A twelve-year- old participates in brain research at the University of Pittsburgh Medical Center. Photograph by Scott Goldsmith.

Die Wissenschaft und die Seele

von Michael Egnor

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Nach und nach erschienen die CT-Bilder auf meinem Bildschirm. Der Kopf des Babys war fast leer. Es enthielt nur kleine Stücke eines Gehirns – ein wenig Hirngewebe an der Schädelbasis und ein dünner Kranz entlang der Ränder. Der Rest bestand aus Wasser.

Dies bestätigte die Befürchtungen der Eltern. Wir hatten es bereits vor der Geburt auf dem Ultraschall gesehen, doch die Bilder der Computertomografie wenige Stunden nach der Geburt waren viel genauer. Katie sah aus wie ein normales neugeborenes Mädchen, doch sie hatte wenig Chancen auf ein normales Leben. Im Brutkasten neben ihr lag ihre zweieiige Zwillingsschwester. Doch im Gegensatz zu ihr besaß Katie nur ein Drittel ihres Gehirns. All dies erklärte ich ihrer Familie, wobei ich versuchte, ihnen einen Funken Hoffnung für ihre Tochter am Leben zu erhalten.

Ich blieb Katies behandelnder Arzt, während sie heranwuchs. Jede Entwicklungsphase ihres bisherigen Lebens hat sie mit Bravour gemeistert. Sie saß und sprach und lernte früher laufen als ihre Schwester. Sie ist Jahrgangsbeste und wird bald die Highschool abschließen.

Ich hatte weitere Patienten, deren Gehirne ihrem Verstand nicht gerecht wurden. Maria besaß nur zwei Drittel eines Gehirns. Sie benötigte einige Operationen, um überschüssige Flüssigkeit abzulassen, aber sie entwickelt sich hervorragend. Erst kürzlich hat sie ihren Masterabschluss in Englischer Literatur gemacht und als Musikerin hat sie bereits ein Album veröffentlicht. Der Kopf von Jesse hatte bei seiner Geburt die Form eines Footballs und war zur Hälfte voll Wasser – die Ärzte empfahlen seiner Mutter, ihn bei der Geburt sterben zu lassen. Sie weigerte sich. Heute ist er ein normaler Junge in der Mittelschule. Er liebt jede Art von Sport und trägt sein Haar lang.

Manche Menschen mit lückenhaften Gehirnen sind hochgradig behindert. Doch das trifft nicht auf alle von ihnen zu. Als Arzt habe ich hunderte von Kindern behandelt und betreut, die mit einem Gehirn aufwuchsen, das Lücken aufwies, aber einen Verstand hatten, der sie beflügelte. Wie ist das möglich? Die Neurowissenschaft und Thomas von Aquin weisen auf die Antwort hin.

A twelve-year-old participates in brain research at the University of Pittsburgh Medical Center. Photograph by Scott Goldsmith. Ein zwölfjähriges Mädchen nimmt an einer Gehirnuntersuchung am Medizinischen Zentrum der University of Pittsburgh teil. Foto: Scott

Ist der Verstand mechanisch?

Ich verliebte mich als Medizinstudent in das Gehirn. Es ist ein einschüchterndes Organ: eine Ansammlung von Zellen und Axonen und Zellkernen und Lappen, die in exotischen Formen gefaltet und angeordnet sind. Ich musste lernen, wie es aussieht, wenn es von CT-Scans in Bilder zerschnitten wird, und danach, wie es aussieht, wenn ich es selbst zerschneide. Meine Faszination für Neuroanatomie war metaphysischen Ursprungs: Dies war der Ort, dem unsere Gedanken und Entscheidungen entstammten, dies war eine Karte des menschlichen Selbst, und ich lernte, sie zu lesen wie ein Buch. Ich dachte, es enthielte die Wahrheit über uns.

Doch ich lag falsch. Katie zwang mich, meiner Fehleinschätzung ins Auge zu sehen. Sie war eine vollständige Person. Das Kind in meinem Sprechzimmer ließ sich auf keine sinnvolle Weise dem Bild ihres Gehirns oder dem Diagramm in meinem Lehrbuch über Neuroanatomie zuordnen. Die Karte lag falsch.

Wie verhält sich der Verstand zum Gehirn? Diese Frage ist für mein berufliches Leben von zentraler Bedeutung. Ich dachte, ich hätte eine Antwort darauf gefunden. Doch die Forschungsergebnisse eines ganzen Jahrhunderts und dreißig Jahre meiner eigenen neurowissenschaftlichen Berufspraxis haben all das infrage gestellt, was ich zu wissen glaubte.

Diejenigen, die mich unterrichteten, nahmen an, dass der Verstand in seiner Gesamtheit ein Produkt des Gehirns ist, das an und für sich als eine Art Maschine angesehen wird. Francis Crick, ein Neurowissenschaftler und Nobelpreisträger, der zu den Mitentdeckern der DNA-Struktur gehörte, schrieb: „Die mentalen Aktivitäten einer Person sind gänzlich auf das Verhalten von Nervenzellen und Gliazellen sowie auf die Atome, Ione und Moleküle zurückzuführen, aus denen sie bestehen und von denen sie beeinflusst werden.“

Diese mechanische Philosophie ist das Ergebnis zweier Schritte. Den Anfang bildete René Descartes, der die Behauptung aufstellte, dass der Verstand und das Gehirn zwei unterschiedliche Substanzen wären — immateriell und materiell. Auf irgendeine Weise (wie genau kann weder Descartes noch irgendjemand sonst sagen) ist der Verstand mit dem Gehirn verbunden. Er ist der Geist in der Maschine.

Doch als Francis Bacons Ansatz zum Verständnis der Welt während der Zeit der Aufklärung an Einfluss gewann, wurde es modern, die Erforschung der Welt auf physische Substanzen zu beschränken; also die Maschine zu studieren und den Geist darin zu ignorieren. Materie war nachweisbar und wir studierten sie, bis wir besessen davon waren. Der Geist wurde ignoriert und später geleugnet. Die Logik des Materialismus machte dies erforderlich.

Ein Materialist besteht darauf, dass wir Sklaven unserer Neuronen sind, ohne einen echten freien Willen. Der Materialismus erscheint in verschiedenen Formen — jede davon war im Verlauf des letzten Jahrhunderts erst populär, dann wieder nicht, als ihre Mängel offenbar wurden. Verhaltenswissenschaftler behaupteten, dass der Verstand, sofern er überhaupt existierte, irrelevant sei. Alles, worauf es ankam, ist beobachtbar, sowohl Input als auch Output. Doch die Verhaltensforschung wird verdrängt, weil es schwierig ist, die Relevanz des Verstandes gegenüber der Neurowissenschaft zu leugnen.

Die Identitätstheorie trat an die Stelle der Verhaltensforschung und stellte die Behauptung auf, dass der Verstand sich nur im Gehirn befindet. Gedanken und Empfindungen entsprechen exakt dem Gehirngewebe und den Neurotransmittern — sie sind nur eine andere Form davon. Der Schmerz, den Sie in Ihrem Finger spüren, ist mit den Nervenimpulsen in Ihrem Arm und Ihrem Gehirn identisch. Doch das ist natürlich nicht wirklich wahr. Schmerz tut weh und Nervenimpulse sind elektrisch und chemisch. Sie sind noch nicht einmal ähnlich. Die Vertreter der Identitätstheorie kämpften eine Generation lang mit der unkooperativen Realität, dann gaben sie auf.

Darauf folgte der Computerfunktionalismus: Das Gehirn ist die Hardware und der Verstand die Software. Doch auch bei dieser Annahme ergeben sich Probleme. Im 19. Jahrhundert wies der deutsche Philosoph Franz Brentano darauf hin, dass das Eine, was Gedanken in absoluter Weise von Materie unterscheidet, darin besteht, dass Gedanken immer über etwas sind, was bei Materie nie der Fall ist. Dieses „Über-etwas-Sein“ ist das Kennzeichen des Verstandes. Jeder Gedanke hat eine Bedeutung. Materielles hat keine Bedeutung.

Die Berechnung eines Computers ist die Zuordnung einer Eingabe zu einer Ausgabe, gemäß einem Algorithmus, unabhängig von Bedeutung. Die Berechnung eines Computers hat kein „Über-etwas-Sein“; es ist die Antithese des Gedankens.

Neurowissenschaft und Metaphysik

Es ist bemerkenswert, dass die Neurowissenschaft uns drei Dinge über den Verstand lehrt: Der Verstand ist in metaphysischer Hinsicht einfach, der Intellekt und der Wille sind immateriell und der freie Wille ist real.

Mitte des 20. Jahrhunderts entdeckten Neurochirurgen, dass sie eine bestimmte Art von Epilepsie behandeln konnten, indem sie ein großes Bündel Fasern des Gehirns abtrennten, den man Corpus Callosum nennt. Er verbindet die beiden Gehirnhälften. Nach diesen Operationen arbeitete jede Gehirnhälfte unabhängig voneinander. Doch was geschah mit dem Verstand der Person, dessen Gehirn in zwei Hälften geschnitten worden war?

Der Neurowissenschaftler Roger Sperry untersuchte hunderte von ebensolchen Patienten. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass sich dieser Umstand im alltäglichen Leben der Patienten kaum bemerkbar machte. Jeder dieser Patienten war immer noch eine Person. Der Intellekt und der Wille – die Fähigkeit, abstrakt zu denken und Entscheidungen zu treffen – bildeten nach wie vor eine Einheit. Nur mithilfe äußerst akribischer Tests konnte Sperry überhaupt Unterschiede feststellen: Ihre Wahrnehmungen waren durch den Eingriff verändert worden. Sinneseindrücke – hervorgerufen durch Berührung oder Sehen — konnten der einen Gehirnhälfte vermittelt werden, ohne dass die

andere sie erlebte. Die Lautbildung wird mit der linken Gehirnhälfte in Verbindung gebracht; daher konnten Patienten ein Objekt nicht benennen, das der rechten Gehirnhälfte gezeigt wurde (durch das linke Gesichtsfeld). Doch sie konnten mit ihrer linken Hand auf das Objekt zeigen (was durch die rechte Gehirnhälfte gesteuert wird). Das bemerkenswerteste Ergebnis von Sperry nobelpreisgekrönter Arbeit war, dass der Intellekt und Wille — also das, was wir Seele nennen würden — bei diesen Personen ungeteilt blieb.

Das Gehirn kann in zwei Teile zerschnitten werden, doch bei Intellekt und Willen ist dies nicht möglich. Der Intellekt und der Wille sind daher metaphysisch gesehen einfach.

Einer der Neurochirurgen, die als Pioniere die Callosotomie für Epliepsie-Patienten entwickelten, war Wilder Penfield. Er wirkte Mitte des 20. Jahrhunderts in Montreal. Penfield untersuchte das Gehirn und den Verstand epileptischer Patienten auf außergewöhnlich unmittelbare Weise, während er sie behandelte. Er operierte sie, während sie wach waren und nicht unter Narkose standen. Das Gehirn selbst spürt keinen Schmerz und eine lokale Anästhesie betäubt die Kopfhaut und den Schädel ausreichend, um eine schmerzlose Gehirnoperation zu ermöglichen. Penfield bat seine Patienten daher, bestimmte Dinge zu tun oder zu denken, während er Beobachtungen anstellte und kurzzeitig bestimmte Bereiche ihres Gehirns stimulierte oder beeinträchtigte. Zwei Dinge versetzten ihn in Erstaunen.

Das Gehirn kann in zwei Teile zerschnitten werden, doch bei Intellekt und Willen ist dies nicht möglich.

Erstens fiel ihm etwas an den Anfällen auf. Er konnte Krampfanfälle hervorrufen, indem er das Gehirn stimulierte. Seine Patienten erlebten dadurch, wie ihr Arm zuckte, sie spürten ein Kribbeln, sahen Lichtblitze oder erinnerten sich an etwas. Doch Penfield war nie in der Lage, einen intellektuellen Anfall hervorzurufen: Kein Patient fing an zu argumentieren, wenn sein Gehirn stimuliert wurde. Keiner seiner Patienten reagierte auf die Stimulierung seines Gehirns, indem er über Gnade nachdachte oder Ungerechtigkeit beklagte oder eine zweite Ableitung berechnete. Wenn aber das Gehirn vollständig den Verstand hervorbringt, warum gibt es dann keine intellektuellen Anfälle?

Zweitens bemerkte Penfield, dass den Patienten immer bewusst war, dass die Bewegungen oder Gefühle, die durch die Gehirnstimulationen hervorgerufen wurden, ihnen beigefügt wurden und nicht durch ihre eigene Hand geschahen. Wenn der Arzt im Gehirn den Bereich der Arme stimulierte, sagten seine Patienten immer: „Sie haben meinen Arm bewegt“, und nie: „Ich habe meinen Arm bewegt“. Die Patienten behielten immer das korrekte Bewusstsein darüber, wer was vermittelte. Es gab einen Teil im Patienten – den Willen —, den Penfield mit seinen Elektroden nicht erreichen konnte.

Zu Beginn seiner Karriere war Penfield ein Materialist. Am Ende seiner Laufbahn war er zu einem empathischen Dualisten geworden. Er beharrte darauf, dass es einen Aspekt des Selbst gibt – den Intellekt und den Willen —, der nicht Teil des Gehirns ist, und nicht durch Stimulation des Gehirns hervorgerufen werden kann.

Benjamin Libet, ein Zeitgenosse Penfields, der an der University of California wirkte, führte eine der faszinierendsten Studien zum menschlichen Bewusstsein durch. Er fragte: Was geschieht im Gehirn, während wir denken? Wie sind die elektrischen Signale des Gehirns mit unseren Gedanken verknüpft? Besonders interessierte er sich für die zeitliche Abstimmung von Hirnströmen und Gedanken. Ereigneten sich Hirnströme und Gedanken zur selben Zeit oder waren sie zeitlich versetzt? 

Diese Frage war nur schwer zu beantworten. Es war nicht schwierig, elektrische Veränderungen im Gehirn zu messen; dies war mittels Elektroden bei Routineuntersuchungen möglich und Libet zog Neurowissenschaftler hinzu, die ihm erlaubten, Signale von wachen Patienten aufzunehmen, die tief im Innern des Gehirns gesendet wurden. Die Herausforderung für Libet bestand darin, den Zeitabstand zwischen den Signalen und den Gedanken exakt zu bestimmen. Die Signale dauerten jedoch nur wenige Millisekunden an und wie kann man einen Gedanken so genau bestimmen?

Libets Wahl fiel auf einen sehr einfachen Gedanken: die Entscheidung, einen Knopf zu drücken. Er modifizierte ein Oszilloskop so, dass ein Lichtpunkt darin innerhalb von einer Sekunde einen vollständigen Kreis beschrieb. Wenn der Proband sich entschied, den Knopf zu drücken, nahm er die Stellung des Punktes zum Entscheidungszeitpunkt wahr. Libet maß bei vielen Probanden den Zeitpunkt der Entscheidung und den Zeitpunkt der Hirnströme mit der Präzision einer tausendstel Millisekunde. Seine übereinstimmende Feststellung lautete, dass der bewussten Entscheidung, den Knopf zu drücken, eine halbe Sekunde vorher eine Hirnströmung voranging, die er Bereitschaftspotenzial nannte. Eine halbe Sekunde später wurde sich der Proband seiner Entscheidung bewusst. Es schien zunächst so, als wären die Probanden nicht frei; ihre Gehirne trafen die Entscheidung, sich zu bewegen, und sie folgten ihr.

Doch Libet sah genauer hin. Er bat seine Probanden, ihre Entscheidung sofort rückgängig zu machen, nachdem sie sie getroffen hatten – den Knopf also nicht zu drücken. Wieder tauchte das Bereitschaftspotenzial eine halbe Sekunde vor der bewussten Wahrnehmung der Entscheidung auf, den Knopf zu drücken, doch Libet stellte fest, dass das Veto – das er das „freie Will-nicht“ nannte – nicht von Hirnströmen begleitet wurde.

Das Gehirn weist also eine Aktivität auf, die mit einem vorbewussten Drang, etwas zu tun, verknüpft ist. Doch wir haben die Wahl, ob wir diesem Drang nachgeben oder uns ihm verweigern. Die Handlungsabsichten sind materiell. Das Veto, das wir dagegen einlegen, und implizit auch unser Einverständnis, sind ein geistiger Willensakt.

Libet bemerkte die Übereinstimmung zwischen seinen Experimenten und dem traditionellen religiösen Verständnis des Menschen. Wir werden, so sagte er, durch ein Meer von Neigungen bedrängt, die sich mit körperlicher Aktivität im Gehirn decken. Wir haben die freie Wahl, diesen Neigungen zu folgen oder uns ihnen zu verweigern. Es fällt schwer, dies nicht auf eine etwas bekanntere Art zu lesen: Wir werden von der Sünde versucht, doch wir haben die Wahl, ob wir uns auf sie einlassen.

Der Ansatz für das Verständnis der Welt und des Menschen, der durch den Materialismus ersetzt wurde, war die klassische Metaphysik. Der namhafteste Erforscher und Lehrer dieser Denktradition war der Heilige Thomas von Aquin. In Anlehnung an Aristoteles schrieb von Aquin, dass die menschliche Seele bestimmte Arten von Fähigkeiten aufweist. Vegetative Kräfte, die sie mit Pflanzen und Tieren teilt, dienen dem Wachstum, der Nahrungsaufnahme und dem Stoffwechsel. Sensible Kräfte, die auch die Tiere teilen, schließen die Wahrnehmung, Leidenschaften und Fortbewegungsfähigkeit mit ein. Die vegetativen und sensiblen Kräfte sind körperliche Fähigkeiten des Gehirns. 

Menschen besitzen jedoch zwei Kräfte in der Seele, die nicht körperlich sind – den Intellekt und den Willen. Diese übersteigen die Materie. Sie sind die Instrumente, mit deren Hilfe wir logisch denken und auf deren Grundlage wir Entscheidungen treffen. Wir sind zusammengesetzt aus Materie und Geist. Wir haben geistliche Seelen.

Thomas von Aquin wäre von den Ergebnissen der wissenschaftlichen Untersuchungen nicht überrascht gewesen.

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Literaturempfehlungen

  • The Philosophy of Mind: A Short Introduction, Edward Feser (Oneworld, 2005)
  • Aquinas: A Beginner’s Guide, Edward Feser (Oneworld, 2009)
  • Mind Time: Wie das Gehirn Bewusstsein produziert, Benjamin Libet (Suhrkamp, 2005)
  • Mystery of the Mind: A Critical Study of Consciousness and the Human Brain, Wilder Penfield (Princeton, 2015)
  • Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Hannah Arendt (Piper, 1991)

Was auf dem Spiel steht

Der Philosoph Roger Scruton hat geschrieben, dass die moderne Neurowissenschaft „eine breite Sammlung von Antworten ohne Erinnerung an die Fragen“ ist. Der Materialismus hat die Art der Fragen eingeschränkt, die wir stellen dürfen, doch die Neurowissenschaft verweist, wenn man sich ihr ohne diese materialistische Voreingenommenheit nähert, auf die Realität, dass wir Schimären sind: materielle Wesen mit einer immateriellen Seele.

Wie sähe unser Leben oder unsere Gesellschaft aus, wenn wir herausfänden, dass unser Verstand lediglich das Produkt unseres materiellen Gehirns wäre – und dass jede unserer Entscheidungen festgelegt wäre, ohne freien Willen?

Nach Hannah Arendt ist der Eckpfeiler des Totalitarismus die Leugnung des freien Willens. Gemäß den Visionen des Kommunismus und Nazismus sind wir bloße Instrumente historischer Kräfte, keine frei handelnden Individuen, die sich zwischen Gut und Böse entscheiden können.

Ohne freien Willen können wir nicht im individuellen Sinne schuldig sein. Doch wir können auch nicht unschuldig sein. Weder die Juden unter Hitler noch die Kulaken unter Stalin wurden getötet, weil sie eine individuelle Schuld traf. Ihre Schuld wurde ihnen gemäß ihrer Art zugeschrieben, und dementsprechend wurden sie ausgelöscht, um einen natürlichen Vorgang zu beschleunigen, sei es die Rassenreinigung oder die Diktatur des Proletariats.

Wir sind zusammengesetzt aus Materie und Geist.

Im Gegensatz dazu besagt das klassische Verständnis der menschlichen Natur, dass wir freie Wesen sind, die nicht dem Determinismus unterliegen. Dieses Verständnis ist unabdingbare Grundlage für die menschliche Würde und Freiheit. Es ist auch unabdingbar, um die Welt um uns herum zu verstehen (um sich einen Reim auf die Welt um uns herum zu machen): unter anderem auch, um Katie zu verstehen (um sich einen Reim auf Katie zu machen).

Jedes Jahr sehe ich sie in meinem Sprechzimmer. Ihr geht es blendend: Sie ist willensstark und intelligent. Ihre Mutter ist erschöpft und, nach 17 Jahren, immer noch überrascht. Genauso wie ich.

Es gibt in Bezug auf das Gehirn und den Verstand vieles, was ich nicht verstehe. Doch die Neurowissenschaft erzählt eine in sich stimmige Geschichte. Es gibt einen Teil von Katies Verstand, der nicht aus ihrem Gehirn besteht. Sie ist mehr als das. Sie kann logisch denken und sie kann sich entscheiden. Es gibt einen Teil von ihr, der immateriell ist – den Teil, den Sperry nicht teilen, Penfield nicht erreichen und Libet mit seinen Elektroden nicht finden konnte. Es gibt einen Teil von Katie, der nicht auf den CT-Bildern erschien, als sie gerade geboren war.

Katie hat, wie Sie und ich, eine Seele.


Deutsche Übersetzung von Esther Middeler

Young patient at the University of Pittsburgh Medical Center. Photograph by Scott Goldsmith. Ein junger Patient am Medizinischen Zentrum der University of Pittsburgh. Foto: Scott Goldsmith, mit freundlicher Genehmigung
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Von

Michael Egnor, MD, ist Neurochirurg und Professor für Neurochirurgie und Pädiatrie an der Stony Brook University, New York.

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