Grapes and grape leaves

Was ist die Gemeinde?

von J. Heinrich Arnold

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Im Gespräch mit Freunden und Gästen kommt immer wieder die Frage auf, was wir eigentlich unter Kirche oder Gemeinde verstehen. Hier sind einige Gedanken dazu von J. Heinrich Arnold, einem ehemaligen Seelsorger des Bruderhofs.

Die Menschheit ist gequält und zerrissen; das ist uns bewusst. Zum Teil ist es die Einsamkeit der Menschen, die nur durch die Erfahrung lebendiger Gemeinde überwunden werden kann. Gemeinde ist nicht identisch mit irgendeiner bestimmten Gruppe oder Organisation. Aber sie ist da: Sie lebt, und sie kommt dort herab, wo Menschen sie gemeinsam in Demut suchen. Wenn Gott in das Innerste unseres Herzens spricht, und Einsamkeit und Entzweiung überwunden werden, dann erleben wir innere Gemeinschaft mit Brüdern und Schwestern.

Wenn wir vom Bruderhof sprechen, dann wollen wir damit keinesfalls behaupten, dies sei die Gemeinde. Die Gemeinde ist etwas viel Größeres. Aber wir sehnen uns danach, dass sie auch heute unter uns wirksam sei.

Peter Riedemann, ein Täufer aus dem 16. Jahrhundert, vergleicht die Versammlung der Gläubigen in der Gemeinde mit einer Laterne. Eine Laterne ist unbrauchbar, wenn kein Licht darin ist. Das gilt auch für eine Glaubensgemeinschaft. Sie kann alle Güter gemeinsam halten und ohne jegliches Privateigentum die gegenseitige Liebe und völlige Gemeinschaft praktizieren — das ist noch keine Garantie, dass sie lebendig ist. Die Gemeinde ist ein Geschenk Gottes. Sie kommt zu den geistlich Armen und wird vom Heiligen Geist vereinigt und belebt.

Eine wahre Gemeinschaft kann nicht einen einzigen Tag bestehen ohne die Gabe dieses Geistes. Deswegen erwarten wir immer wieder – in jedem Beisammensein, im gemeinsamen Schweigen oder im gemeinsamen Singen – diese Gabe, die Gott uns angeboten hat.

Je älter ich werde, desto unwichtiger erscheint mir der Bruderhof. Wesentlich ist, dass es die betende Gemeinde Gottes auf dieser Erde gibt. Dazu wollen wir unser Leben hergeben, dafür wollen wir leben. Die Menschen von heute brauchen keine langen Predigten. Der Weg der Nachfolge muss ihnen praktisch vorgelebt werden. Unsere Zeit braucht ein greifbares Beispiel dafür, dass Gott stärker ist als Hass, Not, Sünde und Uneinigkeit. In dieser Weltstunde der Not und Verzweiflung ist also nichts wichtiger als in brüderlicher Einheit und Liebe zu leben.

Natürlich hat der Bruderhof gewisse charakteristische Merkmale, die ihren Ursprung in seiner europäischen Herkunft und deren geschichtlichem Hintergrund haben. Das Gleiche gilt für die Quäker und für andere religiöse Bewegungen. Aber lasst uns einmal an die "Gemeinschaft der Gläubigen" denken, an den Leib Christi, der durch alle Jahrhunderte weiterlebt. Was bedeutet demgegenüber der Bruderhof mit seiner Kultur? Im Vergleich zur ganzen Weltnot ist unser Lebensversuch noch so klein, ja fast unsichtbar sein. Was immer Gutes daran sein mag ist nur solange von Bedeutung, wie er von diesem Lebensstrom erfasst ist. Die Bruderhofgemeinschaft wird vergehen, so wie viele Bewegungen vergangen sind, aber der Strom des Lebens, an dem sie Anteil hat, kann niemals vergehen. Darauf kommt es an.

Gott braucht ein Volk, wo jeder sein Leben ohne Vorbehalt für Gottes Sache einsetzt. Es müssen Menschen sein, die nicht an erster Stelle ihr eigenes Heil im Sinn haben - Menschen, die im Gebet für die Nöte ihrer Mitmenschen eintreten – Menschen, die an den Sieg Gottes glauben.

Aus dem Buch Leben in der Nachfolge von J. Heinrich Arnold

concord grapes on a vine
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Von J. Heinrich Arnold J. Heinrich Arnold

Johann Heinrich Arnold ist als Autor von Büchern bekannt, die tausenden von Menschen geholfen haben, Christus im Alltag nachzufolgen. Die ihn persönlich gut kannten erinnern sich an ihn als einen bodenständigen Mann, der jeden hilfesuchenden Menschen zu einer Tasse Kaffee und einem Gespräch einzuladen bereit war.

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