Child running toward her mother

Charakterbildung

von Johann Christoph Arnold

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Wir aber gehören zum Tag und wollen deshalb nüchtern und selbstbeherrscht sein. Wir wollen Glauben und Liebe als Panzer anlegen und die Hoffnung auf Rettung als Helm. 1. Thessalonicher 5,8

Wir leben in einer Zeit in der fast alles verachtet wird, das uns von unseren Eltern und Großeltern beigebracht wurde. Dies wird in öffentlichen Schulen am deutlichsten, wenn die Lehrer zunehmend fürchten Schülern das zu vermitteln, wovon sie selbst eigentlich überzeugt sind und wo der Glaube schon lange den modernen Göttern der Toleranz und Neutralität Platz machen musste.

Während Lehrer und Pastoren vergangener Jahrzehnte offen für ihre Werte und Überzeugungen wie Anstand, ausdauernde Arbeit und Glauben eintreten konnten, riskieren sie heute als fromme Fanatiker abgestempelt zu werden.

Als Sprecher und Schriftsteller arbeite ich seit vielen Jahren in der Konfliktberatung. Ich habe in New York City und Umgebung zu unzähligen Schülern und Studenten gesprochen. Vor kurzem erlebte ich dann selbst einen Rückschlag, als man mir mitten in meiner Ansprache in einer Schule Redeverbot erteilte und mich aufforderte die Schule zu verlassen, weil ich mich in meiner Rede auf Gott bezog.

Aber wie können wir denn Kindern irgendetwas tieferes nahebringen, wenn wir gleichzeitig Gott aus dem Spiel lassen sollen? Wie können wir innere Werte vermitteln, wenn wir gleichzeitig in Frage stellen, dass das Richtige dem Falschen überlegen ist, genauso wie das helle Licht der Dunkelheit oder die herzliche Wärme der Liebe dem Hass überlegen sind?

Mehr und mehr denken, dass sie Andersgläubige verletzen, wenn sie ihren eigenen Glauben zu stark vertreten. Ich vertrete ganz bestimmt keine Intoleranz gegen Menschen mit anderen Überzeugungen oder dass man anderen den eigenen Glauben überstülpt, dennoch denke ich, dass wir kein Rückgrat mehr haben, weil wir so lange nicht gezwungen waren für unseren Glauben einzustehen. Nicht nur unseren Kindern, auch uns selbst fehlt jener Mut und jene Überzeugung, die durch Prüfungszeiten reifen.

Wie können Eltern ihre Kinder so erziehen, dass diese ein moralisches Rückgrat entwickeln, dass sie als Heranwachsende in der Lage sind, ihren Überzeugungen treu zu bleiben? Zuallererst müssen wir in ihnen einen Sinn für Zivilcourage erwecken, indem wir Zutrauen, Entschlossenheit und Durchhaltevermögen stärken. In seinem Buch "Freiheit von Gedankensünden" beschreibt mein Vater, wie die seelische Gesundheit eines Menschen davon abhängt mit welcher Haltung er den Schwierigkeiten in seinem Leben begegnet. Das gilt auch für Kinder. Sie müssen lernen sich nicht von Kälte, Hitze und Ermüdung bestimmen zu lassen, genauso wenig wie von Apathie und Genusssucht, wenn sie jemals mit ihren Ängsten, Verletzungen und Enttäuschungen fertig werden wollen.

Kinder müssen lernen tapfer und mutig zu sein; sie brauchen nicht bei jeder Stichelei und Spott in Tränen auszubrechen. Sie müssen es lernen auch Gruppendruck auszuhalten und verachtet zu werden, weil sie an unpopulären Ideen festhalten. Ihnen muss bewusst werden, dass Demut genauso wichtig ist für die Charakterbildung wie die Fähigkeit selbst zu denken und zu entscheiden. Es mag Mut brauchen eine andere Haltung zu vertreten, als die Masse um einem herum, aber es braucht genauso viel Mut, wenn nicht sogar noch mehr, für einen Fehler, den man gemacht hat, Verantwortung zu übernehmen und einzusehen wenn man sich geirrt hat.

Es ist klar, dass Charakterbildung in der Kindheit beginnt, dann aber ein lebenslanger Lernprozess bleibt. Wenn Eltern diesbezüglich zu Hause ein festes Fundament legen werden sie später nicht enttäuscht. Der Schriftsteller und Erzieher Friedrich Wilhelm Förster sagte einmal: "Ein Kind wird nicht durch lange Reden über große Themen erzogen, sondern indem man ihm geduldig zeigt, wie die kleinsten und alltäglichsten Aufgaben ordentlich und genau ausgeführt werden. Charakterbildung geschieht in den kleinsten, banalen Tätigkeiten zu Hause und nicht im Gewühle der Welt."

Charakterstärke (oder eben Charakterschwäche) beeinflusst die Bereitschaft des Kindes für Überzeugungen einzutreten und gegebenenfalls auch dafür zu leiden. Wenn man die Religionsfreiheit bedenkt, die wir zur Zeit genießen, dann mag sich mancher Leser wundern, warum wir uns überhaupt mit diesem Thema befassen. Aber ein solcher Wind kann sich auch schnell drehen. In der ganzen Geschichte bis zum heutigen Tag mussten die Vertreter jeder Religion und Ideologie sich mit Gegenwind auseinandersetzen.

Je früher unsere Kinder sich bewusst werden, dass die Nachfolge Jesu auch Leiden und Mühsal mit sich bringt, umso besser vorbereitet sind sie. Ich war noch ein Kind, als mir meine Eltern das erste Mal von jenem Müllerjungen im 16. Jahrhundert erzählten, der als Teenager hingerichtet wurde, weil er nicht seinem Glauben absagen wollte.

Wir sollten natürlich aufpassen, dass wir unsere Kinder nicht mit Sorgen um die Zukunft belasten. Zur gleichen Zeit schadet es nicht, sie zum Nachdenken anzuregen, wie es sein würde, wenn sie eines Tages für ihren Glauben und ihre Überzeugungen einstehen müssten.

Christoph Blumhardt schrieb, dass sein Vater klar und deutlich darüber gesprochen hat, was das bedeuten kann:

Er las uns regelmäßig aus der Bibel vor und betete mit uns. Dann sprach er auch über die Verfolgung, die jenen drohen kann, die den Namen Jesu bekennen. Ich bekam vor lauter Aufregung jedes Mal eine Gänsehaut, wenn er dann am Ende mit lebhaften Gesten ausrief: "Kinder, lasst euch lieber den Kopf abhauen, als Jesus zu verleugnen!" Diese Erziehung hat in mir schon in jungen Jahren den Willen zum Guten erweckt.

Jesus hat seinen Nachfolgern keine guten Zeiten verheißen. Je grösser unser Glaube umso grösser wird die Opposition sein, der wir deswegen begegnen.

child holding paper dolls of a family
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Von Johann Christoph Arnold Johann Christoph Arnold

ist als Redner und Schriftsteller international bekannt. Seinen reichen Erfahrungsschatz als Seelsorger in Ehe- und Erziehungsfragen sowie im Umgang mit Leiden und Sterben hat er in Büchern zugänglich gemacht, die in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Er trägt Verantwortung in der Leitung des Bruderhofs, einer internationalen, christlichen Gemeinschaftsbewegung.

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