden verschwanden plötzlich, ebenso der jüdische Hausarzt der Familie. Aber ebenso wie die meisten anderen Leute fand Siegfried die offiziellen Erklärungen ausreichend. „Uns wurde gesagt, die wären ins Ausland gegangen oder in Arbeitslager gesteckt worden.“ Ohnehin wurden diese unbequemen Angelegenheiten von wichtigeren verdrängt: Inflation und Massenarbeitslosigkeit – und da war Hitlers Versprechen, diese Probleme zu beseitigen.

Siegfried in Russia in 1943
Siegfried in Russland (in Weiß gekleidet), März 1943

Mit 18 Jahren wurde Siegfried in den Militärdienst einberufen und zog in den Krieg, den Ruf des „Führers“ nach einem „Deutschen Reich voll Ruhm und Macht“ in den Ohren. Dieser Ruf verklang allerdings schnell. Schon drei Monate später, im Dezember 1942, war er an der Ostfront. Die Soldaten und die von Pferden gezogenen Wagen seiner Artillerieeinheit zogen bei beissendem Wind und klirrender Kälte durch knietiefen Schnee in Richting Stalingrad.

Zerstörte Dörfer, verlassene Gehöfte, Erfrierungen und Todesangst. Die grässliche Entdeckung eines Grabens voller Leichen von jungen Russen – all das wühlte die Seele des jungen Soldaten auf. Fragen drängten sich ihm auf: „Was haben diese Menschen mir denn getan? – Warum mussten sie sterben? – Für was? Für wen?“

Einige Zeit später nahm seine Einheit eine Gruppe feindlicher Soldaten gefangen. Als er den Gefangenen ins Gesicht sah, merkte er, dass sie nicht Untermenschen und Ungeheuer waren, wie man ihm beigebracht hatte, sondern „Menschen wie wir, die vor Erleichterung aufatmeten, dass ihre Leben verschont worden waren.“

Siegfried betete oft zu Gott, wenn ein Gefecht bevorstand. (In späteren Jahren sagte er dann, er wusste kaum, warum, denn ein Leben ohne Leid und Krieg konnte er sich schon nicht mehr vorstellen.) Etwas später fügte er dann ein Versprechen hinzu: „Gott, wenn ich dies hier überlebe, dann will ich Dir auf rechte Weise danken!“

Die Gelegenheit zur Wiedergutmachung kam – allerdings erst nach dem Krieg und auf eine Weise, die er nicht erwartet hatte. In der Zwischenzeit erkrankte er an Flecktyphus, was ihm vielleicht das Leben rettete, denn es beendete seine Zeit an der Ostfront. Nach seiner Genesung kam er, zum Unteroffizier befördert und mit einer Einheit von 40 Mann unter seinem Kommando, an die Westfront. Hier geriet er im April 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Während seiner Zeit in Gefangenenlagern und drei Jahren Zwangsarbeit in Frankreich erlebte er viel Einsamkeit, in denen die Alpträume der Kriegsjahre wiederkehrten und in der er zu der tiefen Überzeugung gelangte, dass Krieg ein sinnloses, unnötiges Übel ist. Es war nicht nur die Zerstörung um ihn herum – ausgebombte Städte, Mütter mit leerem Blick, endlose Trümmerfelder – sondern auch die schreckliche Erkenntnis, dass hinter der glanzvollen Propaganda des Dritten Reiches ein diabolisches Regime gestanden hatte.

„Jetzt erfuhr ich die schreckliche Wahrheit: Millionen von Juden waren ermordet worden – in Konzentrationslagern gequält, gefoltert und getötet, ebenso andere als minderwertig abgestempelte Menschen. Auch Deutsche waren umgekommen, wenn sie Hitler und seinen Nationalsozialismus durchschaut und Widerstand geleistet hatten. Was bedeutete es unter diesen Umständen, dass mein Leben verschon worden war?“

Anders als viele ehemalige Soldaten weigerte sich Siegfried, seine Vergangenheit als „militärische Pflichterfüllung“ zu verharmlosen oder sich als Opfer der Umstände oder des Schicksals zu sehen. Im Gegenteil, er fühlte sich persönlich verantwortlich für seine Vergangenheit und sah seine Zeit als Zwangsarbeiter als Sühne:

„Diese Jahre, die mich in enge Beziehungen zu Menschen brachten, gegen die ich vorher kämpfen musste, haben mir viel bedeutet, trotz vieler Not und Trennung von den Lieben zuhause und in der Heimat. Ja, ich konnte diese Zeit als eine Art Buße annehmen für die Kriegsvergangenheit.“

Wir spulen ein Vierteljahrhundert vor, und die letzten äusseren Spuren des Krieges sind aus Deuschland verschwunden. Stattdessen glänzen die beiden Säulen der Wiedergeburt Deutschlands nach dem Krieg: Das Wirtschaftswunder und die Wohlstandsgesellschaft, die ein „gutes Leben“ ermöglichten. Eigentlich war Siegfrieds Leben jetzt perfekt. Er hatte Renate geheiratet, und sie hatten zwei Söhne. Er war vom Maurer zum erfolgreichen Bauingenier aufgestiegen und leitete die Bauabteilung einer staatlichen Einrichtung. Renate und er hatten ein Haus, ein Auto, und sie konnten sich darüber hinaus Urlaube mit ihren Kindern leisten.

Und trotzdem war da diese innere Leere...

Wedding of Siegfried and Renate in 1952
Hochzeit, 1952

„All die Jahre hindurch begleitete Renate und mich aber auch ein gemeinsames Suchen nach Gott. Der ganze äussere Wohlstand, der immer mehr wuchs, der berufliche Aufstieg und all das konnten doch nicht alles im Leben sein. Aber wie sollte das praktisch aussehen? Wir fragten uns immer wieder: Ehe und Familie, Karriere und Kirche – ist das der Sinn des Lebens?
Dann lasen wir im Markusevangelium von ein paar Männern am Seeufer, Fischern. Jesus hatte ihnen gesagt: ‚Folgt mir!‘ Und sie hatten einfach ihre Netze liegengelassen und waren ihm gefolgt. Diese Worte trafen uns tief.“

In den frühen 70er Jahren hatte die Suche der Ellwangers an Schwung gewonnen, sie aus den Verlockungen eines gemütlichen Rentnerlebens heraus– und in den turbulenten Alltag des Lebens in der von ihnen mitgegründeten Basisgemeinde hineingetragen.

„In unserem und in anderen Häusern in Kornwestheim entstanden Wohngemeinschaften. Zum gemeinsamen Leben kam die gemeinsame Kasse hinzu. Menschen kamen, die mit dem Leben nicht alleine zurecht kamen und Hilfe suchten, darunter Obdachlose, Arbeitslose, Drogen- und Alkoholsüchtige. So gaben einige von uns nach und nach ihre Berufe auf, um zusammen mit diesen Hilfsbedürftigen eine gemeinsame Arbeit aufzubauen. Es waren schwierige Aufbaujahre. Vor lauter Begeisterung überschlug sich so manches menschliche Machwerk. Sogenannte „psychologische Phasen“, Seelengemeinschaften , Ehrgeiz und Stolz machten unser beginnendes gemeinsames Leben zusehends schwierig. Aber wir wollten doch ein lebendiges Zeugnis des Christseins werden, uns einander lieben!“

In alledem war Siegfried, einer der Ältesten in der neu entstandenen Gemeinschaft, einer ihrer kühnsten Pioniere. Renate erinnert sich, wie er während einer Diskussion über die Verteilung von Geldmitteln aufstand, sein Portmonaie aus der Tasche zog und es mit den Worten auf den Tisch legte: „Wenn wir schon teilen, dann alles!“

Die Basisgemeinde wuchs und wuchs und hat heute zwei florierende Plätze in Deutschland. Siegfried und Renate waren mittlerweile einem weiteren Ruf gefolgt und waren zum Bruderhof, eine Lebensgemeinschaft in England, gekommen. Hier verbrachte Siegfried –aktiv wie immer– seine letzten Lebensjahre. Er forderte Schüler zu Schachpartien heraus, pflegte eine umfangreiche Korrespondenz mit Suchenden in ganz Europa, klärte Jugendlichen über die Gefahren von Rassismus, Nationalismus und Militarismus auf und erklärte ihnen die Bedeutung von Brüderlichkeit, Gerechtigkeit und Frieden.

Zwei Ereignisse aus den letzten Wochen seines Lebens verdienen es, hier erwähnt zu werden. Zum einen seine Reaktion auf eine Veranstaltung zum Thema „Heile das Zerbrochene,“ die kürzlich in der Nähe des Konzentrationslagers Buchenwald stattgefunden hat. Überlebende der Lager trafen sich hier mit Kindern und Enkeln von Nazis um Versöhnung auf der Grundlage von Reue und Vergebung zu suchen. Als er von der Veranstaltung hörte, war es Siegfried, als ob sich eine dunkle Wolke verzogen hätte und neue Hoffungsstrahlen in das Leben derer schienen, die noch Vergebung und Freiheit von den Fesseln der Vergangenheit suchen.

Many young men carry Siegfried's casket

Das zweite Ereignis war seine Reaktion auf die Nachricht, dass einige Teenager, die er kannte, in ihrer Schule Werbefilme vom US Militär gesehen hatten, und ihre aalglatte Propaganda kritisch diskutierten. Dazu sagte er: „Ich habe, ohne es zu merken, mein Lebens als junger Mann dem Teufel gegeben. Ich bin so glücklich, dass die heutige Jugend die Chance hat, darüber nachzudenken, was es bedeutet, für den Frieden zu leben.“

Als bei Siegfrieds Begräbnis die letzten Schaufeln voll Erde auf sein Grab geworfen wurden, schoss plötzlich ein Düsenjäger über uns hinweg. Das ohrenbetäubende Getöse zerriss die friedvolle Atmosphäre, wir erschraken und ein kleines Mädchen fing zu weinen an.

Siegfried in 2009
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